Energieschock und Umverteilung des Marktes?

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Eine Expertin hat für die TASS einen lesenswerten Artikel über die kommenden Veränderungen der weltweiten Energiemärkte ...

anti-spiegel.ru📅 03.04.2026
Die „Hormus-Falle“

Energieschock und Umverteilung des Marktes?

Die Lage an der Straße von Hormus wird nicht nur die weltweiten Energiemärkte verändern. Wie stark diese Veränderungen werden, hängt von der Dauer des Krieges ab. Wer werden danach die Gewinner, wer die Verlierer sein?

Eine Expertin hat für die TASS einen lesenswerten Artikel über die kommenden Veränderungen der weltweiten Energiemärkte und ihre Folgen geschrieben, den ich übersetzt habe.

Beginn der Übersetzung:

Die „Hormus-Falle“: Energieschock und Umverteilung des Marktes?

Irina Gaida, Dozentin an der Fakultät für Geographie und Geoinformationstechnologien der Nationalen Forschungsuniversität für Wirtschaft, erörtert die möglichen Folgen für die Welt in verschiedenen Szenarien des Nahostkonflikts.

Die Straße von Hormus ist längst nicht mehr nur ein „Flaschenhals“ in der globalen Logistik, sie ist ein Dolchstoß ins Herz der globalen Energieversorgung und möglicherweise der gesamten Wirtschaft. Die einst täglich 150 Tanker werden heute typischerweise durch ein bis zwei Dutzend Schiffe pro Tag ersetzt – zu horrenden Preisen. Offiziell ist das Meer offen, doch in Wirklichkeit ist es fast vollständig blockiert.

Der Iran setzt als Reaktion auf die Angriffe der USA und Israels systematisch asymmetrische Kriegsführung ein: Angriffe auf die Infrastruktur in den Ländern des Persischen Golfs und einen „Tankerkrieg“, der an die 1980er-Jahre erinnert, nur dass heute Drohnen und Cyberangriffe zum Einsatz kommen. All dies geschieht in einer Situation, in der Umleitungsrouten die Umleitung von lediglich etwa 25 Prozent des Öls und weniger als 10 Prozent des Gases ermöglichen.

Für den Ölmarkt, der in den letzten zehn Jahren viel erlebt hat, ist die Lage äußerst schwierig. Die Unterbrechung der Ströme führt zu einem Förderausfall von rund 16 Millionen Barrel pro Tag. Zusätzliche Fördermengen in anderen Regionen, strategische und kommerzielle Reserven verschiedener Länder sowie die bis Ende 2025 angesammelten „schwimmenden Reserven“ in Tankern können dieses Defizit nicht ausgleichen, sollte der Konflikt länger als 60 bis 100 Tage andauern. China und die USA, die über die größten Reserven verfügen, werden dem Schutz ihrer Verbraucher und der Schonung ihrer strategischen Reserven Priorität einräumen. Unklar ist zudem, wo die technische Grenze für die Erschöpfung der Reserven liegt, denn nie zuvor mussten mehr als 1 bis 2 Millionen Barrel pro Tag ausgeglichen werden. Insgesamt könnte ein Angebotsdefizit von 1 bis 5 Millionen Barrel pro Tag entstehen. Die Folge werden steigende Preise, sinkende Nachfrage und der Beginn einer zwar „milden“, aber dennoch realen globalen Rezession sein.

Die Ölpreise haben ihre Höchststände von 2022 noch nicht erreicht, was wahrscheinlich das Vertrauen des Marktes in eine schnelle und schmerzlose Lösung des Konflikts widerspiegelt. Sollte das jedoch nicht passieren, könnte ein Preisanstieg auf 150–200 US-Dollar pro Barrel bevorstehen.

