Wie der Krieg die Konturen der neuen Ordnung im Nahen Osten bestimmen könnte
Während die meisten gebannt auf die unaufhörlich hereinprasselnden Meldungen vom Krieg der USA und Israels gegen den Iran schauen, hat sich ein russischer Experte erste Gedanken darüber gemacht, wie die Folgen des Krieges für die Region und den Welthandel aussehen könnten. Ich habe seinen bei der TASS erschienen Artikel übersetzt.
Beginn der Übersetzung:
Eskalation des iranisch-israelischen Konflikts: Paradigmenwechsel in der Sicherheit und globale Risiken
Nikolaj Gaponenko, Doktor der Wirtschaftswissenschaften und außerordentlicher Professor am Institut für Recht und Nationale Sicherheit, über die politischen und wirtschaftlichen Folgen der US-israelischen Militäroperation im Iran.
In der Nacht vom 28. Februar auf den 1. März 2026 erfuhr die Nahostkrise einen tiefgreifenden Wandel. Die gemeinsame amerikanisch-israelische Operation, von amerikanischer Seite „Epic Fury“ und von israelischer Seite „Roaring Lion“ genannt, ging über die Politik der Eindämmung und gezielter Schläge hinaus. Es wurden Angriffe auf iranisches Gebiet von beispiellosem Ausmaß und mit beispielloser Zielgenauigkeit verzeichnet, darunter die Ermordung der höchsten politischen und militärischen Führung des Landes. Dieses Szenario markiert den Übergang von einem Stellvertreterkrieg zu einen direkten militärischen Zusammenstoß mit Elementen einer Kampagne zum Wechsel der Staatsführung.
Politische und wirtschaftliche Folgen
- Die geopolitische Architektur hat sich verändert. Wir erleben den Zusammenbruch des diplomatischen Weges und die Umsetzung der neuen US-Doktrin.
Die den Angriffen im Oman vorausgegangenen Verhandlungen scheiterten, was Washingtons Einsatz von „erzwungenen Verhandlungen“ bestätigt. Der ultimative Charakter der Forderungen und der gleichzeitige Aufbau der Angriffsstreitmacht (die Verlegung von strategischen B-52-Bombern von Diego Garcia und Luftwaffenstützpunkten in Großbritannien) zeigen, dass das militärische Szenario Priorität hatte.
Das Ziel der Koalition beschränkt sich nicht länger auf die Nichtverbreitung von Atomwaffen. Die Eliminierung von Ayatollah Ali Khamenei und, laut US-Präsident Donald Trump, der gesamten militärischen Führung (einschließlich des Kommandos der Revolutionsgarden und des Verteidigungsministeriums) signalisiert de facto einen Kurs hin zur Delegitimierung und zum Wechsel des Regimes in Teheran. Der Versuch, einen „Interimsrat“ zu bilden, zeigt den Wunsch des Westens, Irans Staatlichkeit zu erhalten, jedoch unter einer neuen, dem Ausland loyalen Führung.
- Makroökonomische Konsequenzen und Bedrohungen der globalen Märkte sind wahrscheinlich
Der Nahe Osten ist als Schauplatz von Militäroperationen ein kritischer Ort für die globale Energiesicherheit. Die Eskalation hat bereits zu Angriffen auf die Marineinfrastruktur in Bandar Abbas und Chabahar sowie auf Tanker in der Straße von Hormus geführt.
Der Iran kontrolliert die Schifffahrt in der Straße von Hormus, durch die bis zu 25 Prozent der weltweiten Ölversorgung transportiert werden. Angriffe auf Tanker zwingen große Reedereien zur Umleitung ihrer Schiffe, was die Transportzeiten, die Versicherungsprämien und folglich den Endpreis pro Barrel erhöht. Dies birgt die unmittelbare Gefahr eines „schockartigen“ Anstiegs der Ölpreise, der den Inflationsdruck in den Importländern Europas und Asiens verschärfen wird.
