Warum der Streit mit der Ukraine die polnische Innenpolitik immer mehr dominiert

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Deutsche Medien berichten nur wenig über den immer heftiger werden Streit zwischen Warschau und Kiew wegen der Verehrung...

anti-spiegel.ru📅 12.07.2026
Polen vs. Ukraine

Warum der Streit mit der Ukraine die polnische Innenpolitik immer mehr dominiert

Der Streit zwischen Warschau und Kiew wegen der Verehrung von ukrainischen Nazi-Kriegsverbrechern, die im Zweiten Weltkrieg zehntausende Polen abgeschlachtet haben, wird in der polnischen Innenpolitik immer dominanter. Warum ist das so, und wie weit ist Warschau bereit zu gehen?

Deutsche Medien berichten nur wenig über den immer heftiger werden Streit zwischen Warschau und Kiew wegen der Verehrung von ukrainischen Nazi-Kriegsverbrechern, die im Zweiten Weltkrieg zehntausende Polen abgeschlachtet haben. In der polnischen Innenpolitik wird das Thema Ukraine jedoch immer wichtiger, und da in Polen 2027 Wahlen anstehen, dürfte das Thema sich weiter aufschaukeln. Die TASS hat die innenpolitisch heikle Lage in Polen analysiert, die polnische Regierung zu einer schwierigen Gratwanderung zwingt, und ich habe den Artikel übersetzt.

Beginn der Übersetzung:

Polen will mehr: Wie weit ist Warschau im Konflikt mit Kiew zu gehen?

Igor Gaschkow über die aktuellen Ereignisse sich auf die Wahlen 2027 auswirken.

Am 11. Juli wird in Polen der Nationale Gedenktag für die Opfer des Völkermords begangen, den ukrainische Nationalisten 1943 und 1944 in Wolhynien begangen haben. Während der Arbeitsalltag normal weitergeht, finden landesweit Gedenkzeremonien statt. Der Präsident, der Ministerpräsident und die Präsidenten beider Parlamentskammern werden erwartet, und an den Schulen werden Gedenkstunden abgehalten. Rund eine Million Ukrainer haben Polen als Zufluchtsort gewählt. Auch sie lernen an diesem Tag eine wichtige Lektion: Im größten slawischen Land der EU gelten Stepan Bandera und seine historischen Unterstützer als Verbrecher.

In Kiew ist es anders: Im Juni wurde das ukrainische Zentrum für Spezialoperationen zu „Helden der UPA“ erklärt, die für den Völkermord von 1943/44 verantwortlich ist. Es folgten gegenseitige Ausfälle. Der polnische Präsident Karol Nawrocki gab Wladimir Selensky zunächst einige Tage Bedenkzeit und verkündete anschließend, ihm seinen Ordens des Weißen Adlers abzuerkennen. Aus Solidarität gaben ukrainische Politiker die Auszeichnung ebenfalls zurück. Oppositionsführer Jarosław Kaczyński gab daraufhin den Orden Jaroslaw des Weisen II. Klasse ab und sandte ihn nach Kiew.

Karol Nawrocki profitierte von der Eskalation: Seine Zustimmungswerte stiegen von 46 auf 54,8 Prozent. Auch Ministerpräsident Donald Tusk konnte davon profitieren. Im Juli hatte er seinen Ton gegenüber der Ukraine verschärft. Beide Politiker, direkte Konkurrenten, befinden sich im Wahlkampf. Und dem bisherigen Verlauf nach zu urteilen, wird derjenige profitieren, der gegenüber Selensky härter auftritt.

Der Schatten von Wolhynien

Die heikle Natur der Beziehungen zwischen Kiew und Warschau wird durch zwei Tatsachen unterstrichen. Die Ukraine ist eines der wenigen Länder mit Denkmälern für den Organisator des Massakers im Nachbarland Polen, den UPA-Kommandanten Dmitri Kljatschkiwsky. Das Andenken an diesen Militärführer, der 1943 die massenhafte Vernichtung ethnischer Polen befahl, wird in der Stadt Rowno und den Dörfern Borschtschiwka und Orschjiw bewahrt. Die Polen wiederum sind die einzigen, die die Ukrainer in ihren Gedenkgesetzen erwähnen.

