Betreuung gestrandeter Menschen – Ein Neustart wäre vonnöten

📰 paz.de

Die Bahnhofsmission leistete in Pommern über viele Jahrzehnte eine vorbildliche Arbeit

paz.de📅 10.04.2026

Züge, die nicht fahren. Ein Beförderungsauftrag, der nicht eingelöst wird. Gestrandete Fahrgäste, darunter viele Frauen mit Kleinkindern und Jugendliche, deren Schicksal und Fortkommen niemanden wirklich interessierte. Diese aktuellen Ereignisse vom Bahnhof Stralsund wecken Erinnerungen an eine Institution: Die Bahnhofsmission.

Um es vorwegzunehmen: In Pommern gibt es schon seit 70 Jahren keine mehr. Doch es gibt, wie beschrieben, berechtigte Gründe, dass beim Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis über eine Wiederbelebung nachgedacht wird. Doch was hat es eigentlich mit der Bahnhofsmission auf sich? Und warum gibt es sie in Pommern nicht mehr?

Ein Rückblick: Im 19. Jahrhundert, als noch reisende und stellensuchende Mädchen durch das Land reisten, mehrten sich Berichte darüber, dass einige von ihnen vom rechten Weg abgekommen seien, der Prostitution nachgingen oder durch Mädchenhandel dazu gezwungen wurden. Dies führte zu bürgerlichen Initiativen, die nicht zuschauen wollten.

So trafen sich 1877 überwiegend protestantische Frauen zu einer Tagung gegen Prostitution in Genf und gründeten den „Internationalen Verband der Freundinnen junger Mädchen“. Dieser richtete bereits 1884 in Genf erstmals einen Bahnhofsdienst ein, der sich gezielt diesen reisenden Mädchen zuwandte und Hilfestellung bot.

Auch in Deutschland war die Notlage reisender Mädchen bekannt, auch hier gab es eine Reaktion. 1899 wurde auf Initiative der Kaiserin Auguste Viktoria die Evangelische Frauenhilfe gegründet. Sie warnte Mädchen vor leichtfertiger Wanderung, baute ein Korrespondenznetz, eine Stellenvermittlung und einen Abholdienst auf, und in Berlin entstand 1894 die erste Bahnhofsmission. 1897 schlossen sich evangelische Verbände zur (Evangelischen) deutschen Bahnhofsmission zusammen. Im gleichen Jahr entstand auch in München die erste katholische Bahnhofsmission. Und der Jüdische Frauenbund begründete 1904 die „Jüdische Bahnhofshilfe“.

Bereits 1905 kam es zur Gründung eines pommerschen Provinzialverbandes der evangelischen Frauenhilfe, entstanden aus Frauenkreisen, deren Bibelmitarbeiterinnen bereits zu den regionalen Gruppen reisten und mit diesen verbunden waren. Somit war auch in Pommern das Fundament für die Evangelische Frauenhilfe gelegt. Hier war jedoch die Entstehung einer ersten Bahnhofsmission eng mit der Geschichte der 1875 gegründeten Stettiner Stadtmission verknüpft. Bei dem Betrieb der Stettiner Bahnhofsmission konnte man sich nicht nur auf den noch jungen „Verein der Freundinnen junger Mädchen“, sondern auch auf weitere Jugendvereine stützen.

Der „Verein der Freundinnen junger Mädchen“ hatte seinen Sitz übrigens unweit des Bahnhofs, im Stettiner Auguste-Victoria-Haus, Grüne Schanze 6. Die bereits erwähnte Kaiserin Auguste Viktoria hatte damals nicht nur das Protektorat für die Deutsche evangelische Bahnhofsmission, sondern auch für das Haus übernommen. Dass die Evangelische Frauenhilfe und damit auch die Bahnhofsmission nun um 1900 eine Heimstatt bekamen, verdankte sie allerdings ebenfalls der Frau von Bürgermeister Sternberg und Fräulein Hegewaldt. Und trotz der Kriegsnöte des Ersten Weltkriegs und der Geldentwertung der 1920er Jahre wuchs das Sozialwerk damals stetig.

Neben dem Auguste-Victoria-Haus mit der Bahnhofsmission als Heimstatt für durchreisende Frauen, einem Hospiz, einer Stellenvermittlung und einem Mittagstisch für alleinstehende Frauen und Mädchen – mit jährlichen 23.700 Essensportionen (1923) – betrieb man auch noch das Charlottenheim für Arbeiterinnen im Rosengarten 17.

Die Bahnhofsmission selbst soll ihren Beginn um 1900 gehabt haben. Die Hauptarbeit wurde dabei durch eine fest angestellte Bahnhofsmissionarin – Schwester Mariechen – geleistet, die durch ehrenamtliche Damen unterstützt wurde. Allerdings schmolz die Anzahl der Helferinnen zusammen, wie es im „Boten vom Pommernstrand“ (1921) hieß.

Damals wie heute großer Bedarf

Schon zu jener Zeit waren die dabei an die Bahnhofsmission herangetragenen Sorgen junger Mädchen, Kinder, alter Leute und Rückwanderer kaum zu bewältigen. Dramatisch wurde es dann aber in den 1920er Jahren, als von den Gütern entlassene Schnitterfrauen jedes Jahr zum Beginn der Winterzeit den Stettiner Bahnhof füllten.

Mit geringem oder keinem Bargeld, hungernd und frierend, wurden sie von der Stettiner Bahnhofsmission aufgenommen und – so gut es eben ging – versorgt. Auch weil Herbergen, wie die auf der Silberwiese und der Lastadie echte Elendsquartiere waren, wo die Frauen und ihre Kinder der Willkür, dem Elend und der Gewalt ausgeliefert waren.

Mitte der 1920er Jahre erhielt die Stettiner Bahnhofsmission ein eigenes Bahnhofszimmer – es wurde mit Betten, Stühlen und Decken ausgestattet. Die Kostendeckung erfolgte durch die Arbeit des bereits erwähnten Hospizes, durch behördliche Zuschüsse und private Spenden. Das änderte sich aber ab 1933 mit dem Nationalsozialismus.

Zunächst begann die Einmischung der NS-Frauenschaft. Dann traten örtliche Stellen der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt mit ihren Bahnhofsdiensten in Konkurrenz zur Bahnhofsmission auf. Am 5. November 1934 wurde das „Gesetz zur Regelung der öffentlichen Sammlungen und sammlungsähnlichen Veranstaltungen“ erlassen. Dadurch war die Grundlage zur Zerschlagung der freien Wohlfahrtspflege gelegt worden. Ihrer eigenständigen Finanzquellen beraubt und unter dem Druck der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt war die Evangelische Frauenhilfe schließlich gezwungen, die Stettiner Bahnhofsmission bis 30. September 1939 zu schließen.

1944 wurde die Zentrale der Pommerschen Frauenhilfe in Stettin durch alliierte Bomber zerstört. 1945 erfolgte die Verlegung nach Greifswald. Bis Mitte der 1950er Jahre übernahm die Frauenhilfe auch hier die Arbeit bei der Bahnhofsmission, bis sie schließlich durch Repressionen und Entzug der Genehmigung zur Aufgabe gezwungen wurde. Eine Wiederbelebung wäre wünschenswert.

• www.bahnhofsmission.de

👁 2 Aufrufe 👤 2 Leser

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert