Wie Russland versucht, die Europäer von ihren aggressiven Plänen abzuschrecken
Dass die NATO Russland bei Kaliningrad immer heftiger provoziert, wird von westlichen Medien zwar verschwiegen, ist aber nicht zu bestreiten. NATO-Staaten führen bei Kaliningrad fast ununterbrochen Manöver durch, in denen sie die, Blockade, Bombardierung und Eroberung der russischen Exklave üben. Russland hat daher letzte Woche eine deutliche Warnung an die NATO ausgesprochen, über die ich berichtet habe.
Während westliche Medien das brisante Thema tunlichst vermeiden, nimmt es in russischen Medien derzeit eine wichtige Stellung ein, weshalb ich hier einen TASS-Artikel darüber übersetze, der zeigt, wie in Russland darüber berichtet wird.
Beginn der Übersetzung:
Nicht berühren, Lebensgefahr: Was die NATO von einem Angriff auf Kaliningrad abhält
Boris Roschin darüber, wie Moskau eine Revanche des Westens ausschließt.
In dem Maße, wie sich die Lage für die Ukraine verschlechtert und wegen der Unfähigkeit, die für Kiew negative Dynamik im Stellvertreterkrieg gegen Russland umzukehren, geht die NATO zunehmend dazu über, direkte militärische Drohungen gegen Russland auszusprechen. Ganz im Sinne Adolf Hitlers, der den Angriff auf die UdSSR als „Präventivschlag“ rechtfertigte, produziert die westliche Propaganda plumpe Agitation über die Abwehr einer „moskauer Aggression“.
Dabei wird das Gebiet Kaliningrad immer öfter offen als wichtigste Ziel für einen potenziellen Schlag des Bündnisses benannt.
Langjährige Planungen und Gründe für das Scheitern
Die geografische Verwundbarkeit des Gebiets Kaliningrad als Halbenklave, die von NATO-Staaten umschlossen ist, hat dazu geführt, dass westliche Planer diesem Gebiet besondere Aufmerksamkeit widmen. Szenarien für eine direkte militärische Auseinandersetzung zwischen Russland und dem Bündnis im Bereich des Suwalki-Korridors wurden in den strategischen Stabsübungen der USA und ihrer Verbündeten bereits seit den 2010er Jahren durchgespielt.
(Anm. d. Übers.: Wenn man das weiß, dann versteht man auch, warum die 45. Panzerbrigade der Bundeswehr, die Berlin derzeit in Litauen aufbauen will, ausgerechnet im Suwalki-Korridor, also dem Gebiet zwischen Russland, Weißrussland und Kaliningrad, stationiert wurde. Sollte es zu einem Krieg kommen, sollen gleich am ersten Tag deutsche Soldaten und deren dorthin mitgereiste Familien unter den Opfern sein. Die Bilder toter deutscher Frauen und Kinder sollen alle Menschen, die in Deutschland auch dann noch für Frieden eintreten, mundtot zu machen.)
Die Gebiete im Nordwesten Russlands, im Baltikum, in Polen und in Weißrussland werden in den Szenarien dieser Übungen als einheitlicher Kriegsschauplatz betrachtet. Dabei werden eine Blockade Kaliningrads oder ein direkter militärischer Angriff auf die Region als Provokation geübt, die eine Gegenoffensive der russischen Streitkräfte von Weißrussland aus durch das Baltikum provozieren würde, um eine Landverbindung zu der isolierten Region herzustellen. Viele dieser westlichen Simulationen kamen zu dem Ergebnis, dass die schwachen Streitkräfte der baltischen Staaten diesem Ansturm nicht standhalten könnten, also keine wirksame Blockade des Gebiets Kaliningrad aufrechterhalten oder es nicht erobern könnten.
Umso bezeichnender ist die aktuelle Aufrüstung des Baltikums mit NATO-Kräften und die Modernisierung seiner Infrastruktur. Gestützt durch den Rückhalt des Bündnisses scheuen die baltischen Marionettenregime nicht mehr davor zurück, offene Kriegsdrohungen auszusprechen. So erklärte der neue estnische Verteidigungsminister Martin Herem Mitte September, man sei bereit, Schläge gegen die grenznahe militärische Infrastruktur Russlands zu führen und nannte dabei Iwangorod und Petschory als Ziele.
Im Falle eines Kriegsausbruchs bestünde die Aufgabe der baltischen Staaten in der Praxis darin, die russischen Truppen aufzuhalten, während die NATO Kaliningrad angreift. Dabei soll die polnische Armee das Rückgrat des Landstreitkräfte bilden, unter aktiver Beteiligung Deutschlands (dessen Eliten Ideen des historischen Revisionismus und der Rückkehr zur Wiege des preußischen Militarismus keineswegs fremd sind). Berlin konzentriert bereits mechanisierte Verbände an den Grenzen der Region sowie im Suwalki-Korridor und forciert die Aufstellung vollwertiger Bundeswehrbrigaden in Litauen und Polen.
