Sicht aus Russland: Sieben Lehren aus der Iran-Krise

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Die massiven Luftschläge der USA und Israels gegen den Iran markieren eine Zäsur, deren Wellenschlag weit über den Mittleren Osten hinausreicht. Während die Region durch Raketeneinschläge und blockierte Transportwege erschüttert wird, liefert die Eskalation fundamentale Erkenntnisse für die globale Machtpolitik. Iwan Timofejew, Generaldirektor des Russischen Rates für Internationale Angelegenheiten (RIAC) und Programmdirektor des Waldai-Klubs, zieht daraus sieben zentrale Lehren für die strategische Zukunft Russlands.

Aus dem Russischen übersetzt von Éva Péli.

Zwar hat der Iran gute Chancen, die aktuelle Invasion zu überstehen, da eine Bodenoperation unwahrscheinlich bleibt. Dennoch höhlen die systematischen Schläge das industrielle Potenzial des Landes aus und verschärfen die interne Krise. Hält Teheran stand, droht bereits die nächste Welle der Gewalt, sofern der Preis für die Angreifer nicht zu hoch wird. Aus dieser fatalistischen Entschlossenheit beider Seiten ergeben sich folgende Lehren:

Lehre 1: Auf Sanktionen folgt militärische Gewalt

Seit der Islamischen Revolution 1979 verhängen die USA Sanktionen gegen den Iran. Das Land hielt dem wirtschaftlichen Druck stand, obwohl die Schäden erheblich waren. Diese nahmen zu, als es Washington gelang, die Sanktionskoalition zu erweitern, sie über den UN-Sicherheitsrat zu internationalisieren und Drittstaaten vom Kauf iranischen Öls abzubringen.

Die USA und ihre Verbündeten kombinierten Sanktionen stets mit militärischer Gewalt (etwa 1980, 1987 und 2025), Spezialoperationen wie der Ermordung von Kernkraftingenieuren oder Geheimdienstchefs, Cyberangriffen und offenen Drohungen. Diese Praxis, Sanktionen und Waffen einzusetzen, zieht sich durch die US-Politik gegenüber dem Irak, Jugoslawien, Libyen, Syrien und Venezuela.

Gegenüber Russland ist der direkte Einsatz militärischer Gewalt bisher erschwert. Die Angst vor einer nuklearen Eskalation bildet eine hohe Hürde. Doch der Westen kompensiert die militärische Komponente durch massive Hilfe für die Ukraine. Ukrainische Angriffe auf russisches Territorium finden regelmäßig statt.

Trotz der Niederlage der ukrainischen Armee im Gebiet Kursk bleiben neue militärische Vorstöße möglich. Die militärische Modernisierung der europäischen NATO-Staaten erhöht das Risiko gewaltsamer Zusammenstöße an den Kontaktstellen zwischen Russland und dem Bündnis.

Besonders gefährlich ist die Lage im Baltikum. Die abschreckende Wirkung der Atomwaffen könnte durch die irrige Annahme schwinden, Russland werde aus Angst vor einer Antwort der NATO keinen Nuklearwaffeneinsatz riskieren. Militärische Krisen zwischen Russland und dem Westen bleiben eine reale Perspektive.

Lehre 2: Der Druck des Westens ist langfristig

Gegen den Iran verfolgt der Westen seit Jahren die Taktik der schrittweisen Erschöpfung. Dominierte früher das wirtschaftliche Element der Sanktionen, stehen im letzten Jahr zermürbende Militärschläge im Vordergrund. Diese zielen nicht auf Besatzung ab, sondern auf Raketen- und Bombenangriffe, die das militärisch-industrielle Potenzial des Zielstaates systematisch aushöhlen.

Bei jeder neuen Eskalationsstufe sinkt die Widerstandsfähigkeit des Landes. Heute zeigt der Iran noch die Kraft zu schmerzhaften Gegenschlägen, doch jede weitere Runde schwächt ihn.

Russland muss sich darauf einstellen, dass der westliche Druck – auch die Sanktionen – langfristig anhält. Wir sprechen hier nicht von Jahren, sondern von Jahrzehnten. Punktuelle Lockerungen führen kaum zur vollständigen Aufhebung, besonders bei Exportkontrollen für Dual-Use-Güter. Das gilt auch für das Militärische: Auf jede Atempause in der Ukraine oder an anderen Fronten folgt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine neue militärische Krise.

Lehre 3: Zugeständnisse funktionieren nicht

Im Verlauf der langen Konfrontation mit den USA machte der Iran mehrfach Zugeständnisse. Das bekannteste Beispiel ist das «Atomabkommen» von 2015. Der Iran akzeptierte Einschränkungen seines Nuklearprogramms gegen die Aufhebung internationaler und einseitiger Sanktionen. Drei Jahre später stieg Donald Trump aus dem Abkommen aus und stellte neue Forderungen. Kompromisse verschafften kurze Pausen, lösten aber das Problem des langfristigen Drucks durch die USA nicht.

In aktuellen Gesprächen über die Ukraine zeigt Russland enorme Beharrlichkeit. Das erntet Kritik bei denen, die auf Frieden hoffen, da jeder Kriegstag Menschenleben und Wohlstand kostet. Doch diese Härte ist logisch: Auf jeden Kompromiss folgen Forderungen nach neuen Zugeständnissen.

Einseitiges Nachgeben ist daher ausgeschlossen. Das Vertrauen zwischen Russland und den USA sowie zwischen Russland und der Ukraine liegt am Boden. Die Lehren aus dem Iran bestätigen diese Wahrnehmung.

