Erste russische Analysen über den Irankrieg
Die TASS hat eine russische Analyse über die bisherigen Ergebnisse des Irankriegs veröffentlicht, die ich übersetzt habe, um zu zeigen, wie die Lage in Russland eingeschätzt wird.
Beginn der Übersetzung:
„Öffnet die verdammte Straße von Hormus!“: Die USA verlieren im Krieg gegen den Iran an Wut, Gewicht und ihr Gesicht
Die ersten Ergebnisse der vor 39 Tagen begonnenen Kampagne sehen enttäuschend aus. Die Details gibt es im Bericht der TASS.
Anderthalb Monate nach ihrem Beginn ist „Epic Fury“, die US-Operation gegen Teheran, bis zur vollständigen Einstellung der Angriffe abgeflaut. Noch vor wenigen Tagen hatte der US-Präsident versprochen, dem Iran die Hölle auf Erden zu bereiten, Kraftwerke und Brücken zu zerstören, die Iraner als „verrückte Bastarde“ bezeichnet und die Öffnung der Straße von Hormus gefordert, und gedroht, das Land zu vernichten. Doch in der Nacht zum 8. April verkündete er einen zweiwöchigen Waffenstillstand und den Beginn von Verhandlungen auf der Grundlage von zehn Punkten, die der Iran vorgelegt hatte.
Der deutsche Militärexperte Carlo Masala hält das Waffenstillstandsabkommen zwischen Washington und Teheran für eine strategische Niederlage der USA. Hideaki Shinoda, Professor an der Universität für Fremdsprachen Tokio, erklärte gegenüber der TASS, das werde den Einfluss Teherans in der Region stärken. Laut dem russischen Politikwissenschaftler Konstantin Kalatschew hat Pakistans Vorschlag für einen Waffenstillstand dem Weißen Haus lediglich geholfen, das Gesicht zu wahren.
Wer ist denn nun der „Papiertiger“?
Der US-Präsident hat einen weiteren Krieg beendet, doch es gibt einen Haken: Er hat ihn selbst begonnen. Seit dem 28. Februar versucht die – wie das Weiße Haus erklärte – „mächtigste Armee der Welt, die jederzeit und überall einsatzbereit ist“, jeden Tag, den Iran zu zerschlagen. Bislang hat Washington bestenfalls nicht gewonnen und Teheran nicht verloren. Ein endgültiges Scheitern der Operation könnte jedoch die globale Geopolitik grundlegend verändern.
Der Konflikt hat Probleme offengelegt, die jahrelang hinter markigen Parolen, Bildern von Hollywood-Helden und dem Glauben an die Einzigartigkeit des eigenen Weges, verstärkt durch wirtschaftlichen Einfluss, verborgen waren. Die USA, die den Konflikt mit dem Iran begonnen hatten, verkündeten lautstark: „Wir haben die mächtigste Armee der Welt!“, „Öffnet die verdammte Straße von Hormus, sonst werdet ihr in der Hölle leben“, „Den Iran kann man in einer Nacht zerstören“, „Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht untergehen und nie wiedergeboren werden“, „Jede Brücke im Iran wird zerstört, jedes Kraftwerk wird außer Betrieb gesetzt, in Flammen aufgehen und explodieren.“
Nach einem Monat Bombardierungen und Drohungen war Washington jedoch gezwungen, den Waffenstillstandsbedingungen des Irans zuzustimmen. Diese umfassten das Nichtangriffsprinzip, die Kontrolle Teherans über die Straße von Hormus, die Urananreicherung in der Islamischen Republik, die Aufhebung der primären und sekundären Sanktionen, Entschädigungszahlungen und den Abzug der amerikanischen Streitkräfte aus der Region. Trump bezeichnete Irans 10-Punkte-Plan als „Arbeitsgrundlage, die das Führen von Verhandlungen erlaubt“.
