Die Hintergründe des Streits zwischen Meloni und Trump
Die Italien-Korrespondentin der TASS hat einen Artikel über den Streit zwischen Meloni und Trump veröffentlicht, den ich übersetzt habe, weil ich ihn sehr interessant fand.
Beginn der Übersetzung:
Warum Trump Meloni fallen gelassen hat, oder suche Daddy
Vera Schtscherbakowa, Leiterin des TASS-Büros in Italien, über den diplomatischen Konflikt zwischen Rom und Washington und seine Folgen, insbesondere für die Ukraine.
Nachdem sie bei der Amtseinführung Donald Trumps für seine zweite Amtszeit einen Ehrenplatz am festlichen Tisch (fast schon wie bei einer Hochzeit) im Weißen Haus genossen hatte, wo die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni als einzige europäische Staatschefin war, ist die italienische „Braut“ in Ungnade gefallen. „Unsere Beziehung hat sich verändert und wird nie wieder wie frÜHER sein“, „Ich bin schockiert von ihr; Ich dachte, sie wäre mutiger, aber ich habe mich geirrt“, „Italien ist uns nicht zu Hilfe gekommen, und wir werden ihm nicht zu Hilfe kommen“:
Trumps Worte (wie aus einem Liebesroman) über Meloni markierten die „Scheidung“, die Roms privilegierte Beziehung zu Washington beendete.
Die italienische Ministerpräsidentin hielt länger durch als alle anderen: Sie jubelte über die Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro, bezeichnete den Einsatz amerikanischer Spezialeinheiten in Caracas als „defensiv“ und fand Worte, um Trumps Ansprüche auf Grönland zu rechtfertigen (nach dem Motto, er drücke damit seine Besorgnis über den Versuch der strategischen Rivalen China und Russland aus, die Arktis zu erobern), aber beim Iran platzte ihr der Kragen. Oder genauer gesagt, beim Papst.
Wer hat wen verlassen?
„Die imaginäre Brücke zwischen Italien und den USA ist zusammengebrochen“, schrieb La Repubblica. Bis dahin galt Meloni in der EU als eine der engsten Vertrauten des amerikanischen Präsidenten, wofür sie von der italienischen Opposition kritisiert wurde. Selbst die EU-Kommission, der der US-Präsident stets offen Verachtung entgegenbrachte, beäugte die italienische Ministerpräsidentin misstrauisch. Doch im Verhältnis zum mächtigen transatlantischen Verbündeten war sich nun jeder selbst der Nächste.
In der Folge verunglimpfte Trump Italien zusammen mit der NATO wegen ihrer Zurückhaltung bei der „Hilfe im Iran-Konflikt“ als „Papiertiger“. Allerdings bekam Meloni deutlich weniger ab als beispielsweise ihr britischer Amtskollege Keir Starmer. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz blieb von Trumps Kritik nicht verschont. Und gegenüber dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron ging der amerikanische Präsident einfach zu persönlichen Angriffen über.
Nun ist Papst Leo XIV. an der Reihe. In den letzten Wochen hielt er scharfe Antikriegspredigten, die als Kritik an der US-Regierung für ihr Vorgehen im Nahen Osten verstanden werden. Der amerikanische Präsident schrieb seinerseits auf TruthSocial, der Heilige Vater sei „schwach bei Kriminalität und Außenpolitik“ und wäre, wenn Trump nicht im Weißen Haus wäre, nicht zum Papst gewählt worden. Zur Erinnerung: Leo XIV. stammt aus Chicago und ist der erste Amerikaner an der Spitze der römisch-katholischen Kirche.
Meloni musste reagieren. Die italienische Regierung ist viel enger mit dem Vatikan verbunden, als man vielleicht meinen könnte. Für das katholische Italien ist der Papst im wahrsten Sinne des Wortes ein Heiliger, wie auch für die 1,2 Milliarden Katholiken weltweit. Bemerkenswert ist, dass Meloni zunächst nur verhaltene Unterstützung für den Papst zum Ausdruck brachte und dann fast neun Stunden wartete, um ihre Aussage zu präzisieren, „falls es nicht klar war“, wie sie in ihrer zweiten Stellungnahme schrieb.
