Es sind oft die unscheinbaren Stellschrauben, an denen sich die Stabilität einer Volkswirtschaft entscheidet. Für die Bundesrepublik gehört die chemisch-pharmazeutische Industrie zweifellos dazu. Als drittgrößter Industriezweig und zentrale Vorleistungsbranche steht sie am Anfang nahezu aller industriellen Wertschöpfungsketten. „Die Chemie ist das Rückgrat industrieller Wertschöpfung in Deutschland“, heißt es beim Verband der Chemischen Industrie. Doch genau dieses Rückgrat gerät nun ins Wanken. Der Irankrieg trifft die Branche nicht über direkte Handelsbeziehungen – diese sind seit Jahren begrenzt. Er trifft sie dort, wo moderne Industrie am empfindlichsten ist: bei Energie, Rohstoffen und Logistik. Und er trifft sie über ein Nadelöhr, das weit entfernt liegt, aber über Wohlstand oder schleichenden Niedergang entscheidet – die Straße von Hormus.
Die Lage ist ernst. „Für viele Chemieunternehmen geht es jetzt um die Existenz“, warnt die Ökonomin Anna Wolf vom ifo-Institut. Der Krieg trifft eine Branche, die bereits zuvor geschwächt war. Hohe Energiepreise, schwache Nachfrage und strukturelle Standortprobleme haben die Substanz ausgehöhlt. Was lange als konjunkturelle Delle galt, entpuppt sich nun als strukturelle Krise – beschleunigt durch geopolitische Probleme. „Die Lage der Branche wird immer kritischer – dass der Irankrieg und die Blockade der Straße von Hormus die Situation verschlimmern, ist zu milde formuliert“, sagt Wolf mit Nachdruck.
Globalisierung zeigt Kehrseite
Denn Öl und Gas sind in der Chemie nicht nur Kostenfaktoren, sie sind Produktionsgrundlage. „Bei beiden sehen wir nun eine Verteuerung und Verknappung“, so Wolf. Damit gerät ein System ins Rutschen, das auf verlässliche Preise und stabile Lieferströme angewiesen ist. Was früher kalkulierbar war, wird zur Risikozone. Produktionsentscheidungen werden unsicher, Investitionen vertagt, Standorte infrage gestellt. Gleichzeitig geraten die globalen Transportwege ins Wanken. Die Blockade rund um den Iran sorgt für Unsicherheit bei Reedereien, Versicherern und Händlern. Die Folge: steigende Prämien, längere Routen, wachsender Aufwand. Lieferketten, die auf Effizienz getrimmt waren, verlieren ihre Grundlage. Die viel beschworene Globalisierung zeigt ihre Kehrseite. Experten sprechen von maximaler Abhängigkeit bei minimaler Kontrolle.
Und die Probleme sind tiefgreifend. Neben Öl und Gas rücken nun auch weniger beachtete Rohstoffe ins Zentrum. Die Pharmaindustrie warnt vor Engpässen bei Helium (siehe PAZ vom 17. April), einem unscheinbaren, aber unverzichtbaren Gas. Es wird in der Qualitätskontrolle von Medikamenten eingesetzt – ohne Helium keine Freigabe, ohne Freigabe keine Lieferung. „Helium ist ein kritischer Querschnittsrohstoff – Deutschland ist nahezu vollständig auf Importe angewiesen, die zu einem großen Teil durch die Straße von Hormus laufen“, teilt der entsprechende Fachverband mit.
Die Konsequenzen sind gravierend. Wird Helium knapp, geraten nicht nur einzelne Produktionsprozesse ins Stocken, sondern ganze Versorgungsketten. Medikamente können nicht mehr im gewohnten Umfang freigegeben werden. Lieferengpässe sind in der Medizin derzeit ohnehin ein Thema. Nun könnte eine echte Systemkrise ausbrechen.
Damit wird deutlich: Der Irankrieg trifft nicht nur Energiepreise, sondern die Substanz industrieller Produktion. Die Chemie ist Grundversorger der gesamten Wirtschaft. Ihre Produkte stecken in Baustoffen, Düngemitteln, Kunststoffen und Medikamenten. Gerät sie unter Druck, geraten alle unter Druck – von der Industrie bis zum Verbraucher.
Gefährdete Versorgungssicherheit
Deutschland ist zwar weniger direkt abhängig von Rohstoffen aus dem Nahen Osten. Doch das ist eine trügerische Sicherheit. In globalen Märkten zählt nicht die Herkunft, sondern der Preis. Und der wird an neuralgischen Punkten wie Hormus gemacht. Jede Störung schlägt unmittelbar durch – auf Kosten, Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung. Die politische Dimension ist unübersehbar. Ifo-Forscherin Wolf sieht gar die Grenzen der Marktwirtschaft erreicht. „Wir können es leider nicht mehr wie früher dem Markt überlassen, dass Industrien abwandern, wenn sie hierzulande nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Das geht in einer offenen Weltwirtschaft mit zuverlässigen Partnern. Aktuell gibt es kaum noch verlässliche Partnerschaften. Wenn Europa Industriezweige verliert, die für sehr viele Bereiche systemrelevant sind, etwa für Verteidigung, die Pharmaindustrie oder auch Industriegase, ist unsere Versorgungssicherheit gefährdet“, lautet ihr ebenso eindringliches wie bitteres Fazit.
Fahrlässig verdrängt
Der Irankrieg wirkt damit einmal mehr wie ein Brennglas. Er legt offen, was lange bisher fahrlässig überdeckt wurde: die strukturelle Verwundbarkeit eines Industriestandorts, der auf globale Stabilität angewiesen ist, diese aber immer weniger beeinflussen kann. Die Abhängigkeit von Energie, Rohstoffen und sicheren Handelswegen ist mittlerweile politische Realität. Und die Politik schaut wie so oft staunend, hilf- und tatenlos zu.
Die Straße von Hormus liegt geografisch zwar sehr weit entfernt. Ökonomisch jedoch verläuft sie mitten durch das Herz der deutschen Industrie.
Schuld ist der Engpass in der Straße von Hormus – Der Pharma-Chemie-Industrie geht die Luft aus
📰 paz.de
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