Wie Dmitri Medwedew, der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates, anmerkte, erklärten sich erwartungsgemäß beide Konfliktparteien zum Sieger. Er fragte sich jedoch, wenn denn nun gewonnen hat? Und er antwortete selbst: „In erster Linie der gesunde Menschenverstand, denn der Glaube an ihn wurde durch die Erklärungen des Weißen Hauses über die Zerstörung der iranischen Zivilisation an einem einzigen Tag schwer erschüttert.“
„Allein die Tatsache, dass Trump sich bereit erklärt hat, über den 10-Punkte-Plan zu sprechen, ist ein Erfolg für die Iraner. Die Frage ist, ob Washington ihm zustimmen wird: Schließlich beinhaltet er Entschädigungen für die Schäden im Iran, die Fortsetzung des Atomprogramms und Teherans Kontrolle über die Straße von Hormus“, so Medwedew.
Kriegsverbrechen
Eines der Hauptprobleme, mit denen die USA bereits konfrontiert sind, sind die Vorwürfe von Kriegsverbrechen. Noch sind sie zaghaft, aber alleine die Tatsache. Sie erfolgten wegen der Drohungen, die zivile Infrastruktur Irans anzugreifen. Washington stellte daraufhin ein Ultimatum: Entweder die Straße von Hormus wird am 6. April geöffnet, oder die USA würden Brücken und Kraftwerke angreifen. US-Präsident Donald Trump untermalte seinen Post auf TruthSocial mit Kraftausdrücken und Beleidigungen. Und all dies während der Osterzeit.
Die da von ihm versprochenen Angriffe fanden nicht statt. Doch viele iranische Städte waren bereits heftigen Raketenangriffen ausgesetzt. Am 20. März berichtete die iranische Menschenrechtsorganisation HRANA (Human Rights Activists News Agency), dass im Iran während des Konfliktes 3.186 Menschen ums Leben gekommen seien.
Am 24. März berichtete Ted Chaiban, der stellvertretende Exekutivdirektor von UNICEF, dass 206 Kinder im Iran und 118 im Libanon durch Raketenangriffe getötet worden seien. „Mehr als 2.100 Kinder wurden getötet oder verletzt“, sagte er und fügte hinzu, dass seit Kriegsbeginn durchschnittlich 87 Kinder pro Tag getötet oder verletzt würden.
Die schlimmste Tragödie ereignete sich in Minab, wo eine Schule von einem Raketenangriff getroffen wurde. 175 Menschen starben, hauptsächlich Schüler, aber auch Eltern und Lehrer. Die am Einschlagort gefundenen Raketentrümmer trugen US-amerikanische Markierungen.
Laut dem Iranischen Roten Halbmond wurden bis zum 29. März landesweit mehr als 102.000 Einrichtungen beschädigt, darunter medizinische Zentren und Schulen. Der Leiter der Organisation Pir Hossein Kolivand stellte klar, dass mindestens 600 Schulen getroffen wurden.
Reputationsverlust
Der Krieg mit dem Iran hat auch die These von der Unbesiegbarkeit des US-Militärs in Gefahr gebracht. Um diesen Mythos zu nähren, haben die USA Milliarden von Dollar investiert, aktiv auf mediale Propaganda gesetzt und sogar Filme benutzt.
Doch die Realität war nicht so, wie die farbenfrohen Hollywood-Szenarien: Amerikanische Raketen sind zu teuer, ihr Arsenal ist kritisch begrenzt und Tarnkappenflugzeuge lassen sich leicht von Luftverteidigungssystemen aufspüren und zerstören.
Wie Experten feststellten, setzten die USA und Israel bei der Operation Epic Fury ganz klar auf einen Blitzkrieg, einen vernichtenden Schlag gegen die iranische Führung, einen inneren Aufstand und eine überhaupt auf eine Kapitulation des Irans. Das erklärt den exorbitanten Einsatz von Kampfmitteln und Flugabwehrraketen in der ersten Kriegswoche. Diese Vorgehensweise ist zwar verschwenderisch, würde aber im Falle eines schnellen Sieges, der alles andere vergessen lassen würde, als „akzeptabel“ angesehen.
