Ressourcenarmes Deutschland – Mehr Recycling soll Rohstoffknappheit mindern

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Neue Studie „Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz“ der Boston Consulting Group und des Bundesverbandes der Deuts...

paz.de📅 13.05.2026

Deutschland lebt bei vielen wichtigen Rohstoffen von Importen. Lithium, Nickel und seltene Erden landen zu fast hundert Prozent von ausländischen Lieferanten in unseren Werken. „Die Importabhängigkeit für wichtige Metalle ist die Achillesferse des Industriestandorts“, warnte Vizechef Holger Lösch vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) Anfang Mai.

Gemeinsam mit der Boston Consulting Group legte der Verband eine Studie zur Kreislaufwirtschaft vor. Sie zeigt, dass das konsequente Aufbereiten und Wiederverwenden von Produkten 20 bis 40 Prozent der strategischen Rohstoffimporte ersetzen könnte. Statt nur über Recycling zu reden, müsse die Politik Lieferketten diversifizieren und heimische Rohstoffförderung anschieben, mahnte Lösch. Die deutsche Industrie könne sich eine fatale Abhängigkeit von Lieferländern wie China nicht länger leisten. Die Kreislaufwirtschaft sei zwar ein Schlüssel, aber kein Allheilmittel.

Die Studie liefert beeindruckende Zahlen. Würde Deutschland in den kommenden Jahren auf zirkuläre Geschäftsmodelle umstellen, ließe sich die Wertschöpfung bis 2045 von heute 60 auf 125 Milliarden Euro jährlich steigern, kumuliert wäre das ein Potenzial von 880 Milliarden Euro. Partner Patrick Herhold von der Boston Consulting Group (BCG) betonte, die Kreislaufwirtschaft sei nicht nur ein Nachhaltigkeitsthema, sondern ein zukunftssicheres Geschäftsmodell.

Sein BCG-Kollege Alexander Meyer sekundierte: Wer Materialströme steuern und zirkuläre Modelle skalieren könne, habe strukturelle Kostenvorteile. Außerdem würde die Branche beim Recycling von Aluminium, Stahl und Kupfer schon heute große Mengen zurückgewinnen – ein Einsparpotenzial bei Energie und Kohlendioxid, das sich bei einer konsequenten Wiederverwertung von Batterien, Elektronik oder Magneten vervielfachen ließe.

Dabei stellt sich aber eine andere Frage: Ist es glaubwürdig, dass Deutschland ausgerechnet beim Thema Recycling in die Offensive geht, während zugleich jede ernsthafte Rohstoffförderung zu Hause blockiert wird? Im Wasserhaushaltsgesetz ist seit Jahren ein faktisches Fracking-Verbot verankert; nur vier wissenschaftliche Testbohrungen sind überhaupt erlaubt.

Dabei liegt in den Schiefergesteinen Norddeutschlands genug Gas, um einen spürbaren Teil des heimischen Bedarfs zu decken. Aus den USA wird frackendes Flüssiggas eingeführt, doch auf deutschem Boden ist die Technologie tabu. Und wenn es um Lithium, Kupfer oder seltene Erden geht, verweisen Politiker gern auf Projekte im Erzgebirge – obwohl dort seit Jahren nur Explorationsgenehmigungen vergeben werden. Zinnwald Lithium will frühestens 2029 fördern, im übrigen Bergbaugebiet gibt es 36 Genehmigungen und kaum Baustellen. So diskutiert man über eine Kreislaufwirtschaft, ohne dass es genügend Stoff zum Kreislaufen gäbe.

Mit der im Frühjahr 2024 beschlossenen EU-Rohstoffverordnung soll ab 2030 mindestens ein Zehntel des europäischen Bedarfs aus heimischen Minen gedeckt und ein Viertel des Verbrauchs recycelt werden. Auch der BDI fordert inzwischen ausdrücklich mehr heimische Förderung und Verarbeitung.

Warum also bleibt Deutschland beim Gas auf der Bremse, warum werden Erkundungsprojekte für seltene Erden oder Kupfer durch Genehmigungsverfahren und Klagen blockiert? Vielleicht, weil es hierzulande attraktiver ist, Problembewusstsein zu bekunden als Probleme zu lösen. Doch die Importe bleiben bestehen. Nur wenn Recycling, Diversifikation und eine mutige Rohstoffstrategie zusammengedacht werden, könnte die Achillesferse des Industriestandorts heilen.

Forderungen an die Politik

Dabei verkennen viele, wie eng Recycling und Bergbau miteinander verbunden sind. Ohne Primärmetalle und seltene Erden, die erst gewonnen werden müssen, lässt sich kein Kreislauf etablieren. Deutschlands Unternehmen gewinnen immerhin 58 Prozent ihres Aluminiums, 46 Prozent ihres Stahls und vier Prozent ihres Kupfers schon aus Schrott, und laut BDI könnten bis zu 83 Millionen Tonnen Material als Sekundärrohstoff genutzt werden.

Doch das allein wird nicht reichen, wenn geopolitische Verwerfungen Lieferländer wie China oder Indonesien dazu verleiten, Exportrestriktionen zu verhängen. „Bis 2040 wird die Nachfrage nach kritischen Mineralien das Primärangebot übersteigen. Kreislaufwirtschaft kann helfen, diese Verwundbarkeit zu verringern“, sagt BDI-Mann Lösch.

Längst geht es um Industriestandorte und Wohlstand. Weil die Energiewende und Digitalisierung riesige Mengen Metall verschlingen, haben sich die Weltmarktpreise für Kupfer, Nickel und Aluminium im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt. Seltene Erden wie Neodym sind gar um ein Vielfaches teurer geworden.

Wenn die Volksrepublik China – die heute drei Viertel der weltweiten Aufbereitung kontrolliert – den Export einschränkt, drohen Milliardenverluste. Laut der Studie könnte ein Stopp der Lithium-Lieferungen die deutsche Wertschöpfung um mehr als hundert Milliarden Euro schmälern.

Deshalb mahnen auch die Autoren der Studie, die Politik müsse ein Klima schaffen, in dem Investitionen in heimische Projekte möglich seien. Genehmigungsverfahren müssten beschleunigt, Forschung gestärkt und Förderinstrumente ausgebaut werden. In Kanada oder Australien werden Minen heute in wenigen Jahren entwickelt. Wenn man will, geht es auch schnell.

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