Bis weit in das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts war Prof. Dr. Roswitha Wisniewski eine prägende und richtungweisende Persönlichkeit – zunächst in der Wissenschaft, später in der Politik und über Jahrzehnte als Verantwortliche in zahlreichen Ehrenämtern. Zu diesen zählte das Amt der Vizepräsidentin der Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR, das sie von 1995 bis zu ihrem Tod im Jahr 2017 innehatte.
Geboren am 23. September 1926 im pommerschen Stolp, legte sie nach der Vertreibung im völlig zerstörten Berlin 1946 ihre Reifeprüfung ab und begann ihr Studium der Germanistik noch an der Humboldt-Universität, wechselte aber aus politischen Gründen 1948 an die neu gegründete Freie Universität Berlin, wo sie sich am Aufbau des Germanistischen Seminars beteiligte. Nach ihrer Promotion 1953 war sie Assistentin des Altgermanisten Helmut de Boor, studierte dann mit einem Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft Theologie in Marburg und Bonn und habilitierte sich 1960 mit einer Arbeit aus dem Gebiet der altnordischen Saga.
Ihre wissenschaftliche Laufbahn führte Roswitha Wisniewski von der Freien Universität Berlin zunächst von 1965 bis 1967 an die Universität Kairo und dann nach Heidelberg, wo sie als erste Frau auf einem Lehrstuhl der 1386 gegründeten Universität von 1967 bis zu ihrer Emeritierung 1994 ältere deutsche Sprache und Literatur lehrte.
Anders als viele Politiker heute hatte sich Roswitha Wisniewski also bereits eine hohe internationale wissenschaftliche Reputation erworben und übte einen verantwortungsvollen Beruf als Hochschullehrerin aus, als sie sich 1972 aufgrund der Studentenunruhen an ihrer Heidelberger Universität entschloss, auch politisch tätig zu werden. Sie übernahm Führungsaufgaben in der CDU Baden-Württembergs, in der Frauenunion und in der Kommunalpolitik. Nach dieser „Lehrzeit“ vertrat sie von 1976 bis 1994 ihr Land zunächst über die Landesliste, ab 1983 direkt den Wahlkreis Mannheim II – Bergstraße im Deutschen Bundestag.
„Mehr sein als scheinen“
Die Schwerpunktsetzung ihrer Arbeit im Bundestag zeigte, wie sehr Roswitha Wisniewski – stellvertretend für viele Menschen ihrer Generation aus dem deutschen Osten – ihr persönliches Schicksal in zukunftsgerichtete Politik umzusetzen verstand. Als Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Unterausschuss „Kunst und Kultur“ wie auch als Mitglied der Gruppe der Vertriebenen in der CDU/CSU-Fraktion war sie maßgebend an der Vertriebenen-Gesetzgebung und an der Gestaltung der Kulturpolitik gemäß § 96 BVFG beteiligt. Als Vorsitzende des Unterausschusses „Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts“ ging es ihr vor allem um die Pflege der Mahn- und Gedenkstätten nationalsozialistischer Verbrechen.
Die Professorin Roswitha Wisniewski war natürlich auch im Rahmen der Hochschul- und Bildungspolitik gefragt. Ihre besondere Zuwendung galt der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, dem angemessenen Rang der geisteswissenschaftlichen Disziplinen und den Frauen, die im Hochschulbereich deutlich unterrepräsentiert waren. Gemeinsam mit dem evangelischen Bischof Dr. Hermann Kunst gab sie 1988 ein „Handbuch für Frauenfragen“ heraus. Bis zu ihrem Tod war bei Wisniewski dieses Anliegen spürbar, so wenn Konferenzprogramme von ihr kritisch unter dem Blickwinkel der Frauenbeteiligung betrachtet wurden.
Ein Herzensanliegen war ihr die Pflege des ostdeutschen kulturellen Erbes. Sie hat an der Errichtung der Stiftungslehrstühle für deutsche Literatur und Sprache im östlichen Europa an den Universitäten Leipzig und Heidelberg ebenso mitgewirkt wie bei der Vergabe von Forschungsaufträgen oder als Mitglied der Auswahlkommissionen des Bundesministeriums des Innern an der Vergabe des Immanuel-Kant-Habilitationsstipendiums und des Jacob-Grimm-Doktorandenstipendiums. Für ihr außergewöhnliches Engagement wurde Roswitha Wisniewski 1994 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Für die Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR war Roswitha Wisniewski als Kuratorin für Literaturgeschichte der Gesellschaft für Pommersche Geschichte, vor allem aber als Vizepräsidentin mit ihrem reichen Wissens- und Erfahrungsschatz eine unschätzbare Ratgeberin.
Nach dem Tod des Präsidenten Prof. Dr. Eberhard Schulz am 3. August 2010 hat sie für lange Monate die schwere Aufgabe der Gesamtverantwortung für die Stiftung übernommen und ist nicht müde geworden, mit freundlicher Unerbittlichkeit und Ausdauer für eine im Stiftungsrat einvernehmlich durchsetzbare Nachfolgeregelung zu sorgen.
Roswitha Wisniewski war ein echtes Vorbild – als Mensch, Wissenschaftlerin und Politikerin. Sie konnte auf eine einzigartige Lebensleistung zurückschauen. Zurückhaltend und bescheiden in ihrer liebenswürdigen und sympathischen Art, mit wachem, kritischem Blick für das Wesentliche und klaren Kriterien für notwendige Zukunftsentscheidungen widmete sie sich – getreu der preußischen Devise „Mehr sein als scheinen“ – diszipliniert den Zielen, die sie sich gesetzt hatte. Zu ihrem 90. Geburtstag 2016 konnte der Präsident des OKR ihr im Augustinum Bonn persönlich sagen: „Frau Professor Wisniewski, Sie haben sich um die Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa verdient gemacht.“
Mit großer Dankbarkeit gedenkt der Beirat der Stiftung seiner früheren Vizepräsidentin Prof. Dr. Roswitha Wisniewski anlässlich ihres 100. Geburtstages.