Was ist dran an Behauptungen westlicher Medien über Kriegsmüdigkeit in Russland?

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Seit Monaten hören wir von europäischen Politikern und Medien, die ukrainischen Angriffe tief ins russische Hinterland, ...

anti-spiegel.ru📅 23.09.2026
Stimmung in Russland

Was ist dran an Behauptungen westlicher Medien über Kriegsmüdigkeit in Russland?

Westliche Medien und Politiker behaupten, die ukrainischen Angriffe tief ins russische Hinterland würden die Russen kriegsmüde machen und der Druck auf die russische Regierung, einem Friedensschluss zu den Bedingungen der EU zuzustimmen, würde wachsen. Stimmt das?

Seit Monaten hören wir von europäischen Politikern und Medien, die ukrainischen Angriffe tief ins russische Hinterland, die unter anderem zu einer Benzinknappheit geführt haben, würden die Russen kriegsmüde machen, weshalb der Druck auf die russische Regierung wachse, einem Friedensschluss zu den Bedingungen der EU zuzustimmen. Und aus der EU hört man ja auch ganz offen, dass der Sinn der ukrainischen Angriffe angeblich darin bestehe, Putin an den Verhandlungstisch zu bomben.

Aus Anlass der Parlamentswahlen, die in Russland am Wochenende stattgefunden haben, wurde wieder oft berichtet, in Russland nehme die Kriegsmüdigkeit zu, weshalb die russische Regierung den Druck auf ihre Kritiker erhöhe.

Ich berichte immer wieder, dass all die Maßnahmen der EU und der Ukraine nicht die gewünschte Wirkung haben, aber wenn ich das sage, kann das meine subjektive Meinung sein, die nicht stimmen muss, oder es ist, zumindest laut der EU, ohnehin nur “russische Propaganda”.

Daher schauen wir uns in diesem Artikel an, was die Umfragen über die Stimmung in Russland aussagen. Und damit niemand behaupten kann, das wäre wieder nur “russische Propaganda” von regierungsnahen Instituten, schauen wir uns die Umfragen des Levada-Zentrums an, das vom Westen finanziert wird und in Russland daher als ausländischer Agent eingestuft wurde, weshalb seine Umfragen kaum als „russische Propaganda“ bezeichnet werden können.

Das Levada-Zentrum stellt seit März 2022 jeden Monat die gleichen Fragen zum Krieg in der Ukraine, sodass man daran sehr schön sehen kann, wie sich die Stimmung in Russland seit der Eskalation entwickelt hat. Hier berichte ich über die aktuellen Antworten.

Interessieren sich die Russen für die Entwicklungen in der Ukraine?

Die erste Frage, die Levada seit März 2022 stellt, ist, ob die Menschen in Russland die Entwicklungen in der Ukraine verfolgen. Die Antworten dürften Menschen, die Russland nicht kennen, überraschen, denn trotz aller aktuellen Entwicklungen und dem Beschuss von Zielen in Russland ist das Interesse der Russen am Ukraine-Krieg zurückgegangen. Haben 2022 noch je nach Monat zwischen 51 und 66 der Russen gesagt, sie würden die Entwicklungen in der Ukraine sehr aufmerksam oder recht aufmerksam verfolgen, so sagen das 2026 nur noch zwischen 43 und 50 Prozent.

Interessant ist auch die Altersstruktur, denn bei den über 55-jährigen sagen aktuell 64 Prozent, dass sie die Entwicklungen in der Ukraine sehr aufmerksam oder recht aufmerksam verfolgen. Je jünger die Menschen sind, desto geringer ist ihr Interesse an den Entwicklungen in der Ukraine. Bei den 18 bis 24-jährigen sagen nur 23 Prozent, dass sie die Entwicklungen in der Ukraine sehr aufmerksam oder recht aufmerksam verfolgen.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil im Westen behauptet wird, die Russen würden eine neue Mobilmachung fürchten. Wenn dem so wäre, müssten gerade jüngere Leute, die davon betroffen wären, sich für die Ukraine und die Entwicklungen an der Front interessieren. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Unterstützen die Russen die Armee?