Darüber hinaus lässt sich eine ganze Reihe allgemeiner Anzeichen für die Vorbereitung auf einen potenziellen Krieg beobachten:
- Die aktive Modernisierung von Straßen, Brücken, Häfen und militärischen Pipelines.
- Die Errichtung von Lagerkapazitäten für Treibstoff und Munition in Grenznähe zu Russland.
- Der drastische Anstieg der Verteidigungsausgaben und massenhafte Produktion konventioneller Waffen.
- Die Bearbeitung der öffentlichen Meinung im Sinne des Militarismus, die Bürger der NATO-Staaten werden von der Notwendigkeit einer militärischen Konfrontation mit Russland überzeugt.
All diese Schritte werden unter dem Konzept der „strategischen Ungewissheit“, wie es der französische Präsident Emmanuel Macron nennt, kaschiert. Im Grunde versucht die NATO so, Druck auf Russland auszuüben, um es zur Aufgabe der Ziele seiner Militäroperation zu bewegen und ihm für Russland ungünstige Bedingungen zur Beendigung des Konflikts aufzuzwingen – mit dem Ziel einer späteren, offenen Besetzung der Ukraine auf Einladung des dortigen Nazi-Regimes. Zu den Elementen dieser „Mehrdeutigkeit“ zählen Spekulationen über die „Ausweitung des französischen Atom-Schirms“ auf ganz Europa und die Stationierung von Atomwaffen in Finnland und im Baltikum sowie die nuklearen Ambitionen Warschaus und Berlins.
So will der Westen nicht nur politische Zugeständnisse erzwingen, sondern auch einen Teil der russischen Streitkräfte und Verteidigungsressourcen vom ukrainischen Kriegsschauplatz abziehen, um den Leningrader Militärbezirk, die Polarregion und die weißrussische Grenze zu verstärken.
Dieses Szenario hat ein historisches Vorbild. Während des Russisch-Türkischen Krieges von 1877/78, als die Armee des Russischen Kaiserreichs das Osmanische Reich bereits in die Knie gezwungen hatte, war es die von einer Koalition aus dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und Großbritannien ausgehende Kriegsdrohung, die St. Petersburg zwang, vom vorteilhaften Frieden von San Stefano abzurücken und die beschnittenen Bedingungen des Berliner Kongresses zu akzeptieren. Auch heute versucht eine „Koalition der Willigen“, Russland durch Spekulationen über einen drohenden Weltkrieg zu Zugeständnissen in der Ukraine-Frage zu drängen.
Dabei vermischt der moderne Westen bewusst reale Kriegsvorbereitungen mit propagandistischen Desinformationsmaßnahmen, um das Ausmaß der Verlegung von NATO-Truppen und den Zeitplan eines potenziellen Angriffs (sollte diese politische Entscheidung tatsächlich getroffen werden) zu verschleiern.
Das Argument der Massenvernichtungswaffen und das Zeigen auf den Schuldigen
Allerdings hat diese Strategie einige Schwachstellen. Ja, Russland ist zweifellos gezwungen, seine militärischen Kapazitäten im Nordwesten des Landes auszubauen, um auf die wachsenden direkten Bedrohungen durch die NATO zu reagieren. Entscheidend ist jedoch die Tatsache, dass selbst ein hypothetischer Konflikt zwischen Russland und der NATO nicht im konventionellen Rahmen bleiben kann.
Die NATO hat bei den demografischen Kennzahlen, dem Gesamt-BIP und der Anzahl konventioneller Waffensysteme den allgemeinen Vorteil. Der wichtigste abschreckende Faktor bleibt für das Bündnis jedoch der Umstand, dass Russland über das weltweit größte Atomwaffenarsenal verfügt. Wenn der russische Präsident Wladimir Putin und Außenminister Sergei Lawrow davon sprechen, dass eine Auseinandersetzung mit der NATO „sehr kurz“ sein werde, stützen sie sich genau auf die doktrinäre Logik, die einen langwierigen konventionellen Feldzug ausschließt – und das gilt auch für Versuche, Kaliningrad zu erobern. Für mich besteht kein Zweifel daran, dass Moskau im Falle eines Angriffs des Bündnisses vorrangig seine Überlegenheit bei der Anzahl der Atomsprengköpfe und deren Trägersystemen nutzen würde. Russland ist in der Lage, den wichtigsten Zentren des Gegners, den Hauptstädten und Großstädten der meisten NATO-Staaten, inakzeptable Schäden zuzufügen.