Beim Gas, insbesondere LNG, ist die Lage noch schlechter, da zusätzlich zu den Blockaden auch die Produktionsinfrastruktur beschädigt wurde. Die Anlage in Katar (die weltweit größte LNG-Produktionsanlage) wurde aufgrund der Zerstörung zweier ihrer 14 Produktionslinien stillgelegt. Katar hat bereits höhere Gewalt für wichtige Verträge mit Italien, Belgien, Südkorea und China geltend gemacht. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben die LNG-Exporte aufgrund der Unmöglichkeit der Durchfahrt durch die Meerenge praktisch eingestellt. Israel hat die Produktion auf seinen Feldern ausgesetzt, was bereits zur Einstellung der Stickstoffdüngerproduktion in Ägypten geführt hat. Die Frachtraten für LNG-Tanker sind um etwa 600 Prozent gestiegen, während die Versicherungsprämien von 0,25 auf 3 Prozent des Schiffswertes gestiegen sind.

Wer profitiert vom Leid anderer?

Zunächst die USA und andere Produzenten des amerikanischen Kontinents: Als größte Öl- und Gasproduzenten außerhalb der direkten Konfliktzone erlangen sie einen enormen geopolitischen und wirtschaftlichen Vorteil. Darüber hinaus profitieren die USA und Kanada als größte LNG-Exporteure mit neuen Kapazitäten, die 2026 in Betrieb gehen, besonders von der Schließung der Anlagen in Katar. Für ihre Märkte bedeutet das jedoch stark steigende Preise für Benzin, Düngemittel und Rohstoffe, was Industrie und Verbraucher gleichermaßen belastet. Der Öl- und Gassektor macht nur einen kleinen Teil der Wirtschaft dieser Länder aus, während die Sektoren, die unter den steigenden Energiepreisen leiden werden, beträchtlich sind. Das schadet den Zustimmungswerten der Regierung, insbesondere in einem Wahljahr.

Paradoxerweise dürfte China meiner Meinung nach ebenfalls zu den Gewinnern zählen. Es verfügt über die weltweit größten strategischen Reserven und ein relativ diversifiziertes Importportfolio mit großen Pipeline-Käufen aus Russland und Zentralasien. Während rohstoffärmere Länder nach Energieträgern suchen und ihre Energieunabhängigkeit ausbauen wollen, hat China viel zu bieten: Es kann seine Reserven selektiv teilen und zudem erneuerbare Energien, Speichermöglichkeiten, Elektrofahrzeuge und andere autonome Lösungen anbieten. China ist allerdings der größte Abnehmer iranischen Öls und generell von Energielieferungen aus dem Nahen Osten. Diese Abhängigkeit könnte jedoch bei einer weiteren Eskalation des Konflikts sinken. China ist außerdem auf Helium und Schwefel aus dem Nahen Osten angewiesen. Das dürfte Peking dazu bewegen, neue Partnerschaften zu suchen und die Zusammenarbeit mit Russland zu intensivieren.

Was die Verlierer angeht, kann man sie in drei Gruppen einteilen. Die EU, die durch die hohen Energiepreise aufgrund ihrer Weigerung, mit Russland zusammenzuarbeiten, bereits geschwächt ist, verliert nun weitere Quellen für Öl und Gas (sowie für Düngemittel und andere Rohstoffe). Afrika und Südostasien sind auf Importe aus dem Persischen Golf angewiesen, verfügen aber nur über begrenzte geologische Reserven und Raffineriekapazitäten, wenige strategische und kommerzielle Reserven und kaum finanzielle Mittel, um Selbstversorgung mit Energie zu gewährleisten. Die Benzinpreise sind hier bereits extrem gestiegen: plus 50 Prozent in Vietnam und plus 40 Prozent in Nigeria. Die Golfstaaten selbst werden neben den Verlusten von Öl- und Gaseinnahmen auch unter einem Rückgang der Wirtschaftstätigkeit, des Tourismus und des regionalen Handels leiden. Die Anfälligkeit ihrer Volkswirtschaften für Störungen in der Logistik und der Energieproduktion (bis hin zur Lebensmittel- und Wasserversorgung) wird immer deutlicher.

