Königsbergs Architekten streiten – Ringen um Bebauung des historischen Zentrums

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Stararchitekt Igor Li kritisiert Pläne der staatlichen Stadtplaner – Neue „leere Räume“ statt lebendigen Zentrums

paz.de📅 03.06.2026

Zwischen den staatlichen Stadtplanern und dem Verband der Architekten des Königsberger Gebiets ist ein Streit um die Zukunft des Stadtzentrums ausgebrochen. Auf dem zentralen Gelände der Innenstadt – dem ehemaligen Standort des Königsberger Schlosses und später des „Hauses der Sowjets“ – plant die Regionalregierung einen umfassenden Neubau, der die Mitte der Stadt neu definieren soll. Nach dem Abriss der sowjetischen Bauruine wird das Areal neu entwickelt und soll künftig ein repräsentatives „Nationalzentrum Russland“ beherbergen.

Kern der Planung ist ein großer staatlicher Komplex als Teil des bundesweiten Projekts „Nationalzentrum Russland“. Vorgesehen sind Ausstellungs- und Museumsflächen, Kongress- und Veranstaltungsräume, Bildungs- und Jugendbereiche sowie ein großer Veranstaltungssaal (bis zu 1.500 Plätze).

Staatliche Stadtplaner wollen Neues

Rund um den geplanten Komplex soll ein großzügiger neuer Zentralplatz entstehen, ergänzt durch: Park- und Grünflächen, ein Amphitheater für Veranstaltungen, breite Fußgängerzonen sowie Freizeit- und Eventbereiche. Die Regierung spricht ausdrücklich von der Schaffung eines „neuen urbanen Zentrums“. Eine Rekonstruktion des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Königsberger Schlosses ist nicht vorgesehen, ebenso wenig eine Wiederherstellung der historischen Altstadtstruktur.

Das Projekt folgt einer klaren Linie: Nach dem Abriss des „Hauses der Sowjets“ soll kein historischer Wiederaufbau erfolgen, sondern eine moderne, staatlich geprägte Neugestaltung des Areals. Damit wird die sowjetische Nachkriegsarchitektur ebenso beendet wie die Option einer Rückkehr zu einem vorkriegsdeutschen Stadtbild.

Besonders deutlich äußert sich der Königsberger Architekt und Vorsitzende des regionalen Architektenverbands, Igor Li. Der 71-Jährige stammt aus Taschkent, lebt seit 1998 in Königsberg und war zwischen 2008 und 2011 Chefarchitekt von Königsberg. Er kritisiert das Vorhaben als städtebaulich unausgereift und warnt vor einer erneuten „Verödung“ des Stadtzentrums durch überdimensionierte Freiflächen.

Sein Hauptvorwurf lautet, dass dem Projekt eine langfristige Strategie fehle. Statt ein lebendiges Stadtzentrum mit gemischten Funktionen zu schaffen, entstünden erneut große, schwer nutzbare Flächen ohne ausreichende urbane Dichte. Zudem fehle der Bezug zur historischen Stadtstruktur Königsbergs, die trotz der Kriegszerstörungen als Orientierung für eine moderne Entwicklung dienen könnte.

Im Zentrum seiner Argumentation steht die besondere historische Lage der Stadt. Auf der heutigen Freifläche stand über rund 600 Jahre das Königsberger Schloss – das politische und kulturelle Herz Ostpreußens. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und dem späteren sowjetischen Abriss verschwand dieser historische Stadtkern fast vollständig. Für Li ist genau dies bis heute das Kernproblem Königsbergs: Die Stadt verfüge zwar über einzelne historische Fragmente, aber nicht mehr über ein lebendiges urbanes Zentrum.

Li fordert Einbeziehung der deutschen Geschichte der Stadt

Besonders deutlich wird seine Kritik am Zustand der ehemaligen Altstadt. Den Kneiphof mit dem restaurierten Dom nennt er sinngemäß einen „begrünten leeren Raum“. Zwar existierten dort wichtige historische Symbole wie der Dom und das Grab Immanuel Kants, doch fehle die Einbindung in ein lebendiges städtisches Gefüge. Große Teile Königsbergs seien heute von breiten Straßen, isolierten Freiflächen und sowjetischer Nachkriegsarchitektur geprägt.

Li fordert keineswegs eine Rückkehr zum alten deutschen Vorkriegskönigsberg oder eine nostalgische Rekonstruktion. Vielmehr plädiert er für eine moderne russische Stadt, die ihre historische Tiefe ernstnimmt. In seinen öffentlichen Stellungnahmen verweist er immer wieder auf Beispiele wie Warschau, Dresden oder Danzig. Diese Städte seien ebenfalls im Krieg schwer zerstört worden, hätten jedoch ihre historischen Strukturen bewusst wieder aufgenommen und daraus neue urbane Zentren entwickelt.

Besonders Danzig dient ihm als Vergleich. Dort sei es gelungen, historische Maßstäbe, Straßenräume und Fassadenstrukturen mit moderner Architektur zu verbinden. Königsberg hingegen habe jahrzehntelang ohne klare Vision gebaut. Jeder Gouverneur habe eigene Projekte begonnen, doch eine langfristige städtebauliche Linie habe nie existiert.

Bemerkenswert ist Lis Haltung zur deutschen Vergangenheit der Stadt. Er spricht offen davon, dass die vorkriegsdeutsche Geschichte ein unverzichtbarer Teil der Identität Königsbergs sei. Gleichzeitig betont er aber ebenso die sowjetische und russische Geschichte der Region. Er erinnert daran, dass Ostpreußen im 18. Jahrhundert zeitweise russisch besetzt war, dass Immanuel Kant zeitweise russischer Untertan gewesen sei und dass auch russische Herrscher und Gouverneure eng mit Königsberg verbunden waren.

Gerade darin sieht Li die Chance der Stadt Königsberg. Nicht in einer ideologischen Abgrenzung von der Vergangenheit, sondern in einer Verbindung der verschiedenen historischen Schichten der Stadt. Königsberg solle weder künstlich „germanisiert“ noch ausschließlich sowjetisch definiert werden. Stattdessen müsse eine eigenständige moderne Stadt entstehen, die ihre europäische Geschichte sichtbar bewahrt und zugleich russisch bleibt.

Seine Kritik richtet sich deshalb nicht nur gegen einzelne Bauprojekte, sondern gegen eine grundsätzliche Entwicklung. Große Freiflächen allein könnten kein urbanes Leben erzeugen. Eine echte zentrale Stadtmitte brauche Wohnungen, öffentliche Räume, kulturelle Funktionen, Verkehrsverbindungen und eine Architektur, die an historische Maßstäbe anknüpft. Ohne diese Elemente drohe das Zentrum Königsbergs weiterhin aus „gepflegten leeren Räumen“ zu bestehen.

Die Debatte um die Zukunft des Königsberger Zentrums zeigt damit auch einen Wandel im russischen Umgang mit der Geschichte der Oder-Neiße-Gebiete. Was früher oft verdrängt oder ideologisch problematisch erschien, wird heute zunehmend als kulturelles und städtebauliches Potenzial gesehen. Igor Li gehört zu den prominentesten Vertretern dieser Sichtweise.

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