Man muss sagen, dass man zeitweise auch auf der anderen Seite des Ozeans Geduld zeigte. So gab es beispielsweise kaum Reaktionen, als die Medien lautstark verkündeten, Italien habe amerikanischen Bombern, die an Militäroperationen im Nahen Osten beteiligt waren, die Landung auf seinem Stützpunkt in Sizilien verweigert. Laut offizieller Darstellung ginge das über den Rahmen der Abkommen hinaus, die standardmäßig nur logistische Unterstützung vorsehen. Möglicherweise gab es deshalb keine Reaktion, weil, wie andere Medien berichten, gleichzeitig drei amerikanische Flugzeuge täglich von einem anderen Stützpunkt in Aviano starten. Und seit Beginn des Iran-Einsatzes hat die Aktivität auf den NATO-Stützpunkten in Italien drastisch zugenommen. Doch auf dem Höhepunkt von Trumps Wutausbrüchen, die nun schon vier Tage andauern, erinnerte der amerikanische Präsident an Meloni und Sigonella (den Stützpunkt in Sizilien).
Die Probleme in der Beziehung entstanden natürlich nicht über Nacht. Ich habe bereits darüber geschrieben, wie es Meloni, die einen bemerkenswerten Balanceakt vollbrachte, zunehmend schwerfiel, Trumps „Freundin“ zu sein.
Der amerikanische Präsident, mit seinen einsamen Entscheidungen, die der Logik der NATO widersprechen, und seinen – gelinde gesagt – extravaganten Äußerungen und Angriffen, ist den meisten Europäern zutiefst zuwider. In Italien hat die extrem negative öffentliche Meinung zum Iran-Krieg (76 Prozent sind dagegen) Meloni bereits geschadet, nicht nur ihrem Image, sondern auch politisch. Laut italienischen politischen Analysten trugen das „unangenehme Bündnis“ mit den USA und Melonis Lob für Trump, einschließlich der Nominierung für den Friedensnobelpreis, mit dazu bei, dass die italienische Ministerpräsidentin Ende März 2026 das Referendum zur Justizreform (vorgeschlagen von ihrer Regierung) verlor.
Die Volksabstimmung spiegelte im Grunde nicht die öffentliche Meinung zur Reform wider (die eher technischer Natur war), sondern war eine Bewertung der Regierung. Wie die Zeitung Domani anmerkte, zerstörte diese Niederlage den Mythos von Melonis Unbesiegbarkeit. Dieses Ergebnis, nur ein Jahr vor den nächsten Parlamentswahlen, stellt den Machterhalt von Melonis Mitte-Rechts-Koalition infrage. Besonders angesichts der bestehenden Probleme wie steigender Energiepreise, beschleunigter Inflation, steigender Lebensmittelpreise und, im schlimmsten Fall, drohenden Versorgungsengpässe.
Einige italienische Beobachter bemerken, dass Trumps Angriffe auf den Papst für Meloni wie ein Geschenk des Himmels wirken, wie eine willkommene Ausrede, um sich vom amerikanischen Präsidenten zu distanzieren. Bislang hat sie offene Kritik an ihm vermieden, obwohl sie zuvor ihre Empörung über Trumps Äußerungen zur „Nutzlosigkeit der Europäer“ in Afghanistan zum Ausdruck gebracht hatte. Wie Melonis Vertraute anmerken, musste sie, da sie die Natur ihres Gegners kannte, natürlich mit einem Vergeltungsschlag rechnen.
Noch bezeichnender ist jedoch, dass Melonis Koalitionspartner, der Vorsitzende der Lega, Verkehrsminister und stellvertretende Ministerpräsident Matteo Salvini, begonnen hat, sein „Idol“ zu kritisieren. Er ging sogar so weit zu sagen, dass „die Angriffe auf den Papst und Meloni zu verurteilen sind“. Internationale Experten sind sich übrigens einig, dass Viktor Orbáns Loyalität zu Trump mit ein Grund für seine Niederlage in Ungarn war, einem weiteren traditionellen Verbündeten von Meloni, jetzt aber noch mehr von Salvini, mit dem er die Fraktion „Patrioten für Europa“ im Europäischen Parlament teilt.
