Sicht aus Russland: Wie der Iran-Krieg die internationale Ordnung zertrümmert

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Aus dem Russischen übersetzt von Éva Péli.
Die Ursachen des Krieges
Mit dem Iran-Krieg tritt die Auflösung jener Ordnu...

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Aus dem Russischen übersetzt von Éva Péli.

Die Ursachen des Krieges

Mit dem Iran-Krieg tritt die Auflösung jener Ordnung im Nahen Osten in ihre letzte Phase ein, die im 20. Jahrhundert aus den Trümmern der Kolonialreiche entstand. Die heutige Entwicklung nahm ihren Lauf mit der Operation «Desert Storm» vor 35 Jahren – jenem ersten Angriff der USA auf den Irak, um das vom damaligen irakischen Präsidenten Saddam Hussein besetzte Kuwait zu befreien. Diese Ereignisse fielen zusammen mit einem globalen Wendepunkt: dem Ende des Kalten Krieges, der Selbstauflösung der Sowjetunion und dem Anbruch des «unipolaren Moments», der weltweiten Vorherrschaft der Vereinigten Staaten.

Alles, was folgte – die mutmaßlich islamistischen Anschläge auf New York und Washington im September 2001, der weltweite «Krieg gegen den Terror», der Rachefeldzug in Afghanistan, die Invasion im Irak 2003, der «Arabische Frühling», die Intervention in Libyen sowie der geschürte Bürgerkrieg in Syrien –, glich einem Sog, in dem die Kontrolle über das Geschehen rasch verloren ging.

Die US-Politik und jene ihrer Verbündeten erschöpfte, sich darin, nur noch auf die rasanten Umbrüche zu reagieren. Dabei geriet Washington in eine Sackgasse: Die USA wollten sich aus der selbst gestellten Falle befreien, konnten dies aber nicht tun, ohne den eigenen Einfluss weit über den Nahen Osten hinaus aufs Spiel zu setzen.

Blickt man zurück, so zeigt sich, dass praktisch alle Entscheidungen des Weißen Hauses im Nahen Osten der letzten Jahrzehnte bloße Ad-hoc-Reaktionen waren. Mögliche Folgen wurden kaum zwei oder drei Schritte im Voraus durchdacht, obwohl jeder einzelne Akt als strategisch und ideologisch fundiertes Meisterwerk verkauft wurde.

Wie die US-Politik in dieser Zeit genau entstand, ist ein Thema für sich. Hier genügt die Feststellung, dass Donald Trump in beiden Amtszeiten die «America First»-Fahne hisste. Er betonte stets, den riskanten Abenteuern fernab der Heimat ein Ende setzen zu wollen, ganz besonders im Nahen Osten.

Doch der Iran ist das schwerste Kaliber unter allen Ländern, mit denen die Vereinigten Staaten seit dem Zweiten Weltkrieg in einen direkten Konflikt geraten sind. Das liegt weniger an der reinen Waffengewalt als vielmehr am gesamten Potenzial, der Größe und der historischen Tiefe des Landes. Der Versuch, nach Bagdad und Damaskus nun auch noch diese regionale Säule einzureißen, wird gewaltige Wellen schlagen – völlig egal, wie die aktuelle Angriffsphase ausgeht.

Die Rolle Israels

Einer in Washington weit verbreiteten Meinung zufolge haben Benjamin Netanjahu und Donald Trump den Beginn eines großen Krieges gegen den Iran kurz vor dem Jahreswechsel in der US-Hauptstadt vereinbart, wobei die Position des israelischen Premierministers den Ausschlag gab. Damit rückte der US-Präsident von seinen Prinzipien der Nichteinmischung ab. Offenbar unterlag das Weiße Haus einer Fehleinschätzung über die politische Stabilität des Iran und rechnete mit einem sofortigen Zusammenbruch des Systems.

Das Kalkül basierte wohl auf einer Wiederholung des Szenarios vom vergangenen Juni: ein chirurgisch präziser, überfallartiger Schlag, gefolgt von einer schnellen Siegesverkündung. Als dies jedoch ausblieb und stattdessen die gesamte Region destabilisiert wurde, fand sich die US-Administration in genau jener Lage wieder, die sie eigentlich so sehr gefürchtet hatte. Washington kann nun nicht mehr aus dem Spiel aussteigen, ohne Gefahr zu laufen, als Verlierer dazustehen.

Politisch war Trump dabei weniger auf die Unterstützung der klassischen Israel-Lobby angewiesen als vielmehr auf die einflussreiche und finanzstarke Gemeinde der US-Evangelikalen, für die Israel als Schauplatz der prophezeiten Wiederkunft Christi von zentraler Bedeutung ist. Auf der persönlichen Ebene spielte zudem der Schwiegersohn des Präsidenten, Jared Kushner, eine entscheidende Rolle, der eng mit israelischen Interessen und ganz konkret mit dem Zirkel um Premier Netanjahu verflochten ist.

Was der Krieg am Ende hinterlässt

Geht es nach dem Plan, soll Westasien künftig auf zwei Pfeilern ruhen: der militärischen Übermacht Israels über die gesamte Region und einer wirtschaftlichen Allianz zwischen Israel und den Golfmonarchien, bei der ein erheblicher Teil der Dividenden an die USA fließen wird. Als eigenständiger Akteur bleibt lediglich die Türkei übrig; doch erstens verfügt Washington über entsprechende Hebel, da Ankara NATO-Mitglied ist, und zweitens werden in Israel bereits Stimmen laut, wonach in einer nächsten Phase «die Verhältnisse mit der Türkei geklärt» werden müssten.