Die zweite Frage, die Levada seit März 2022 stellt, ist, ob die Menschen in Russland die Handlungen der russischen Streitkräfte in der Ukraine unterstützen. Die Antwort ist mehr als eindeutig: In den über vier Jahren Krieg lag die Unterstützung für die Handlungen der russischen Streitkräfte in der Ukraine nie unter 64 Prozent und der Spitzenwert betrug 80 Prozent.

Auch diese Frage zeigt, dass das Thema Ukraine für die älteren Generationen wichtiger ist als für die jüngeren. Unter den über 55-jährigen unterstützen 79 Prozent die Handlungen der russischen Streitkräfte in der Ukraine, bei den 18 bis 24-jährigen sind es 48 Prozent, was aber immer noch eine Mehrheit ist, denn von den 18 bis 24-jährigen sagen nur 41 Prozent, sie würden die Handlungen der russischen Streitkräfte in der Ukraine nicht unterstützen, während 11 Prozent dazu keine Meinung haben.

Interessant ist bei dieser Frage die Verteilung nach Wohnort der Befragten. Die Umfrage zeigt die Daten gesondert für Moskau und für Städte nach Einwohnerzahl, wobei nach Städten mit über 500.000, mit 100.000 bis 500.000, mit unter 100.000 Einwohnern und nach Einwohnern von kleinen Ortschaften getrennt wird.

Moskau und St. Petersburg gelten allgemein als „pro-westliche“ Städte, daher ist es bemerkenswert, dass der Anteil derer, die die Handlungen der russischen Streitkräfte in der Ukraine unterstützen in Moskau mit 76 Prozent am höchsten ist, gefolgt von Städten mit unter 100.000 Einwohnern, in denen die Unterstützung 70 Prozent beträgt. Am geringsten ist die Unterstützung für die Handlungen der russischen Streitkräfte in der Ukraine in Städten mit über 500.000 Einwohnern, wo sie aber trotzdem noch 66 Prozent beträgt.

Wollen die Russen weiterkämpfen oder Verhandlungen beginnen?

Die dritte Frage, die Levada seit März 2022 stellt, ist, ob die Menschen in Russland den Krieg weiterführen oder lieber Verhandlungen beginnen wollen. Diese Frage ist verwirrend, denn in der Umfrage fehlt die entscheidende Folgefrage danach, unter welchen Bedingungen die Russen zu einem Verhandlungsfrieden bereit sind.

Dass die Russen mehrheitlich gegen den Krieg sind, ist weder neu noch eine Überraschung, denn niemand mag Krieg. Hinzu kommt, dass die Russen die Ukrainer als Brudervolk ansehen und dass wohl die Mehrheit der Russen Verwandte und Freunde in der Ukraine hat oder hatte. Und wer ist schon für einen Krieg gegen Menschen, die einem nahe stehen?

Dass die Russen trotzdem, wie gesehen, mit großer Mehrheit die Handlungen der russischen Streitkräfte in der Ukraine unterstützen, zeigt, dass die Mehrheit der Russen die Notwendigkeit des Krieges versteht und die Armee unterstützt, bis die gesetzten Ziele erreicht sind. Daher ist die Fragestellung, ob die Menschen in Russland den Krieg weiterführen oder lieber Verhandlungen beginnen wollen, verwirrend.

Levada stellt diese Frage seit September 2022 und damals waren 48 Prozent für den Beginn von Verhandlungen, während 44 Prozent für eine Fortsetzung des Krieges waren. Je länger der Krieg andauert, desto mehrt wächst der Wunsch nach Verhandlungen, aktuell sind 58 Prozent für den Beginn von Verhandlungen, während 32 Prozent für eine Fortsetzung des Krieges sind.

Wenig überraschend ist auch bei dieser Frage die Altersstruktur, denn bei den über 55-jährigen sind 43 Prozent für die Fortsetzung der Kampfhandlungen, während 59 Prozent für die Aufnahme von Verhandlungen sind. Bei den 18 bis 24-jährigen sind 17 Prozent für die Fortsetzung der Kampfhandlungen, während 71 Prozent für die Aufnahme von Verhandlungen ist.

Auch hier überrascht wieder die Aufteilung nach Wohnorten, denn überraschenderweise sind wieder in Moskau die meisten für eine Fortsetzung der Kampfhandlungen. Dafür sind in Moskau ganze 51 Prozent, also sogar die absolute Mehrheit, während die Zustimmung dazu in den anderen Städten zwischen 28 und 31 Prozent liegt und die Mehrheit für den Beginn von Verhandlungen ist.

