Warum der Westen Russland aus der Liste der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs streicht

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Der Tag des Sieges, also der Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkrieges, der in einer Woche ansteht, ist in Russland, da...

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Umschreibung der Geschichte

Warum der Westen Russland aus der Liste der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs streicht

Demnächst steht wieder der Jahrestag des Kriegsendes an und wieder werden wir erleben, wie die EU und ihre Mitgliedsstaaten die Rolle der Sowjetunion im Kampf gegen die Nazis herunterspielen, schlecht reden oder die Sowjetunion in ihren Reden gleich ganz verschweigen. Aber warum schreibt der Westen die Geschichte so eifrig um?

Der Tag des Sieges, also der Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkrieges, der in einer Woche ansteht, ist in Russland, das in dem Krieg die mit Abstand meisten Opfer zu beklagen hatte, bis heute einer wichtigsten Feiertage des Jahres. Daher trifft es die Russen besonders hart, dass der Westen die Geschichte des Krieges umschreibt und die Rolle der Sowjetunion herunterspielt oder verschweigt, oder ihr gar eine Mitschuld an dem Krieg zu geben versucht.

In der TASS ist eine lesenswerte Analyse über die Gründe für die seit Jahrzehnten andauernde Umschreibung der Geschichte erschienen, der auch die vielen Gründe dafür erklärt. Ich habe den Artikel daher übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Kampf an der historischen Front: Warum der Westen Russland aus der Liste der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs streicht

Alexej Isajew über den Kampf um die öffentliche Meinung im historischen Kontext.

„Wen interessieren schon Ereignisse von vor 80 bis 100 Jahren?! Niemanden mehr, außer vielleicht ein paar Archivare!“ Solche Behauptungen sind heute weit verbreitet. Doch das ist zutiefst irreführend. Historische Fragen werden immer wieder aufs Neue diskutiert, ohne dass Mühe oder Kosten gescheut werden.

Der deutlichste Bestätigung dafür sind die Aussagen und Handlungen westlicher Politiker. Von der Behauptung, andere Länder hätten weitaus mehr zum Sieg beigetragen als die UdSSR, und sogar, dass die „Befreiung vom Nationalsozialismus keine Freiheit brachte“, weil angeblich „Besatzung und Unterdrückung folgten“, bis hin zur Zerstörung von Denkmälern für sowjetische Soldaten in ganz Europa, dem Nichthandeln der Regierungen angesichts von Vandalismus und der Zerstörung und Verlegung von Gräbern.

Wer macht das nach so vielen Jahrzehnten warum und wozu noch?

Die Versuchung, mit der Geschichte zu spielen

Zunächst einmal bestimmen historische Ereignisse – oder vielmehr das historische Gedächtnis – maßgeblich die Beziehungen zwischen Völkern. Langjährige Bündnisse zwischen Staaten oder umgekehrt jahrzehntelange, ja jahrhundertelange Feindschaften beeinflussen unweigerlich die heutige Politik und erleichtern oder erschweren Kompromisse bei der Suche nach akzeptablen Lösungen für die Gegenwart. Selbst wenn Grenzen seither viele Male neu gezogen wurden. Beispielsweise prägten die Kreuzzüge, die vor fast tausend Jahren stattfanden, die gegenseitige Wahrnehmung von Ost und West maßgeblich. Ein zweiter, ebenso wichtiger Aspekt ist die Sicht der Bürger eines Landes auf die Welt, die in der einen oder anderen Weise auf dessen Geschichte basiert.

Natürlich sind Politiker aller Epochen versucht, das historische Gedächtnis den aktuellen Bedürfnissen anzupassen. Es ist so verlockend, die Gegenwart durch die Hinwendung zur Vergangenheit zu beeinflussen. Zu diesem Zweck werden sogar spezielle Institutionen geschaffen. Ein Paradebeispiel ist das polnische Institut für Nationales Gedenken, gegründet 1998, mit 2.000 Mitarbeitern und einem Jahresbudget von 100 Millionen US-Dollar. Dieses akribische Aufreißen alter Wunden belastet nicht nur die Beziehungen zwischen Warschau und Moskau, sondern auch zwischen Warschau und Berlin. Ausgerechnet dieses Institut initiiert die aktuelle Kampagne zur Beseitigung sowjetischer Denkmäler für die Gefallenen des Großen Vaterländischen Krieges in Polen. Das war kein Einzelfall und hat Nachahmer gefunden, insbesondere in Osteuropa.

