Wie das russische Fernsehen über die politische Woche in Deutschland berichtet
Der Auftritt der Minister Dobrindt und Wadephul war eine recht peinliche Nummer, denn als sie Russland – mal wieder, ohne irgendwelche Belege vorzulegen – beschuldigt haben, mit dem Drohnenvorfall von Leipzig einen Angriff in und auf Deutschland durchgeführt zu haben, haben sie nur ihre Erklärungen abgelesen und nicht einmal Journalistenfragen zugelassen. Laut Dobrindt gab es für Russlands Beteiligung keine Beweise, denn er sprach lediglich davon, nicht näher genannte „Erkenntnisse“ würden „klar auf eine russische Involvierung deuten“.
Das ist ziemlich wenig, um darauf mit Maßnahmen zu reagieren, die in Moskau als der Wille zum Krieg aufgenommen werden, wie es beispielsweise der russische Außenminister Lawrow formulierte.
Gänzlich lächerlich gemacht hat sich bei der Aktion übrigens Kanzler Merz, der offenbar nicht den Mut hatte, diese Anschuldigungen selbst offiziell auszusprechen, sondern sich stattdessen hinter seinen Ministern versteckt hat.
In Russland gilt Kultur als besonders hohes Gut, weshalb die Schließung des Russischen Hauses in Berlin die Gemüter in Russland besonders erregt hat. Das zeigt auch der Beitrag aus Deutschland, den das russische Fernsehen am Sonntag in seinem wöchentlichen Nachrichtenrückblick ausgestrahlt hat und den ich übersetzt habe.
Beginn der Übersetzung:
In den Kulissen der Theaterbühne des Russischen Hauses steht ein Flügel. Die Leiterin Swetlana Nekrassowa zeigt ihn uns, es ist das Instrument aus der Wohnung des 2025 in München verstorbenen großen Komponisten Rodion Schtschedrin und seiner Frau, der berühmten Ballerina Maja Plissezkaja. Die Nachlassverwalter des Paares beschlossen, ihn dem Russischen Haus zu stiften, doch diese Entscheidung muss ein deutsches Gericht noch vor Jahresende bestätigen. Zur Zukunft des Flügels sagt Frau Nekrassowa, sie hoffe, dass der Flügel letztlich im Russischen Haus bleibt, oder vielleicht in einem Russischen Haus in einem anderen Land, oder sogar nach Russland kommt.
Unsicherheit ist normal, wenn etwas Unerwartetes geschieht. Nun muss der Betrieb in aller Eile abgewickelt werden. Inventar und Archive müssen ausgeräumt, Verträge gekündigt, Personal entlassen und die Koffer gepackt werden. Ich frage sie, wie viel Zeit man Ihnen gegeben hat, um das Land zu verlassen.
Swetlana Nekrassowa antwortet: „Sieben Tage. Sieben Tage, beginnend mit dem 1. September. Darum müssen wir jetzt neben der Arbeit, die zur Abwicklung des Betriebs nötig ist, auch noch schnell packen und uns auf die Abreise vorbereiten.“
Das ist das Café des Russischen Hauses, wo die Bertreiberin Sabina Gimaewa traditionelle russische Hausmannskost wie Pilaw, Hühnchen, Kartoffelpüree, Borschtsch, Soljanka und natürlich Pelmeni anbietet. Noch ist das Café für alle Passanten geöffnet. Sabina und ihr Mann haben viel Arbeit in die Gestaltung der typischen Atmosphäre gesteckt. Wer im Russischen Haus den „russischsten“ Ort sucht, der findet ihn hier. Sabina weiß noch nicht genau, wann sie gehen muss oder wer die Botschaftsschule nach ihrem Weggang versorgen wird, denn bisher hat ihr Café die Schule während des Schuljahres jeden Morgen mit frischem Essen versorgt.
