Warum die israelische Regierung jetzt den Völkermord an den Armeniern anerkennt

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Seit Israels Vernichtungskrieg in Gaza ist ein offener Streit zwischen der Türkei und Israel ausgebrochen. Die Türkei wi...

anti-spiegel.ru📅 03.07.2026
Israelisch-türkische Krise

Warum die israelische Regierung jetzt den Völkermord an den Armeniern anerkennt

Seit Israels Vernichtungskrieg in Gaza sind die Beziehungen zur Türkei auf dem Tiefpunkt. Außerdem kollidieren die geopolitischen Interessen der Länder miteinander. Nun hat Israels Regierung den Völkermord an den Armenien anerkannt und den Streit damit weiter verschärft.

Seit Israels Vernichtungskrieg in Gaza ist ein offener Streit zwischen der Türkei und Israel ausgebrochen. Die Türkei wirft Israel vor, einen Völkermord an den Palästinensern zu begehen. Aber das ist nicht der einzige Grund für den Streit, vielmehr spiegelt er den Ausbruch lange angehäufter geopolitischer Rivalität wieder, denn sowohl Erdogans Türkei als auch Israel wollen die Region dominieren.

Im Grunde war der Streit schon lange sichtbar, denn sowohl Israel als auch die Türkei wollten die syrische Assad-Regierung stürzen, um Syrien zu kontrollieren. Bekanntlich hatte dabei die Türkei Erfolg, als von ihr unterstützte Islamisten die Assad-Regierung vertrieben haben. Die neue syrische Regierung versuchte zwar, auch mit Israel zu einem Ausgleich zu kommen, das Syrien weiterhin bombardierte und neben den Golanhöhen weitere syrische Gebiete besetzt hat.

Um den türkischen Einfluss zu schwächen, hat Israel außerdem kurdische Kräfte in Syrien unterstützt, die die Türkei als Terroristen ansieht und die die neue syrische Regierung unter Kontrolle bekommen wollte.

Der Streit ist inzwischen so tief, dass es schon Analysten gibt, die mittelfristig vor der Gefahr eines Krieges zwischen Israel und der Türkei warnen. So unwahrscheinlich so ein Szenario heute erscheinen mag, ist es jedoch nicht ausgeschlossen. Und weil die Türkei NATO-Mitglied ist, hätte so ein Konflikt enorme Sprengkraft im westlichen Lager, das sich dann zwischen der Unterstützung des NATO-Partners Türkei und Israels entscheiden müsste.

Nun hat die israelische Regierung einen weiteren Schritt unternommen, der den Streit verschärfen dürfte, denn sie hat den Völkermord an den Armeniern anerkannt. Über die Gründe für diesen Schritt hat der Israel-Korrespondent der TASS einen Artikel geschrieben, den ich übersetzt habe.

Beginn der Übersetzung:

Ein Seitenhieb gegen Erdoğan: Warum Israel jetzt den Völkermord an den Armeniern anerkennt

Andrej Schirokow, Leiter des TASS-Büros in Israel, darüber, warum die israelische Regierung die historische Karte von 1915 ausspielt und wie sich das auf die Beziehungen zur Türkei auswirkt.

Die israelische Koalitionsregierung unterstützte einstimmig den Vorschlag von Außenminister Gideon Saar, den Massenmord an Armeniern im Osmanischen Reich zu Beginn des letzten Jahrhunderts als Völkermord anzuerkennen. Dies geschah vor dem Hintergrund einer deutlichen Verschlechterung der Beziehungen zwischen Israel und der Türkei in den letzten Jahren sowie der bevorstehenden Parlamentswahlen in Israel im Herbst 2026.

Die Aussichten auf eine Normalisierung des Dialogs sind auf Jahre hinaus düster. Die israelische Führung scheint auf der internationalen Bühne auf eine offene politische Eindämmung Ankaras umzuschwenken und damit einen langfristigen strategischen Graben zu schaffen.

Die geschichtliche Frage

Vor Beginn des Ersten Weltkriegs lebten im Osmanischen Reich etwa 2,5 Millionen Armenier. Schätzungen zufolge starben 1915 infolge von Zwangsumsiedlungen und systematischen Tötungen zwischen 600.000 und 1,5 Millionen Armenier.