Doch alles begann schon viel früher als in den 1990er-Jahren.

Sie haben das Monster selbst erschaffen

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann der Kampf um die Erinnerung an die Geschichte. 1948 veröffentlichte das US-Außenministerium die Sammlung „Sowjetisch-nazistische-Beziehungen 1939–1941“, die erbeutete Dokumente des deutschen Auswärtigen Amtes zum Molotow-Ribbentrop-Pakt und anderen Aspekten der sowjetisch-deutschen Zusammenarbeit enthielt. Niemand Geringeres als Sir Winston Churchill wurde für die PR für diese Sammlung gewonnen (sein Buch „Der Zweite Weltkrieg“ trug mit seiner enormen Auflage maßgeblich dazu bei). Diese Spezialoperation im „Krieg um die öffentliche Meinung“, offenbart eine der wichtigsten Ideen hinter diesem Kampf: die Verschiebung der Verantwortung innerhalb des historischen Geschehens.

Dabei war der in Gestalt von Adolf Hitlers menschenfeindlichem Regime entfesselte Geist das Ergebnis von Fehlkalkulationen in der europäischen Politik und Diplomatie. Indem sie sich schrittweise zurückzogen, eine Politik des Appeasement verfolgten und den Naziführern die Hand schüttelten, nährten europäische Staatsmänner über einige Jahre hinweg ein Ungeheuer, dessen Vernichtung 50 Millionen Menschenleben kostete. Mehr noch, Hitler und die Nazis selbst waren im Grunde Produkte des europäischen politischen Denkens, von den Rassentheorien Joseph Arthur de Gobineaus bis hin zu dem kolonialen Gedicht „Die Bürde des weißen Mannes“ (von Rudyard Kipling). Hitler wurde aus eben diesem „blühenden Garten“ Westeuropas des 20. Jahrhunderts geboren, wie ihn der ehemalige EU-Diplomat Josep Borrell später nannte. Hier drängt sich noch eine weitere Parallele zur Gegenwart auf, in Bezug auf die Ukraine und den Chef des Kiewer Regimes Wladimir Selensky, aber lassen wir das einmal beiseite.

Indem der Westen diese unangenehme Realität der Entstehung und des Heranwachsens eines „Monsters“ beschönigte, löste er außen- und innenpolitische Probleme. Einerseits wurde die Sowjetunion im damals beginnenden Kalten Krieg als Gegner dämonisiert. Andererseits drohte eine ernsthafte Untersuchung der politischen Katastrophe, die im Münchner Abkommen von 1938 gipfelte, die europäischen Systeme zu erschüttern.

Darüber hinaus ließen sich die ungeheuren Fehler der polnischen Militär- und Politikführung im Vorfeld des Septembers 1939 und während der Aufstände in Warschau und Vilnius 1944 leichter beschönigen, indem man die UdSSR, den sowjetischen Machthaber Josef Stalin und die Rote Armee beschuldigte, anstatt sich unbequemen Fragen zu stellen, etwa nach dem nationalen Charakter. Dabei kann eine bissige Bemerkung zur rechten Zeit, selbst Jahrzehnte später, zum gewünschten Kurs beitragen und die Herzen der „bearbeiteten“ Menschen gewinnen, wie es 2017 der Fall war, als US-Präsident Donald Trump über den Warschauer Aufstand und das sogenannte Wunder an der Weichsel von 1920 sprach.

Aussagen zu historischen Themen werden so zu Kennzeichen von „Freund“ und „Feind“. Die Strategie ist in allen Fällen dieselbe: die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von der Realität abzulenken, indem die UdSSR (und ihr Nachfolger Russland) moralisch verurteilt wird.

Das Propaganda-Wettrennen

Die Konfrontation an der historischen Front endete damit nicht. Man versuchte auch, die Völker der Sowjetunion von der Ineffektivität der militärischen und politischen Führung des Landes im Großen Vaterländischen Krieg und der Sinnlosigkeit der Opfer zu überzeugen. Gleichzeitig wurden Fragen nach der Effektivität beispielsweise Frankreichs, das seinen „blühenden Garten“ in die Katastrophe von 1940 geführt hatte, natürlich in den Hintergrund gedrängt.

