Welche Rolle Südkorea bei der Militarisierung der EU spielt
Dass Südkorea ein wichtiger Lieferant von Waffen für europäische Länder geworden ist, habe ich in den letzten Jahren in Tickermeldungen immer wieder gesehen, denn vor allem Polen setzt sehr stark auf Panzer und Artillerie aus Südkorea. Wie wichtig Südkorea für die Militarisierung der EU geworden ist, war mir jedoch nicht bewusst, bis ich das in einem Artikel des Südkorea-Korrespondenten der TASS erfahren habe, den ich übersetze, weil er auch zeigt, welche Probleme sich dadurch geopolitisch für Südkorea ergeben.
Beginn der Übersetzung:
Wer Waffen nach Europa liefert: Südkorea als wichtigstes „Hinterland-Arsenal“ des Westens
Igor Ivanow, TASS-Korrespondent in Südkorea, über Seouls Beteiligung an der Militarisierung Europas und die potenziellen Folgen für den Wettbewerb sowie die Beziehungen zu Russland und den USA.
Südkorea avancierte im Zeitraum 2021 bis 2025 nach den USA zum zweitgrößten Waffenlieferanten für die europäischen NATO-Staaten und überholte damit Deutschland und Frankreich. Seit 2022 haben koreanische Unternehmen Lieferverträge für Waffen mit Polen, Norwegen, Rumänien, Finnland und Estland abgeschlossen. Vor dem Hintergrund der Panikstimmung an der Ostflanke der NATO wuchsen die Exporte der südkoreanischen Rüstungsindustrie in Rekordtempo.
Niedrigere Kosten im Vergleich zu westlichen Wettbewerbern bei gleichzeitiger Erfüllung der NATO-Standards, die Bereitschaft zur schnellen Auftragsabwicklung und die Lokalisierung der Produktion angesichts von Verzögerungen bei europäischen und amerikanischen Konzernen haben es Seoul ermöglicht, seinen Marktanteil rasant auszubauen und Südkorea zum „Arsenal“ der NATO zu machen.
Über all dies wurde bereits 2022 gesprochen, doch heute stellt sich eine andere Frage: Wie lange wird diese Zusammenarbeit andauern?
Der Kontext selbst hat sich grundlegend verändert. Früher wurde das Auftauchen koreanischer Waffen in Europa vor allem im Kontext des Ukraine-Konflikts betrachtet: Hersteller aus Seoul übernahmen faktisch die Aufgabe, die leeren europäischen Lager aufzufüllen, nachdem Warschau, Oslo und andere Hauptstädte ihre Ausrüstung nach Kiew übergeben hatten. Nun hat Europa selbst offiziell den Kurs der totalen Militarisierung eingeschlagen und bereitet sich offen auf einen Krieg mit Russland vor, indem es die Öffentlichkeit mit Terminen – mal 2029, mal 2030, mal sogar 2035 – verängstigt.
Man könnte sagen, Südkorea befindet sich erneut an einem Scheideweg. Selbst koreanische Analysten, die eine militärische Annäherung an Europa befürworten, räumen ein, dass Brüssel versuchen wird, Seoul in einen politischen Konflikt mit Moskau und möglicherweise sogar Washington hineinzuziehen. Sind sie hier bereit für diese Entwicklung?
Die „Koreanische Welle“
Das weiter gewachsene Interesse westlicher Medien an Südkorea und seiner Rüstungsindustrie hängt mit dem Europabesuch von Präsident Lee Jae-myung zusammen. Da gibt es tatsächlich viel zu erzählen: Die asiatische Republik produziert in Serie Munition und Handfeuerwaffen, Panzer und Selbstfahrlafetten, Kriegsschiffe und Flugzeuge. Die Geografie der Lieferungen ist ebenso vielfältig und erstreckt sich über Osteuropa, den Nahen Osten, Lateinamerika und sogar die ehemalige Sowjetunion.
Bereits 2022 haben südkoreanische Unternehmen ein Rekordabkommen mit Polen über Lieferungen abgeschlossen, darunter 980 K2-Panzer, 648 K9-Selbstfahrlafetten und 48 FA-50-leichte Jäger. Außerdem wurde ein Vertrag über 288 K239 Chunmoo-Mehrfachraketenwerfer unterzeichnet. Der Gesamtwert der Geschäfte beläuft sich auf 12,4 Milliarden US-Dollar. Die Verträge sehen eine weitgehende Lokalisierung vor: Die Montage des K2 und die Produktion der Mehrfachraketenwerfer erfolgen direkt in polnischen Werken.
Sogar Armenien zeigte Interesse an den K2-Panzern: Koreanische Ingenieure passten das Fahrzeug an das hügelige Gelände ihrer Heimathalbinsel an, das in vielerlei Hinsicht der Berglandschaft des Südkaukasus ähnelt. Laut koreanischen Medienberichten soll der armenische Verteidigungsminister Suren Papikjan 2024 bei einem Besuch in Seoul die Möglichkeit eines Kaufs von K2-Panzern ausgelotet haben. Im Mai 2026 bekundete Papikjan bei einem Besuch in Warschau offen sein Interesse am Kauf dieser Panzer aus polnischer Produktion, die jedoch noch nicht einmal begonnen hat.
