Die Daten zur neuen Rolle der Künstlichen Intelligenz (KI) überschlagen sich. Während in den USA die Nutzung einbricht, geht es in Deutschland erst richtig los – mit gewaltigen Auswirkungen auf Arbeitsmarkt und Alltag.
Der Branchenverband Bitkom überrascht aktuell mit einer Umfrage: 29 Prozent der Befragten können sich vorstellen, dass Künstliche Intelligenz ihren Chef ersetzt, 23 Prozent meinen, ihr eigener Arbeitsplatz sei auch bald dran. Mehr als jeder fünfte (22 Prozent) berichtet, dass der eigene Chef wegen KI Stellen nicht mehr neu besetzt oder abbaut.
Zahlen, die vor Kurzem noch für ferne Zukunftsvision gehalten worden wären. Nun fördert eine Umfrage unter 1003 Deutschen ab 16 Jahren die Geschwindigkeit des Wandels zutage: 58 Prozent der Bürger setzen KI ein, jeder Dritte nutzt sie mindestens einmal pro Woche (34 Prozent), 15 Prozent sogar täglich. Das Altersgefälle ist dabei stark: Die 16- bis 29-Jährigen nutzen zu 29 Prozent täglich die neue Technik, bei den 30- bis 49-Jährigen sind es 22 Prozent. Die künstlichen kognitiven Fähigkeiten sehen 69 Prozent aller Befragten eher als Chance, nur für 27 Prozent stehen Gefahren im Vordergrund.
In der Branche herrscht Aufbruchstimmung. Fast euphorisch mutet an, was Branchenkenner über die neuen Anwendungen veröffentlichen. So sieht „Software Reviews“ „den Wendepunkt“ gekommen – „die konsequente Umsetzung und Skalierung mit einem messbaren Return on Investment“ sei absehbar, die Zeit der Experimente vorbei. Ein Großteil der Geschäftsführer denke an die unmittelbare Einführung von KI, doch 80 Prozent der Investitionen scheiterten noch – wegen fehlender Einbettung in Geschäftsprozesse.
Euphorie schlägt Bedenken
Es sind vor allem die Bilderzeugung und Chatbots wie ChatGPT, die heute ins Geschäftsleben drängen. Die neue deutsche KI-Konjunktur überrascht nichtsdestoweniger, denn im Vorreiterland USA ist der Trend laut neuesten Zahlen der Unternehmensberatung McKinsey wieder rückläufig. Die wöchentliche Nutzung sank dort von 64 Prozent im Januar 2025 auf 47 Prozent dieses Jahr. Auch der tägliche Gebrauch ist für Amerikaner weniger attraktiv geworden – er sank binnen Jahresfrist von 32 auf 22 Prozent. Für McKinsey ist der Grund, dass frühe Nutzung nicht stabil bleibt, wenn KI nicht in Prozesse integriert und Mitarbeiter entsprechend geschult werden.
In seinem jährlichen Wertevergleich von Führungskräften und Trends der Personalabteilungen von Firmen, blickt McKinsey auch auf Deutschlands KI-Entwicklung. Die Nutzung von KI in Anwendungen wie ChatGPT, Copilot oder Gemini hat sich binnen Jahresfrist von 19 auf 38 Prozent verdoppelt. Deutsche Firmen schätzten die Möglichkeiten, auch wenn die Kosten oft höher ausfielen als berechnet. 16 Prozent der Angestellten arbeiten in den untersuchten Firmen täglich mit KI – mehr als doppelt so viele wie ein Jahr zuvor. Der Weg zur flächendeckenden Nutzung sei aber noch weit. Auch der Abstand zu China, wo 28 Prozent täglich KI nutzen. Grund für den langen Stau, der sich nun explosionsartig entlädt, sei die deutsche Verbotskultur gegenüber der Technologie. Auch hätten viele Firmen Datenschutzbedenken. Einen echten Engpass stellt laut McKinsey die Schulung der Mitarbeiter dar. Nur 28 Prozent der Firmen lassen ihr Personal ein formales KI-Training durchlaufen.
Der Branchenverband Bitkom deutet seine ähnlichen Zuwachsergebnisse besonders im Hinblick auf den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel in Deutschland. „Aufgrund der demografischen Entwicklung wird es in Deutschland in den kommenden Jahren mehr Arbeit als Arbeitskräfte geben“, so Susanne Dehmel, Mitglied der Bitkom-Geschäftsleitung.
Rückstand bei der Entwicklung
Ein weiterer Grund für den deutschen Boom könnte in den relativ hohen Erwartungen in die Technologie stecken. Laut McKinsey sind wir im internationalen Vergleich darin Spitzenreiter: 54 Prozent erwarten verbesserte Datenanalyse. Der Monitor offenbart indes auch ein gehöriges Maß Skepsis zu KI. 48 Prozent der Befragten gaben falsche oder „halluzinierte“ Ergebnisse als Hauptrisiko an. Der Verlust menschlichen Austausches und die Betrugsgefahr sehen ebenfalls viele Deutsche als Problem. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) betont dagegen: „KI … optimiert Produktionslinien, treibt Fahrerassistenzsysteme an und ermöglicht generative Anwendungen. Doch bei der Entwicklung grundlegender KI-Technologien – etwa Large Language Models – liegt Deutschland deutlich hinter den USA und China.
Der Anteil Deutschlands am Markt für KI-Entwicklung beträgt lediglich rund zwei Prozent.“ Bei Anwendungen gebe es dagegen viel Potenzial und Zufriedenheit: „39 Prozent der deutschen Unternehmen sind mit dem bisher erzielten Gewinn aus generativer KI zufrieden, während diese Zahl für die USA nur bei 33 Prozent und für China bei 34 Prozent liegt.“