Jetzt sind alle Russenhasser in ganz Europa zufrieden. Die von der deutschen Regierung am Flughafen Leipzig inszenierte Provokation mit Drohnen hat Merz den formellen Vorwand geliefert, um die russische Wissenschaft und Kultur zu canceln. Allerdings hat der Kanzler selbst die Erwartungen nicht erfüllt, denn er wollte sich nicht die Hände schmutzig machen – sie sind ja auch schon schmutzig genug –, weshalb er die Aufgabe an seine Innen- und Außenminister delegierte. Dies geschah am 1. September, dem Tag des Schulbeginns in russischen Schulen und dem Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs.
Innenminister Dobrindt erklärte auf der Pressekonferenz: „Die Art der Verbrechen und nachrichtendienstliche Erkenntnisse deuten auf eine Verantwortung Russlands für den versuchten Terroranschlag am Flughafen Leipzig hin.“
Außenminister Wadephul verkündete danach die Maßnahmen: „In Abstimmung mit dem Bundeskanzler habe ich folgende Maßnahmen angeordnet: Das russische Generalkonsulat in Bonn wird am 18. September geschlossen. Die Vereinbarung über den Betrieb des Russischen Hauses wird gekündigt.“
Was sind die Fakten? Es gibt eine chinesische Billigdrohne, die nicht explodiert, und ein Flugzeug, das unbeschädigt geblieben ist. Angeblich gibt es ein paar Verdächtige, die man aber niemandem zeigt. Das sind alle Beweise.
Der russische Botschafter Netschajew sagte dazu: „Es gibt weitere Wellen der Empörung in Deutschland, beispiellose Sanktionen gegen Russland, eine tiefere Verstrickung Deutschlands in den Konflikt, und die weitere Bewaffnung der Ukraine, was ja offensichtlich das wichtigste Ziel derer ist, die diese Provokation geplant und durchgeführt haben.“
Die Aktion wurde mit heißer Nadel gestrickt. Beim Reichstagsbrand oder beim Überfall auf den Sender Gleiwitz hatte man sich mehr Mühe gegeben. Und verweigern ausgerechnet deutsche Politiker, die sich doch angeblich so sehr um die Demokratie in Russland sorgen, russischen Bürgern die Möglichkeit, an den Wahlen zur Staatsduma teilzunehmen, die ab dem 18. September, dem Tag der Schließung des Generalkonsulats in Bonn, beginnen. Das Generalkonsulat sollte dabei als Wahllokal dienen.
Dazu sagte Oleg Krasnizki, der russische Generalkonsul in Bonn: „Wir wurden angewiesen, das deutsche Hoheitsgebiet spätestens am 18. September zu verlassen. Wir reisen mit dem Gefühl ab, unsere Pflicht erfüllt zu haben. Wir haben uns bemüht, hier unter strikter Einhaltung der Bestimmungen des Wiener Übereinkommens über diplomatische Beziehungen zu arbeiten. Wir haben uns bemüht, unseren Landsleuten und den russischen Bürgern in Deutschland eine Stütze zu sein.“
Im eigenen Land hingegen versucht die deutsche Regierung, wenn nötig, den Anschein von Demokratie und Meinungsfreiheit zu wahren. Am Freitagabend fanden rund um das Russische Haus gleich drei Demonstrationen statt. Die einzige Kundgebung zur Unterstützung des Russischen Hauses wurde vom BSW organisiert, einer kleinen linken Partei, deren Ansichten zum Ukraine-Konflikt weitgehend mit denen der AfD übereinstimmen. Die beiden anderen Kundgebungen, die eher spärlich besucht waren, richteten sich dagegen.
Dabei gibt es ein interessantes Detail: Die Anhänger Wagenknechts beantragten als Erste eine Genehmigung für eine Kundgebung, woraufhin umgehend drei Gegendemonstrationen organisiert wurden. Generell konnten in Deutschland nur wenige Menschen, die bei klarem Verstand sind, den gegen Russland erhobenen Anschuldigungen glauben. Man muss wohl eher sagen, dass manche das Handeln der Regierung Merz bewusst unterstützen, während andere das nicht tun.
