Eine Woche nach dem Manöver um die ostpreußische Hauptstadt Königsberg, am 25. August, reiste plötzlich CIA-Direktor John Ratcliffe überraschend nach Moskau. Die ungewöhnliche NATO-Luftoperation um Königsberg selbst erhält so durch die geheime CIA-Mission in Moskau eine zusätzliche politische Dimension. Die Reise des US-Geheimdienstchefs war zuvor nicht weiter angekündigt worden. Bekannt wurde sie zunächst durch die Flugbewegung einer C-17 der US-Luftwaffe, die von den Vereinigten Staaten über Riga nach Moskau flog.
Ratcliffe hielt sich laut Insiderkreisen mehrere Stunden in Russlands Hauptstadt auf und kehrte anschließend wieder über Lettland direkt zurück in die USA. Über den Inhalt der Gespräche wurde zunächst praktisch nichts bekannt. Erst später wurde bestätigt, dass er mit hochrangigen Vertretern der russischen Geheimdienste wie dem FSB zusammentraf.
Die zeitliche Abfolge ist bemerkenswert. Erst demonstriert die NATO direkt vor Königsberg eine ungewöhnlich breite Palette militärischer Fähigkeiten. Wenige Tage später reist der Chef des wichtigsten amerikanischen Auslandsgeheimdienstes über Riga nach Moskau. Einen offiziell bestätigten Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen gibt es nicht. Dennoch liegt die strategische Deutung nahe, dass die Ereignisse zumindest in ein gemeinsames Umfeld wachsender Abschreckung und zunehmender Spannungen zwischen Russland und der NATO gehören.
Ratcliffes Mission blieb zunächst bewusst im Dunkeln. Neben den später bekannt gewordenen diplomatischen Gesprächen über den anhaltenden Ukrainekrieg wurde in westlichen Medien auch darüber spekuliert, dass der Besuch bei der russischen Führung eine klare Botschaft übermitteln sollte. Der Kern einer solchen Botschaft dürfte eindeutig gewesen sein: Ein militärischer Konflikt mit der NATO wäre für Russland mit unkalkulierbaren Folgen verbunden. Gerade der Zwischenstopp in Riga, unmittelbar an der NATO-Ostflanke, verleiht dieser Reise zusätzliche Symbolkraft. Zwar ist so eine vermeintliche Warnmission nicht offiziell bestätigt, sie ist aber eine extrem naheliegende politische Interpretation.
Noch deutlicher wird die militärische Dimension durch ein Detail des Luftmanövers vom 18. August. Neben AWACS-Aufklärungs- und Tankflugzeugen sowie weiteren Aufklärungsplattformen kam auch eine amerikanische EA-37B „Compass Call II“ zum Einsatz. Dabei handelt es sich um einen modernen Flieger für elektronische Kampfführung, das gegnerische Kommunikations- und elektromagnetische Systeme aufklären, stören und im Ernstfall die elektronische Handlungsfähigkeit eines Gegners beeinträchtigen kann. Dass eine solche Maschine ausgerechnet im Rahmen einer spezialisierten Aufklärungs- und Elektronischen Kampfführungsmission unmittelbar vor dem ostpreußischen Königsberg eingesetzt wurde, unterstreicht den Charakter der Übung. Ein konkreter Angriff auf russische Frühwarnsysteme ist daraus allerdings nicht abzuleiten.
Königsberg: der neuralgische Punkt
Die Botschaft der gesamten Abfolge ist dennoch deutlich. Die NATO demonstriert nicht nur ihre Fähigkeit, Truppen an ihre Ostflanke zu verlegen, sondern auch einen hochgerüsteten russischen Militärraum aus großer Entfernung aufzuklären, elektronisch zu beeinflussen und im Ernstfall gemeinsam mit Luft- und Seestreitkräften militärisch unter Druck setzen zu können.
Königsberg bleibt damit einer der empfindlichsten Punkte der europäischen Sicherheitsordnung. Für Russland ist die Exklave ein vorgeschobener militärischer Brückenkopf. Für die NATO ist sie zugleich ein Raum, von dem aus Russland im Krisenfall den Ostseeraum und insbesondere den Zugang zum Suwałki-Korridor bedrohen könnte.
Die Kombination aus demonstrativer NATO-Luftmacht, moderner elektronischer Kampfführung und dem anschließenden informellen Besuch des CIA-Direktors in Moskau verstärkt deshalb den Eindruck einer Phase verschärfter strategischer Kommunikation. Washington macht deutlich, dass es sich in der NATO ebenso wie in Europa weiter schützend engagiert. Ratcliffs Warnung an Putin und sein Gefolge dürfte klar gewesen sein: Finger weg vom NATO-Gebiet!
Die militärische und politische Botschaft der Amerikaner und Russen lässt sich dabei klar zusammenfassen: Beide Seiten bereiten sich auf Szenarien vor, von denen sie behaupten, dass sie niemals eintreten sollen – hoffentlich!