Rasanter Verlust an Vielfalt – Jeden Monat verstummt eine Sprache für immer

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Noch zählt die Menschheit rund 7.000 verschiedene Idiome. Bis zum Ende des Jahrhunderts sollen davon aber nur noch 600 ü...

paz.de📅 24.05.2026

Vor einer halben Million Jahren entwickelte der letzte gemeinsame Ahne von Homo sapiens und Neandertaler die anatomischen Voraussetzungen für den Gebrauch der Sprache. Danach entstanden unzählige verschiedene Systeme zur verbalen Verständigung, von denen aber viele wieder verschwanden – ganz besonders im Zuge der Bildung von Groß- oder Kolonialreichen, Völkerwanderungen sowie der Ausbreitung der fünf Weltreligionen.

Trotzdem werden derzeit noch rund 7.000 Sprachen rund um den Globus gesprochen, allerdings bei recht ungleicher Verteilung: Die Hälfte der Menschheit verständigt sich heute in nur 24 Sprachen, in erster Linie Englisch, Mandarin, Hindi, Spanisch und Arabisch, während der Rest auf die anderen 50 Prozent der Erdbevölkerung entfällt. Mittlerweile sind etliche Sprachen in ihrer Existenz bedroht. Sprachen, die von weniger als 5.000 Menschen verwendet werden, haben laut Wissenschaftlern keine Chance, auf Dauer zu überleben. Insofern können auch Naturkatastrophen, Epidemien und Hungersnöte zum Tod einer Sprache führen.

Dabei nimmt das Tempo des Sprachensterbens seit 200 Jahren immer mehr zu. Aktuell verschwindet im Durchschnitt bereits schon eine Sprache pro Monat. Und bis zum Jahr 2100 könnte nach Schätzungen der UNESCO jede zweite heute noch genutzte Sprache verloren gehen. Manche Forscher setzen die Zahl der überlebenden Sprachen zum Ende dieses Jahrhunderts sogar nur bei 600 an.

Unter 5.000 Sprecher ist Ende

Besonders lang ist die Liste der bedrohten oder bereits todgeweihten Sprachen in den sprachlich noch sehr vielfältigen Regionen Asiens, Afrikas, Ozeaniens und Südamerikas. So zählt Papua-Neuguinea rund 850 Sprachen bei nur 3,5 Millionen Einwohnern – das macht im Durchschnitt etwas mehr als 4.000 Sprecher pro Sprache, womit eine „Ausdünnung“ unvermeidlich sein dürfte. Dagegen kommen in Europa und Vorderasien auf insgesamt 800 Millionen Menschen maximal 250 Sprachen. Allerdings zählt man sogar in Europa um die 80 potenziell oder akut gefährdete beziehungsweise schon unweigerlich vor dem Untergang stehende Idiome. Dazu gehört beispielsweise das Nehrungskurische, das bis 1945 auf der Kurischen Nehrung in Ostpreußen heimisch war und heute aller Wahrscheinlichkeit von kaum noch einer Handvoll Personen beherrscht wird.

Das beschleunigte Sprachensterben seit Beginn des 19. Jahrhunderts hat vielfältige Ursachen. Neben einer zu geringen Zahl von Menschen, die eine Sprache verwenden, spielt die Einstellung der Sprecher eine ganz zentrale Rolle: Wenn diese es für ratsamer erachten, in eine andere Sprache zu wechseln, um wirtschaftliche oder soziale Vorteile zu erlangen, dann gibt es bald kein Halten mehr. Das mögliche Todesurteil für Sprachen aller Art ist zudem das Fehlen einer dazugehörigen Schrift. Weltweit brachte bislang nur jede hundertste derzeit gesprochene Sprache eine eigene Schrift hervor, und jede zweite wird auch nicht mit fremden Schriftzeichen wie lateinischen Buchstaben festgehalten.

Außerdem wäre da die Rolle der Nationalstaaten, die teilweise bis zum heutigen Tag nach dem Prinzip „Ein Staat, eine Sprache“ verfahren und die Anerkennung sprachlicher und ethnischer Minderheiten fürchten wie der Teufel das Weihwasser, weil daraus separatistische Bestrebungen erwachsen könnten oder schon erwachsen sind. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Bildungssystem, in dem Minderheitensprachen systematisch unterdrückt oder zumindest ignoriert werden. Ganz abgesehen natürlich von regelrechten Sprachverboten oder Zwangsadoptionen, um die Kinder aus Minderheiten zu „integrieren“, das heißt ihrer Sprache und Kultur zu berauben. Inzwischen kommen als weitere Sprachangleicher noch die klassischen elektronischen Medien und das Internet hinzu, die dazu beitragen, dass einige wenige Sprachen – allen voran das Englische – andere mündliche Kommunikationsformen ins Abseits drängen.

Der Reichtum der „Primitiven“

Nicht selten wird das Sprachensterben mit den Worten relativiert, eine Sprache sei ja kein Wert an sich. Wenn sie niemand mehr verwende, dann habe sie auch ihre Bedeutung verloren. Hierzu sagte schon der preußische Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt: In jeder Sprache liege „eine eigenthümliche Weltsicht“, weshalb mit dem Verlust einer Sprache zugleich ein Stück des kulturellen Gedächtnisses der Menschheit verloren gehe.

Dabei ist es auch keineswegs so, dass die Sprachen angeblich primitiver Völker, die zum Teil noch immer auf Steinzeitniveau leben, ebenfalls „primitiv“ sind. Stattdessen findet man hier oft einen erstaunlichen Variantenreichtum, was den Wortschatz und die Grammatik oder sonstige Möglichkeiten zur Informationscodierung betrifft. So kannte die 1992 ausgestorbene nordwestkaukasische Sprache Ubykh allein schon 80 verschiedene Konsonanten. Scheinbar „verzichtbare Eingeborenensprachen“ öffnen oft geistige Spielräume, welche die großen Weltsprachen nicht bieten, sagen Sprachwissenschaftler.

Zudem kann mit „primitiven“ Sprachen auch wertvolles medizinisches Wissen verschwinden. Forscher der Universität Zürich haben herausgefunden, dass drei Viertel der Anwendungsmöglichkeiten von Heilpflanzen aus Nordamerika, Amazonien und Papua-Neuguinea derzeit nur in wenigen Sprachen vermittelt werden. Sterben diese, geht zumeist auch das Wissen verloren.

Theoretisch besteht die Möglichkeit eines Ausgleichs des Sprachenschwundes durch neu auftauchende Sprachen. Diese besitzen aber eher Seltenheitswert und sind auch nicht automatisch hilfreich. Als nützlich erwiesen sich bislang unter anderem die weltweit verwendete Plansprache Esperanto und die innovative Parlamentssprache Tok Pisin auf Papua-Neuguinea, die sogar deutsche Lehnwörter aus der Kolonialzeit enthält. Dagegen bietet das plumpe Kiezdeutsch, das in den multiethnischen Wohnbezirken Berlins entstanden ist, weder eine sprachliche noch eine geistige Bereicherung.

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