Was erwartet uns, und was bedeutet das für Russland?

Sollte die Krise innerhalb von ein bis zwei Monaten und mit minimalen Schäden an der Produktionsinfrastruktur enden, ist mit einer Rückkehr zur Vorkriegsordnung zu rechnen. Ein bitterer Nachgeschmack wird jedoch bleiben, und auf nahezu allen Märkten werden Maßnahmen zur Diversifizierung der Logistik und der Bezugsquellen sowie zur Sicherstellung der Energiesicherheit und Selbstversorgung ergriffen.

Hält die Krise länger an, erwarten die Welt deutlich größere Herausforderungen. Deutliche Preissteigerungen und Lieferengpässe sind bei nahezu allen Rohstoffen wahrscheinlich, nicht nur bei Energie, sondern auch bei Düngemitteln, Lebensmitteln, Petrochemikalien, Metallen und Textilien. Das wird zu einer Rezession und einem Rückgang der Wirtschaftstätigkeit führen. Ein strukturelles Defizit bei Öl und möglicherweise auch bei Gas wird für einige Zeit bestehen bleiben. Eine schwere Rezession kann zu einem Nachfragerückgang führen. Die Nachfrage wird auch aufgrund des verstärkten Einsatzes autonomer Lösungen (erneuerbare Energien + Speicherung, Kohle + Elektrofahrzeuge, Kernkraftwerke + Elektrofahrzeuge) sinken, denn all diese Lösungen reduzieren den Bedarf am kontinuierlichen Transport von Energieträgern.

Die Käufer werden einen beschleunigten Übergang zu alternativen Routen fördern, um logistische Risiken zu reduzieren. Die Nordostpassage, die Transsibirische und die Transkaspische Route könnten einen Entwicklungsschub erfahren. Das wird zu erneuten Investitionen in die Energiesicherheit und den Schutz kritischer Infrastrukturen führen. Als Folge werden die Energiepreise für Verbraucher steigen.

Für Russland eröffnet dies ein Zeitfenster auf den Märkten für Öl, Gas und Kohle als eine Art „Versicherung“ im Energiesektor sowie für kritische Mineralien und Düngemittel. Russlands Rolle als relativ sicherer Logistiktransitkorridor wächst ebenfalls. Gleichzeitig steht Russland unter zunehmendem Druck hinsichtlich der Sicherheit seiner Exporte in den Westen. Eine rasche Steigerung der Förderung wird auch durch den Zustand der Rohstoffbasis, die einen hohen Anteil schwer förderbarer Reserven aufweist, und das Fehlen einer inländischen Tankerflotte (vorwiegend für LNG) behindert.

Um diese Chancen zu nutzen, müssen die infrastrukturellen, finanziellen und politischen Voraussetzungen geschaffen werden. Die Entwicklung der Handelslogistik entlang der Nördlichen Seeroute und des Östlichen Korridors sowie transkontinentaler Pipelines, Schienen- und Straßenverbindungen muss beschleunigt werden. Investitionen in die weitere Erforschung und Untersuchung der mineralischen Rohstoffbasis sind erforderlich, wobei neue Nachfragequellen, insbesondere für Seltene Erden und Rohstoffe für Kali- und Phosphatdünger, zu berücksichtigen sind. Langfristig, nach Beendigung des Konflikts, ist der Aufbau eines transkontinentalen Südkorridors zu Märkten in Indien und anderen Ländern notwendig. Wir müssen unsere Flotte und Serviceinfrastruktur (Bunkerung, Reparaturen, Versicherung) ausbauen und strategische Kundenbeziehungen aufbauen, die es uns ermöglichen, nicht nur kurzfristige Preiserhöhungen vorzunehmen, sondern langfristig neue Lieferketten zu sichern.

Ende der Übersetzung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.


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