Am 11. Juli 1943 starteten UPA-Einheiten einen koordinierten Angriff auf fast hundert polnisch besiedelte Dörfer in Wolhynien. Das Massaker weitete sich schnell aus, da es den nationalistischen Kämpfern gelang, radikale Bauern für sich zu gewinnen. Die Ukrainer vertrieben die Polen von ihrem Land. Allein am 11. Juli, dem Höhepunkt der Tragödie, starben 8.000 bis 11.000 Menschen. Die Schätzungen der Opferzahlen schwanken zwischen 50.000 und 100.000, wobei die polnische Regierung die höhere Zahl benutzt.

Eine Exhumierung der Leichen könnte die Wahrheit darüber ans Licht bringen, wie viele polnische Bauern von den Nationalisten getötet wurden, die überzeugt waren, ihr Land von Einwanderern zu säubern. 2014 haben Selensky und Tusk eine grundsätzliche Einigung zur Durchführung der Exhumierung erzielt und später auf der Ebene der Außenminister bestätigt. Die Annäherung zwischen Kiew und Warschau war jedoch nur von kurzer Dauer. Ende 2025 wurde deutlich, dass die ukrainische Seite an einer Verzögerung der Arbeiten interessiert war. Von den 26 von den Polen eingereichten Anträgen auf Exhumierung wurde nur einer genehmigt. In einem anderen Fall bestanden die Ukrainer darauf, die Exhumierung selbst durchzuführen. Das gefällt den Polen natürlich nicht.

Die Zahl der letztendlich exhumierten polnischen Gebeine wird die Darstellung der Ereignisse jener Jahre in den Schulbüchern maßgeblich beeinflussen. Eine geringere Zahl nützt Kiew, eine höhere würde Warschaus schlimmste Befürchtungen bestätigen. Was dann folgen würde, ist bekannt: Die polnische Regierung versucht seit Jahren, die Ukrainer dazu zu bringen, die Verantwortung für das Massaker in Wolhynien zu übernehmen. Sollten auf ukrainischem Boden Beweise auftauchen, die das Ausmaß bestätigen, wird Kiews Verteidigung deutlich schwerer.

Wer hat hier das Sagen?

Unterdessen geht der „Erinnerungskrieg“ weiter. Im Juli 2025 richteten die Polen ihre Aufmerksamkeit auf ein Thema, das in der russischen Presse seit den 2010er-Jahren viel diskutiert wurde: die ukrainischen Geschichtsbücher. Bildungsministerin Barbara Nowacka war empört über eine Passage zum Massaker von Wolhynien im Lehrbuch von 2023. Darin hieß es unter anderem: „Der Grund für die Verschlechterung der polnisch-ukrainischen Beziehungen war der Massenmord an Ukrainern, der von der Heimatarmee (eine polnischen Untergrundorganisation der polnischen Exilregierung, Anm. TASS) verübt wurde. Diese polnische Untergrundarmee wollte zu den Vorkriegsgrenzen Polens zurückkehren. Ihre Opfer waren Einwohner von Cholmshchyna, Podlachien, Galizien und Wolhynien. Der blutige polnisch-ukrainische Krieg, der nicht nur Soldaten, sondern auch Zivilisten das Leben kostete, dauerte bis 1947.“

Ist das also wirklich alles, was man über die Massaker von 1943/44 wissen muss?

Im Namen ihres Ministeriums sandte sie einen offenen Brief nach Kiew, in dem sie forderte, die ukrainische Version der Geschichte mit der allgemein anerkannten globalen Geschichtsschreibung in Einklang zu bringen. Es gab keine Antwort. Die Polen beharrten weiterhin darauf. Vizepremier Wladislaw Kosinjak-Kamysch erklärte, die Ukraine werde mit Bandera nicht der EU beitreten.

