Der historische deutsche Osten weist eine Fülle von Erholungsorten auf. Ihr heutiger Zustand ist infrastrukturell oft schon besser als der mancher darbender Kurorte in der Bundesrepublik Deutschland des Niedergangs. Ein auffälliger Trend jenseits von Oder und Neiße ist nun, dass in wenigen Jahren eine ganze Reihe von Gradierwerken entstanden sind – oft in Orten ohne entsprechende Tradition, für die eine neue Attraktion gesucht wurde.
Besonders deutlich ist der Wandel in den vergangenen 15 Jahren. In Niederschlesien etwa gab es trotz der Bäderfülle keine bedeutende historische Gradierwerk- und Salinentradition. Die bekannten Kurorte wie Bad Reinerz [Duszniki-Zdrój], Bad Altheide [Polanica-Zdrój], Bad Landeck [Lądek-Zdrój], Bad Kudowa [Kudowa-Zdrój] – alle in der Grafschaft Glatz [Kłodzko] gelegen – sowie Bad Salzbrunn [Szczawno-Zdrój] beruhten auf Heilquellen; ihre kleinen heutigen Gradierwerke sind Neubauten zur Inhalation.
Neue Anlagen in erster Linie für Ortsansässige gibt es etwa in Sorau [Żary] oder Grünberg in Schlesien [Zielona Góra], mit Bäderflair im Isergebirge seit zwei Jahren auch in Bad Schwarzbach [Czerniawa-Zdrój], einem Ortsteil von Bad Flinsberg [Świeradów-Zdrój]. Der schlesische Arzt Caspar Schwenckfeld und der Chronist Friedrich Lucae verwiesen bereits im 17. Jahrhundert auf die Heilquellen von Flinsberg. Neben kohlensäurehaltigen und eisenhaltigen Quellen wurden die Wässer seit dem 18. Jahrhundert für Trink- und Solebäder genutzt. Das neue Gradierwerk in Bad Schwarzbach ist hier also durchaus stimmig.
Am stärksten hat sich der Neubau in Oberschlesien entwickelt. Ende 2025 wurden dort bereits mehr als 100 Anlagen gezählt. Die ersten größeren modernen Anlagen entstanden 2014, seither kamen vor allem in Städten und Gemeinden zahlreiche kleine hinzu. Ihre Sole stammt unter anderem aus Baumgarten [Dębowiec] und Zablatsch [Zabłocie] – beide im Teschener Land, einst in Österreichisch-Schlesien gelegen – sowie aus weiteren schlesischen Solequellen. Auch Cosel [Koźle] leistet sich an seinen historischen Wallanlagen ein kleines Gradierwerk, ohne dass man der Kreisstadt eigentlichen Urlaubs- oder auch nur Naherholungscharakter zuschreiben kann.
Im Ostbrandenburgischen stehen Gradierwerke mittlerweile in Landsberg an der Warthe und – als historische Besonderheit – in Sonnenburg [Słońsk]. Dort wurde bereits Ende des 18. Jahrhunderts versucht, eine Solequelle mit einem kleinen Gradierbau für die Salzgewinnung zu nutzen, ohne dass sich daraus eine dauerhafte Tradition entwickelte.
Anders ist die Geschichte in Pommern. Kolberg [Kołobrzeg] besaß eine bedeutende historische Saline mit mehreren Gradierwerken, die im 18. Jahrhundert entstanden und im 19. verschwanden. Heute knüpft die Stadt mit zwei seit 2011 bestehenden Anlagen daran an. Auch in Hinterpommern und Pommerellen sind inzwischen zahlreiche Anlagen entstanden, überwiegend seit den 2010er-Jahren.
Sogar das südliche Ostpreußen verfügt über Solevorkommen, ohne eine größere historische Gradierwerkstradition entwickelt zu haben. In Goldap gibt es seit 2014 ein Gradierwerk, gespeist aus einem 646 Meter tiefen Solebrunnen. Auch Heilsberg und Liebemühl besitzen größere und kleinere Anlagen.
Der Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart liegt auf der Hand: Historische Gradierwerke dienten der Aufkonzentrierung von Sole für die Salzgewinnung; die heutigen Anlagen erzeugen vor allem salzhaltige Luft und sind Teil von Kurparks und Erholungsangeboten. Das erklärt auch ihre Verbreitung, wo es nie eine Gradierwerkstradition gab. EU-Fördermittel für Tourismus und Freizeit trugen seit dem vergangenen Jahrzehnt zur Ausbreitung bei. Als kulturelles Vorbild dürfte dabei stets auch Ciechocinek in Kujawien mitgedacht worden sein, dessen gewaltige Gradierwerke im 19. Jahrhundert zur Salzgewinnung entstanden. Der Ort hieß nur von 1939 bis 1945 Hermannsbad.
Mittelfristig könnte manch kleinem Standort aber eine Gefahr drohen, denn die Anlagen benötigen Pflege. Die Universitäten in Thorn (Toruń) und Krakau wiesen darauf hin, dass mit zunehmender Betriebsdauer die Belastung der Anlagen mit Fäkalbakterien tierischen Ursprungs zunehme.