Die USA und ihre Verbündeten haben Luftabwehrraketen im Wert von mehreren Millionen Dollar pro Stück gegen einfache Shahed-136-Kamikaze-Drohnen eingesetzt, deren Kosten pro Stück maximal 20.000 Dollar betragen. Dabei haben sie, indem sie ihr eigenes Arsenal und das ihrer Verbündeten erschöpft hatten, ihre erklärten Ziele jedoch verfehlt.
Experten wiesen darauf hin, dass Teheran in den ersten Tagen vorwiegend ältere Raketen (Fattah-1, Fattah-2 und Qadr) aus seinen Beständen von 2010 bis 2014 eingesetzt hat. Das geschah unter anderem, damit der Iran seine günstigeren Raketen verbrauchen und die Gegner dazu zwingen konnte, die in der Region gelagerten teuren Abfangraketen zu deren Zerstörung einzusetzen. Anschließend konnte der Iran ungehindert stärkere und modernere Munition verwenden, da die gemeinsamen Luftverteidigungen der USA und Israels ihre Prioritäten darüber, was abgefangen wird und was nicht, neu ausrichteten.
Die USA kamen auch nicht ohne direkte Verluste davon. Während der Aggression gegen den Iran wurden mehrere Flugzeuge abgeschossen. Um davon abzulenken, startete Washington die aufwendige PR-Kampagne um die Rettung der Piloten. Laut Trumps Aussage auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus am 6. April wurden für die Such- und Rettungsaktion 155 Flugzeuge eingesetzt, darunter 64 Kampfflugzeuge, 48 Tankflugzeuge, 13 Rettungsflugzeuge und 4 Bomber. Kurz gesagt: Das war teuer.
Ein weiterer Reputationsverlust war die Unfähigkeit des US-Militärs, seine Verbündeten im Persischen Golf vor Raketenangriffen zu schützen. Die iranischen Angriffe zielten auf zahlreiche US-Stützpunkte sowie auf die Öl- und Gasinfrastruktur in den Ländern der Region. Mehr noch, der Iran hat Datenverarbeitungszentren angegriffen. Experten vermuten, dass das die Arbeit der US-Geheimdienste erschweren sollte.
Vor dem Hintergrund der Eskalation haben sich die USA mit ihren europäischen Partnern zerstritten und sogar die Existenz der NATO in Frage gestellt. „Ich muss Ihnen sagen, dass ich sehr enttäuscht von der NATO bin. Ich denke, das ist ein Fleck auf der NATO, der niemals verschwinden wird“, sagte Trump mit Blick auf die Weigerung mehrerer Länder, die USA im Krieg gegen den Iran zu unterstützen.
Einer von denen, die Washingtons Vorgehen verurteilten, war Spanien. Ministerpräsident Pedro Sánchez erklärte, der Krieg im Iran sei illegal.
Globale Wirtschaftskrise
Ein weiteres Ergebnis sind Probleme in der Weltwirtschaft. Washington hat bei seinem Angriff auf den Iran Teherans offensichtlichen Trumpf, die Straße von Hormus, nicht berücksichtigt oder unterschätzt. Anfang März blockierte die iranische Marine problemlos diese wichtige Schifffahrtsroute.
Durch die Straße werden etwa ein Viertel der weltweiten Öllieferungen auf dem Seeweg, erhebliche Mengen an Flüssigerdgas und Düngemitteln sowie rund ein Drittel der weltweiten Düngemittelexporte auf dem Seeweg (etwa 16 Millionen Tonnen pro Jahr) transportiert.
Die Eskalation des Konflikts in der Region hat traditionelle Lieferketten unterbrochen.
