Die aus Allenburg stammende Ute Bäsmann hat sich jahrelang für ihre Heimat und die Menschen hier und dort eingesetzt. Über ihre Erlebnisse und Erfahrungen hat sie ein neues Buch herausgegeben (siehe PAZ vom 24. April, Seite 22). Über ihr Buch sprach sie mit Manuela Rosenthal-Kappi.
Frau Bäsmann, Sie haben mit „Flucht, Vertreibung, Rückkehr“ ein inhaltlich wie optisch sehr hochwertig gestaltetes Buch herausgegeben, das gleichzeitig eine wichtige Dokumentation für die Nachwelt darstellt. Was hat Sie dazu bewogen, sich des Themas noch einmal anzunehmen?
Es war der 80. Jahrestag des Kriegsendes im vergangenen Jahr. Wie Sie wissen, habe ich das Buch schon im Jahr 2002 einmal im Eigenverlag herausgegeben und an die Mitglieder der Kreisgemeinschaft Wehlau verkauft. Die Kreisgemeinschaft Wehlau bat mich 2024, für die Broschüre „80 Jahre Kriegsende 2025″ Beiträge zu schreiben. Da ich zu der Zeit gerade einen Unfall hatte und daher nicht am Schreibtisch sitzen konnte, schickte ich den Stick, auf dem das Buch von 2002 drauf war, an den Vorstand mit der Maßgabe: Nehmen Sie sich daraus, was Sie gebrauchen können. Daraufhin bat man mich, das Buch nochmals zu veröffentlichen. Das ist genauso aktuell, wie vor 25 Jahren. Mit Hilfe des Kellner Verlags in Bremen, der das Buch neugestaltete und in ein kleineres Format brachte, ist dies Buch nun wieder auf dem Markt und kann beim Verlag bestellt werden.
Sie schildern Ihre Flucht aus Allenburg, die Sie als Fünfjährige miterleben mussten. Ihre Erlebnisse decken sich mit vielen Schilderungen der von Ihnen befragten Zeitzeugen. Wie schwierig war es, diese Menschen für die Mitarbeit an Ihrem Buch zu gewinnen?
Es war für mich nicht sehr schwierig, Zeitzeugen zu gewinnen. Da ich das Thema ja bereits im Jahr 2000 begonnen habe, freute man sich, die eigene Geschichte in einem Buch veröffentlichen zu können. 1997 übernahm ich den Vorsitz für die Allenburger, die sich jährlich in Hoya an der Weser trafen. Dadurch führte ich auch viele Gespräche mit den zum Kirchspiel Allenburg gehörenden Menschen. 1999 gründeten wir dann den Verein zum Erhalt der Allenburger Kirche, dessen Vorsitz ich bis 2015 übernahm. Um die Menschen aus dem Kirchspiel Allenburg über den Fortgang der Arbeiten in Allenburg (Druschba) zu unterrichten und damit auch Spenden zu sammeln, schrieb ich jährlich bis zu drei Briefe, die ich an die früheren ca. 1.000 Einwohner geschickt habe. In einem dieser Briefe bat ich um die Berichte, die Sie nun ausführlich im Buch nachlesen können und mir im Original vorliegen.
Anfang der 1990er Jahre haben Sie Ihre Heimat erstmals wiedergesehen, als Sie nach der Öffnung des Königsberger Gebiets mit Mann und Sohn und Schwiegertochter hinfuhren. Was waren Ihre Eindrücke?
Das ist etwas, das ich sehr schwer beschreiben kann. Als wir in Hamburg in das Flugzeug der Aeroflot stiegen und das Flugzeug abhob, dachte ich nicht, dass ich schon nach so kurzem Flug auf die Nehrungen und das Frische und Kurische Haff blicken würde. Freude, Herzklopfen und Tränen. Alles durcheinander.
Die Erwartung, bald mit einem Taxi nach Allenburg und Pronitten im Kreis Labiau fahren zu können um zu sehen, was ich vorfinden werde, war groß. Gehört hatte man ja von Reisenden, die gleich nach der Öffnung des Gebiets fahren konnten, dass Allenburg im Gegensatz zu Pronitten, ausgelöscht ist. Die Neubürger waren sehr freundlich zu uns, und eine Menge Kinder verfolgten uns auf Schritt und Tritt. Mit der Allenburger Bürgermeisterin konnten wir Kontakt aufnehmen. Häuser, an die ich mich erinnern konnte, standen noch am Stadtrand. Das war für mich tröstlich, weil nicht alles verschwunden war. Und auf der leichten Anhöhe stand die Kirche einigermaßen gut erhalten. Zwar gab es vor dem Portal einen Vorbau aus Brettern, aber ansonsten schien sie intakt zu sein. Jedenfalls von außen. Man gab sich viel Mühe mit uns, und wir sahen den Menschen an, dass sie uns bedauerten. Von den Reisenden, die vor mir dort waren, hatten sie Fotos aus dem früheren Allenburg gesehen.