Damit man versteht, unter welchen Bedingungen die Mehrheit der Russen für Verhandlungen ist, müsste Levada auch verschiedene Friedensbedingungen zur Abstimmung stellen, denn ohne das ist der Informationswert der Frage und der Antworten gering und die Frage ist für sich genommen verwirrend.

Aber vermutlich ist genau das gewollt, denn so können westliche Medien unter Berufung auf diese Umfrage melden, dass die Mehrheit der Russen ein Ende des Krieges will und den Kurs der russischen Regierung nicht unterstützt. Wie gesagt, ist Levada ein aus dem Westen finanziertes Institut.

Wie sehr beeinflusst der Krieg den Alltag der Russen?

Die Frage, wie sehr der Krieg den Alltag der Russen beeinflusst, stellt Levada nicht monatlich. Sie wurde bisher im Januar und Dezember 2023, sowie im August 2025 und im August 2026 gestellt.

Hier ist bemerkenswert, dass sich in den Jahren wenig an den Antworten geändert hat, obwohl beispielsweise die aktuelle Benzinknappheit die meisten Russen irgendwie betrifft. Aber die Russen scheinen das sehr gelassen zu nehmen, denn auch im August 2026 gaben 47 Prozent an, der Krieg habe ihr Leben gar nicht oder nur wenig berührt, während 20 Prozent angaben, der Krieg habe ihr Leben mehr oder weniger stark berührt. Die restlichen 33 Prozent waren in dieser Frage unentschlossen.

Im Gegensatz zu den anderen Fragen ist bei dieser Frage praktisch kein Unterschied zwischen den Altersgruppen vorhanden, sie haben alle fast einheitlich geantwortet.

Bei dieser Frage hat Levada übrigens, im Gegensatz zur vorherigen Frage, die nötige Folgefrage gestellt und gefragt, wie der Krieg das Leben der Russen berührt hat. Dabei stechen vier Antworten deutlich heraus: An erster Stelle steht der Tod von Verwandten oder Freunden, an zweiter Stelle stehen Preissteigerungen, an dritter Stelle steht, Verwandte, Freunde oder man selbst kämpfe im Krieg, und an vierter Stelle kommt die allgemein gehaltene Antwort, der Krieg drücke die Stimmung der Befragten.

Erst danach kommt mit großem Abstand die Antwort, die Drohnenangriffe der Ukraine würden das Leben der Menschen berühren. Und erst als sechsthäufigste Antwort wurde der Benzinmangel genannt, was bestätigt, was ich schon gesagt habe: Die Russen nehmen das sehr gelassen.

Fazit

Die Behauptung der westlichen Medien und Politiker, die Russen seien kriegsmüde und würden in der Ukraine-Frage den Kurs ihrer Regierung nicht mehr unterstützen, kann man getrost ins Reich der Legenden verweisen. Da Levada ein vom Westen finanziertes Institut ist, sind den Redaktionen westlicher Medien diese Umfragen bekannt. Trotzdem erzählen sie das Märchen von der Kriegsmüdigkeit in Russland, anstatt ihr Publikum umfassend zu informieren.

Das gilt übrigens generell, denn in westlichen Medien erfährt man auch nicht, dass Levada die Russen jeden Monat fragt, wie zufrieden sie mit der Arbeit von Präsident Putin und der russischen Regierung sind. Mit der Arbeit von Putin sind aktuell 76 Prozent der Russen zufrieden und 18 Prozent unzufrieden, mit der Arbeit der Regierung sind aktuell 62 Prozent der Russen zufrieden und 31 Prozent unzufrieden, was übrigens auch recht gut das Ergebnis der Parlamentswahl vom Wochenende widerspiegelt, bei der die Regierungspartei wieder die absolute Mehrheit geholt hat.

Außerdem stellt Levada seit Jahrzehnten die generelle Frage, ob sich das Land in die richtige Richtung entwickelt. Darauf antworten aktuell 56 Prozent der Russen, das Land entwickle sich generell in die richtige Richtung und nur 27 Prozent der Russen sehen das anders.

Wie würde die Antwort auf diese Frage in Deutschland wohl ausfallen?

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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