Die Destabilisierung der Straße von Hormus und die Aktivierung von Stellvertretertruppen, wie beispielsweise der Angriff auf das US-Konsulat in Karatschi, gefährden die Lieferketten nicht nur für Energie, sondern auch für Konsumgüter, die durch die Region transportiert werden.
- Die Antwort
Trotz der Zerstörung seines Entscheidungszentrums hat der Iran seine Kampffähigkeit bewahrt und seine Bereitschaft und Widerstandsfähigkeit unter Beweis gestellt. Die Operation „True Promise 4“ mit ihrem massiven Einsatz ballistischer Raketen und Drohnen gegen israelische und amerikanische Stützpunkte bestätigt, dass das Kommando der Revolutionsgarden seine vertikale Machtstruktur und die technische Fähigkeit zur Durchführung massiver Angriffe erhalten konnte.
Für den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu ist diese Eskalation ein Mittel zur inneren Konsolidierung, um innenpolitische Krisen und Strafverfolgungen abzumildern.
Für den Iran sind die Vergeltungsschläge ein Versuch, das Gesicht zu wahren und seinen Verbündeten, darunter Russland und China, sowie seinen Stellvertretern im Libanon und in Syrien seine Widerstandsfähigkeit zu demonstrieren. Der Eintritt der Hisbollah in die aktive Phase der Kampfhandlungen birgt die Gefahr der Eröffnung einer zweiten Front.
Die Situation entwickelt sich gemäß einem Szenario der Hardliner mit einem hohen Risiko eines langwierigen Konflikts.
In den nächsten 72 Stunden wird die Luftkampagne der Koalition höchstwahrscheinlich fortgesetzt und auf die Zerschlagung der verbleibenden Kommandozentralen der Revolutionsgarden und der Infrastruktur der Basij-Milizen konzentriert, um den Boden für innere Unruhen zu bereiten.
Risiken
Derzeit bestehen folgende mittelfristige wirtschaftliche und politische Risiken:
- ein Zusammenbruch des globalen Ölmarktes aufgrund der Möglichkeit einer vorübergehenden Schließung der Straße von Hormus oder der Verminung ihrer Zufahrtswege
- eine Fragmentierung des Iran entlang regionaler oder ethnisch-konfessioneller Linien im Falle eines erfolgreichen Machtwechsels würde zu einem langwierigen Bürgerkrieg und einer humanitären Katastrophe führen, deren Folgen im gesamten Nahen Osten spürbar wären.
Die militärische Eskalation hat die diplomatischen Abschreckungsmechanismen zerstört. Die Welt steht vor einer neuen Realität, in der Regimechanges mit militärischer Gewalt in unmittelbarer Nähe zu den wichtigsten Energieadern des Planeten durchgeführt werden. Entscheidend für das Ausmaß der Krise wird die Reaktion der globalen Akteure (Russland und China) und Irans Fähigkeit sein, langwierigen Widerstand zu organisieren, ohne in das Chaos eines Bürgerkriegs zu versinken.
Das ist ein wichtiger Faktor, da die Reaktion Moskaus und Pekings über diplomatische Rhetorik hinausgeht und eine strategische Abschreckung gegen eine Eskalation darstellt.
Reaktionen
Zunächst muss man von institutionellem Widerstand sprechen. Der gemeinsame Antrag auf eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates ist nicht nur eine Geste, sondern der Versuch, normative Mechanismen zu aktivieren, die einseitige Militäraktionen begrenzen. Das verursacht Reputationsschäden für die USA und Israel und verlagert den Konflikt in den Bereich der völkerrechtlichen Debatte, was für den Iran sehr wichtig ist, da das in den Augen des globalen Südens sein Recht auf Widerstand legitimiert.
Zweitens wäre da die strategische logistische Unterstützung. Wie Experten chinesischer Thinktanks zu Recht betonen, macht die direkte Bedrohung der Interessen Chinas in der Region wegen der Seidenstraßeninitiative und der Energiesicherheit eine weitere Eskalation inakzeptabel. Die erklärte Bereitschaft Russlands und Chinas, ihre Bemühungen um eine Rückkehr zur Diplomatie zu koordinieren, verschafft Teheran Handlungsspielraum jenseits der Dichotomie „Kapitulation versus totaler Krieg“. Das verringert die Wahrscheinlichkeit einer internationalen Isolation Irans.