In Ihrer Dokumentation lassen Sie neben deutschen Altbürgern auch russische Neubürger zu Wort kommen. Wie sind die ersten Kontakte zu ihnen zustande gekommen?
Die ersten Kontakte waren die Taxifahrer, die in Windeseile Deutsch gelernt hatten und uns manches erklären konnten. Da mein Mann und ich später mindestens dreimal im Jahr mit Hilfsgütern mit dem Beverstedter Verein „Hilfe zur Selbsthilfe in Osteuropa e.V.“ nach Allenburg fuhren, ergaben sich die Kontakte von ganz allein. Dann die Bürgermeisterin Frau Soja, die später von einem jungen Mann namens Oleg abgelöst wurde. Die Bibliothek war immer besetzt und wenn wir uns auch nicht unterhalten konnten, so wurden mir doch viele Dinge aus unserer Zeit gezeigt, die die neuen Bewohner in ihren Häusern und Gärten gefunden hatten und zur Sammlung in die Bibliothek gebracht hatten. So zeigte mir die Bibliothekarin auch die Chronik über Druschba ab 1946, die ihre Mutter vor vielen Jahren mit Geschichten der Einheimischen ausfüllen ließ. In der Mittelpunktschule lernten die Kinder Deutsch als Fremdsprache. Ihre Lehrerin war eine sehr gelehrte Frau und manchmal war sie verzagt, dass sie in diesem Dorf gelandet war. Sehr hilfreich waren die Pröbste in Königsberg, die auch nach Allenburg (Druschba) kamen und Gottesdienste abhielten.
Sie haben Ihre Heimat viele Male besucht, sogar mit dem Wohnwagen. Dabei haben Sie wichtige Arbeit für den Erhalt der Allenburger Kirche und für das Schleusenwärterhaus geleistet, und wurden dafür von russischer Seite geehrt. Was gab Ihnen den Antrieb für Ihren Einsatz?
Die offensichtliche Not der Menschen vor Ort und die Kirche. Ja, wir fuhren mit den Hilfstransporten mit mehreren Personen in einem Wohnmobil. Es gab kaum Unterkünfte und immer privat konnte man auch nicht für mehrere Tage unterkommen. Später kauften wir, mein Mann und ich, uns einen ausgedienten Krankenwagen. Ford Transit. Den konnten wir immer voll
beladen, bis die Fracht sehr begrenzt wurde. Aber da hatten wir schon Einiges dorthin gebracht. Leider brauchte der Ford 18 L. Super auf 100 Kilometer. So kamen wir immer mit fast leerem Tank an der polnischen Grenze an. Einmal musste uns sogar jemand in Schlepp nehmen, weil wir die letzten drei Kilometer kein Benzin mehr im Tank hatten.
Im Jahr 2001 bot mir der Kolchosdirektor eine Wohnung im Schleusenwärterhaus in Allenburg an. Die Mieterin war alt und sollte zu ihren Kindern nach Königsberg ziehen. Diese Chance ergriff ich und besaß nun eine Wohnung in meiner Geburtsstadt. Später konnte ich noch das Büro des Schleusenwärters, welches auch eine Wohnung darstellte, dazu erwerben.
Nun waren wir nicht mehr auf Hotels und private Quartiere angewiesen. War ja auch eine Zumutung für die Unterkunftgeber, weil wir wegen der Reparatur der Kirche auf längere Aufenthalte angewiesen waren. In der Zeit, als wir den Kirchturm retten konnten, mussten wir bei den Arbeiten möglichst vor Ort sein. Als wir die Wohnung hatten, waren wir bis zu sieben Monate, natürlich mit Unterbrechungen, in Allenburg. Deshalb konnten wir mit relativ wenig Geld viel erreichen. Bei den größten Ausgaben erhielten wir Unterstützung durch die Landsmannschaft Ostpreußen und die Gemeinschaft evangelischer Ostpreußen e.V. Alle Spender aus dem früheren Kirchspiel möchte ich hier auch nicht unerwähnt lassen. Ihnen Allen gebührt mein großer Dank.
Viele Besucher habe ich im Schleusenwärterhaus bewirtet, manchmal zwei Reisebusse voll mit Heimwehtouristen auf einmal. Unsere letzten Besucher im Jahr 2011, bevor das Schleusenwärterhaus durch den Brand weitestgehend zerstört wurde, waren der deutsche Konsul Dr. Aristide Fenster und seine Frau. Aber das sind viele, viele andere Geschichten, die noch erzählt werden müssen.