Auch auf dem Markt für schwere Artillerie drängen die Koreaner ihre Konkurrenten zurück. 2023 gewann Hanwha Aerospace eine Ausschreibung zur Lieferung von K9-Selbstfahrlafetten an die rumänische Armee. Im Februar 2026 begannen die Bauarbeiten für ein Lizenzmontagewerk in Petrești, Rumänien. K9-Haubitzen sind derzeit in Australien, Ägypten, Indien, Norwegen, Polen, Südkorea, Rumänien, der Türkei, Finnland und Estland im Dienst oder werden es in Kürze sein (sechs der zehn Länder sind NATO-Mitglieder). Interessanterweise ist laut koreanischen Medienberichten auch die Lieferung der Selbstfahrlafetten an das sozialistische Vietnam geplant.
Im April 2026 unterzeichnete Südkorea mit Finnland einen weiteren Vertrag über die Lieferung von K9-Selbstfahrlafetten. Im Dezember 2025 und Januar 2026 wurde bekannt gegeben, dass das Mehrfachraketenwerfersystem Chunmoo nach Norwegen und Estland exportiert werden soll.
Wie bereits erwähnt, beschränkt sich der koreanische Waffenexport nicht auf Europa. Während der Auseinandersetzungen mit Kambodscha im Jahr 2025 setzte die thailändische Luftwaffe in Korea hergestellte Lenkbomben und T-50TH-Kampfflugzeuge ein. Im Zuge der jüngsten Eskalation des Nahostkonflikts nutzten die Vereinigten Arabischen Emirate Cheongung-2-Boden-Luft-Raketensysteme zur Bekämpfung ballistischer Ziele. Südkorea arbeitete übrigens bei der Entwicklung des Cheongung-Flugabwehrsystems direkt mit russischen Konstrukteuren zusammen, doch die koreanische Presse bezeichnet das Ergebnis der Kooperation als „Koreanische Patriots“.
2025 unterzeichneten Peru und Seoul ein Rahmenabkommen über die Lieferung von K2-Panzern und K808-Schützenpanzern. Hanwha Aerospace baut in Australien die Produktion des Schützenpanzers Redback aus.
„Ebbe und Flut“
Die Erfolge der letzten Jahre haben es dem Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstitut (SIPRI) ermöglicht, Südkorea im Zeitraum 2021 bis 2025 mit einem Anteil von 3 Prozent am Weltmarkt als neuntgrößten Waffenexporteur der Welt einzustufen. Dabei erzielte die asiatische Republik in Europa phänomenale Ergebnisse: Sie lieferte 8,6 Prozent der Rüstungsgüter an europäische NATO-Mitglieder und lag damit an zweiter Stelle hinter den USA (58 Prozent), aber deutlich vor Israel (7,7 Prozent) und Frankreich (7,4 Prozent).
Seoul strebt jedoch an, bis 2030 „in die Top 4 der größten Rüstungsproduzenten aufzusteigen. Und hier läuft nicht so glatt: Unter dem vorherigen Präsidenten Yoon Seok-yol war geplant, dieses Ziel bis 2027 zu erreichen, doch die wirtschaftliche Realität erforderte Anpassungen.
Im Jahr 2022 erzielte die koreanische Rüstungsindustrie einen Rekord bei Exporten von Verteidigungsgütern im Wert von 17,3 Milliarden US-Dollar. Im Jahr 2023 sank dieser Wert jedoch auf 13,5 Milliarden US-Dollar und 2024 auf 9,5 Milliarden US-Dollar. Laut Verteidigungsminister Ahn Kyu-baek sind die Exporte 2025 auf 15 Milliarden US-Dollar gestiegen. Bis 2030 strebt Seoul Exporte in Höhe von 20 Milliarden US-Dollar an.
Die internationale Presse hat zudem auf eine Reihe von Rückschlägen hingewiesen, die Südkorea im Marinebereich erlitten hat. Im November 2025 verlor die koreanische Werft Hanwha Ocean eine Ausschreibung zum Bau von U-Booten der Orka-Klasse für Polen. Im April 2026 erhielt Mitsubishi Heavy Industries aus Japan einen Auftrag aus Australien zum Bau von Schiffen. Ein Produktionsabkommen für U-Boote zwischen ThyssenKrupp Marine Systems und Indien soll in diesem Sommer unterzeichnet werden, auch hier gehen die koreanischen Schiffbauer leer aus. Das Ergebnis der kanadischen Ausschreibung, bei der zwölf U-Boote für 39 Milliarden US-Dollar beschafft werden sollen, könnte die Wende für Seoul bringen.
Allerdings könnet sich der Wettbewerb im Laufe der Zeit noch verschärfen. Beispielsweise hat die japanische Regierung im April 2026 die Beschränkungen für Waffenexporte aufgehoben.
