Wie Israel versuchen könnte, die arabischen Staaten in den Iran-Krieg zu ziehen
Der Iran-Krieg läuft für Israel und die USA ganz und gar nicht nach Plan, auch wenn US-Präsident Trump trotzig verkündet, der Krieg liege sogar „vor dem Zeitplan“. Der Versuch der Angreifer, den Iran durch das Ausschalten seiner militärischen und politischen Führung zu „enthaupten“ und dann – nach dem Beispiel von Venezuela – dort eine den USA freundlicher gesonnene Regierung zu installieren, ist zumindest bisher gescheitert.
Die Verluste der USA sind ganz sicher höher als die offiziellen Angaben, wie alleine schon die Tatsache zeigt, dass das US-Krankenhaus in Landstuhl, das einzige Krankenhaus zur Behandlung von schwer verletzten US-Soldaten außerhalb der USA, alle zivilen Patienten an andere Krankenhäuser verwiesen hat, weil man offenbar mit einem starken Zustrom schwer verletzter US-Soldaten aus dem Golf rechnet.
Hinzu kommen die wirtschaftlichen und politischen Probleme, die die USA zu bekommen drohen (siehe hier und hier) und der Mangel an Luftabwehrraketen, weil die USA die iranische Gegenwehr offensichtlich unterschätzt haben. Und dass die US-Streitkräfte außerdem Probleme mit der Abwehr der iranischen Drohnen haben und daher ukrainische Spezialisten an den Golf geschickt werden sollen, kommt auch noch hinzu.
Interessant ist auch, dass vieles darauf hindeutet, dass es zwischen den Regierungen Israels und der USA handfeste Meinungsverschiedenheiten zu geben scheint. Nachdem bei einem Angriff ein großes Öllager in Teheran getroffen wurde, haben die USA von Israel gefordert, die iranische Ölindustrie nicht anzugreifen. Der Grund liegt auf der Hand: Die USA wollen das iranische Öl unter ihre Kontrolle bekommen, aber dazu nicht erst die iranische Ölindustrie neu aufbauen müssen.
Israel unter Netanjahu hat jedoch andere Ziele. Netanjahu träumt von einem Großisrael, das den Nahen Osten dominiert. Im Schatten des Iran-Krieges greift Israel daher wieder den Libanon an, setzt den Beschuss in Gaza fort und forciert die Verdrängung der Palästinenser aus dem Westjordanland. Im Iran will Israel ein ihm wohlgesonnenes Regime installieren, um damit ein Gegengewicht gegen die arabischen Staaten am Golf zu bekommen. Die iranische Ölindustrie ist Netanjahu dabei egal.
Nachdem der geplante Blitzkrieg gegen den Iran gescheitert ist, dürfte Trump hingegen hinter den Kulissen bereits nach einem Weg zum Ausstieg aus dem Krieg suchen, da der Krieg bei seinen Anhängern höchst unpopulär ist und weil die in der Folge auch in den USA steigenden Benzinpreise ein zentrales Wahlversprechen von Trump zerstören. Wenn der Krieg noch lange dauert, dabei viele US-Soldaten zu Schaden kommen und die Ölpreise noch länger hoch bleiben, dann kann Trump die Wahlen im Herbst vergessen und die Demokraten werden die Mehrheit in beiden Häusern des US-Parlaments bekommen.
Die arabischen Staaten
Unter diesen Umständen dürfte man sich in Israel Gedanken darüber machen, wie der Krieg verlängert und doch noch klar werden kann, da Netanjahu einen Sieg braucht. Und der Schlüssel dazu sind die arabischen Staaten.
Vor allem Saudi-Arabien und der Iran sind schon lange Rivalen um die Vorherrschaft am Golf. Das hat sowohl machtpolitische als auch wirtschaftliche, aber auch religiöse Gründe, weil beide Staaten sich als islamische Gottesstaaten ansehen, was sie natürlich auch auf diesem Gebiet zu Rivalen macht. Für Israel wäre es ein Riesenerfolg, wenn es gelingen würde, Saudi-Arabien und andere Staaten der Region in den Krieg gegen den Iran hineinzuziehen.
Diese Versuche hat es wohl auch schon gegeben, denn ich halte die iranischen Angriffe der ersten Kriegstage auf zivile oder wirtschaftliche Ziele in den arabischen Staaten für False-Flag-Operationen, weil der Iran in den ersten Tagen noch um deren Verständnis dafür gebeten hat, dass er die amerikanischen Basen in diesen Ländern beschießt, um sich gegen den Angriff zu wehren. Dass der Iran parallel dazu zivile Ziele angegriffen haben soll, was sowohl die Regierungen als die Menschen in den Ländern gegen den Iran aufgebracht hat, ist in meinen Augen mehr als unglaubwürdig. Hinzu kommt, dass der Schaden dieser Angriffe der ersten Tage eher symbolisch war, aber als der Iran dann tatsächlich Ziele in den Ländern angegriffen hat, wesentlich ernsthaftere Schäden die Folge waren.
