Warum Frankreichs Atomschirm für Europa viel gefährlicher ist, als der amerikanische

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Nachdem die USA Europa in der Sicherheitspolitik den Rücken kehren, hat in der EU die Diskussion darüber begonnen, wie d...

anti-spiegel.ru📅 28.05.2026
„Vorwärtsabschreckung“

Warum Frankreichs Atomschirm für Europa viel gefährlicher ist, als der amerikanische

Nachdem die USA Europa den Rücken kehren, will Frankreich seinen Atomschirm auf andere europäische Länder ausdehnen. Bisher scheinen Polen und Norwegen das Angebot angenommen zu haben und Polen übt mit Frankreich bereits Atomangriffe auf Russland. Warum der französische Atomschirm gefährlicher als der amerikanische ist.

Nachdem die USA Europa in der Sicherheitspolitik den Rücken kehren, hat in der EU die Diskussion darüber begonnen, wie die EU atomar geschützt werden kann. Frankreich ist das einzige Land in der EU, das über Atomwaffen verfügt, weshalb Präsident Macron eine Chance sah, Frankreichs Einfluss innerhalb der EU zu erhöhen, indem es sich als atomare Schutzmacht der EU positioniert.

Parallel dazu hat Macron auch verkündet, dass Frankreich die Zahl seiner Atomsprengköpfe von derzeit geschätzt etwa 300 erhöhen werde, wobei er nicht erklärte, wie viele Sprengköpfe das künftige Ziel Frankreichs sind.

Im März 2026 verkündete Macron eine strategische Kooperation mit europäischen Partnern, darunter Deutschland, Polen, Niederlande, Griechenland, Dänemark, Belgien und Schweden. Gerade erst ist auch Norwegen dieser Initiative beigetreten. Neben einem gemeinsamen Frühwarnsystem und Entwicklung neuer Raketen sollen diese Länder künftig an gemeinsamen Übungen teilnehmen können. Auch die Stationierung französischer Kernwaffen in diesen Staaten sei in der Zukunft möglich.

In einer gemeinsamen Erklärung verkündeten Präsident Macron und Bundeskanzler Merz die Gründung einer deutsch-französischen Lenkungsgruppe zur strategischen Zusammenarbeit bei der atomaren Abschreckung. Allerdings waren das erst einmal nur Erklärungen über eine Zusammenarbeit und wenn man die Konkurrenz zwischen Deutschland und Frankreich um Einfluss in der EU bedenkt, dürfte die Idee gerade bei Deutschland noch vor vielen Stolpersteinen stehen.

Anders ist es bei Polen, das die französischen Atomwaffen geradezu herbeisehnt.

Übung von Atomangriffen auf Russland

Im April berichteten polnischen Medien, an der Ostflanke der NATO, vor allem über der Ostsee und Nordpolen, würden demnächst gemeinsame französisch-polnische Luftwaffen-Manöver durchgeführt. Dazu würden auch französische Atomsprengköpfe nach Polen gebracht, die aber nicht dauerhaft dort bleiben sollen. Die Franzosen würden bei den Übungen den Einsatz von Atomsprengköpfen gegen Russland simulieren.

Polnische Piloten würden bei den Übungen Langstreckenaufklärung und Zielaufklärung sowie Angriffe mit konventionellen Waffen durchführen. Dabei würden konventionelle JASSM-ER-Marschflugkörper von F-16-Kampfflugzeugen abgefeuert, die in dem Übungsszenario sogenannte hochrangige Ziele im Raum St. Petersburg angreifen sollen.

Der „Schlüssel zu diesen Plänen“ sei, dass „die im Aufbau befindliche polnisch-französische Streitkraft gewissermaßen außerhalb der NATO-Bürokratie agieren wird“, schrieben polnische Medien. Die Entwicklung gemeinsamer Verfahren werde deutlich schnellere militärische Entscheidungen ermöglichen, was im Falle eines russischen Angriffs schnellere Reaktionen ermöglichen solle, die nicht auf die Ergebnisse von Beratungen über eine Aktivierung von Artikel 5 des NATO-Vertrages warten müssten, so eine Quelle aus dem polnischen Militär.

Am 20. April fand auch ein eintägiger Besuch von Macron in Polen statt, bei dem die „strategische Annäherung“ das erklärte Ziel des Besuchs war. Wenige Tage später haben die Medien die gemeinsamen Atommanöver angekündigt.

