Wie die Europäer Russland durch eine Blockade der Ostsee wirtschaftlich erdrosseln wollen
Mir ist klar, dass manche Leser genervt mit den Augen rollen, wenn ich mal wieder davor warne, dass die Europäer einen Krieg gegen Russland provozieren. Aber die Entwicklungen sind in den letzten Tagen so sehr eskaliert, dass ich es als meine Pflicht ansehe, darüber ausführlich zu berichten, weil ich der Meinung bin, dass die Menschen in Deutschland und Europa davon wissen müssen, was im Schatten des Iran-Krieges gerade vor sich geht.
Daher habe ich heute schon eine Chronologie der Ereignisse veröffentlicht, mit denen die europäischen Staaten Russland dazu provozieren wollen, den ersten Schuss eines Krieges mit EU-Staaten abzugeben. Nun will ich näher auf die aktuellen Ereignisse eingehen, die die Europäer gerade angekündigt haben, und wie die Medien der Öffentlichkeit das verkaufen.
Der Wunsch, Russland wirtschaftlich zu erdrosseln
Etwa 40 Prozent des russischen Seehandels werden über den russischen Hafen St. Petersburg an der Ostsee abgewickelt. Da die EU offen verkündet hat, Russland wirtschaftlich erschöpfen zu wollen, ist das Vorgehen der EU gegen den russischen Handel über Petersburg – also die Blockade Ostsee – aus dieser Sicht nur folgerichtig. Die Blockade der Ostsee für den russischen Handel ist ein von europäischen Staaten schon lange offen verkündetes Ziel, wie man aus der oben verlinkten Chronologie der Ereignisse ersehen kann.
Und das wird auch offen gesagt, so sagte Bundeskanzler Merz im Februar beispielsweise in einem Interview:
„Dieser Krieg wird nach meiner Einschätzung erst zu Ende gehen, wenn eine der beiden Seiten erschöpft ist, entweder militärisch oder ökonomisch.“
Die Frage ist jedoch, ob Russland sich eine mit militärischen Mitteln durchgesetzte Blockade seines wichtigsten Handelshafens ohne Gegenwehr gefallen lässt, und ich denke, jedem muss klar sein, dass jedes Land der Welt, das dazu militärisch in der Lage ist, sich gegen solche Vorhaben notfalls militärisch wehren wird, wenn es keine andere Möglichkeit mehr sieht. Und dass Russland militärisch in der Lage ist, sich gegen so etwas zu wehren, wird wohl niemand bestreiten, auch wenn es unterschiedliche Meinungen über Verlauf und Ergebnis eines solchen Konfliktes geben dürfte.
Aber es muss, darauf will ich eingangs hinweisen, jedem klar sein, dass die europäischen Staaten mit ihren Maßnahmen bewusst einen heißen Krieg mit Russland provozieren. Das sage nicht ich, davor hat der für Fragen der Seefahrt zuständige Berater von Präsident Putin im Februar in einem Interview sehr deutlich gewarnt. Man weiß in den europäischen Hauptstädten also sehr genau, worauf man hinarbeitet.
Die Politik der kleinen Eskalationsschritte
Der Westen hat gegenüber Russland in den letzten Jahren eine Politik der kleinen Eskalationsschritte angewendet, was man in der Ukraine sehr deutlich sehen konnte. Während die westlichen Staaten zu Beginn der Eskalation im Februar und März 2022 noch ausschließlich Schutzausrüstung geliefert haben, weil sie Angst hatten, Russland könnte auf die Lieferung tödlicher Waffen militärisch reagieren, wurde der Umfang der Lieferungen danach langsam ausgeweitet. Zunächst bekam die Ukraine ab etwa April 2022 Munition und veraltete, ausgemusterte Waffen aus dem Westen, danach wurde moderne Artillerie geliefert, dann kam die Diskussion über Kampfpanzer und Kampfjets, die inzwischen ebenfalls an Kiew geliefert werden.
