Was steckt hinter dem seit drei Wochen laufenden „Papp-Maidan“ in der Ukraine?

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Am 16. Juli hat Machthaber Selensky im Rahmen eine Regierungsumbildung den im Land beliebten Verteidigungsminister abges...

anti-spiegel.ru📅 05.08.2026
Das (Ver-)Schweigen der Medien

Was steckt hinter dem seit drei Wochen laufenden „Papp-Maidan“ in der Ukraine?

Seit fast drei Wochen finden in der Ukraine Proteste statt, die als „Papp-Maidan“ bezeichnet werden und die deutsche Medien nur in kurzen Nebensätzen erwähnen. Worum geht es dabei und wer steckt hinter den Protesten?

Am 16. Juli hat Machthaber Selensky im Rahmen eine Regierungsumbildung den im Land beliebten Verteidigungsminister abgesetzt, was umgehend zu Proteste im ganzen Land geführt hat. Inzwischen dauern die Proteste fast drei Wochen an, aber deutsche Medien berichten darüber praktisch gar nicht, obwohl die Proteste hinter den Kulissen anscheinend von der EU unterstützt werden. Versuchen wir mal, zu verstehen, worum es dabei geht und warum die deutschen Medien das Thema meiden.

Wer ist Fjodorow?

Im Kern der Geschichte steht der ehemalige Verteidigungsminister Michail Fjodorow (in deutschen Medien auch als „Mychajlo Fedorow“ bezeichnet). Fjodorow ist mit 35 Jahren noch sehr jung und er war in Selenskys Wahlkampf 2018/19 Experte für Social Media Marketing (SMM). Nach Selenskys Wahlsieg wurde er schnell stellvertretender Ministerpräsident und Minister für digitale Transformation und stieg später zum Ersten Stellvertretenden Ministerpräsidenten auf. In diesen Positionen knüpfte Fjodorow enge Kontakte zu den Chefs amerikanischer Technologiekonzerne, darunter Palantir, sowie zu führenden Persönlichkeiten europäischer Institutionen und Länder. Mit anderen Worten: Fjodorow ist bei den Entscheidungsträgern im Westen bestens vernetzt.

Entsprechend bekam er im Westen gute Presse. Der Spiegel widmete ihm beispielsweise Anfang Juni eine Titelstory, die im Internet den Titel „KI, Drohnen, neue Soldaten – Ist das die Kriegswende in der Ukraine?“ trug, während auf dem Spiegelcover der Woche in Großbuchstaben schlicht „Kriegswende?“ zu lesen war. In der Titelstory ging es um die Entwicklung ukrainischer Drohnen und wie diese das Kriegsglück angeblich zu Gunsten der Ukraine wenden. Und für den Spiegel war klar, wem diese angebliche Kriegswende zu verdanken war:

„Wenn es ein Gesicht gibt für die Innovationsfreude der ukrainischen Verteidigung, dann ist es das von Mychailo Fedorow.“

Ich habe in einem Artikel über die Spiegel-Titelstory berichtet, wobei der Fokus meines Artikels darauf lag, aufzuzeigen, wie der Spiegel in seinem Heldenepos über Fjoforow und die Firma Fire Point die Korruption verschwiegen hat, die Fire Point umgibt, die den Löwenanteil der ukrainischen Staatsaufträge für Drohnen bekommt. Fire Point gehört Selenskys alten Freunden und Partnern aus seiner Zeit als Komiker und war damals die Castingagentur, die Leute für Selenskys TV-Produktionen ausgesucht hat. Nach der Eskalation vom Februar 2022 wurde diese von Selenskys Kumpels geleitete Castingagentur wundersamerweise zum größten Drohnenproduzent der Ukraine und zum Empfänger Nummer 1 von Aufträgen des ukrainischen Verteidigungsministeriums, das Michail Fjodorow nun leitete.

Natürlich erwähnte die Spiegel-Titelstory diese Details nicht.

Fjodorow kann sich gut präsentieren, er wurde als Verteidigungsminister immer beliebter, weil er dem von Korruption zerfressenen Ministerium in der Öffentlichkeit ein modernes Image gab. Das wirkte in der Ukraine, wo die verzweifelten Menschen nach jedem Strohhalm greifen.

Außerdem war Fjodorow auch im Westen sehr beliebt und bei den westlichen Politikern bestens vernetzt. Pistorius war voll des Lobes für Fjodorow und machte beispielsweise bei einem Ukraine-Besuch ein gemeinsames Interview mit ihm.

Fjodorow gegen alle

Wenn Selensky eines nicht mag, dann sind es Leute, die beliebter werden als er. Daher hat Selensky vor zweieinhalb Jahren Walery Saluschny, den bis heute in der Ukraine beliebten ehemaligen Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, gefeuert. Fjodorow war nun aus dem gleichen Grund in Ungnade gefallen, zumal er sich mit Alexander Syrsky, dem Nachfolger von Saluschny als Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, im Streit befand. Angeblich stellte Syrsky Selensky ein Ultimatum: Entweder er feuert Fjodorow oder Syrsky tritt zurück.