Israel ist, wie es scheint, an einem radikalen Szenario interessiert, das bis zur völligen Demontage des Iran in seiner heutigen Form reicht – und zwar nicht nur politisch, sondern auch territorial. Doch bereits die bloße Zerschlagung des militärisch-politischen Einflusses der Religionsführer und der Revolutionsgarden gilt als ein durchaus akzeptables Ergebnis.

Selbst wenn der Iran militärisch in kurzer Zeit niedergerungen würde, bleibt völlig offen, was danach kommt. Das Beispiel Irak 2003 zeigt, dass das wahre Unheil oft erst nach der offiziellen Siegesverkündung beginnt.

In Washington liebäugelt die Führung mit einem «syrischen Modell», wie es nach dem Sturz der Assad-Dynastie zu beobachten war: Die dortigen Islamisten an der Macht erwiesen sich als erstaunlich pragmatisch und verlässlich. Doch das war wohl eher ein Glückstreffer, zudem ist dieser Prozess noch lange nicht am Ende – und der Iran stellt eine ganz andere Herausforderung dar.

Globale Schockwellen: Das Ende der Diplomatie

Die Missachtung internationaler Regeln hat eine neue Stufe erreicht. Im Vorfeld der Invasion im Irak bemühte sich die US-Regierung zumindest noch um einen Schein von Legitimität im UN-Sicherheitsrat. Die Trump-Administration verzichtet darauf inzwischen völlig.

Dass Gewalt unter Umgehung geltender Normen und gegen einen zweifellos schwächeren Gegner eingesetzt wird, ist nicht neu. Doch Washington und Tel Aviv zelebrieren derzeit einen regelrechten Kult der nackten Gewalt, deren Rechtfertigung allein aus der Tatsache ihrer Existenz erwächst.

Die Drohungen gegen andere Staaten wirken wie ein Rückfall in Zeiten vor zweihundert Jahren, als diplomatische Rituale als überflüssig galten. Da die USA in der Weltpolitik noch immer den Takt vorgeben, steht zu befürchten, dass Nachahmer diesem Beispiel folgen werden.

Besondere Aufmerksamkeit verdient der – von den USA öffentlich gebilligte – «Enthauptungsschlag» Israels, bei dem der Oberste Religionsführer Ajatollah Ali Chamenei samt seiner gesamten Familie und ein Großteil der Militärführung getötet wurden. Diese Methode, die Israel seit langem gegen Anführer militanter Gruppierungen und Terrororganisationen einsetzt, wurde hier erstmals gegen ein international anerkanntes Staatsoberhaupt angewandt.

Welche Lehren andere Staatsführer daraus ziehen, die im Clinch mit Washington oder Tel Aviv liegen, bleibt abzuwarten. Doch für die Führungen jener Atommächte, die nicht zum Lager der USA gehören, liegt der Schluss nahe: Es kommt nicht mehr allein auf den Besitz eines Arsenals an, sondern auf die unmissverständliche Bereitschaft, es im Ernstfall auch tatsächlich einzusetzen.

Trumps Strategie der bilateralen Erpressung

Donald Trumps Ansatz – nicht nur in diesem Krieg, sondern ganz grundsätzlich – negiert jegliche Institutionen, außer jenen, die er für den Eigenbedarf schafft. Ein Beispiel ist der Friedensrat, von dem angesichts der aktuellen Eskalation bezeichnenderweise kein Lebenszeichen ausgeht. Er beabsichtigt, mit jedem Land einzeln zu verhandeln, in der nicht unbegründeten Annahme, dass die USA im Format «eins gegen eins» praktisch jedem Gegner überlegen sind – mit Ausnahme von China und in gewissem Maße Russland.

Jegliche Versuche anderer Staaten, ihre Potenziale zu bündeln, um die eigene Position gegenüber Washington zu stärken, lösen bei Trump fast schon Wut aus. Da kein Akteur riskieren möchte, diesen Zornesausbrüchen sowie neuen Zöllen oder anderen Strafmaßnahmen ausgesetzt zu sein, ziehen es alle vor, zu manövrieren und auszuweichen. Dies gilt selbst für die Volksrepublik China, die den direkten Konflikt meidet und stattdessen auf bilaterale Einzelvereinbarungen setzt.

Wer dazu in der Lage ist, wählt nun den Weg der maximalen Aufrüstung. Doch der Zerfall der internationalen Ordnung, den die derzeit entschlossensten Akteure vorantreiben, wird am Ende allen Beteiligten immer größere Probleme bereiten. Diese Herausforderungen ließen sich weit besser bewältigen, wenn die Kräfte im Sinne der eigenen Interessen und Sicherheit gebündelt würden – schon allein deshalb, um die destruktivsten Akteure auf der Weltbühne in ihre Schranken zu weisen.

Über den Autor:
Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur der Zeitschrift „Russland in der globalen Politik“, Forschungsdirektor des Waldai-Klubs und Professor an der Higher School of Economics (HSE) in Moskau.

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