Was passiert nach dem Austritt der VAE mit den Ölpreisen?
Der Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) aus OPEC- und OPEC+ war für die internationalen Energiemärkte ein Donnerschlag. Aber was bedeutet das für die Ölpreise? Hat das kurzfristige oder erst mittel- und langfristige Auswirkungen? Was könnte aus Sicht der Geopolitik dahinter stecken? Und was sind die möglichen Folgen für die USA oder Russland?
In der TASS hat ein Experte über diese Fragen geschrieben und ich habe den Artikel übersetzt.
Beginn der Übersetzung:
Vom sanften Ausstieg zum Risiko des Zusammenbruchs der OPEC: Was passiert mit den Ölpreisen nach dem Austritt der VAE?
Igor Juschkow, Experte an der Finanzuniversität und beim Nationalen Energiesicherheitsfonds, analysiert die Auswirkungen der Entscheidung des Landes auf den Markt und die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC).
Die Ankündigung der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) vom 1. Mai, aus der OPEC (Organisation erdölexportierender Länder) und der OPEC+ (OPEC und andere große Ölförderländer) auszutreten, kam für den globalen Ölmarkt überraschend. Zwar wuchs die Unzufriedenheit mit dem Format des Abkommens zur Regulierung der Förderung in den letzten Jahren, doch selbst die kühnsten Analysten hatten diese Entwicklung nicht vorhergesehen.
Der Grund der Unzufriedenheit
Das Problem liegt darin, dass die OPEC- und OPEC+-Mitglieder 2020 eine Förderkürzung vereinbarten, obwohl der Verbrauch aufgrund der Quarantänemaßnahmen zur Bekämpfung von COVID-19 bereits rückläufig war. Das Ziel war damals, den Markt wieder ins Gleichgewicht zu bringen und die Ölpreise auf ein akzeptables Niveau zu bringen. Im Jahr 2023 reduzierten acht OPEC+-Mitgliedsländer (Saudi-Arabien, Russland, die Vereinigten Arabischen Emirate, Irak, Kuwait, Kasachstan, Algerien und Oman) ihre Förderung freiwillig weiter, um die globalen Ölpreise zu stützen. Gleichzeitig erhöhten andere Ölproduzenten außerhalb der OPEC+ ihre Förderung, darunter die USA Guyana, Brasilien und andere.
Sie nutzten de facto die Bemühungen der Länder der Organisation. Dank der relativ hohen Marktpreise wurden beispielsweise Projekte in diesen Ländern rentabel, und sie beschlossen, diese in zu beginnen. Mehr noch, auf dem Weltmarkt entstand die informelle Überzeugung, dass selbst margenschwache und risikoreiche Projekte gestartet werden könnten, da die OPEC+ als Garantin hoher Preise galt. Die Annahme war, dass die Mitglieder der Organisation bei sinkenden Marktpreisen ihre Produktion zwangsläufig reduzieren würden. Daher konnten kostspielige Projekte mit Zuversicht gestartet werden, weil man dabei nicht verlieren konnte.
Maßnahmen der Mitgliedsländer
Diese Situation gefiel den OPEC+-Mitgliedern natürlich nicht: Sie drosselten ihre Förderung und hielten sie niedrig, während andere Akteure ihre Fördermengen erhöhten und ihren globalen Marktanteil ausbauten. Schließlich wurde beschlossen, die Förderung ab 2025 schrittweise zu erhöhen. Zunächst wurde die Quote für die acht OPEC+-Länder angehoben, die sich 2023 an den zusätzlichen Kürzungen beteiligt hatten, und anschließend für alle anderen.
So gelang es, den Zusammenbruch der OPEC+ zu verhindern und die notwendige Dynamik zu sichern, denn wäre die Organisation zusammengebrochen, hätten voraussichtlich alle ehemaligen Mitglieder ihre Förderung ebenfalls maximal erhöht, und die Ölpreise wären auf ein sehr niedriges Niveau gefallen.
Seit April 2025 erhöht die OPEC+ die Förderquoten monatlich, um sie mit der Automobilsaison auf der Nordhalbkugel zu synchronisieren: Je höher der Kraftstoffverbrauch, desto höher die monatliche Quote. Dadurch stieg die Förderung der OPEC+ im vergangenen Jahr um 2,88 Millionen Barrel pro Tag. Ein ähnliches Programm sollte 2026 wiederholt werden. Die Mitgliedsländer genehmigten Quotenerhöhungen von 137.000 Barrel pro Tag für April und 206.000 Barrel pro Tag für Mai. Ziel dieser Strategie war es, die Fördermengen so anzuheben, dass die tatsächliche Förderung der Mitgliedsländer nicht eingeschränkt würde.