Zu letzteren gehört Frau Katrin Schuljain. Die künstlerische Leiterin des Berliner Theaters „Ost“ hatte geplant, im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur zur neuen Spielzeit einen Kindertanzkurs zu starten und dort rechtzeitig zum Jahreswechsel ein „Väterchen-Frost“-Ballett auf die Bühne zu bringen. Sie erzählte mir: „Ich liebe diese Bühne. Ich war zum ersten Mal 1985 hier, damals besuchte ich noch die Ballettschule und sah einen Auftritt des Moissejew-Ensembles. Schon damals fand ich die Bühne großartig. Sie hat ein wunderschönes, breites Portal und eignet sich perfekt für Ballett, da sie genau die richtige Tiefe hat. Es ist also ein wunderbarer Ort für den Tanz. Ja, ich liebe diese Bühne wirklich.“
Moissejew im Jahr 1985, das bedeutet, dass Frau Schuljain das Russische Haus bereits im Jahr nach dessen Eröffnung zum ersten Mal besucht hat.
Das Haus der Sowjetischen Wissenschaft und Kultur wurde am 5. Juli 1984 eröffnet. Es war mit 20.000 Quadratmeter Nutzfläche das größte sowjetische Informationszentrum im Ausland. Aber so groß das Russische Haus in Berlin auch war, es konnte natürlich nicht die gesamte sowjetische und russische Wissenschaft und Kultur beherbergen. Vor allem nicht die Kultur: das Bolschoi, das Mariinski, das Alexandrow-Ensemble, Gergijew, Spiwakow, Richter.
Katrin Schuljain erinnert sich: „Für sehr viele Menschen, besonders im Osten, die im Geiste der russischen Kultur aufgewachsen sind, womit wir wieder bei die Frage der Identitätsbildung sind, verschwindet nicht nur ein Stück Heimat, sondern… Also, wo die Kultur endet, besteht die große Gefahr, in die Barbarei abzurutschen.“
Die Provokation von Leipzig oder die Häufung von Berichten über gescheiterte Brandanschläge, nicht explodierte Sprengsätze oder auch selbstgebaute Raketen mit Kupferdrähten, die Stromleitungen kurzschließen sollten, wirkt billig, aber sie kaschiert den tiefen politischen Sinn.
Während sie die letzten Brücken zu Russland abbrechen, beklagen sie heuchlerisch, dass Russland gespiegelte Gegenmaßnahmen ergreift, denn angeblich bedauerte Wadephul die Nachricht von der Schließung des Goethe-Instituts.
Die deutsche Führungsschicht versucht, die Erinnerung an die DDR, jenes andere Land der Deutschen, auszulöschen, was neben vielen aktuellen Gründen die Proteststimmung anheizt und die Menschen zunehmend dazu treibt, nach einer politischen „Alternative“ zu suchen. Und das versetzt die Eliten in Panik.
Sachsen-Anhalt ist das Deutschland des Mittelalters. Wir kennen die Stadt Wernigerode aus dem Film von Mark Sacharow über Baron Münchhausen. Erinnern Sie sich an die Figuren, die Leonid Bronewoi und Semjon Farada auf dieser Treppe spielten? Wäre jener Münchhausen unser Zeitgenosse und lebte nicht in Niedersachsen, sondern in Sachsen-Anhalt, so bestünde eine Wahrscheinlichkeit von 43 Prozent, dass er AfD-Wähler wäre.
Bei der Wahl 2021 siegte in Sachsen-Anhalt die CDU und errang 37 Prozent der Stimmen. Die AfD landete mit über 20 Prozent auf dem zweiten Platz. Doch zu Weihnachten 2024 raste ein Migrant aus Saudi-Arabien auf dem Magdeburger Alten Markt mit hoher Geschwindigkeit in eine Menschenmenge. Fünf Frauen und ein Kind kamen ums Leben, mehr als dreihundert Menschen wurden verletzt, viele trugen dauerhafte Schäden davon. Das geschah, während sich Deutschland auf die vorgezogene Bundestagswahlen vorbereitete. Auch wenn Merz schließlich Bundeskanzler wurde, bekam die AfD in Sachsen-Anhalt fast 39 Prozent der Stimmen, doppelt so viel wie die CDU. Und das natürlich nicht nur wegen des Anschlags.