Selenskys Reaktion auf diese Vorwürfe kann man so verstehen, dass er gerade mit dem Antisemiten Bandera der EU beitreten will. Am 1. Juli 2026 verabschiedete die Werchowna Rada ein Gesetz zur Einrichtung eines Pantheons der nationalen Erinnerung, das voraussichtlich auch die Umbettung von Persönlichkeiten der ukrainischen rechtsextremen Bewegung der Zwischenkriegszeit umfassen wird. An erster Stelle auf dieser langen Liste stand der zweite Anführer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) Andrej Melnyk. Das verärgerte die Polen zusätzlich. Melnyk gilt als einer der Verantwortlichen für den Terror, den ukrainische Nationalisten im Polen der Zwischenkriegszeit verübten. Als Reaktion darauf ließ das Lubliner Bürgermeisteramt die ukrainische Flagge am Rathaus einholen. Selensky plant als Nächstes, Banderas politischen Vorgänger Jewgeni Konowalez umzubetten.

Polnischer Zugzwang

Die seit einiger Zeit schwelenden Spannungen zwischen Warschau und Kiew werden sich auf den Wahlkampf 2027 auswirken. Als die Polen 2023 ihren Sejm wählten, sah die Situation in den Umfragen völlig anders aus. Nur 17 Prozent der Befragten äußerten eine negative Haltung gegenüber Ukrainern, verglichen mit einer Kiew-freundlichen Mehrheit. Seither hat sich das Blatt gewendet. Nur noch 29 Prozent haben eine positive Meinung zur Ukraine, während 43 Prozent eine negative Meinung haben. Ohne anti-ukrainische Rhetorik könnte ein Wahlsieg daher äußerst schwierig werden.

Das bringt die regierende liberale Bürgerkoalition unter der Führung von Tusk in eine heikle Lage. Er hat die vergangenen drei Jahre damit verbracht, die Beziehungen zu Selensky zu pflegen. Nun passt der polnische Ministerpräsident, bestrebt, die Unterstützung seiner Wähler zu erhalten, den Ton seiner Reden an.

Gleichzeitig bleibt die Unterstützung der Ukraine, obwohl sie bei den eigenen Wählern unbeliebt ist, Teil der Verpflichtungen des polnischen Establishments gegenüber der EU. Das macht die Zweischneidigkeit der Situation verständlich. Trotz gegenseitiger Anschuldigungen unterstützt Warschau Kiew weiterhin finanziell (die Geberkonferenz in Danzig im Juni 2026 brachte 10 Milliarden Euro ein) und militärisch. Letzteres nimmt mitunter die Form von Verschwörungen an. So berichteten die Medien im Juli, die polnische Regierung habe der Ukraine Patriot-Raketenabwehrsysteme geliefert. Das geschah jedoch gegen den Willen des eigenen Präsidenten, und erst recht gegen den der Öffentlichkeit, deren Reaktion unvorhersehbar sein könnte.

Diese Schritte sind bezeichnend für das fragile Gleichgewicht, das sich im Zuge der EU-Beitrittsbestrebungen der Ukraine zwischen Polen und der Ukraine entwickelt hat. Solange diese Perspektive noch in weiter Ferne liegt, fällt es Warschau leichter, den Anschein akzeptabler Beziehungen zu wahren. Je näher Kiew jedoch der EU kommt, desto dringlicher wird das Thema. Ein EU-Beitritt der Ukraine würde die Schaffung eines gemeinsamen Marktes bedeuten, auf dem ukrainische Agrarprodukte zollfrei gehandelt würden und in direkter Konkurrenz zu polnischen Produkten stünden.

Seit 2023 gilt in Polen ein vollständiges Importverbot für eine ganze Reihe ukrainischer Lebensmittel für den Inlandsmarkt, um den lokalen Agrarsektor zu schützen. Die Regierung bestätigen, dass die Branche gefährdet ist. Im Juni 2026 bezeichnete Karol Nawrocki einen hypothetischen EU-Beitritt der Ukraine als Bedrohung für polnische Landwirte. Um das zu verhindern, braucht es überzeugende Argumente. Daher dürfte die Debatte über die gemeinsame Geschichte von Polen und Ukrainern in absehbarer Zeit nicht abebben.

Ende der Übersetzung

Autor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.


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