Wovon der Spiegel bei der jüngsten Einberufung des deutschen Botschafters in Moskau ablenkt
Das russische Außenministerium hat den deutschen Botschafter in Moskau vorgeladen, um offiziell gegen die die deutsche Beteiligung an den ukrainischen Terrorangriffen auf Ziele in Russland zu protestieren. Es ging also um die offene Kriegsbeteiligung Deutschlands, die natürlich auch das Risiko beinhaltet, dass Russland irgendwann militärisch auf diese Kriegsbeteiligung antworten könnte.
Davon sollen die Menschen in Deutschland aber nichts erfahren, weshalb das deutsche Außenministerium in seiner Erklärung dazu lieber über ein Video geschrieben hat, das die deutsche Botschaft in Moskau veröffentlicht hat. In dem Video hat sich eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft in dreister Weise in die inneren Angelegenheiten Russlands eingemischt und Russland hat bei der Gelegenheit natürlich auch dagegen protestiert.
Der wichtigste Grund für die Einberufung des deutschen Botschafters war aber die offene deutsche Kriegsbeteiligung, wie man aus der russischen Erklärung zu der Einberufung klar ersehen kann. Ich habe die Erklärung übersetzt, zu ihr kommen wir am Ende dieses Artikels, vorher schauen wir uns noch an, wie der Spiegel seine Leser vom Kern des Problems abgelenkt hat.
Geschickte Propaganda im Spiegel
Der Spiegel hat über die Einberufung des deutschen Botschafters unter der Überschrift „Botschafter Lambsdorff einbestellt – Russland vergleicht Öffentlichkeitsarbeit der deutschen Botschaft mit Nazipropaganda“ berichtet und schon in der Einleitung des Artikels wurde klar, dass der Spiegel gehorsam das Narrativ der Bundesregierung übernommen hat und seinen Lesern verschweigt, worum es bei der Einberufung tatsächlich ging. Der Spiegel schreibt in der Einleitung:
„Russland hat den scheidenden deutschen Botschafter Alexander Graf Lambsdorff noch einmal ins Außenministerium einbestellt, wegen eines kritischen Instagram-Videos. Die deutsche Vertretung in Moskau will sich aber nicht einschüchtern lassen.“
Der Spiegel-Artikel ist sehr geschickt aufgebaut und er versucht, den Lesern Neutralität zu suggerieren, so heißt es in dem Artikel beispielsweise:
„Die Erklärungen für die Einbestellung gehen auseinander.“
Das klingt so, als würde der Spiegel danach die Sichtweise beider Seiten wiedergeben, aber das tut er natürlich nicht. Stattdessen geht der Spiegel nur auf das Video ein und schreibt, laut dem Auswärtigen Amt sei das Video der „Anlass der Einbestellung“.
Die russische Seite zitiert der Spiegel gar nicht, sondern er zitiert auch zur russischen Sichtweise das deutsche Außenministerium. Der Spiegel schreibt, Moskau habe die „Öffentlichkeitsarbeit der deutschen Botschaft in Moskau im Gespräch mit Lambsdorff kritisiert“, weil sie auf „schmerzliche Probleme“ der russischen Bevölkerung hinweise, habe das Auswärtige Amt mitgeteilt.
Der Spiegel suggeriert seinen Lesern, in dem Artikel beide Seiten zu zitieren, tatsächlich aber zitiert er nur das deutsche Außenministerium, was natürlich nicht objektiv ist.
Auf das Video selbst will ich nicht eingehen, denn es ist eine billige Verhöhnung der Benzinknappheit in Russland. Was das Video so brisant macht, ist die Tatsache, dass diese Benzinknappheit darin begründet ist, dass Deutschland sich an dem Krieg gegen Russland und den Angriffen auf russische Raffinerien beteiligt. Mit anderen Worten: Die deutsche Botschaft in Moskau verhöhnt die Menschen in Russland und die russische Regierung, indem sie auf die Benzinknappheit hinweist, die eine Folge der de facto deutschen Angriffe auf Ziele in Russland ist.
Aber der Spiegel lenkt davon ab, dass diese deutsche Kriegsbeteiligung der Grund für die Einbestellung des deutschen Botschafters war. Der Spiegel-Artikel hat neun Absätze, in denen es praktisch ausschließlich um das Video geht, lediglich in einem einzigen der neun Absätze schreibt der Spiegel:
„Das russische Außenministerium stellt Lambsdorffs Einberufung anders dar. In einer Stellungnahme behauptete das Ministerium zunächst, man habe Lambsdorff mitgeteilt, dass Deutschland an »Terroranschlägen« der Ukraine auf die zivile Infrastruktur in Russland beteiligt gewesen sei. Man habe dem Botschafter deutlich gemacht, dass die zunehmende Unterstützung Deutschlands für die Ukraine unzulässig sei, dazu zählten etwa militärische Abkommen zu Waffenlieferungen.“
Mit diesen Formulierungen im Konjunktiv sorgt der Spiegel dafür, dass das deutsche Publikum den wahren Grund für die Einberufung des deutschen Botschafters überliest oder nicht ernst nimmt. Und vor allem sorgt der Spiegel so dafür, dass das deutsche Publikum immer noch nicht versteht, dass Deutschland bereits Kriegspartei ist und dass Russland jederzeit zurückschießen könnte.
Die russische Erklärung
Aber entscheiden Sie selbst, ob meine Kritik am Spiegel-Artikel und am Auswärtigen Amt berechtigt ist, indem Sie die offizielle Erklärung des russischen Außenministeriums lesen, die ich übersetzt habe.
Beginn der Übersetzung:
Am 13. Juli wurde der deutsche Botschafter in Moskau ins russische Außenministerium einbestellt und über Berlins Beteiligung an den Terrorangriffen des Kiewer Regimes auf zivile Infrastruktur in Russland informiert.
Ihm wurde deutlich gemacht, dass die zunehmende Unterstützung Deutschlands für das Kiewer Regime inakzeptabel ist, die militärische und militärtechnische Abkommen, direkte Waffenlieferungen sowie die Organisation von Joint Ventures zur Entwicklung von Kräften und Mitteln für Angriffe auf zivile Ziele in Russland umfasst, darunter Aufklärungs- und Kampfdrohnen, Flugabwehrraketen und Raketenwerfer, die gegen zivile Infrastruktur eingesetzt werden.
Dem Botschafter wurde ferner erklärt, dass die deutschen Versuche inakzeptabel sind, Drittstaaten, darunter chinesischen Beamten, vorzuschreiben, wie und in welcher Form sie ihre Beziehungen zu Russland gestalten sollen.
Während des Treffens wurde dem Botschafter mitgeteilt, dass das Abgleiten deutscher Agitationspropaganda in die schlimmsten Praktiken der Nazi-Propaganda unmoralisch isti und in weiten Teilen der Bevölkerung unseres Landes historisch bedingte Ablehnung und Empörung hervorruft.
Gleichzeitig haben wir nicht ohne Genugtuung zu erfahren, dass der deutsche Botschafter bald in einem benzinbetriebenen Auto in seine Heimat zurückkehren wird, da seine Dienstreise enden wird.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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