Streit um ein Stück Geschichte – Die letzte Schlacht um den Bunker

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Schutzraum der Neuen Reichskanzlei soll Bauvorhaben weichen – Stadthistoriker auf den Barrikaden

paz.de📅 09.07.2026

In Berlin sind viele zentrale Machtorte des NS-Staates nach dem Krieg beseitigt worden. Das Reichssicherheitshauptamt wurde weitgehend abgetragen, die Krolloper gesprengt. Noch 1973 wurde der Sportpalast in Berlin-Schöneberg abgerissen. Erst seit der Ausstellung „Topographie des Terrors“ in den 1980er Jahren hat sich zunehmend die Auffassung durchgesetzt, solche Orte als steinerne Zeugnisse zu erhalten. Doch als hätte es diese Kehrtwende in der Erinnerungskultur nie gegeben, will der Berliner Senat nun offenbar erlauben, dass die Reste des Bunkers der Neuen Reichskanzlei weitgehend beseitigt werden. Die letzten authentischen baulichen Spuren von Hitlers Machtzentrum sollen einem Wohn- und Büroprojekt weichen.

Die von Albert Speer entworfene Neue Reichskanzlei ist auf Anweisung der sowjetischen Besatzungsmacht bereits im Jahr 1949 abgerissen worden. Unter der Brachfläche in der Voßstraße in Berlin-Mitte ist allerdings ein 1.200 Quadratmeter großer Bunker erhalten geblieben. Die weitläufige unterirdische Anlage diente im Krieg vor allem als Luftschutzraum für Mitarbeiter der Reichskanzlei, als sogenannter „Mutter-Kind-Bunker“ und zeitweise auch als Notlazarett. Zu Mauerzeiten lag der „Große Bunker“ im Todesstreifen zwischen Ost- und West-Berlin.

Argumente nur vorgeschoben?

Die Reste des benachbarten sogenannten Führerbunkers waren nach mehreren Sprengungen und Verfüllungen noch zu DDR-Zeiten Ende der 1980er Jahre im Zuge eines Wohnungsbauprojekts endgültig weitgehend beseitigt worden.
Von dieser Bunkeranlage existieren nur noch einzelne unterirdische Reste. Nun droht auch dem Bunker der Neuen Reichskanzlei ein ähnliches Schicksal. Dort plant ein Hamburger Investor den Bau eines siebengeschossigen Hauses mit 66 Wohnungen sowie eines sechsgeschossigen Bürogebäudes.

Laut Medienberichten hat der Investor das Grundstück an der Voßstraße im Laufe von zehn Jahren von verschiedenen Eigentümern „zu einem veritablen Baugrundstück zusammengekauft“. Bausenator Christian Gaebler (SPD) lehnt einen Erhalt des Bunkers offenbar ab: „Wir stehen dem Neubau von Wohnungen nicht im Wege, um einen Bunker zu erhalten, der dann womöglich noch zum Wallfahrtsort wird.“ Auch Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt verweist darauf, dass es in Berlin bereits gut besuchte und erhaltene Unterwelten gebe. Sie erklärt zudem: „Die Denkmalschützer sehen nicht die Notwendigkeit, das zu erhalten – aber die Notwendigkeit der Dokumentation.“

Der Verein Berliner Unterwelten hält Gaeblers Wallfahrtsort-Argument für vorgeschoben: „Wir zeigen seit Jahren, wie man solche Orte historisch einordnet, ohne sie zu verherrlichen“, so Unterwelten-Chef Dietmar Arnold. Der Verein hat in den vergangenen knapp 30 Jahren tatsächlich mehrere Bauwerke aus der NS-Zeit erforscht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – vom Flakturm Humboldthain über den Fichtebunker bis zu den Luftschutzräumen im U-Bahnhof Gesundbrunnen. Keiner dieser Orte hat sich zu einer Pilgerstätte für Neonazis entwickelt.

Arnold plädiert für die Einrichtung einer Erinnerungsstätte zum Kriegsende. Er weist dabei auf das bekannte Foto von General Helmuth Weidling hin, der am 6. Mai 1945 aus diesem Bunker trat. Diese Aufnahme wird oft benutzt, um die Kapitulation Berlins zu illustrieren. Tatsächlich ist diese „Gefangennahme“ Weidlings durch die Rote Armee vier Tage nach der Unterzeichnung der Kapitulation Berlins nachgestellt worden.

„Zentraler Ort des NS-Regimes“

Nach Angaben des Vereins sind von der Bunkeranlage noch rund 1.200 Quadratmeter erhalten: „Der Bunker ist in Top-Zustand.“ Wände und Decken bestehen aus bis zu 1,70 Meter starkem Stahlbeton. Nun soll etwa die Hälfte der Anlage dem Bau von Wohnungen und Büros weichen. Arnold warnt, dass selbst ein Teilabriss die Statik der verbleibenden Bunkerreste beeinträchtigen könnte. Aus Sicht des Stadthistorikers ist die Zerstörung der Bunkeranlage auch unnötig – man müsse den Neubau lediglich etwas anders anordnen, als dies 2006 im Bebauungsplan festgelegt worden sei.

Bei seinem Widerstand kann sich der Verein sogar auf ein Gremium des Landes Berlin berufen. Der Landesdenkmalrat sprach sich bereits im März 2025 dafür aus, den Erhaltungszustand des Bunkers zu prüfen und eine Eintragung in die Denkmalliste vorzubereiten. In seiner Stellungnahme hat das Expertengremium die große historische Bedeutung der Neuen Reichskanzlei ausdrücklich hervorgehoben.

In einer internen Empfehlung des Denkmalrats heißt es dem Vernehmen nach: „Die Neue Reichskanzlei war Planungs- und Ausgangsort des Zweiten Weltkriegs und steht symbolhaft auch für das katastrophale Ende des NS-Regimes.“ Aus Sicht des Rats gewinnt gerade vor dem Hintergrund schwindender Zeitzeugen und digitaler Verzerrungen der Erhalt materieller Spuren an Bedeutung. Bislang ist eine Eintragung als Denkmal allerdings durch eine Weisung der Senatsverwaltung verhindert worden.

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