Meine 2/3 der Ruine des Schleusenwärterhauses verschenkte ich im Jahr 2019 an einen Russen, der versprach, es in meinem Sinne wiederaufzubauen. Mein Mann und ich konnten das nicht mehr leisten. Wir hatten uns zwar noch einen gebrauchten Wohnwagen gekauft, in dem wir vor der Ruine Rast machten, aber bald kam die Zeit, dass meinem Mann das Dirigieren des Wohnwagens nicht mehr möglich war. Also ging auch das nicht mehr und wir waren wieder auf Hotels angewiesen, da unsere früheren Bekannten inzwischen in die Bundesrepublik gezogen waren. Der neue Besitzer des Schleusenwärterhauses hielt sein Wort. Jetzt können Sie das Haus besichtigen. Gern führt Sie der neue Besitzer für einen Obolus durch die Räume und erklärt alles.
Als Teilnehmerin an den von der Landsmannschaft Ostpreußen veranstalteten Deutsch-Russischen Foren konnten Sie sich von der fruchtbaren Zusammenarbeit mit Heimatforschern, Museumsleitern und Wissenschaftlern überzeugen. Wie sehen Sie die derzeitige Situation? Haben Sie noch Kontakte zu Bekannten des Kreises Wehlau?
Sehr gern haben mein Mann und ich an den Deutsch-Russischen Foren teilgenommen. Gerade die Vorträge der Russen, die in deutscher Sprache gehalten wurden, waren sehr informativ. Selbstverständlich habe ich noch Kontakte nach Ostpreußen. Die gebe ich auch nicht auf. Die derzeitige Situation ist natürlich nicht schön, gerade auch wegen der Sanktionen gegen Russland. Jetzt müssen wir uns das Visum selbst beschaffen und wie berichtet wurde, ist auch das nicht immer möglich. Dass man uns Ostpreußen damit zum zweiten Mal den Zugang zu unserer Heimat versperrt, macht mich traurig, zumal die Erschwernis vom Westen kommt. Vielleicht könnte man das Reiseverbot seitens der EU für Ostpreußen aufheben. Aber das bleibt wohl ein Traum.
Was war Ihr schönstes Erlebnis, was Ihr schlimmstes in der Heimat?
Das lässt sich gar nicht in einem Satz beschreiben. Da gibt es so viele. Z.B. die Zeit mit den Kindern im Kindergottesdienst, den diese so zahlreich besuchten. Kleine rührende Geschenke, die mir gebracht wurden. Ein selbst bemalter Stein, ein Teller mit einem Dankesspruch, ein kleiner selbst gepflückter Blumenstrauß. Da gibt es viele Dinge. Auch die Freude der Kindergartenkinder, wenn wir mit großen, prall gefüllten Taschen für alle 70 Kinder und auch für die Erzieherinnen zu Ostern mit Schokohasen und kleineren Naschereien, sowie zu Weihnachten mit Schokoladenweihnachtsmännern eintrafen. Immer war Hilfe da, wenn ich darum bat. Und die schöne Natur. Gerade jetzt im Frühling.
Das traurigste Ereignis war, als unsere kleine Mischlingshündin Friederike starb. In den letzten Jahren hat sie uns immer auf unseren Reisen begleitet. Sie wollte immer bei uns sein. Nun hat sie ein kleines Grab auf dem ehemaligen Polnischen Friedhof am Masurischen Kanal, den ich für 45 Jahre pachten konnte.
Das sind die Erlebnisse aus der neueren Zeit. Die anderen Erlebnisse bis einschließlich 1947 waren natürlich ganz anderer Art. Darüber kann ich auch heute noch nicht ohne große Emotionen reden.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Heimat?
Ich wünsche mir, dass wir wieder ungehindert in unsere Heimat einreisen dürfen. Wir haben nun einmal unsere Wurzeln dort. Selbst mein Mann, der immer betont, dass er Niedersachse ist, war liebend gern in Ostpreußen und würde auch heute noch gern mitreisen, wenn es seine Gesundheit zuließe. Ich wünsche mir ebenfalls, dass das Land weiterhin so gut bewirtschaftet wird wie in den vergangenen Jahren. Blühende Rapsfelder im April, wogende Kornfelder im Sommer, Viehwirtschaft und Fabriken, die alles verarbeiten. Und besonders wünsche ich mir, dass die Menschen, die jetzt ihre Heimat dort haben, glücklich sind und nicht wieder Not leiden müssen. Uns Allen wünsche ich ein friedliches Miteinander, wie wir es in den vergangenen 30 Jahren dort erleben durften.