Warum US-Milliardäre Farmland kaufen und warum die EU bei einem weiteren Zukunftsthema verliert

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Eine einfache Tatsache, die man in der EU nicht verstanden ist, ist der weltweit wachsende Bedarf an Lebensmitteln. Zwar...

anti-spiegel.ru📅 28.02.2026
Geopolitik

Warum US-Milliardäre Farmland kaufen und warum die EU bei einem weiteren Zukunftsthema verliert

In den USA kaufen Milliardäre im großen Stil landwirtschaftliche Flächen, während die EU Prämien zahlt, um solche Flächen stillzulegen. Russland wird im landwirtschaftlichen Bereich zu einem der führenden Länder der Welt. Warum ist das ein weiteres Zukunftsthema, bei dem die EU wieder verliert?

Eine einfache Tatsache, die man in der EU nicht verstanden ist, ist der weltweit wachsende Bedarf an Lebensmitteln. Zwar wird sich das weltweite Bevölkerungswachstum in den nächsten Jahrzehnten verlangsamen, aber die Menschen im globalen Süden werden immer wohlhabender – und damit auch anspruchsvoller bei der Ernährung.

US-Milliardäre haben das verstanden und kaufen in den USA im großen Stil landwirtschaftliche Flächen und Leute wie Bill Gates haben das Thema Ernährung längst als gewinnträchtiges Zukunftsthema entdeckt.

Auch Russland setzt stark auf Landwirtschaft. Seit Beginn der westlichen Sanktionen im Jahr 2014 hat Russland auf eine Stärkung seiner Landwirte und auf massive Förderung der Landwirtschaft gesetzt und wurde bei vielen Lebensmitteln innerhalb weniger Jahre zum führenden Exporteur. Einerseits wollte Russland, das traditionell ein Lebensmittelimporteur war, sich damit vor den Folgen der westlichen Sanktionen schützen und bei Lebensmitteln unabhängig vom Ausland werden, andererseits ist Russland dadurch zu einem der wichtigsten Player auf dem weltweiten Lebensmarkt geworden.

Und die EU? Die verfolgt seit Jahrzehnten eine Politik, die zum Sterben von Höfen führt, und unter dem Vorwand des angeblichen Klimaschutzes bekommen Landwirte Prämien, wenn sie Flächen stilllegen. Dafür fördert die EU beispielsweise Insekten als Lebensmittelzusatz, anstatt ihre frühere Stärke auf dem Gebiet der Landwirtschaft auszuspielen.

Ein russischer Experte hat über das Thema einen interessanten Artikel geschrieben, der für deutsche Leser vielleicht nicht sehr interessant beginnt, weil er darin im Detail auf die Lage in Russland eingeht, der am Ende aber zu den internationalen Entwicklungen kommt, die in den kommenden Jahrzehnten immer wichtiger werden – und die die EU gerade verschläft. Ich hab den Artikel übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Kartoffeln, Land und Souveränität: Warum Lebensmittel teurer geworden sind als Öl

Anatoly Tichonow, Direktor des Zentrums für Internationale Agrarwirtschaft und Ernährungssicherheit an der Präsidentenakademie für Volkswirtschaft und Öffentliche Verwaltung, erörtert, wie Russlands Rekordernte die globale Lebensmittellandschaft verändert und warum die reichsten Menschen der Welt Hektar um Hektar Ackerland aufkaufen.

Wir sind es gewohnt, die Größe eines Landes in Barrel Öl, Sprengköpfen oder Quadratkilometern Territorium zu messen. Doch im Februar 2026 herrscht ein anderes Koordinatensystem. Wahre Souveränität bedeutet heute, dass die Ernährungssicherheit gewährleistet ist, und das neue schwarze Gold ist nicht Öl, sondern Schwarzerde.