Das kann man als sanften Ausstieg aus der OPEC und OPEC+ bezeichnen. Das Format selbst bliebe jedoch bestehen, falls es im Notfall notwendig sein sollte, den Markt zu beeinflussen, wie es 2020 der Fall war. Der Plan sah vor, einen starken Preisverfall durch schrittweise Erhöhungen zu vermeiden.
Risiken und Paradoxien
Nach dem Austritt der VAE aus der OPEC und OPEC+ besteht nun die Gefahr eines Zusammenbruchs der Abkommen mit weitreichenden Folgen.
Beispielsweise könnten auch andere Teilnehmer ihre Verpflichtungen aufgeben: Warum sollte irgendwer austreten und so viel fördern dürfen, wie er will, während andere durch Förderbeschränkungen die Preise stabilisieren müssen? Die VAE fördern durchschnittlich 4 Millionen Barrel pro Tag und gehören damit zu den größten Akteuren im Nahen Osten, in der OPEC+ und somit weltweit.
Das Paradoxe an der Situation ist, dass die VAE, die über einen Austritt aus der OPEC+ sprechen, ihre neue Position nicht sofort nutzen können. Die Exporte der Monarchie werden derzeit nicht primär durch die Quoten der Organisation, sondern durch die Schließung der Straße von Hormus eingeschränkt. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) verfügen über eine Ölpipeline (Abu Dhabi, ADCOP, auch bekannt als Habshan-Fujairah), die Hormus umgeht und den Hafen von Fujairah anläuft. Ihre Kapazität von 1,5 bis 1,8 Millionen Barrel pro Tag reicht jedoch nicht aus, um die gesamte Ölproduktion zu exportieren. Daher erscheint der Austritt der VAE aus der OPEC und OPEC+ etwas unlogisch. Schließlich drückt das die Ölpreise nur. Die VAE könnten somit weder von Exportmengen noch von Exportpreisen profitieren.
Die öffentliche Ankündigung der VAE, die OPEC und OPEC+ zu verlassen, könnte Teil einer Vereinbarung mit den USA sein. Das Team von US-Präsident Donald Trump muss die Ölpreise dringend senken, denn hohe Ölpreise treiben die Kraftstoffpreise im Inland in die Höhe, was die Zustimmungswerte für die aktuelle Regierung schmälert. Die US-Kongresswahlen finden im November 2026 statt und die Chancen der Republikaner auf einen Sieg sinken rapide.
Am 20. April berichtete das Wall Street Journal unter Berufung auf Quellen, dass die Vereinigten Arabischen Emirate die USA um finanzielle Unterstützung gebeten hätten. Der Gouverneur der Zentralbank der VAE, Khaled Mohammed Balama, brachte bei einem Treffen mit US-Finanzminister Scott Bessent in Washington die Möglichkeit einer Währungsswap-Linie ins Gespräch. Abu Dhabi wurde diese Unterstützung möglicherweise im Gegenzug für eine Senkung der globalen Ölpreise und eine Schwächung der OPEC und OPEC+ von innen zugesichert.
Reaktionen des Marktes
Der Markt hat auf die Entscheidung der VAE noch nicht reagiert und die Preise liegen weiterhin über 100 US-Dollar pro Barrel, schließlich ist kein neues Angebot hinzugekommen. Sobald die Straße von Hormus jedoch wieder geöffnet ist, müssen die anderen OPEC+-Mitglieder ihre Entscheidung bekannt geben: ob sie weiterhin an der Abmachungen zur Kürzung der Förderung teilnehmen oder nicht.
Sollten sich die OPEC und OPEC+ auflösen, stünden dem Weltmarkt zusätzlich 2 bis 3 Millionen Barrel Öl zur Verfügung, verglichen mit der Fördermenge der OPEC+-Mitglieder vor der Schließung der Straße von Hormus (ca. 51,8 Millionen Barrel pro Tag). Das wird zu einem Preisverfall führen.
Dieses Szenario birgt insbesondere für Russland ein Risiko. Eine Steigerung der Förderung ist für unser Land schwieriger als für die Produzenten im Nahen Osten: Sie erfordert neue Investitionen und Zeit. Sinkende Öl- und Gaseinnahmen werden zudem Ausgabenkürzungen zur Haushaltskonsolidierung notwendig machen, was sich als schmerzhaft erweisen könnte.
Da der Iran nun jedoch die dauerhafte Kontrolle über die Straße von Hormus übernommen hat, könnte er die Vereinigten Arabischen Emirate für deren Versuche, die OPEC und OPEC+ zu untergraben, wirksam bestrafen. Beispielsweise könnte er die Exportmengen durch die Einführung von Quoten für den Transit einer bestimmten Anzahl von Tankern, die Öl und Erdölprodukte der VAE durch Hormus transportieren, zwangsweise begrenzen. Das würde einen starken Anstieg des globalen Angebots verhindern und die OPEC+-Mitglieder beruhigen.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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