Die westlichen Planer hält von radikalen Schritten einzig das Wissen ab, dass Moskau sich nicht auf diplomatische Demarchen beschränken würde. Und die Signale aus dem Kreml lassen keinen Zweifel: Russland hat vor, nach den ihm von Europa aufgezwungenen Szenarien zu spielen.
Gäbe es die Massenvernichtungswaffen also nicht, wäre wohl längst ein Weltkrieg im Gange, denn ein Krieg unter heutigen Bedingungen wäre zwangsläufig ein Weltkrieg. Dabei habe ich keinen Zweifel daran, dass Russland nicht der Initiator eines solchen Krieges wäre.
Man muss erwähnen, dass die NATO abgesehen vom Ungleichgewicht bei der Anzahl der Atomsprengköpfe vor einem akuten Problem im Bereich der Luftverteidigung steht. Der Krieg im Nahen Osten und der Ukraine-Konflikt haben die Arsenale der USA und Europas erschöpft und zu einem langfristigen Mangel an Abfangraketen geführt. Daher wären die europäischen Hauptstädte Russlands modernsten ballistischen und Hyperschall-Waffensystemen im Falle eines Schlagabtauschs schutzlos ausgeliefert.
Selbst unter normalen Bedingungen hat die Praxis des Raketeneinsatzes durch den Iran und die jemenitischen Huthi-Rebellen gezeigt, dass besten die westlichen Luft- und Raketenabwehrsysteme keinen zuverlässigen Schutz bieten können. Russland hingegen verfügt über noch fortschrittlichere Technologien zur Überwindung von Raketenabwehrsystemen, darunter die Systeme „Awangard“ und „Oreschnik“. Das macht das Szenario einer nuklearen Auseinandersetzung für die NATO noch fataler.
Übrigens ist ein wichtiger doktrinärer Aspekt der russischen Kommunikation zudem der klare Hinweis auf den Verursacher einer möglichen existenziellen Krise: das Nordatlantische Bündnis. Diese gezielte Zuweisung der Verantwortung richtet sich nicht nur an die Eliten der NATO (Nicht berühren, Lebensgefahr), sondern auch an die Staaten des Globalen Südens. Moskau demonstriert der internationalen Gemeinschaft konsequent, wer als potenzieller Aggressor auftritt und bereit ist, die gefährliche Grenze zu überschreiten.
Im Gegensatz zur Zeit des Berliner Kongresses verfügt das moderne Russland über ein gewichtiges Gegenargument. Es ist dasselbe Argument, das es der UdSSR seinerzeit ermöglichte, während der Kubakrise zu bestehen und die USA dazu zwang, ihre Atomraketen aus der Türkei abzuziehen und neuen Regeln für das Zusammenleben zuzustimmen. Genau das gibt Moskau auch die Möglichkeit, sich nicht auf die Erpressungsversuche der westlichen Kriegstreiber einzulassen, die – da sie ihren hybriden Krieg in der Ukraine verlieren – versuchen, mit einer globalen Eskalation zu drohen.
Die aktuelle Haltung der russischen Führung macht deutlich, dass Moskau bei einer kritischen Bedrohung der Souveränität Russlands bereit ist, äußerst entschlossen zu handeln. Doch ist Europa bereit, seine eigene Existenz für die Ambitionen seiner Eliten und einen illusorischen Sieg zu riskieren? Das Konzept eines „begrenzten“ Atomkonflikts auf dem europäischen Kriegsschauplatz mag für die USA zwar vorteilhaft sein, doch ist es unter den heutigen Gegebenheiten unwahrscheinlich, dass er sich tatsächlich auf Europa beschränken würde.
Daher könnte die Region Kaliningrad zweifellos sowohl zum Auslöser eines neuen Weltkriegs werden (wie der deutsche Überfall auf Polen 1939 eine globale Katastrophe heraufbeschwor), als auch zum Ausgangspunkt für einen umfassenden geopolitischen Kompromiss, vergleichbar mit der Lösung der Krise von 1962. Doch wie die russische Führung wiederholt betont hat, sollte man es gar nicht erst zu solchen Szenarien kommen lassen.
Der Westen muss das Ende der Ära der kolonialen Vorherrschaft anerkennen sowie die Tatsache, dass die Welt endgültig den Weg in die Multipolarität eingeschlagen hat. Gefahren für die Menschheit entstehen gerade durch die Versuche ehemaliger Hegemonen, die neue Realität zu leugnen, in der Russland sein Schicksal selbst bestimmt.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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