Keine dieser kleinen Ausweitungen der gelieferten Waffensysteme war gravierend genug, um Russland zu einer militärischen Reaktion zu zwingen, aber in der Summe haben sie zu dem geführt, was wir heute sehen. Die russische Regierung wird im eigenen Land übrigens dafür kritisiert, dass sie auf keine der Maßnahmen hart reagiert hat, weil das im Ergebnis dazu geführt hat, dass man im Westen die Angst vor einer militärischen Reaktion Russlands verloren hat und nun vollkommen offen gegen Russland vorgeht, indem EU-Staaten der Ukraine sogar erlauben, ihren Luftraum für Angriffe auf Ziele in Russland zu nutzen. Diese europäischen Staaten sind damit nicht nur moralisch, sondern auch völkerrechtlich bereits im Krieg mit Russland.
Auch bei anderen Provokationen gehen die europäischen Staaten nach diesem Prinzip der kleinen Eskalationsschritte vor. Nachdem EU-Staaten seit Anfang 2025 erste Handelsschiffe mit Ziel Petersburg gekapert haben, um Russlands Reaktion darauf auszutesten, passieren solche Aktionen inzwischen mehrmals pro Monat und die Ukraine hat offensichtlich auch grünes Licht bekommen, Handelsschiffe mit Ziel Russland im Schwarzen Meer und im Mittelmeer mit Seedrohnen zu beschießen, denn auch davon gibt es inzwischen mehrere Vorfälle pro Monat.
Alleine im März wurden ein russischer LNG-Tanker im Mittelmeer, ein griechischer Tanker im Schwarzen Meer und ein türkischer Tanker im Schwarzen Meer auf diese Weise angegriffen, wobei letzterer 140.000 Tonnen Öl geladen hat. Aber selbst dieses offene Riskieren einer katastrophalen Ölpest hat in der EU keinerlei Kritik hervorgerufen, was für sich genommen schon zeigt, dass die EU diese ukrainischen Angriffe gutheißt.
Es ist wieder das gleiche Prinzip: Jeder einzelne Vorfall, bei dem ein Handelsschiff mit Ziel Russland gekapert oder angegriffen wird, war nicht gravierend genug, um Russland zu einer harten Reaktion zu provozieren, weshalb die Schlagzahl Schritt für Schritt erhöht wurde.
Natürlich führen diese Vorfälle dazu, dass für Russland erstens die Kosten für Logistik steigen, weil Versicherungen und Reedereien sich das hohe Risiko bezahlen lassen, aber es führt auch dazu, dass immer weniger Reedereien bereit sein werden, St. Petersburg anzusteuern. Der russische Handel nimmt also in jedem Fall Schaden, weil das Prinzip „bestrafe einen, verängstige hunderte“ auch hier wirkt.
Beteiligung des Westens an Angriffen auf Ziele in Russland
Hinzu kommen die Angriffe, die die Ukraine seit einiger Zeit gegen russische Raffinerien und andere Objekte der russischen Öl- und Gaswirtschaft, wie zuletzt gegen die Pipeline TurkStream, durchführt. Auch das schwächt natürlich den russischen Handel, und das ist ja auch das erklärte Ziel.
Und es ist mittlerweile keine „russische Propaganda“ mehr, dass Kiew diese Angriffe mit aktiver Hilfe der Europäer durchführt. In letzter Zeit gab es einen Terrorangriff mit einem britischen Storm Shadow Marschflugkörper, den die ukrainischen Streitkräfte ohne Mithilfe britischer Soldaten gar nicht bedienen können, und seit letzter Woche bestreiten die baltischen Staaten nicht mehr, dass ukrainische Drohnen ihren Luftraum für Angriffe auf die Region St. Petersburg nutzen, wobei in erster Linie zivile und militärische Häfen das Ziel der Angriffe sind.
Das geht ebenfalls nicht ohne die Erlaubnis der baltischen Staaten und Polens, die ihren Luftraum für diese Angriffe zur Verfügung stellen, und wahrscheinlich geht das auch nicht ohne Aufklärungsdaten aus dem Westen. Dass Staaten des Westens hier bereits offen Krieg gegen Russland führen, ist mittlerweile schlicht nicht mehr zu leugnen.
