Die Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) prognostiziert angesichts der seit 2017 gesunkenen Geburtenzahlen in einigen Jahren einen deutlichen Rückgang der Schülerzahlen. Mehrere Faktoren sorgen aber dafür, dass sich das Problem des Lehrermangels mit dem Sinken der Schülerzahlen trotzdem nicht von allein lösen wird.
Für Deutschland insgesamt geht die KMK noch bis 2032 von einem Anstieg der Schülerzahl von 11,2 Millionen im vergangenen Jahr auf knapp 11,8 Millionen aus. In den westdeutschen Flächenländern wird die Menge der Schüler laut der Prognose sogar erst 2033 ihren Höchststand erreichen, bevor die Zahlen deutlich sinken. In Berlin wird der Rückgang der Schülerzahlen dagegen bereits Jahre früher, nämlich ab 2028, erwartet. Und für Brandenburg geht die Kultusministerkonferenz sogar schon ab dem kommenden Jahr mit sinkenden Schülerzahlen aus.
Hintergrund ist ein drastischer Einbruch der Geburtenzahlen in den vergangenen Jahren: Bundesweit gehen die Geburten bereits seit 2017 zurück, lediglich 2021 stellt mit einem kurzen „Corona-Babyboom“ ein Ausnahmejahr mit vergleichsweise hohen Geburtenzahlen dar. Bereits im Folgejahr setzte dann allerdings ein massiver Einbruch ein.
Zeit der Warteschlangen ist vorbei
Forscher des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung verweisen darauf, dass Anfang 2022 ein besonders abrupter Rückgang begann – neun Monate nach Beginn der breiten Corona-Impfkampagne. Diskutiert wird, dass manche Frauen Schwangerschaften zunächst verschoben hätten. Demografen nennen allerdings auch Faktoren wie hohe Wohnkosten, unsichere Arbeitsverhältnisse und finanzielle Sorgen als wichtige Faktoren.
Zudem haben die geburtenschwachen Jahrgänge der 1990er Jahre inzwischen das typische Familiengründungsalter erreicht. Dadurch gibt es schlicht weniger potenzielle Mütter. Obendrein werden Familien inzwischen auch immer später gegründet. Das Durchschnittsalter der Eltern liegt laut Statistischem Bundesamt inzwischen bei etwa 32 Jahren bei Müttern und knapp 35 Jahren bei Vätern. Der Bildungsforscher Klaus Klemm rechnet vor: Von 2021 bis heute sind bundesweit rund 160.000 Kinder weniger geboren worden.
Bereits deutlich erkennbar ist der Geburtenknick in den Kitas in Berlin und Brandenburg. Während jahrelang akuter Platzmangel herrschte, melden zahlreiche Einrichtungen inzwischen sinkende Belegungszahlen und erstmals wieder freie Kapazitäten. Die langen Wartelisten für Neuanmeldungen sind vielerorts verschwunden, stattdessen werben in einigen Teilen Berlins Kitas bereits mit Inseraten um Kinder. In den Jahren 2023, 2024 und 2025 wurden 83 Berliner Kitas sogar aufgelöst.
Die Entwicklung wird sich fortsetzen. Vergangenes Jahr standen in der Hauptstadt bereits rund 19.000 Kitaplätze leer. Auch im Nachbarland Brandenburg gehen die Kinderzahlen spürbar zurück. In Potsdam ist mittlerweile rund ein Viertel der Kitaplätze frei. Die Stadt Brandenburg an der Havel will fast zehn Prozent der Plätze abbauen.
Obwohl in Brandenburg auch bereits die Einschulungszahlen deutlich sinken, schließt Bildungsminister Steffen Freiberg (SPD) akute Schulschließungen derzeit noch aus. Gleichzeitig will das Bildungsministerium in Potsdam aber die demografische Entwicklung nicht nutzen, um die Klassengrößen spürbar zu verkleinern. Brandenburgs Landesregierung plant stattdessen, die Zahl der Lehrkräfte schrittweise zu senken. Aus Sicht von Freiberg können arbeitslose Kita-Erzieher in den Schulen eingebunden werden: „Wir haben Aufgaben an den Schulen, die nicht unbedingt nur von Lehrkräften bewältigt werden müssen, oder von anderen Professionen sogar gezielter bearbeitet werden können“, so Freiberg.
Trotzdem zu wenig Lehrer
Auch deutschlandweit ist nicht damit zu rechnen, dass sich mit dem Rückgang der Schülerzahlen das Problem des Lehrermangels quasi von allein löst. Die KMK geht in einer Modellrechnung davon aus, dass bundesweit bis 2035 rechnerisch etwa 50.000 Lehrkräfte fehlen werden.
Bildungsforscher Klemm sieht Deutschland sogar auf einen Lehrermangel zusteuern, der noch drastischer wird als jetzt. Er geht davon aus, dass trotz sinkender Schülerzahlen bis 2035 in Deutschland rund 75.000 Lehrkräfte fehlen werden. Aus Sicht von Klemm, der bis 2007 Professor für empirische Bildungsforschung und Bildungsplanung an der Universität Duisburg-Essen war, rechnet die KMK mit viel zu hohen Zahlen beim Lehrernachwuchs: „Die Nachrückerzahlen sind bei der Kultusministerkonferenz für mich nicht nachvollziehbar, zum Teil sogar unseriös.“ Obendrein weist Klemm auf erhebliche regionale Unterschiede beim Lehrerbedarf hin. Während beispielsweise in Brandenburg die Schülerzahlen massiv zurückgingen, stiegen sie in Städten wie Hamburg sehr wahrscheinlich weiter an. Hinzu kämen steigende Anforderungen an die Schulen, für die die Politik sorge. Klemm rechnet mit mehr Unterrichtsbedarf pro Kind: „Ganztag, Inklusion, Sprachförderung, Integration – die gesellschaftlichen Anforderungen an Schule wachsen. Damit steigt der Lehrerbedarf je Schüler, auch wenn die Gesamtzahl der Kinder sinkt.“