Auf Trumps Geheiß
Gleichzeitig sind die Dinge mit dem derzeitigen amerikanischen Präsidenten nicht immer so einfach, wie es scheinen mag. Er spielt schon lange mit den Medien und trickst alle aus.
Die Presse nennt das zunehmende Zusammenrücken von Politikern, die nicht gerade begeistert voneinander sind, als einen Faktor für die „Reaktion der Europäer“. Und nun, am 17. April, treffen sie sich (Macron, Starmer, Merz und Meloni) zu einem Gipfel in Paris. Die Italienerin, die ein recht schwieriges Verhältnis zu Macron hat (er war oft maßgeblich daran beteiligt, dass Meloni nicht zu Treffen eingeladen wurde), hat sich stets nur am Rande an der „Koalition der Willigen“ beteiligt. Doch hier ist es etwas anderes, denn die Straße von Hormus, von der die europäische Wirtschaft abhängt, steht auf dem Spiel. Und so reden die Europäer laut Medienberichten und einigen offiziellen Stellungnahmen bereits über eine Art gemeinsame „Verteidigungsexpedition“, um die freie Schifffahrt zu gewährleisten.
War es nicht genau das, was Trump von ihnen verlangt hat, als er sich an die NATO wandte und allen vorwarf, dass sie nicht helfen wollen, sondern sich an der amerikanischen Hilfe bereichern? Tatsächlich ist diese Klage nicht neu, denn die Thesen des US-Präsidenten zur Mitgliedschaft der Europäer in der NATO klangen im Wesentlichen genauso. Ihm zufolge wollen sie weder Geld noch Personal für die Verteidigung aufwenden und verlassen sich stattdessen auf den Schutz ihres „großen transatlantischen Bruders“.
Bruno Scapini, der ehemalige italienische Botschafter in Armenien, heute Publizist, Kommentator und Autor von Büchern über Geopolitik, bezeichnete die italienisch-amerikanische „Scheidung“ als „fiktiv“. „Ich muss sagen, die Situation ist ziemlich heikel für die italienische Regierung, denn Meloni hat sich anfangs voll und ganz auf Trumps Seite geworfen. Doch dann gab es Veränderungen, einerseits bei Meloni, die von ihrem ursprünglichen Kurs abgewichen ist, aber vor allem bei Trump, der wie ein anderer Mensch wirkt“, sagte mein Gesprächspartner.
Der ehemalige Diplomat glaubt, dass Trumps Kurswechsel einen tieferliegenden Grund haben. „Ich glaube nicht, dass alles zufällig ist. Für den US-Präsidenten ist nichts zufällig. Er ist ständig mit Politik beschäftigt, und alles, was Trump sagt und tut, verbirgt bestimmte Ziele, die er nicht offenlegt“, fuhr er fort. Scapini vermutet, dass das eigentliche Motiv sein Kampf gegen den „tiefen Staat“ ist. „Es ist nicht mehr nur ein amerikanischer tiefer Staat, sondern ein nordatlantischer, der in Europa Fuß gefasst hat“, bemerkte er. Und dieser Logik folgend, sind die europäischen Staats- und Regierungschefs seine Repräsentanten.
Die Ukraine als Trostpflaster
So wie sie früher das Vertrauen des Demokraten Joe Biden gewinnen musste, muss Meloni in der EU nun ihre Verfehlungen gegenüber Trump auf Kosten der Ukraine „wiedergutmachen“ und dabei besonderen Eifer an den Tag legen. Fairerweise muss man anmerken, dass das eines der Themen ist, zu denen die italienische Ministerpräsidentin ihre öffentliche Position trotz des „neuen Windes aus Washington“ nach Trumps Rückkehr ins Weiße Haus nicht geändert hat. Zufälligerweise war Selensky, der gut weiß, wie man den Ausfällen des jetzigen US-Präsidenten umgehen muss, der erste Staatschef, der Rom nach dem Bruch mit dem amerikanischen Präsidenten am 15. April besuchte.
