Die staatliche Überwachungskrake greift immer weiter um sich und macht nun auch vor Fußballfans nicht mehr halt. So forderte Bundeskanzler Friedrich Merz kürzlich beim politischen Aschermittwoch in Trier eine Klarnamenpflicht im Internet (TN berichtete):
«Ich möchte Klarnamen im Internet sehen. Ich möchte wissen, wer da sich zu Wort meldet (sic)», so Merz.
Kritiker werten dies als fatales Signal gegen die Meinungsfreiheit, da Anonymität im Netz gerade vulnerable Gruppen – wie Whistleblower, Regimekritiker oder marginalisierte Personen – davor schützt, angstfrei ihre Meinung zu äußern und Repressalien zu entgehen.
Dieser wachsende Druck auf individuelle Freiheiten zeigt sich nun auch im Fußballkontext auf besonders drastische Weise: Wie der Kicker berichtet, boykottieren die Ultras von Borussia Dortmund das heute Abend stattfindende Champions-League-Rückspiel ihrer Mannschaft bei Atalanta Bergamo, weil sie sich einem regelrechten «Spießrutenlauf» durch Behörden ausgesetzt sehen.
Wie das Fanbündnis «Südtribüne Dortmund» mitteilt, wurden bis zu 300 Anhänger an deutschen Flughäfen von der Bundespolizei aus fadenscheinigen Gründen am Reisen gehindert – oft schon aufgrund typischer Fanszenekleidung oder Stickern. Manche erhielten Ausreiseverbote samt Meldeauflagen, die teilweise zwar in Eilverfahren vor Gericht aufgehoben wurden, dennoch aber einen massiven Eingriff darstellen.
Und damit nicht genug: Selbst Fans, die bereits in Italien angekommen waren, wurden in ihren Unterkünften von der italienischen Polizei aufgesucht und kontrolliert. Solche Hausbesuche und Fahndungsmaßnahmen stellen nach fast 16 Jahren ununterbrochener Europapokal-Präsenz der Dortmunder Fanszene ein absolutes Novum dar – und werden von den Ultras als unverhältnismäßig, willkürlich und einschüchternd empfunden. Schweren Herzens entschied man sich daher zum Boykott, um ein deutliches Zeichen gegen diese Form staatlicher Repression zu setzen.
Auch Borussia Dortmund selbst zeigt sich «mehr als überrascht» über die Reichweite und Dimension der polizeilichen Maßnahmen. Der Verein betont, dass eine sicherheitsorientierte Risikobewertung zwar nachvollziehbar sei, diese Art und Intensität von Eingriffen aber in der Vergangenheit bei internationalen Auswärtsspielen des BVB nie vorgekommen seien. Man suche nun den Kontakt zu den Behörden, um Hintergründe und Rechtsgrundlagen zu klären, die dem Klub «in keiner Weise nachvollziehbar» erscheinen.
Was als reine Sicherheitsmaßnahme verkauft wird, wirkt in den Augen vieler Beobachter wie ein weiterer Baustein in einem System, das Bürger – hier speziell kritische und organisierte Fans – präventiv unter Generalverdacht stellt und mit Kontrollen, Verboten und Überwachung diszipliniert. Die Ultras kündigten an, die Maßnahmen gemeinsam mit der Fanhilfe Dortmund gerichtlich prüfen zu lassen. Der organisierte Support der Südtribüne fehlt damit im Stadion – ein stiller, aber deutlicher Protest gegen einen Staat, der immer tiefer in den Alltag seiner Bürger eindringt.
Konkrete öffentliche Informationen darüber, wer genau die Maßnahmen politisch veranlasst oder auf höchster Ebene angeordnet hat, gibt es bisher nicht. Die Ausreiseverbote und Kontrollen an deutschen Flughäfen wurden von der Bundespolizei durchgeführt, die in solchen Fällen in der Regel auf Basis von Risikobewertungen, bestehenden «Gewalttäter Sport»-Einträgen oder internationalen polizeilichen Kooperationen (etwa mit italienischen Behörden) handelt. Die Hausbesuche und Kontrollen in Italien stammen von der italienischen Polizei (vermutlich Questura Bergamo oder mobile Einheiten), die für die Sicherheitslage vor Ort zuständig ist und oft bei Hochrisikospielen präventiv agiert.
Der Boykott der BVB-Ultras ist somit weit mehr als eine reine Fansache: Er reiht sich ein in eine breitere Entwicklung, in der Grundrechte wie die freie Meinungsäußerung systematisch ausgehöhlt werden. Wie Hermann Ploppa in seinem auf TN am 15. Februar publizierten Beitrag «Das Ende der Meinungsfreiheit» darlegt, wird das im Grundgesetz verbriefte Recht auf freie Meinungsäußerung bereits seit Jahren mit Füßen getreten – durch Zensur, Löschwellen, strafrechtliche Verfolgung und Instrumente wie das NetzDG. Was bisher oft im rechtlichen Graubereich ablief, soll nun offiziell legalisiert und institutionalisiert werden.
Am Ende steht die Warnung vor einem autoritären Kontrollregime, das abweichende Stimmen nicht mehr nur behindert, sondern präventiv unterbindet und bestraft. Anonymität als Schutzschild für unabhängige Debatten wird weiter eingeschränkt, während der Generalverdacht gegen Bürger zunimmt – sei es im Netz oder im Stadion. Der Boykott in Bergamo ist ein Symptom dieses Wandels: Ein Zeichen dafür, dass der Staat seine Bürger nicht mehr als mündige Individuen behandelt, sondern als potenzielle Risikofaktoren diszipliniert. Wenn selbst organisierte Fußballfans zu einem solchen Zielobjekt werden, ist die Frage nicht mehr, ob die Freiheit bedroht ist – sondern wie weit diese Bedrohung bereits vorgedrungen ist.