Dass auf Bildern der ersten iranischen Angriffe angeblich iranische Shahed-Drohnen zu sehen sein sollen, halte ich für falsch, denn so genau war das nicht zu erkennen. Hinzu kommt, dass die amerikanischen LUCAS-Drohnen auf Basis einer erbeuteten iranischen Shahed-Drohne entwickelt wurden, sie äußerlich also kaum voneinander zu unterscheiden sind. Mit anderen Worten: Die angeblich iranischen Angriffe der ersten Tage auf Wolkenkratzer oder Flughäfen, bei denen nur geringe Schäden entstanden sind, können von amerikanischen LUCAS-Drohnen durchgeführt worden sein, um in den betroffenen Ländern Stimmung gegen den Iran zu machen und ein Aufflammen einer anti-amerikanischen Stimmung zu verhindern.
Erst als die arabischen Staaten das Verständnis, um das der Iran gebeten hat, nicht zeigten, hat der Iran nach einigen Tagen angekündigt, auch die Ölindustrie der arabischen Staaten ins Visier zu nehmen. Und dann gab es auch tatsächlich ernsthafte Schäden bei den Angriffen.
Trotz aller Bemühungen, die arabischen Staaten zu einem Kriegsbeitritt bewegen, ist das aber bisher gescheitert. Was also tun?
Der Glaube an den 3. Tempel
Zuschauer von Tacheles wissen, dass ich von all den Verschwörungstheorien um den dritten Tempel, seinen möglichen Wiederaufbau und das darauf folgende Ende Welt rein gar nichts halte. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass die Leute um Netanjahu, die in Israel heute die Macht haben, aus den Kreisen der radikalen Nationalisten und jüdisch-orthodoxen Fanatiker kommen. Von denen dürften also viele daran glauben und auch darauf hinarbeiten.
Kurz gesagt besagt die Geschichte, dass auf dem Tempelberg ein dritter jüdischer Tempel gebaut werden müsse. Dort stand in der Antike der zweite Tempel, der im Jahre 70 n. Chr. zerstört wurde. Der Bau des dritten Tempels soll die messianische Ära einleiten und die Ankunft des Messias ankündigen – und damit das Ende der Welt und den Übergang der Juden ins Paradies.
Nochmal: Ich halte von solchen Theorien nicht viel, sondern konzentriere mich lieber auf weltliche und greifbare Fakten, aber wir können eben nicht ignorieren, dass es in der Netanjahu-Regierung Leute gibt, die daran nicht nur glauben, sondern den Bau des dritten Tempels wohl auch aktiv forcieren.
Und das macht die Sache sehr real und führt zu einer spannenden Überlegung.
Die al-Aqsa-Moschee
Das ganz und gar weltliche Problem mit dem dritten Tempel ist, dass an der Stelle, wo er errichtet werden soll, die al-Aqsa-Moschee steht, die eines der wichtigsten Heiligtümer des Islam ist.
Ab jetzt wird es nun sehr weltlich, aber ich weise darauf hin, dass ich spekuliere. Ich behaupte nicht, dass es so kommen wird, wie gleich ausführen werde, aber es ist möglich, dass genau das der Plan der jüdisch-orthodoxen Fanatiker im Umfeld von Netanjahu ist. In jedem Fall halte ich es für wahrscheinlich genug, um darüber zu schreiben, danach kann jeder für sich selbst darüber nachdenken.
Die al-Aqsa-Moschee ist den jüdisch-orthodoxen Fanatikern natürlich ein Dorn im Auge und sie nutzen jede Gelegenheit, um dort Moslems, die zum Beten kommen, zu schikanieren. Diese, von der israelischen Polizei unterstützten Provokationen von 2023 bei der al-Aqsa-Moschee waren übrigens der von der Hamas genannte Grund für deren Terrorangriff auf Israel, der wiederum der Auslöser für Netanjahus Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser und für den Völkermord in Gaza war.
Wenn Israel die Araber, oder sogar die muslimische Welt generell, in den Krieg gegen den Iran ziehen will, was liegt dann näher, als die al-Aqsa-Moschee zu sprengen und die Schuld daran einem iranischen Angriff zu geben?
Der einflussreiche Rabbi Yosef Mizrachi hat das schon 2024 vorgeschlagen. Er sagte:
„Wenn ich das zu entscheiden hätte, wenn die hunderte Raketen auf uns abschießen, würde ich so tun, als wäre eine Rakete aus dem Iran gekommen und dass sie sie (die al-Aqsa-Moschee) getroffen hätte. Verstehen Sie? Dann würden all die Araber gegen den Iran gehen und das wäre das Ende des Problems. Du lässt sie gegeneinander kämpfen, diese Bande von Idioten.“
Das sind also keine abstrakten Gedanken, sondern etwas, worüber jüdisch-orthodoxe Fanatiker offen sprechen.
Und es würde wohl funktionieren, denn die Aufregung über die Zerstörung der Moschee wäre in der islamischen Welt so groß, dass es nur noch eine kräftige Medienkampagne bräuchte, um dem Iran daran die Schuld zu geben und allen Hass der Moslems auf ihn zu lenken. Wenn Menschen emotionalisiert und aufgebracht sind, dann ist das analytische Denken ausgeschaltet und sie werden leicht lenkbar. Dafür gab es unzählige Beispiele in der Geschichte.
Die Chance, dass sich die arabischen Staaten dann gegen den Iran stellen, ist nicht gering. Und die Anhänger des Glaubens an den dritten Tempel hätten ihr Ziel erreicht, denn wenn die al-Aqsa-Moschee zerstört wäre, dann könnten sie an deren Stelle endlich den dritten Tempel bauen, von dem sie seit Jahrhunderten träumen.
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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