Der „Kartoffelrausch“ ist vorbei, das Zeitalter der Effizienz hat begonnen

Rosstat hat die endgültigen Ergebnisse des Agrarjahres veröffentlicht. Die Zahlen zwingen zu einer Neubewertung von Russlands Rolle im globalen Ernährungssystem. Im Bereich der Industriekartoffeln haben wir 8,47 Millionen Tonnen geerntet, ein Plus von 16 Prozent gegenüber 2024. Doch der wichtigste Faktor ist nicht einmal die Bruttoernte. Erstmals in der Geschichte durchbrach der Ertrag die psychologische Grenze von 300 Zentnern pro Hektar und erreichte 310,8 Zentner pro Hektar. Das ist ein absoluter Rekord und verändert alles.

Und das ist so ein Fall, bei dem hinter den nüchternen Zahlen tektonische Verschiebungen in der Wirtschaft stecken.

Dabei wird das Wachstum nicht durch die Erschließung neuer Felder, sondern durch Intelligenz und Technologie angetrieben. Die Kartoffelanbaufläche ging sogar leicht zurück (um minus 0,5 Prozent im Jahresvergleich), während die Ernte um mehr als 1,1 Millionen Tonnen stieg. Die Oblast Brjansk spielte dabei eine Schlüsselrolle: Bei gleichbleibender Anbaufläche im Vergleich zu vor 20 Jahren steigerte die Region ihre Ernte um 34 Prozent auf 1,32 Millionen Tonnen und wurde damit unangefochtener Spitzenreiter in puncto Wachstumsraten.

Wir sind keine Großmacht der Verschwendung mehr. Wir haben gelernt, sparsam zu wirtschaften. Laut Rosstat betrug die gesamte Kartoffelproduktion aller landwirtschaftlichen Betriebe im Jahr 2025 19,5 Millionen Tonnen, der zweithöchste Wert der jüngeren Geschichte. Entscheidend ist, dass landwirtschaftliche Organisationen, die Effizienzstandards festlegen, Erträge von 331,6 Zentnern pro Hektar erzielten, verglichen mit 278,4 Zentnern pro Hektar bei Einzelbetrieben. Diese Differenz bietet Potenzial für weiteres Wachstum.

Unsere Essgewohnheiten haben sich verändert, und das stellt die Erzeuger vor Herausforderungen

Die Rekordkartoffelernte fiel mit deutlichen Veränderungen im Konsumverhalten zusammen. Die Daten von Rosstat zeigen, dass die Russen vermehrt zu teureren Proteinen (Fleisch, Fisch, Eier) greifen, sie ersetzen also günstige Kohlenhydrate durch hochwertigere, nährstoffreichere Lebensmittel. Das spiegelt indirekt steigende Einkommen und veränderte Konsummuster wider. Russland produziert jährlich 16,88 Millionen Tonnen Vieh und Geflügel und konsumiert fast 83 Kilogramm Fleisch pro Person. Aber der Konsum von Brot und Nudeln geht zurück. Laut dem Russischen Verband der Bäcker und Konditoren liegt das sowohl an veränderten Ernährungsgewohnheiten als auch an den hohen Preisaufschlägen für die wichtigsten Brotsorten, die bis zu 35 Prozent betragen.

Der Markt für frische Produkte ist gesättigt und stagniert. Das ist jedoch keine Sackgasse, sondern ein Punkt für neues Wachstum. Laut der renommierten Rabobank verzeichnet der globale Markt derzeit ein signifikantes Wachstum im Verarbeitungssektor.

So hat sich beispielsweise der Handel mit Tiefkühl-Pommes frites innerhalb von fünf Jahren von 7,7 Milliarden US-Dollar auf 13,2 Milliarden US-Dollar fast verdoppelt. China und Indien haben sich von Nettoimporteuren zu Nettoexporteuren entwickelt, mit einem jährlichen Exportwachstum von 79 bzw. 45 Prozent.

Und hier macht Russland einen unerwarteten Sprung. Laut dem Institut für Agrarmarktstudien wurden in der Saison 2023/24 1,5 Millionen Tonnen Kartoffeln verarbeitet, ein Anstieg um ein Viertel gegenüber dem Vorjahr. Davon entfielen 421.000 Tonnen auf Tiefkühlprodukte (ein Anstieg um 13 Prozent) und 93.000 Tonnen auf Pommes frites (ein Anstieg um 15 Prozent). Wir wachsen nicht nur, sondern verändern auch unsere Struktur: Wir bauen Fabriken zur Herstellung von Flocken, Granulat und eben jenen Pommes frites, die bis vor Kurzem noch importiert wurden.