Denis Möhring,Vorsitzender des AfD-Kreisverbands Harz, sagte uns: „Jahrzehntelang haben wir von den zuverlässigen und billigen Gaslieferungen aus Russland profitiert. Wir Ostdeutschen wissen etwas mehr über Russland als die Menschen im Westen. Ich selbst habe als Schüler bis zum Alter von 14 Jahren Russisch gelernt. Ja, ich habe bei Russland einen anderen Blick auf die Dinge.“
Christina Baum, AfD-Bundestagsabgeordnete, sagte: „Die Menschen, die uns wählen, glauben diese Drohnengeschichte nicht, die ist einfach unglaubwürdig. Das Ziel ist es, die deutsche Öffentlichkeit gegen Russland aufzubringen, um uns leichter in einen Krieg hineinziehen zu können.“
Unter den für die AfD besten Bedingungen, also wenn die kleinen Parteien die Sperrklausel für den Landtag verfehlt hätten, hätte die Partei erstmals die Chance gehabt, in einem Bundesland an die Macht zu kommen und den von anderen politischen Kräften um die AfD errichtete „Brandmauer“ zu durchbrechen. Daher versuchten der amtierende Ministerpräsident und sein Parteichef Merz während eines Großteils des Wahlkampfs zu erklären, warum man nicht für die AfD stimmen sollte. Zu erklären, warum man für die CDU stimmen sollte, war ihnen hingegen zu schwierig.
Bei Merz klang das so: „Wer will, dass Deutschland ein offenes und liberales Land und Sachsen-Anhalt ein attraktiver Standort bleibt, darf am Sonntag nicht die AfD wählen. Er muss die CDU wählen.“
Wenn Merz damit meinte, die CDU würde Sachsen-Anhalt attraktiver machen, muss man sich daran erinnern, dass seine Partei hier seit 24 Jahren ununterbrochen regiert. Und der Stimmung der Einwohner nach zu urteilen, läuft es nicht besonders gut. Und hier kommt die Presse zur Hilfe. Reporter der Bild-Zeitung entdeckten im Besitz des AfD-Abgeordneten Tilschneider eine Tasse mit dem Logo der russischen Armee und er konnte nicht erklären, woher er sie hatte, was offenbar schlimmer ist als die Drohne und die selbstgebaute Bombe. Die Leute des Kanzlers klammern sich an diesen Beweis, einen weiteren Kreml-Agenten auf frischer Tat ertappt zu haben, wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm.
Sven Schulze, der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, kommentierte die Tasse und schloss mit den Worten: „Ich will die russische Armee nicht wieder in Sachsen-Anhalt sehen.“
Das ist mittlerweile eine Hysterie, doch die Gründe liegen nicht nur in den Wahlprognosen für Sachsen-Anhalt. Unabhängig vom Zustand der „Brandmauer“ bleibt eine Niederlage für die Regierungsparteien eine Niederlage und eine Regierungskrise ist unausweichlich. Die Frage ist nur, ob sie sich auf den Austausch von Personal in der Regierungskoalition, einschließlich des Bundeskanzlers, beschränkt, oder ob die Koalition vollständig zerbricht und damit den Weg für Neuwahlen öffnet. Dabei hätte die AfD mit 29 Prozent in den Umfragen, verglichen mit 21 Prozent für die CDU und lediglich 12 Prozent für die SPD, wieder die beste Ausgangsposition.
Tino Chrupalla kommentierte: „Der Bundeskanzler, der drei Wochen im Urlaub war, sollte einfach dort bleiben. Wenn Deutschland eine Zukunft haben soll, braucht es einen Kanzler, der unmissverständlich erklärt, dass die Energiewende und die Migrationspolitik gescheitert sind, jemanden, der in den Beziehungen zu Moskau einen diplomatischen Kurs einschlägt. So einen Kanzler braucht Deutschland.“
So einen Kanzler wird Deutschland so bald kaum bekommen. Aber es könnte ein neues Haus für die russische Kultur geschaffen werden, oder man könnte es zumindest versuchen. Wenn nicht in Berlin, warum dann nicht in Magdeburg? In dieser Frage könnte die AfD hier Verbündete finden, selbst wenn die Partei heute nicht an die Macht kommt.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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