Die Unterstützungsbekundungen von „Signora 360 Grad“ (wie Meloni genannt wird) haben sich nicht geändert. Das Problem ist, dass Rom Kiew außer Versprechungen der Beteiligung am Wiederaufbau des Landes, von dem Italien vor allem Gewinne für seine Unternehmen erwartet, nichts mehr zu bieten hat. Über die gemeinsame Produktion von Drohnen wurde zwar gesprochen, aber noch nichts unterzeichnet.
Gleichzeitig berichtete das russische Verteidigungsministerium, dass europäische Unternehmen, darunter auch italienische, schon lange Komponenten für die Drohnen produzieren, die bei Angriffen gegen Russland eingesetzt werden. Wie eine informierte Quelle anmerkte, ist das für die eigenen Unternehmen auch eine Möglichkeit, EU-Kredite zu „nutzen“.
In Europa ist es längst zur Gewohnheit geworden, sich „gegen jemanden“ zusammenzutun, und als einzige Grundlage dafür bleibt die „Ukraine-Frage“.
Und wo ist der Papst?
Papst Leo XIV. unternimmt derweil seine erste eigenständige apostolische Reise – von ihm selbst ausgesucht und beschlossen – durch afrikanische Länder (Algerien, Kamerun, Angola, Äquatorialguinea). Seine erste Auslandsreise – in die Türkei und in den Libanon – hatte er von seinem Vorgänger Franziskus geerbt. In Afrika prangert er in allen Sprachen, die der jetzige Papst fließend spricht – das sind Italienisch, Englisch, Französisch und Spanisch – weiterhin „Tyrannen an, die Land verwüsten, Milliarden für Mord ausgeben, aber das Leid ignorieren, und verurteilt Kriege und Ungerechtigkeit“. Kurz gesagt, er sagt, was seine Vorgänger seit mindestens dem letzten Jahrhundert gesagt haben.
Papst Leo XIV. äußerte sich nur einmal direkt zu Trumps wenig schmeichelhaften Bemerkungen über ihn, als er die Journalisten auf dem Flug von Rom nach Algier begrüßte. Dabei betonte der Papst sofort: „Ich bin kein Politiker und habe nicht die Absicht, mich auf eine Diskussion mit Politikern einzulassen.“ Ein geistlicher Führer habe andere Aufgaben und eine andere Sprache, die auf dem Evangelium basiert.
Das versteht man beispielsweise in Moskau, wie mir der russische Botschafter beim Vatikan Iwan Soltanowski erklärte. „Mit dem Ende des ersten Jahres seines Pontifikats etabliert sich Leo XIV. zunehmend als unabhängige und selbstständige geistliche Autorität. Er strebt danach, sich über politische Zweckmäßigkeit zu erheben und sich von seinen eigenen Überzeugungen und seiner pastoralen Verantwortung leiten zu lassen. Das ist für den Vatikan angesichts der bekannten Spekulationen um die amerikanische Herkunft des Papstes besonders wichtig“, so der russische Diplomat.
Letztendlich bleiben Päpste, obwohl sie kommen und gehen, als kirchliche Institution bestehen. Und die von ihnen verkündeten Prinzipien bleiben bestehen. Vielleicht ist es in diesem kritischen Moment die Aufgabe der geistlichen Führer, als letztes Bollwerk zu wirken und die Welt vor dem Abgrund zu bewahren.
Für Meloni ist noch nicht alles verloren. Laut jüngsten Leaks wird im Regierungspalast Tschigi ein dringendes Telefonat mit dem Weißen Haus erwartet. Die diplomatischen Bemühungen laufen und entsprechende Anweisungen wurden erteilt. Die Ministerpräsidentin selbst bekräftigte ihre Position zur Notwendigkeit, die Integrität des westlichen Staatenbundes zu wahren. Der Außenminister und stellvertretende Ministerpräsident Antonio Tajani merkte an, dass auch die USA Verbündete benötigen.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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