Drittens wären da die Funktionen als Garantiemacht. Politische Rückendeckung durch die ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates schafft, selbst ohne direkte militärische Intervention, ein „Vertrauensnetzwerk“ für Iran, denn Teherans Eliten sehen, dass sie über die Ressourcen ausländischer Unterstützung verfügen, was für Entscheidungen über weiteren Widerstand entscheidend ist.
Der zweite Faktor ist für die Umsetzung des ersten unerlässlich. Ausländische Unterstützung ist nutzlos, wenn der Staat seine Souveränität verliert. Und hier zeigt sich die Anpassungsfähigkeit des iranischen politischen Systems. Der Tod der obersten Führungsriege ist ein unbestreitbarer Schock. Doch wie die ersten Stunden des Konflikts, einschließlich des orchestrierten Raketenangriffs „True Promise 4“, gezeigt haben, ist das iranische System, basierend auf einer dualen Kommandostruktur und den tief institutionalisierten Revolutionsgarden, äußerst widerstandsfähig. Die Revolutionsgarden fungieren nicht einfach als Armee, sondern als ideokratische Ordnung, was die Auswirkungen einer „Enthauptung“ minimiert. Die entscheidende Frage ist, ob die vertikale Entscheidungsstruktur im Falle von höherer Gewalt aufrechterhalten werden kann. Bislang deuten die Informationen auf einen Erhalt der Kontrolle hin.
Die größte Bedrohung für den Iran ist weniger die Bombardierung von außen als vielmehr der Zusammenbruch des Systems. Die Strategie des Westens besteht wahrscheinlich darin, durch die Aktivierung ethnisch-konfessioneller Konfliktlinien, wie etwa der kurdischen und belutschischen, einen inneren Zerfall herbeizuführen, wirtschaftlichen Druck auszuüben, um die soziale Basis des Regimes zu untergraben und die Sicherheitskräfte zu desorganisieren.
Genau deshalb ist es für den Iran von entscheidender Bedeutung, einen Bürgerkrieg zu vermeiden. Ein Abgleiten des Konflikts in eine innere Fragmentierung würde jegliche ausländische Unterstützung wirkungslos machen.
Mögliche Szenarien
Das Ausmaß der Krise wird sich aus dem Zusammenspiel dieser beiden Faktoren ergeben. Zwei mögliche Szenarien zeichnen sich ab:
1. Am wahrscheinlichsten ist eine kontrollierte Eskalation. In diesem Szenario verfolgen Russland und China eine aktive diplomatische Haltung, während der Iran innere Geschlossenheit und die Fähigkeit zu langwieriger Verteidigung demonstriert. Angesichts der Aussicht, in einem langwierigen Konflikt ohne schnellen Sieg und mit steigenden internationalen Kosten festzustecken, könnten die USA und Israel nach Erreichen ihrer taktischen Ziele – der Schwächung des militärischen Potenzials der Revolutionsgarden – eine Deeskalation anstreben.
2. Das Krisenszenario ist eine unkontrollierte Eskalation. Sollten die Angriffe im Iran zu einer irreversiblen Desorganisation der Regierung und/oder separatistischen Aufständen führen, verlieren die ausländischen Akteure ihren diplomatischen Einfluss, was eine humanitäre Katastrophe und regionale Destabilisierung mit unvorhersehbaren Folgen für die globale Energiesicherheit zur Folge hätte.
Insgesamt stellt die gegenwärtige Phase des Konflikts eine Bewährungsprobe für das iranische Staatsmodell und die Fähigkeit multipolarer Mechanismen dar, einseitige Militäraktionen einzudämmen. Der Ausgang dieser Bewährungsprobe wird die Konturen der neuen Ordnung im Nahen Osten bestimmen.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
Nächster Beitrag: Merz gibt in Washington eine entlarvende Erklärung ab und benutzt Nazi-Sprech