Das russische Außenministerium reagiert auf die Kriegsbeteiligung der Balten am Krieg gegen Russland
Seit dem 22. März gab es jede Nacht massive Drohnenangriffe auf die nordwestrussische Region St. Petersburg, bei denen es erhebliche Schäden gegeben hat. Ich habe schon letzten Sommer berichtet, dass die Drohnen, die den Raum St. Petersburg angreifen, offenbar aus dem Baltikum kommen, was eine eindeutige Kriegsbeteiligung der baltischen Staaten wäre, weil sie der Ukraine erlauben, ihre Lufträume für Angriffe auf Russland zu nutzen.
Inzwischen bestreitet niemand mehr, dass die ukrainischen Drohnen, die Ziele im Raum St.Petersburg angreifen, dazu die Lufträume der baltischen Staaten und Finnlands nutzen, wozu sie auch den polnischen Luftraum durchqueren müssen. Darüber haben sogar deutsche Medien wie der Spiegel mehrmals offen berichtet, wobei sie ihre Leser allerdings nicht darauf hingewiesen haben, dass das eine Kriegsbeteiligung der entsprechenden Staaten mit allen daraus folgenden Konsequenzen bedeutet, sondern deutsche Medien haben sich stattdessen über die erfolgreichen ukrainischen Angriffe gefreut. Darauf weise ich seit dem 29. März hin.
In Russland halten Medien und Regierung den Ball bei dem Thema flach. Es gab in russischen Medien nur wenige Berichte darüber und das russische Verteidigungsministerium hat in einigen seiner Pressemeldungen über ukrainische Drohnenangriffe sogar verschwiegen, dass Petersburg angegriffen wurde. Da ich in Petersburg wohne, weiß ich von den Angriffen, weil bei jedem der Angriffe per SMS Luftalarm und später auch Entwarnung gegeben wird. Und auch die Schäden, die bei den Angriffen entstehen, sind den Menschen hier natürlich bekannt.
Am 8. April wurde Maria Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, bei ihrer regulären Pressekonferenz nach dem Thema gefragt. Ich übersetze hier die Frage und ihre Antwort, und danach schauen wir uns an, was das bedeutet.
Frage: Am 31. März warnte Dmitri Peskow vor „entsprechenden Maßnahmen“, falls sich bestätigen sollte, dass Drohnen der ukrainischen Streitkräfte über die baltischen Staaten geflogen sind. Die Drohnen fliegen weiterhin und greifen russische Ziele an, und die baltischen Staaten geben öffentlich zu, sie mit ihren Radargeräten nicht einmal erfassen zu können. Es kursiert auch die Verschwörungstheorie, diese Drohnen könnten möglicherweise gar nicht über die baltischen Staaten geflogen sein, sondern wurden vom Territorium der baltischen Staaten aus gestartet. Könnten Sie mehr über die entstandene Situation sagen?
Sacharowa: Zweifellos betrachten wir die jüngsten Drohnenvorfälle als Terrorangriffe auf die Russische Föderation und ihre industriellen und zivilen Einrichtungen. Wenn Drittstaaten ihr Territorium für Überflüge von feindlichen Drohnen zur Verfügung gestellt haben oder stellen, müssen sie klar verstehen – und wir sind sicher, dass sie das tun -, welchen Risiken sie sich aussetzen. Für detailliertere Informationen zu den Drohnenüberflügen und deren Radarerfassung empfehlen wir Ihnen, sich an die zuständigen Behörden zu wenden.
Wer die Pressekonferenzen von Sacharowa verfolgt, die RT-DE beispielsweise oft mit Simultanübersetzung streamt, oder die vielen Übersetzungen von ihren Pressekonferenzen kennt, die ich im Laufe der Jahre veröffentlicht habe, der sieht, dass das eine für Sacharowa extrem ungewöhnliche Antwort war. Normalerweise geht sie Fragen nicht aus dem Weg, sondern antwortet ausführlich.
Dass sie hier so eine ausweichende Antwort gibt und auf die „zuständigen Behörden“, damit ist das russische Verteidigungsministerium gemeint, verweist, bedeutet, dass diese Frage offenbar nicht mehr in der Kompetenz des russischen Außenministeriums liegt. Es gibt dazu also offenbar keine diplomatischen Kontakte zu den entsprechenden Staaten. Stattdessen scheint das Verteidigungsministerium an einer Reaktion zu arbeiten, so verstehe zumindest ich diese Aussage.
Außerdem zeigt die Frage des Journalisten, wie sehr Russland immer noch versucht, zu deeskalieren. Er zitiert Kremlsprecher Peskow, der am 31. März gewarnt hat, falls sich bestätigen sollte, dass Drohnen der ukrainischen Streitkräfte über die baltischen Staaten geflogen sind, würde Russland „entsprechende Maßnahmen“ ergreifen. Peskow hat also so getan, als sei das noch gar nicht erwiesen, dabei hatten die baltischen Staaten und Finnland das zu dem Zeitpunkt bereits offiziell bestätigt und auch westliche Medien wie der Spiegel hatten darüber bereits mehrfach berichtet.
Viele im Westen scheinen zu glauben, Russlands Geduld werde ewig anhalten und es werde die offene Kriegsbeteiligung der europäischen Staaten und den Beschuss Russlands mit deren offener Beteiligung ewig ignorieren.
Darauf würde ich nicht setzen, sondern ich befürchte, dass wir eines (vielleicht nicht mehr allzu weit entfernten) Tages morgens aufwachen und in den Medien hören, dass Russland in die baltischen Staaten einmarschiert ist. Und dann werden die westlichen Medien und Politiker genauso überrascht tun, wie am 24. Februar 2022, als Russland als Reaktion auf die fortgesetzten Provokationen der Ukraine und der NATO in der Ukraine interveniert hat.
Dabei wäre daran nichts überraschend, denn die europäischen Staaten provozieren Russland immer dreister zu einer militärischen Reaktion. Nur verschweigen sie das der europäischen Öffentlichkeit.
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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