Lehre 4: Führungspersönlichkeiten im Visier

Der Angriff auf den Iran verdeutlicht, dass legitime Staatschefs und Spitzenbeamte zu vorrangigen Zielen werden. Diesen Trend markierte bereits die Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro. Zwar starben auch früher Anführer bei Militäroperationen – man denke an den Sturm auf Amins Palast durch sowjetische Spezialkräfte 1979 oder das Schicksal der Führer Libyens und des Iraks.

Doch früher war die Jagd auf Staatschefs oft ein Nebeneffekt. Im Fall Irans sehen wir die gezielte Vernichtung des Obersten Führers und zahlreicher Amtsträger mitsamt ihren Familien.

Russland ist sich der Gefahr für den Präsidenten und hohe Beamte bewusst. Diversanten verüben bereits seit Längerem Attentate auf Militärs, Verwalter, Journalisten und öffentliche Personen auf unserem Staatsgebiet. Die iranische Erfahrung zeigt: Die Sicherheit der Führung ist nicht mehr nur Aufgabe der Geheimdienste, sondern der gesamten Streitkräfte. Lücken in der Spionageabwehr oder der Luftverteidigung machen Führungspersönlichkeiten zu leichten Zielen.

Lehre 5: Innere Unruhen fördern externe Invasionen

Kurz vor den Luftschlägen erlebte der Iran Massenproteste. Diese resultierten aus internen Widersprüchen und wirtschaftlicher Not. Die Zusammenstöße forderten viele Opfer.

Die Gegner des Irans politisierten diese Proteste. Sie dienten als Indikator für die Schwäche des Systems und nährten die Hoffnung, dass ein Militärschlag die geschwächte Machtvertikale zum Einsturz bringt. Solche Angriffe von außen führten bereits in Libyen zum Zerfall des politischen Systems.

Die Erfahrung aus dem Zerfall der UdSSR lehrt, dass interne Wirtschaftsprobleme und gesellschaftliche Risse auch ohne äußere Einwirkung zur Katastrophe führen können. Ein effizientes Verwaltungssystem, zeitnahe Reformen und das Vertrauen zwischen Staat und Gesellschaft sind überlebenswichtig. Spaltungen innerhalb der Elite oder der Gesellschaft wirken wie eine Einladung für äußeren Druck.

Lehre 6: «Schwarze Ritter» sind wichtig, aber keine Lösung

Trotz umfassender Sanktionen baute der Iran Handelsbeziehungen zu zahlreichen Ländern auf. Die Forschung nennt solche alternativen Partner «Schwarze Ritter». In den 1980er- und 90er-Jahren kauften Europa, die Türkei, Syrien, Japan, Indien und China bereitwillig iranisches Öl.

Die USA brauchten enorme diplomatische Anstrengungen, um diesen Handel einzuschränken. Völlig blockieren konnten sie ihn nie. Teheran büßte Gewinne ein, behielt aber seine Einnahmequellen.

Anders sieht es im militärpolitischen Bereich aus: Hier steht der Iran allein. Drittstaaten helfen den Gegnern nicht, verhindern aber auch keine Militärinterventionen. «Schwarze Ritter» helfen gegen Sanktionen, sind aber nutzlos gegen Bombenangriffe.

Russland hat seinen Handel unter Sanktionen schnell Richtung China, Indien und andere Partner umorientiert. Dennoch fehlen gegenseitige militärpolitische Verpflichtungen. Russland muss seinen Gegnern allein entgegentreten.

Eine Ausnahme bildet der Einsatz nordkoreanischer Soldaten gegen die ukrainische Armee im Gebiet Kursk. Zudem sichert Russland die Stabilität seiner CSTO-Verbündeten selbst ab, was die eigene Last erhöht.

Lehre 7: Das Gleichgewicht der Kräfte bleibt entscheidend

Der Iran ist kein wehrloses Opfer. Im Jahr 2025 antwortete Teheran mit massiven Salven eigener Raketen und Drohnen. Das geschieht auch heute. Über deren Präzision lässt sich streiten, und offenbar stufen die USA und Israel den Schaden bisher als akzeptabel ein.

Doch der Iran greift nun zu extremen Mitteln wie der Sperrung der Straße von Hormus. Vermutlich wird die US-Flotte diese Blockade brechen, doch das kostet Zeit und Kraft. Der Erfolg ist ungewiss, solange der Iran die Luftangriffe übersteht.

Russland verfügt über weit größere Möglichkeiten, Angriffe auf das eigene Territorium auszugleichen. Auch ohne den nuklearen Faktor kann Moskau in verschiedenen geografischen Zonen und Räumen erheblichen Schaden anrichten.

Doch allein die Fähigkeit dazu garantiert keinen Schutz: Ein Gegner könnte den Schaden als schmerzhaft, aber dennoch annehmbar bewerten. Selbst im nuklearen Bereich verschieben sich die Schwellen. Mit zunehmender politischer Erbitterung sinkt die Empfindlichkeit gegenüber Verlusten, wie die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt.

Die Lage um den Iran stimmt wenig optimistisch. Sie vermittelt allen Seiten eine fatalistische Entschlossenheit, die droht, zum prägenden Zeitgeist der kommenden Jahre zu werden.

Iwan Timofejew ist Generaldirektor des Russischen Rates für Internationale Angelegenheiten (RIAC) und Programmdirektor des Internationalen Diskussionsklubs «Valdai».

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