Die Energiemärkte reagierten umgehend: Der Preis für Brent-Rohöl stieg auf fast 120 US-Dollar pro Barrel. Gleichzeitig stiegen die Frachtraten für Tanker und die Prämien für Kriegsrisikoversicherungen, ebenso wie die Kosten für Schiffstreibstoff, was zu höheren Transportkosten entlang der gesamten Lieferkette führte.
Der Internationale Währungsfonds (IWF) gab zu, dass die Schließung der Straße die Energiemärkte schwer erschüttert hat. Laut dem Finanzinstitut hat sich Irans Transitstopp als Reaktion auf die Aggression zur größten Krise auf dem Ölmarkt entwickelt. Für die Treibstoff importierenden Länder, so beklagen IWF-Analysten, sei das wie eine plötzliche und erhebliche Gewinnsteuer.
„Laut der Internationalen Energieagentur hat die faktische Schließung der Straße von Hormus und die Beschädigung der regionalen Infrastruktur zur größten Störung des globalen Ölmarktes in seiner Geschichte geführt“, heißt es in einer IWF-Studie.
Mitte März berichteten die Vereinten Nationen, dass mehr als 20.000 Seeleute und rund 3.200 Schiffe den Persischen Golf nicht verlassen konnten.
Die Blockade hatte weltweit Auswirkungen auf die Preise. Zuerst stiegen die Treibstoffpreise, dann die Lebensmittelpreise.
Wiktor Medwedtschuk, der Vorsitzende der Bewegung „Andere Ukraine“, merkte an, dass die bevorstehende Krise „größer ausfallen könnte als die Ölkrise von 1973“. Gleichzeitig geht Kirill Dmitrijew, der Sonderbeauftragte des russischen Präsidenten für Investitionen und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Ausland und Leiter des Russischen Direktinvestitionsfonds, davon aus, dass die Energiemärkte Monate brauchen werden, um sich zu normalisieren, selbst wenn die Straße von Hormus offen bleibt. Viele Experten teilen diese Einschätzung. Sie weisen darauf hin, dass es um die Wiederherstellung der Lieferungen von 8 bis 11 Millionen Barrel Öl pro Tag und rund 120 Milliarden Kubikmetern Flüssigerdgas pro Jahr (basierend auf dem regasifizierten Volumen) geht.
Die Finanzkrise hat viele Importländer, darunter auch die engsten Partner der USA, getroffen. In Europa breitet sich eine Atmosphäre aus, die an die COVID-19-Ära erinnert. Wie sich herausstellt, ist ein Leben ohne Öl und Gas äußerst schwierig. Europäische Beamte haben Alarm geschlagen, ein potenzieller Energiemangel und die daraus resultierende „wirtschaftliche Ansteckung“ könnten schwerwiegender sein als die Krise von 2020. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Krise alle Industriezweige betreffen könnte. Medwedew prognostiziert, dass diese Länder noch lange im Regime strengen Sparens leben müssten, denn es wird kein billiges Öl geben.
Dabei erklärte Mohammad Mokhber, ein Berater des Obersten Führers der Islamischen Republik, dass Irans Einnahmen aus der Kontrolle der Straße von Hormus mindestens doppelt so hoch sein werden wie die Einnahmen aus Ölexporten.
Das iranische Parlament arbeitet bereits an einem Gesetz über Schiffsgebühren für die Durchfahrt durch die Straße von Hormus, so Mohammad Reza Rezaie Kouchi, Vorsitzender des Ausschusses für öffentliche Arbeiten des iranischen Parlaments. Laut Kouchi soll das Gesetz Irans Vormachtstellung, Souveränität und Kontrolle über die Straße von Hormus rechtlich festschreiben, und die Gebührenerhebung soll dem Land zusätzliche Einnahmen bescheren. Der Gesetzentwurf wird voraussichtlich in Kürze zur Beratung vorgelegt.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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