Die Tragödie begann am 24. April 1915, als osmanische Behörden die armenische Intelligenz in Istanbul verhafteten und ermordeten. Darauf folgten Massenumsiedlungen: Menschen wurden ohne Nahrung und Wasser auf Todesmärschen durch die syrische Wüste getrieben. Das Ausmaß dieser Katastrophe veranlasste den Juristen Raphael Lemkin später, den Begriff „Genozid“ zu prägen.

Die türkische Regierung erkennt die Tatsache des Massensterbens an, lehnt die Verwendung des Begriffs „Genozid“ jedoch kategorisch ab und hält die Opferzahlen für übertrieben. Ankara beharrt darauf, dass die armenischen Todesopfer nicht das Ergebnis einer gezielten Politik der Regierung waren, sondern eine Folge des Bürgerkriegs im Osmanischen Reich, dem auch Türken zum Opfer gefallen sind.

Die Initiative des Außenministers

Wenige Tage vor der Kabinettssitzung kündigte Saar öffentlich seine Absicht an, seinen Kollegen eine Resolution zum Völkermord zur Genehmigung vorzulegen. Seiner Ansicht nach sei die Anerkennung dieser Tragödie eine „moralische und historische Verpflichtung“ gegenüber dem armenischen Volk.

Bereits am nächsten Tag unterstützte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Initiative des Außenministers. „Ich habe mich nicht davor gescheut, sie anzuerkennen, und ich unterstütze sie uneingeschränkt“, erklärte der Regierungschef auf einer Pressekonferenz. Tatsächlich war Netanjahu im August 2015 der erste israelische Ministerpräsident, der die Ereignisse von 1915 öffentlich als Völkermord bezeichnete. Das geschah in einem Interview mit dem amerikanischen Podcaster Patrick Bet-David. Netanjahu tat das jedoch auf eine recht kuriose Weise.

Auf die direkte Frage nach den Gründen für das langjährige Schweigen des jüdischen Staates antwortete der Premierminister plötzlich: „Eigentlich haben wir das, glaube ich, schon anerkannt. Ich meine, die Knesset hat eine entsprechende Resolution verabschiedet.“ Als der überraschte Moderator den Premierminister korrigierte und ihn daran erinnerte, dass es in Israel kein offizielles Gesetz dazu gibt, begriff Netanjahu sofort und wandte sich direkt an die Kamera: „Dann habe ich es eben getan. Das ist meine Anerkennung.“ Wie sich später herausstellte, hatte der Premierminister eine offizielle staatliche Anerkennung einfach mit einer unverbindlichen Erklärung eines Parlamentsausschusses aus dem Jahr 2016 verwechselt. Nichtsdestotrotz ist der nun unternommene Schritt weitaus gravierender als eine Erklärung im Fernsehen.

Die Positionen Aserbaidschans und Armeniens

Mit der Anerkennung des Völkermords hat Israel faktisch mit der Türkei „gleichgezogen“, riskiert nun aber, auf einem weiteren Gebiet zu verlieren und mit Aserbaidschan einen weiteren guten strategischen Partner zu verlieren, wie die Zeitung Maariv anmerkt. Die Beziehungen zwischen Aserbaidschan und Israel sind traditionell eng: Aserbaidschan ist einer der wichtigsten Öllieferanten Israels, das im Gegenzug die aserbaidschanische Armee mit modernen Waffen ausrüstet. Die armenische Frage ist für Baku jedoch insgesamt ein heikles Thema, nicht zuletzt wegen der brüderlichen Beziehungen zur Türkei. Daher fiel die Reaktion des aserbaidschanischen Außenministeriums erwartungsgemäß scharf aus. Es erklärte, die Entscheidung der israelischen Regierung sei „ernsthaft besorgniserregend“, nannte sie eine „Verfälschung historischer Fakten“ und die „Reduzierung einer komplexen historischen Frage auf eine politische Lösung“.

Gleichzeitig fällt die unerwartete Reaktion, oder vielmehr das völlige Ausbleiben einer Reaktion, aus Armenien selbst auf. Wie die Zeitung Israel Hayom berichtet, reagierte Armenien mit auffallender Kälte auf Israels Initiative. Der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan erklärte unmissverständlich, er sehe keinen Grund, auf diesen Schritt zu reagieren. Seine Argumentation ist einfach: Die armenische Führung hat bereits deutlich gemacht, dass die internationale Anerkennung des Völkermords von 1915 keine Priorität mehr für ihre Außenpolitik darstellt. Paschinjans Team konzentriert sich nun voll und ganz auf die Normalisierung der Beziehungen zur Türkei, und es braucht schlichtweg keine weiteren geopolitischen Turbulenzen, selbst wenn diese dem Land nützen würden.