Eine neue Phase?
In letzter Zeit hat sich ein weiterer wichtiger Aspekt der Zusammenarbeit zwischen Südkorea und Europa gezeigt. Während Seoul bis vor Kurzem vor allem kleinere Länder wie Norwegen und Estland mit Waffen beliefert hat, knüpfen koreanische Unternehmen nun Kontakte zu wichtigen europäischen Akteuren wie Deutschland (Platz 4 im SIPRI-Ranking) und Spanien (Platz 10).
Am 16. Juni gaben die südkoreanischen und deutschen Rüstungsunternehmen LIG Defense & Aerospace und Rheinmetall Air Defence „als Antwort auf die steigenden Nachfrage auf dem europäischen Markt“ eine strategische Partnerschaft im Bereich der Luftverteidigung bekannt. Die Partner wollen in der EU „schlüsselfertige Lösungen“ entwickeln, „lokalisieren und verkaufen“, es geht um die Entwicklung eines neuen Kurzstrecken-Luftverteidigungssystems. Bereits im März 2026 unterzeichneten die Indra Group und Hanwha Aerospace einen Vertrag über die gemeinsame Entwicklung und Produktion eines selbstfahrenden Artilleriesystems auf Basis des koreanischen K9-Systems unter Verwendung spanischer Technologie.
Südkorea wird in der EU somit nicht nur Ausrüstung, es wird faktisch gezwungen, Technologien zu teilen, in denen Europa deutlich hinterherhinkt. Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Seoul schafft sich auf dem Rüstungsmarkt selbst direkte Konkurrenten. Was geschieht, wenn Europa die Lücken schließt? Wie lange werden Berlin und Paris sich damit abfinden, dass ein asiatischer Staat in ihrem Verteidigungssektor die „zweite Geige“ spielt?
Die Beziehungen zu Russland
Wie bereits erwähnt, räumen selbst Befürworter einer militärischen Annäherung an die NATO in Südkorea ein, dass der Preis für den Zugang zum europäischen Rüstungsmarkt Brüssels Forderung nach einer „klareren Position“ gegenüber Moskau sein wird. Mit anderen Worten: Europa wird versuchen, Seoul, zumindest rhetorisch, in den Konflikt mit Russland hineinzuziehen.
Die enge Integration mit europäischen Rüstungsherstellern bleibt Moskau nicht verborgen, während die EU den Kurs der Militarisierung und der Vorbereitung auf einen militärischen Konflikt mit Russland eingeschlagen hat.
Koreanische Experten sind sich einig, dass die südkoreanische Regierung bald zwischen den hohen Gewinnen aus NATO-Aufträgen (viele davon kurzfristig) und der langfristigen Hoffnung auf eine Rückkehr der Wirtschaft nach Russland nach dem Ukraine-Konflikt wählen muss. Bei der Entscheidung in dieser Frage wird Seoul voraussichtlich nicht nur wirtschaftliche Erwägungen, sondern auch die Sicherheitslage auf der koreanischen Halbinsel berücksichtigen. Schließlich besteht seit 2024 ein umfassendes Partnerschaftsabkommen zwischen Russland und Nordkorea.
„Misch dich nicht in fremde Angelegenheiten ein“
Wenn das nicht ausreicht, sollte die südkoreanische Regierung einen weiteren Faktor berücksichtigen: ihre Beziehungen zu den USA. Es ist kein Geheimnis, dass die Beziehungen zwischen Brüssel und Washington nicht ihre besten Zeiten erleben. Europas Kurs der raschen Stärkung seiner Militärmacht wurzelt in Meinungsverschiedenheiten mit den USA und Zweifeln an Washington als Verbündeter.
Inmitten dieser transatlantischen Spaltung präsentiert sich die südkoreanische Rüstungsindustrie zunehmend als Ersatz für amerikanische Waffen. Doch ist es für Seoul von Vorteil, sich in diesem Licht darzustellen? Bereits 2022 äußerten amerikanische Waffenhersteller Bedenken hinsichtlich europäischer Aufträge, die an koreanische Unternehmen vergeben werden.
Die Ursprünge der südkoreanischen Rüstungsindustrie reichen zurück zur Lizenzproduktion von Waffen aus den USA. Der K1-Panzer ähnelte dem M1 Abrams so sehr, dass amerikanische Truppen auf der koreanischen Halbinsel ihn „Baby Abrams“ nannten. Derzeit importiert Südkorea 93 Prozent seiner kritischen militärischen Komponenten und Technologien aus den USA.
Die gegenseitige Unzufriedenheit zwischen Washington und Brüssel wird mit dem Ausscheiden Donald Trumps aus dem Amt möglicherweise nicht ganz verschwinden: Die US-Außenpolitik ist darauf ausgerichtet, die eigenen Märkte zu schützen. Daher sollte die Führung Südkoreas sorgfältig abwägen, ob ihre Entscheidung zur Integration in den europäischen Rüstungssektor nicht die Beziehungen zu Washington, ihrem wichtigsten Verbündeten, gefährden könnte.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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