Syrsky ist in der Ukraine unbeliebt, zu den Gründen kommen wir noch, aber da er keine politischen Ambitionen hat und Selensky nicht gefährlich werden kann, fiel Selensky die Entscheidung anscheinend leicht. Jedenfalls wurde am Fjodorow am 16. Juli gefeuert, woraufhin die Proteste in der Ukraine begannen.

Da Selensky ihn laut ukrainischer Verfassung nicht einfach feuern kann, hat Selensky zu dem verfassungsmäßigen Mittel gegriffen und die ukrainische Regierungschefin gefeuert, wobei automatisch die gesamte Regierung zurücktreten muss. Im Zuge der darauf folgenden Regierungsumbildung behielten fast alle Minister ihre Posten, Fjodorow jedoch nicht.

Dass die Regierungsumbildung nur den Sinn hatte, Fjodorow zu feuern, wurde schnell klar, denn der gab am gleichen Tag noch eine ausführliche Pressekonferenz, in der er Selensky und Syrsky scharf angriff. Er forderte erneut die Entlassung von Syrsky und meinte, Selensky habe nun Zeit, sein Verhalten zu korrigieren und auf das Volk zu hören, das zu diesem Zeitpunkt bereits in allen größeren Städten der Ukraine gegen Fjodorows Absetzung protestierte.

In den folgenden Tagen versuchte Selensky, die Wogen zu glätten, indem er Fjodorow eine leitende Position im Nationalen Sicherheitsrat mit direktem Zugang zu Selensky und der Befugnis anbot, die Innovationen im Bereich Verteidigung und die Militärreform zu überwachen. Aber Fjodorow lehnte ab, für ihn kam nur eine Rückkehr ins Amt des Verteidigungsministers in Frage, was aber Selenskys Autorität schwer beschädigt hätte.

Warum ist Syrsky so unbeliebt?

Die Proteste in der Ukraine weiteten sich aus. Die Demonstranten forderten die Rückkehr Fjodorows als Verteidigungsminister und die Entlassung von Syrsky, wobei sie offen Selensky kritisierten. Da sie ihre Forderungen auf große Pappschilder geschrieben haben, die sie hochhalten, bekamen die Proteste schnell den Namen „Papp-Maidan“.

Deutsche Medien wie der Spiegel haben nicht viel über die Ereignisse in der Ukraine berichtet, aber auch die wenigen dort erschienenen Artikel waren verräterisch, weil sie die westliche Propaganda entlarvt haben.

Ich berichte seit der Ernennung von Syrsky zum Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, dass ihm die Leben seiner Soldaten wenig bedeuten und dass er sie oft in sinnlosen Angriffen verheizt. Dafür wurde er beispielsweise in seiner Zeit als Kommandeur der Kämpfe um Bachmut bekannt.

Westliche Medien bestreiten das natürlich und behaupten, die ukrainische Führung würde alles tun, um die Leben ihrer Soldaten zu schützen und es wäre die russische Armee, die ihre Soldaten sinnlos verheizt.

Aber in der Ukraine, in der Männer von Rekrutierern auf offener Straße gejagt und gewaltsam in die Armee gesteckt werden, ist der Ruf von Syrsky natürlich toxisch, denn wer möchte schon zwangsweise in eine Armee eingezogen werden, deren oberster Kommandeur sich nicht um das Leben seiner Soldaten schert?

Und wieder hat die „russische Propaganda“ die Wahrheit gesagt

Dass ich die Wahrheit berichtet habe, konnte man ab dem 16. Juli auch im Spiegel erfahren, als er notgedrungen ein wenig über die Ereignisse in Kiew berichten musste. Schon am 16. Juli schrieb der Spiegel in einem Artikel über die Absetzung von Fjodorow und seinen Streit mit Syrsky beispielsweise:

„Die traditionelleren Teile des Militärapparats sollen zudem Fedorows Vision für naiv und träumerisch halten, dass der Krieg sich vor allem mittels Drohnen führen lasse. Allen voran der Armeechef, General Oleksandr Syrskyj, der als so fähig wie rücksichtslos gilt und dem der Ruf vorausgeht, das Überleben seiner Soldaten habe für ihn nicht höchste Priorität.“

Da die Proteste nicht nachlassen wollten und Fjodorow stur blieb, knickte Selensky schließlich ein und feuerte Syrsky am 22. Juli. Einen Tag zuvor hat der Spiegel seine Leser mit einem Artikel mit der Überschrift „Umstrittener Oleksandr Syrskyj – Warum so viele Ukrainer den eigenen Armeechef loswerden wollen“ darauf vorbereitet. In dem Artikel bestätigte der Spiegel wieder, was ich schon seit Jahren über Syrsky berichte, was im Westen bisher aber als „russische Propaganda“ bezeichnet wurde, denn der Spiegel schrieb über Syrsky:

„Als Segen empfinden viele seine Kompetenz, als Fluch seine teils rücksichtslose Art der Kriegsführung. In der Schlacht um Bachmut habe er zu wenig auf eigene Verluste geachtet, überhaupt zählten Menschenleben für ihn wenig. »Schlächter« nannten ihn seine Gegner. Mit Syrskyjs Namen verbinden sich außerdem auch die Sturmtruppen, die er im Herbst 2025 schuf und die ihm unmittelbar unterstehen. Gedacht sind sie als eine Art Feuerwehr, die Breschen an der Front schließen soll. Empörende Missstände wurden aus diesen Einheiten bekannt, darunter Misshandlungen eigener Soldaten und Todesfälle hinter der Front.“

Auch die Absetzung von Syrsky konnte die Proteste in der Ukraine nicht beenden. Der Spiegel machte am 24. Juli mit einem Artikel mit der Überschrift „Neue Armeespitze in der Ukraine – Die Ukrainer können nicht wählen, aber ihr Protest wirkt“ noch einen Versuch, die Lage in der Ukraine schönzureden, danach hörte der Spiegel einfach auf, über die Proteste in der Ukraine zu berichten.

Seitdem erwähnt der Spiegel die Proteste, wenn überhaupt, nur noch nebenbei, was in einem Spiegel-Artikel vom 4. August beispielsweise so klang:

„In der Ukraine gibt es seit Wochen Proteste gegen die umstrittene Personalpolitik von Präsident Selenskyj. Die Demonstranten fordern vor allem die Wiedereinsetzung des entlassenen Fedorows.“

Wer steht hinter dem „Papp-Maidan“?

Dass die EU und ihre Mitgliedsstaaten über die Entlassung von Fjodoroow nicht glücklich waren, war sofort zu sehen. Der Spiegel schrieb am 16.Juli, dem Tag von Fjodorows Entlassung, beispielsweise:

„Die Bundesregierung, mit 11,5 Milliarden Euro jährlicher Militärhilfe der wichtigste finanzielle Unterstützer der Ukraine, ist nach Fedorows Entlassung mehr als nur enttäuscht. Vor allem im Verteidigungsministerium in Berlin war man konsterniert, als am Mittwochabend die ersten Nachrichten aus Kyjiw eintrudelten.“

Auch die Verantwortlichen bei EU und NATO zeigten sich von Fjodorows Entlassung, höflich ausgedrückt, enttäuscht. Der EU-Verteidigungskommissar sprach von einer „großen Überraschung“ und forderte Erklärungen aus Kiew, während Medien Quellen in der NATO mit den Worten zitierten, dort habe man Fjodorow „geliebt“ und man habe das nicht erwartet.

Bisher kann man noch keine klaren Verbindungen erkennen, die zeigen würden, wer hinter den Protesten steht. Aber da solche Proteste, die drei Wochen lang täglich in allen größeren Städten eines Landes stattfinden, nicht spontan entstehen, sondern in der Regel koordiniert sind, muss es Hintermänner geben und kann man ein wenig spekulieren, wer das sein könnte.

Beim Maidan 2014 war es offensichtlich, dass der Westen dahinter steckte und damals hat das ja auch niemand ernsthaft bestritten, wie ich in meinem Buch über die Ereignisse von 2014 aufgezeigt habe. Bei den Protesten gegen Selensky im letzten Jahr, als der das vom Westen kontrollierte NABU gegen den Willen des Westens unter seine Kontrolle bringen wollte, war schnell offensichtlich, dass auch diese Proteste nicht spontan entstanden waren, sondern von NGOs organsiert wurden, die aus dem Westen finanziert werden.

Wenn wir die Reaktionen auf Fjodorows Entlassung aus der EU und der NATO sehen, liegt der Verdacht mehr als nahe, dass der Westen auch dieses Mal hinter den Protesten steht, die Selensky unter Druck setzen und Fjodorow wieder ins Amt bringen sollen. Selensky scheint die Krise aussitzen zu wollen und die Frage wird wohl sein, wer das größere Durchhaltevermögen hat.

Ukrainische Medien berichteten am 22. Juli, dem Tag der Entlassung von Syrsky, Selensky habe ihn auf Druck der Europäer entlassen, um sie zu besänftigen, aber da die Proteste bis heute andauern, scheint das nicht die gewünschte Wirkung gehabt zu haben.

Wie gefährlich die Lage für Selensky wird, zeigten die Umfragen. Am Tag von Syrskys Entlassung sprachen sich einer Umfrage zufolge 73 Prozent der Ukrainer gegen die Entlassung von Fjodorow aus. Außerdem sind die Zustimmungswerte zu Fjodorow in nur einer Woche von 35 auf 65 Prozent gestiegen, womit er Selensky überholte, was dem sicher nicht gefallen hat.

Die Proteste dauern nun fast drei Wochen an und sie scheinen weiterzugehen, weil die Demonstranten verkünden, sie würden bis zur Wiedereinsetzung von Fjodorow als Verteidigungsminister weiter protestieren.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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