Die Achillesferse ist der Preis

Es gibt jedoch einen Haken. Die Importsubstitution war zwar erfolgreich, aber billige Lebensmittel gibt es bei uns deshalb nicht. Lebensmittel verschlingen ein Drittel des durchschnittlichen Familienbudgets. Gleichzeitig besteht eine deutliche Diskrepanz im Konsumverhalten. Wir produzieren 34,2 Millionen Tonnen Milchprodukte, das sind etwa 230 bis 240 Kilogramm pro Person und Jahr, das ist aber immer noch weit entfernt von den 378 Kilogramm zu Sowjetzeiten. Wir könnten mehr Fisch essen, aber er ist teurer als Rindfleisch.

Es ist paradox: Wir produzieren Rekordmengen, aber die Gewinnmargen stehen aufgrund teurer Logistik, Kredite und Handelsaufschläge unter Druck. Verbraucher, die hochwertiges Eiweiß suchen, stoßen weiterhin an ihre finanziellen Grenzen.

Der russische Hektar und der globale Appetit

Und hier kommen wir zum Kernpunkt. Während wir über Inflation und Ernteerträge streiten, findet weltweit eine stille Agrarrevolution statt. Im Januar 2026 veröffentlichte das Magazin „The Land Report“ sein jährliches Ranking der größten privaten Landbesitzer in den USA. Der Milliardär Stan Kroenke, Besitzer von Sportclubs und Ehemann einer Walmart-Erbin, erwarb über 937.000 Acres (ca. 379.000 Hektar) in New Mexico, das ist die größte Landtransaktion des letzten Jahrzehnts. Er besitzt nun 2,7 Millionen Acres (ca. 1,09 Millionen Hektar). Die Familie Emmerson liegt mit 2,44 Millionen Acres (ca. 988.000 Hektar) Waldfläche an zweiter Stelle, gefolgt vom Medienmogul John Malone mit 2,2 Millionen Acres (ca. 890.000 Hektar).

Warum investieren die reichsten Menschen der Welt Milliarden in Land? Weil der globale Lebensmittelmarkt in Turbulenzen steckt. Europa verliert rasant Ackerland: Allein in Dänemark wurden über 1,04 Milliarden Euro für das von der EU-Kommission im Februar 2026 beschlossene Programm zur freiwilligen Aufgabe von Ackerflächen bereitgestellt, das Zehntausende Hektar betrifft. Die Niederlande, die die Hälfte der weltweiten Saatkartoffelexporte kontrollieren, sehen sich Klimarisiken und strengeren Umweltauflagen gegenüber. Asien verlangt immer mehr Kalorien, während der Nahe Osten alles aufkauft, was man einfrieren und braten kann.

In dieser neuen Realität befindet sich Russland in einer einzigartigen Position. Laut Prognosen der Russischen Akademie der Wissenschaften werden wir in der Saison 2025/26 unsere Position als weltweit führender Weizenexporteur behaupten. Wir werden außerdem zu den drei größten Roggenexporteuren und zu den vier größten Gerstenexporteuren gehören. Und bei Schweine- und Geflügelfleisch werden wir die Exporte in befreundete Länder in Asien, Afrika und der GUS weiter steigern, Russland wird voraussichtlich den siebten bzw. neunten Platz weltweit belegen. Wir haben Land, Wasser und, was am wichtigsten ist, den politischen Willen, die Agrarindustrie in einen Wirtschaftsmotor zu verwandeln.

Land ist heute mehr als nur ein Vermögenswert. Es ist die Eintrittskarte in den Kreis der Länder, die Mitte des 21. Jahrhunderts die Bedingungen diktieren werden. Und die Milliardäre, die Land hektarweise aufkaufen, verstehen das besser als Politiker. Wir haben unsere Souveränität bereits gesichert. Nun gilt es, zu denen zu werden, auf die andere angewiesen sind. Und Kartoffeln sind nur der erste, köstliche und befriedigende Schritt.

Ende der Übersetzung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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