Das zeigt, wie die Politik der kleinen Eskalationsschritte funktioniert: Hatten die Staaten des Westens zu Beginn der Eskalation im März 2022 noch Angst, der Ukraine mehr als Schutzausrüstung zu schicken, liefern sie inzwischen Kampfpanzer, Bomber und Langstreckenraketen und schrecken nicht einmal mehr vor der direkten Beteiligung an Angriffen auf Ziele in Russland zurück.
Offene Piraterie
Bei dem Kampf gegen Handelsschiffe mit Ziel Russland haben die europäischen Staaten mittlerweile alle Hemmungen verloren, wie alleine schon die schnell wachsende Zahl der Kaperungen von und der Angriffe auf Handelsschiffe mit Ziel Russland zeigt. Aber man will noch weiter gehen.
Die EU will den Handel mit russischem Öl im 20. Sanktionspaket für de facto illegal erklären, um sich damit einen Vorwand zu geben, noch härter gegen diese Schiffe vorzugehen. Während Ungarn die Annahme dieser neuen Sanktionen bisher blockiert, geht Großbritannien schon voran. Letzte Woche hat die britische Regierung eine Erklärung veröffentlicht, in der sie angekündigt hat, Schiffe der sogenannten „Schattenflotte“ zu kapern und zu beschlagnahmen, wenn sie in britischen Gewässern fahren, wozu demnach auch der Ärmelkanal gehört, der nun de facto für diese Schiffe gesperrt ist, was bedeutet, dass sie einen langen Umweg über den Nordatlantik nehmen müssen, wenn sie nach Petersburg wollen.
In den letzten Wochen hat die britische Marine Frankreich und Belgien bereits bei der Überwachung und Verfolgung mehrerer Schiffe unterstützt, die der Westen der „Schattenflotte“ zurechnet, um deren Kapern in europäischen und mediterranen Gewässern zu ermöglichen.
Schon im Januar wurde gemeldet, dass britische Spezialeinheiten das Kapern von Schiffen extra für diesen Zweck trainieren. Das Training scheint nun abgeschlossen, denn in der Londoner Erklärung heißt es nun:
„Spezialisten von Militär und Polizei wurden in den letzten Wochen intensiv auf verschiedene Szenarien vorbereitet, darunter das Entern von Schiffen, die sich nicht ergeben, bewaffnet sind oder mithilfe von Hightech-Überwachungssystemen einer Gefangennahme entgehen.“
Diese Formulierungen sind kein Zufall, denn wegen der sich häufenden Kaperungen von Handelsschiffen lässt Russland auf einigen Schiffen bereits Spezialkräfte zu deren Schutz mitfahren. Die Briten planen also ganz bewusst, einen Zwischenfall zu provozieren, bei dem russische Soldaten auf britische Soldaten schießen, um die illegale Kaperung der Schiffe zu verhindern.
Wie die britische Regierung und die europäischen Medien dann berichten werden, ist klar: Es wird die Rede von einer unprovozierten russischen Aggression sein, die eine angeblich vollkommen legale Überprüfung oder Beschlagnahme eines Schiffs verhindert und bei der britische Soldaten angegriffen wurden.
Die geplante Blockade der Ostsee und die Folgen
Großbritannien hat mit seiner Erklärung einen Präzedenzfall geschaffen, auf den sich die EU berufen dürfte, wenn das 20. Sanktionspaket beschlossen ist. Dann können Dänemark und Schweden unter Verweis auf das britische Vorbild die Meerenge an der Einfahrt in die Ostsee für Handelsschiffe mit dem Ziel Russland sperren.
Ich habe eingangs bereits auf die Erklärungen aus dem Kreml hingewiesen, in denen deutlich gewarnt wurde, dass Russland militärisch gegen eine Blockade der Ostsee vorgehen werde. Die Europäer wissen also genau, was sie hier riskieren, aber die Politik – und vor allem die Medien, deren Job es wäre, auf diese Kriegsgefahr hinzuweisen – verschweigen der Öffentlichkeit, wie gezielt die Europäer einen Krieg mit Russland provozieren.
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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