Russlands Position

Moskaus Position zu diesem Thema bleibt unverändert und grundlegend. Der russische Präsident Wladimir Putin bekräftigte das in seiner Rede an die Teilnehmer der Gedenkveranstaltungen zum 111. Jahrestag des Völkermords an den Armeniern. Der Präsident bezeichnete diese Ereignisse als eine der schrecklichsten Tragödien des 20. Jahrhunderts und hob den beispiellosen Mut und die Einigkeit des armenischen Volkes hervor.

Russland verurteilt diese Verbrechen seit über einem Jahrhundert. Die historische Grundlage wurde durch die gemeinsame Erklärung Russlands, Frankreichs und Großbritanniens gelegt, die unmittelbar im Mai 1915 verabschiedet wurde. Dieses Dokument bezeichnete die Gewalt gegen das armenische Volk erstmals auf globaler Ebene ausdrücklich als Verbrechen gegen Zivilisation und Menschlichkeit. Das moderne Russland verankerte diesen Status 1995 rechtlich, als die Staatsduma eine offizielle Erklärung zur Verurteilung des Völkermords verabschiedete.

Die türkische Sackgasse

Die gegenwärtige Sackgasse in den Beziehungen zur Türkei bietet Netanjahu und Saar die Chance, vor der anstehenden Parlamentswahlen im Inland praktisch ohne Risiko politisch zu punkten.

Es ist symbolisch, dass die einstimmige Annahme der Resolution durch die israelische Regierung mit für den jüdischen Staat alarmierenden Nachrichten aus Washington zusammenfiel. Medienberichten zufolge erwägt das Weiße Haus den Verkauf von F-35-Kampfjets und modernen Triebwerken an die Türkei. Ankara hat diesmal jedoch schlicht keine Karten in der Hand, um wirksam und sicher zu antworten. Die Türkei selbst hat alle Brücken abgebrochen: die Wirtschaftsbeziehungen vollständig gekappt, den Flugverkehr eingestellt, die Hamas öffentlich unterstützt und eine aggressive diplomatische Kampagne gestartet, in der sie Israel des Völkermords an den Palästinensern im Gazastreifen beschuldigt.

Die „unbequeme Wahrheit“ der Situation ist, dass der jüdische Staat das Wort „Völkermord“ im Zusammenhang mit den Ereignissen von 1915 jahrzehntelang einzig und allein aus Rücksicht auf Ankara vermieden hat, wie die Times of Israel anmerkt. Die bilateralen Beziehungen verschlechterten sich jedoch nach dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 und der darauffolgenden Militäroperation im Gazastreifen rapide. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bezeichnete die Hamas öffentlich als „Befreiungsbewegung“ und verglich Israel mit Nazi-Deutschland. Damit war das langjährige Veto gebrochen, die Barrieren endgültig gefallen. Die türkische Feindseligkeit gab der israelischen Führung freie Hand und machte das einst tabuisierte Thema zu einer bequemen politischen Waffe.

Wahlen als Faktor

Ein wichtiger, oft übersehener Auslöser für den Zeitpunkt dieser Abstimmung im israelischen Kabinett waren zweifellos die bevorstehenden Parlamentswahlen im Oktober 2026. Saar, der Initiator der Resolution, kehrte erst im August 2025 zu Netanjahus Likud-Partei zurück. Zuvor hatte es eine fast fünfjährige Auseinandersetzung mit dem Premierminister gegeben, in der Saar sein eigenes Oppositionsprojekt „Tikva Hadasha“ leitete. Mit seiner Unterstützung für Saars Vorschlag unternimmt der Likud-Chef heute einen pragmatischen Schritt: Kurz vor dem komplexen und kontroversen Prozess der Erstellung der Wahllisten stärkt er seine Position innerhalb der Regierungspartei .

Bis zur endgültigen Entscheidung ist es jedoch noch weit. Damit der Kabinettsbeschluss rechtskräftig wird, muss er von der Knesset gebilligt werden. Ursprünglich sollte das Dokument diese Woche dem Einkammerparlament zur Debatte vorgelegt werden, doch das ist bisher nicht passiert und der Prozess wird eindeutig gebremst. Trotzdem drängt die Zeit: Die Legislaturperiode der Knesset endet offiziell am 27. Oktober 2026, sodass den Initiatoren nur wenig Zeit bleibt, um den Prozess abzuschließen.

Ende der Übersetzung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

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