Der militärische Bereich scheint zum wichtigsten Fokus der aktuellen Beziehungen zwischen Polen und Frankreich geworden zu sein. Artikel 4 des ein Jahr zuvor in Nancy unterzeichneten Partnerschaftsvertrags fordert beispielsweise die Entwicklung einer „gemeinsamen strategischen Kultur“. Entsprechend besuchte General Fabien Mandon, der Chef des Generalstabs der französischen Armee, Anfang April Warschau, offenbar, um Macrons Besuch vorzubereiten.

Der General ist ein Falke, der in Frankreich für Schlagzeilen gesorgt hat, weil er kürzlich von den Franzosen gefordert hat, sich darauf vorzubereiten, im Konflikt mit Russland „ihre Kinder zu verlieren“.

Unmittelbar vor Macrons Polenbesuch veranstalteten das Französische Institut für Internationale Beziehungen (IFRI) und sein Warschauer Pendant, das Polnische Institut für Internationale Angelegenheiten (PISM), in Paris ein Kolloquium zum Thema „Vorwärtsabschreckung“. Dieser Begriff wurde, so könnte man sagen, von Macron persönlich geprägt, um Frankreichs Bereitschaft zu verdeutlichen, osteuropäische Länder unter seinen „Nuklearschirm“ zu stellen.

Die nukleare Eskalationsleiter

Die Gefahr eines Atomkrieges begleitet Europa seit dem Kalten Krieg. Allerdings ist der französische Atomschirm ungleich gefährlicher für Europa, als es der amerikanische war oder ist. Der Grund liegt in der sogenannten nuklearen Eskalationsleiter.

Die nukleare Eskalationsleiter ist ein militärstrategisches Modell des US-amerikanischen Strategen Herman Kahn aus dem Jahr 1960. Sie unterteilt Konflikte zwischen Atommächten in 44 bis 50 Stufen, um Entscheidungsträgern zu veranschaulichen, wie Handlungen von konventionellen Krisen schrittweise in einen totalen Atomkrieg übergehen können.

Im Falle eines Krieges europäischer Staaten gegen Russland, der potenziell zu einem Atomkrieg eskalieren kann, bedeutet das, dass ein Atomkrieg nicht sofort total geführt wird, sondern dass eine Seite, wenn sie sich so sehr bedrängt sieht, dass sie den Einsatz von Atomwaffen in Betracht zieht, davor warnt.

Das kann beispielsweise durch die Zündung einer Atomwaffe irgendwo über den Meer geschehen, wo sie erstmal keinen allzu gefährlichen Schaden anrichtet, um dem Gegner klarzumachen, dass man bereit ist, Atomwaffen einzusetzen. Es würde also mit einzelnen „Warnschüssen“ beginnen und sich dann bis hin zu gezielten Angriffen auf militärische Infrastruktur steigern, wobei aber – und das ist sehr wichtig – „kleine“, sogenannte taktische Atomwaffen eingesetzt würden. Das wäre, im Vergleich zu den großen, strategischen Sprengköpfen, immer noch ein recht geringer und eher symbolischer Einsatz, der vor allem eine Warnung an den Gegner wäre.

Wenn das nicht dazu führt, dass man den Krieg deeskaliert und sich an den Verhandlungstisch setzt, würden massive nukleare Angriffe auf urbane oder industrielle Zentren folgen, um „Exempel“ zu statuieren.

Und erst, wenn auch das den Krieg nicht beendet, würde der unkontrollierte und totale atomare Schlagabtausch folgen, nach dem Europa wohl eine unbewohnbare Wüste wäre.

Warum Frankreichs Atomschirm so gefährlich ist

Im Falle eines Krieges zwischen den EU-Staaten und Russland würde diese Eskalationsleiter nicht funktionieren, was bedeutet, dass es sehr viel schneller zum totalen Schlagabtausch kommen würde.

Der Grund dafür ist, dass Frankreich nicht über „kleine“, also taktische Atomwaffen verfügt, sondern nur große, strategische Sprengköpfe hat. Das bedeutet, dass die Stufen zu Beginn der Eskalationsleiter, bei denen man einzelne atomare „Warnschüsse“ abgibt, nicht stattfinden kann. Stattdessen würde es viel schneller zum Einsatz schwerer Atomwaffen kommen.

Im Klartext bedeutet Frankreichs Atomschirm für Europa also nicht mehr Sicherheit, sondern eine noch größere Gefahr der Eskalation eines Konflikts hin zu einem unkontrollierten Atomkrieg in Europa.

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.


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