Wie der Spiegel seinen Lesern Märchen über seine „jurnalistische Arbeit“ erzählt
Manchmal passieren kuriose Dinge, so auch am 22. Oktober 2022. An dem Tag hat ein Spiegel-Schreiberling namens Serafin Reiber einen kurzen Artikel mit der Überschrift „Konzern in der Krise – Deutsche Bahn trennt sich von Güterverkehrschefin Nikutta“ geschrieben, der mit folgendem Absatz endete:
„Wenn du magst, passe ich Ton und Detailtiefe (z. B. nüchterner Nachrichtenstil vs. magaziniger) oder markiere dir die konkreten Änderungen im Vergleich zum Original.“
Offenbar hat Serafin Reiber, der „Autor“ dieses Artikels, den Artikel, in dem es nur um die Kündigung einer Managerin der Bahn ging, nicht selbst geschrieben, sondern dafür die KI genutzt. Heute endet der Spiegel-Artikel so:
„Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version dieser Meldung enthielt wegen eines produktionstechnischen Fehlers den Hinweis eines KI-Tools, das wir gelegentlich zur Überprüfung unserer eigenen Texte einsetzen. Entgegen unseren Standards ist die Meldung veröffentlicht worden, bevor sie gründlich von einem Menschen gegengelesen wurde. Wir haben das nachgeholt und den Hinweis des KI-Tools gestrichen.“
Offensichtlich lässt der Spiegel Artikel von der KI schreiben und verkauft seinen Lesern das als „Journalismus“. Die Details zu dem Vorfall inklusive der Screenshots der Originalversion des Artikels finden Sie hier.
Nun hat Spiegel-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit einen langen Essay mit der Überschrift „Künstliche Intelligenz beim SPIEGEL – Wir sind die Autorinnen und Autoren unserer Texte“ veröffentlicht, in dem er über die eine lange Diskussion bei einer Redaktionskonferenz des Spiegel berichtet, die es demnach zum Thema KI-geschriebene Artikel gab.
In dem Artikel schreibt er auch darüber, wie sich die Welt des Journalismus durch soziale Medien und andere moderne Technologien verändert hat, und er behauptet:
„In der alten Welt konnten vor allem Journalisten Nachrichten, Erzählungen aus der Wirklichkeit oder Kommentare verbreiten. Mittels der sozialen Medien schafft das inzwischen nahezu jeder. Als Alleinstellungsmerkmal blieb uns, dass nur wir fähig sind, professionelle Texte zu recherchieren und zu schreiben, weil wir dafür ausgebildet sind, weil wir damit Erfahrungen haben, weil wir über die passende Infrastruktur verfügen.“
Da Sie den Anti-Spiegel lesen, mussten Sie bei der Formulierung, es sei ein „Alleinstellungsmerkmal“ des Spiegel, „professionelle Texte zu recherchieren und zu schreiben“, wahrscheinlich genauso lachen, wie ich. Aber das nur nebenbei.
Wirklich lustig war etwas anderes, denn in dem Essay erfahren wir auch:
„Bislang untersagen unsere Richtlinien, dass wir »Artikel maßgeblich von einer KI schreiben oder umschreiben lassen«. Damit ist ein maßvoller Einsatz erlaubt.“
Fein, das ist doch mal eine Aussage. Nur wüsste ich gerne, ob das für alle Spiegel-Redakteure gilt, oder ob es für Serafin Reiber vielleicht eine Ausnahmeregelung gibt, schließlich hat er mindestens einen „Artikel maßgeblich von einer KI schreiben oder umschreiben lassen“, was wir allerdings nur erfahren haben, weil sowohl Reiber als auch die Leute beim Spiegel, die Artikel vor der Veröffentlichung lesen müssen, zu blöd waren, den Hinweis der KI zu entfernen.
Qualitätsjournalismus eben…
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
Nächster Beitrag: Was ist so schlimm, an dem in Deutschland de facto verbotenen Film „Citizen Vigilante“?