Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen. Erst recht, wenn es sich um eine Schiffsreise mit dem Dampfeisbrecher „STETTIN“ in pommerschen Gewässern handelt – genauer: von Saßnitz auf Rügen nach Swinemünde. Das Ablegen war für Dienstag, den 11. August 2026 um 10 Uhr angesetzt. Bei 17 Grad Lufttemperatur und einer frischen Brise aus Nordwest, Windstärke 3, und viel Sonne – ideales Reisewetter.
Außer der Besatzung waren 12 Mitreisende an Bord gegangen – sie kamen alle aus dem deutschsprachigen Raum. Sicher war es ein Privileg, dieses technische Denkmal auf einem Törn von Hamburg nach Stettin zu begleiten. Am 1. August war die „Stettin“ nach Pommern aufgebrochen. Vom 12. bis 17. August war sie dann planmäßig im ehemaligen Heimathafen Stettin bei der „Sail Stettin“ dabei und am 26. August wird sie wieder in Hamburg an ihrem Liegeplatz im Museumshafen Oevelgönne erwartet.
Nun denn: Vor uns lagen 50 Seemeilen auf offener Ostsee, vorbei an der Greifswalder Oie. Sicher etwas Besonderes, denn der Dampfeisbrecher „Stettin“, Baujahr 1933, zählt heute zu den größten betriebsfähigen Museumsschiffen Europas. Eine kohlegefeuerte Kesselanlage mit 2.200 PS starker Dampfmaschine bewegt das Kraftpaket. Diese befindet sich im Originalzustand und wurde seit Indienststellung vor über 90 Jahren nicht verändert!
Und wenn es mal an Ersatzteilen mangelt? Dann wird das eine oder andere selbst gefertigt. Über die Expertise verfügt man bei den etwa 700 Mitgliedern des 1981 gegründeten Dampf-Eisbrecher Stettin e. V. An die 100 von ihnen verbringen ihre freie Zeit, um das Herz, die Dampfmaschine, und den Schiffskörper am Laufen zu halten und hauchen dem Schiff, in dem 90.000 Nieten für Stabilität sorgen, regelmäßig Leben ein. Doch für einige Arbeiten werden auch Spezialfirmen benötigt. Um den originalen Zustand weitgehend zu erhalten, bedarf es dann der Anwendung entsprechender Techniken. Dazu muss, alle fünf Jahre, der „Schiffs-TÜV“ – die technische Überprüfung und die Klassifikation – stattfinden, die die Seetüchtigkeit, die Sicherheit und den einwandfreien technischen Zustand bescheinigen. Grund genug mal einen Blick in den Maschinenraum zu werfen. Bei der Dampfmaschine handelt es sich, wie erklärt wurde, um eine Dreifach-Expansionsmaschine, was bedeutet: Der Dampf expandiert in drei Stufen. Die Maschine verfügt somit über Hochdruck, Mitteldruck und Niederdruck. Für den Regelbetrieb benötigt die „Stettin“ alleine zehn Besatzungsmitglieder.
An Bord wird normalerweise schlesische Kohle für den Schiffsbetrieb verfeuert. Auch diese ist sehr teuer geworden. Seit 2020 spricht man übrigens von einer Verdreifachung des Preises. All das treibt die Betriebskosten der „Stettin“ in die Höhe. Das lässt sich gut nachvollziehen, wenn man beispielsweise bedenkt, dass in einer Stunde bis zu einer Tonne Kohle notwendig werden können, um die Maschine zu befeuern.
Beeindruckende Technik
Neben den sechs Heizern, die für unsere weithin sichtbaren dunklen Rauchfahnen und stabilen Druck sorgen, sind noch zwei Assistenten, ein Maschinist und ein leitender Ingenieur notwendig. All das lässt sich für die Mitreisenden im Maschinenraum erleben. Vor allem die große Welle und die riesigen Kolben, die stetig in den Zylindern auf- und abgleiten, sind beeindruckend. Ingenieurskunst, die es zu erhalten gilt!
Dabei kann die „Stettin“ schon auf eine bewegte Geschichte zurückschauen. Zur Zeit der Weimarer Republik in Stettin gebaut, im Nationalsozialismus in Dienst gestellt. Zum Kriegsende 1945 erreichte sie mit 500 Flüchtlingen an Bord, die sich mit einer Toilette und einem kleinen Herd begnügen mussten, dazu einem Schwesternschiff im Schlepp, den sicheren Westen. Es ist nahezu ein Wunder, dass sie 1945 nicht versenkt wurde.
Während des Kalten Krieges tat sie ihren Dienst auf der Elbe.
Wir sind wieder an Deck. Eine Welle klatscht gegen die Bordwand. Über Lautsprecher vernehmen wir die Stimme des Kapitäns, er geht auf die Besonderheiten der pommerschen Landschaft ein und rundet damit das Erlebnis der Schiffsreise ab.
Wir treffen Zahlmeisterin Christina Günter an Deck, sie spendet der „Stettin“ auf diesem Törn 12 Tage ihres Lebens, wobei das Schiff schon Leidenschaft ist, die sie auch lebt. So wie ihr geht es vielen an Bord. Und wie kam sie nun ausgerechnet zur „Stettin“? Die Beziehung zu Schiffen hatte die Zahlmeisterin, wie viele der Mannschaft, schon vorher. Bei ihr war es zunächst die Arbeit für eine Reederei. Bei der „Stettin“ hatte sie zunächst im Service angefangen. Brötchen schmieren, kochen. Schließlich müssen die Besatzung und die Gäste an Bord beköstigt werden. Das ist wichtig für die Stimmung an Bord!
Sie hat also zunächst verschiedene Bereiche durchlaufen und wurde so Stück für Stück Teil der Mannschaft. Interessant sicher auch, dass sich viele hier kennen und einige sogar lieben gelernt haben. So ging es auch ihr. Heute, als Zahlmeisterin, hat sie natürlich stets einen Blick auf die Kosten. Die werden auch durch die Einnahmen auf den Fahrten, „Stettin“, Fan-Artikel, Mitgliedsbeiträge und natürlich auch Spenden gedeckt.
Swinemünde in Sicht, wir konnten das spannende Manöver, wie der polnische Lotse an Bord kam, beobachten. Unsere sechsstündige Fahrt neigt sich leider dem Ende zu. Mit einer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von 9 Knoten – Höchstgeschwindigkeit 13 bis 14 Knoten (24–26 km/h) – erreichen wir Swinemünde. Für die Crew und Besucher steht heute noch ein Kapitänsempfang an. Dazu wurde das Messing bereits poliert.
Für uns heißt es nun leider Abschied nehmen von der „Stettin“. Wir treten die Rückreise per Bahn an, nicht ohne noch einmal zurückzublicken auf das Schiff, das nach 13 Jahren wieder auf ehemals heimischen Gewässern unterwegs war. Es war ein ganz besonderes Erlebnis. Auf Wiedersehen, hoffentlich schon bald.
Wer einmal eine Fahrt auf dem Eisbrecher „Stettin“ erleben möchte, kann ein umfangreiches Angebot auf der Webseite des Vereins finden.