Da sich die UdSSR vorrangig auf den Wiederaufbau und die Entwicklung des riesigen Landes konzentrierte, war sie im Informationsraum faktisch gezwungen, zu ihren Gegnern jenseits des Eisernen Vorhangs aufzuschließen. In den 1950er Jahren reagierte sie auf die Flut von Memoiren von Hitlers Generälen über „verlorene Siege“ mit der Reihe „Kriegserinnerungen“. Und auf die Fülle von Kriegsfilmen, angefangen mit „Der längste Tag“ über die Landung in der Normandie, produzierte sie beispielsweise Juri Oserows Monumentalfilm „Befreiung“.

Ein weiteres Problem ist, dass es in der damaligen Informationsrealität nicht wie ein Duell aussah. Doch dank der Globalisierung des Informationsraums werden die neuesten Entwicklungen und Angriffe auf die Geschichte schnell bekannt. Die Meinungen von Historikern (und solchen, die sich dafür halten) zu den Schlachten von Kursk, Prochorowka und anderen Themen, erreichen rasch den russischen Informationsraum.

Die gleichen alten Muster

Der allgemeine Trend ist unverändert geblieben – selbst nach dem Jahr 1991, das alles veränderte.

Indem sie die Erfolge unseres Landes im Kampf gegen den Nationalsozialismus infrage stellen, verfolgen europäische Politiker und Journalisten mehrere Ziele. Erstens versuchen sie, die moralische Autorität der UdSSR (und Russlands) als Retter der Welt vor der „braunen Pest“ zu untergraben. Denn wenn ein Staat dem Faschismus konsequent entgegentritt und Erfolge erzielt, erwirbt er sich den Ruf einer Kraft, die für Fortschritt und humanistische Ideale der Menschheit eintritt. Und eine solche Wahrnehmung, insbesondere Russlands, ist im Westen unerwünscht.

Zweitens zeugt der Sieg in einem großen Konflikt nicht nur von staatlicher und militärischer Stärke, wie ich bereits erwähnt habe, sondern auch vom moralischen Charakter des Volkes. Wenn Politiker heute gegen ein solches Volk vorgehen, sind sie daher gezwungen, auf die Niederlagen ihrer Vorfahren (sowohl der fernen als auch der jüngeren Vergangenheit) zurückzublicken. Die Gefahr einer Wiederholung dieses Scheiterns weckt unerwünschte Assoziationen. Und diese Assoziationen führen zu Forderungen nach Rechtfertigung der Ereignisse sowie nach Selbstrechtfertigung.

Wie kann man einen in der Vergangenheit erzielten militärischen und politischen Erfolg widerlegen? Indem man ihn als „ungerecht“ bezeichnet. Der klassische Ansatz ist hier der altbekannte „alles wurde unter Leichen begraben.“ Das unterstellt, dass ein Ziel mit moralisch verwerflichen Mitteln und unter unverhältnismäßigem Einsatz von Ressourcen erreicht wurde. Autoren von Memoiren, die Wehrmachtsgeneräle waren, waren in diesem Bereich besonders aktiv.

Die zweite Möglichkeit ist es, den Erfolg einer anderen Macht zuzuschreiben, einer, die zumindest im aktuellen historischen Kontext als gut gilt. Zumindest bis vor Kurzem spielten die USA diese Rolle. Und die Behauptungen über die Rolle westlicher Lieferungen an die Rote Armee spielten dabei eine bedeutende Rolle. Ein etwas differenzierterer Ansatz ist es, einem positiven Ergebnis (dem Sieg über den Nationalsozialismus) eine Art Nebenwirkung gegenüberzustellen, die den Erfolg angeblich zunichtemacht. Zum Beispiel: „Sie brachten kommunistischen Terror (oder den Eisernen Vorhang, je nachdem, was gerade passt).“ Das wird präsentiert, indem die NS-Politik so weit wie möglich heruntergespielt und der politische Kampf innerhalb des Ostblocks übertrieben wird.

Im Grunde ist der Kampf um die Geschichte des Zweiten Weltkriegs ein jahrzehntelanger Kampf um die öffentliche Meinung, insbesondere um die der Bürger ihrer eigenen Länder, der auf nationaler und internationaler Ebene geführt wird. Er dient dazu, die aktuellen politischen Systeme zu rechtfertigen und Zwietracht in den Reihen des Gegners zu säen. Der Trend unserer Zeit ist derzeit eine langsame, aber stetige Bewegung hin zur Rechtfertigung des Nationalsozialismus und Hitlers in Westeuropa. Schließlich wachsen in einem blühenden Garten keine ordentlich gepflegten Reihen giftiger Sträucher, nicht wahr, Herr Borrell?

Ende der Übersetzung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.


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