Johan Anderberg – Flocken (Die Herde) Teil 2

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Teil 2: Unreflektierte Politikdiffusion gepaart mit Eskalation der Verpflichtung

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Teil 2

Die Geschichtsbücher beobachten uns

“Am Nachmittag des 8. März schickte Tom Britton eine E-Mail an Anders Tegnell, in der er erneut eine Reihe von Argumenten darlegte, warum Schweden unverzüglich mehrere neue Empfehlungen einführen sollte.” (S. 66)

“Langsam, aber sicher gelang es Tom Britton und Jan Albert, den Widerstand innerhalb der Gesundheitsbehörde zu brechen.

Am 11. März erließ die Regierung – auf Empfehlung der Behörde – ein Verbot von Versammlungen mit mehr als 500 Personen. Gleichzeitig wurden in Stockholm Empfehlungen zum Homeoffice sowie zum Fernunterricht an Gymnasien und Hochschulen ausgearbeitet. Am 11. März erließ die Regierung – auf Empfehlung der Behörde – ein Verbot von Versammlungen mit mehr als 500 Personen. Gleichzeitig wurden in Stockholm Empfehlungen zum Homeoffice sowie zum Fernunterricht an Gymnasien und Hochschulen ausgearbeitet.” (S. 67)

Am nächsten Tag, dem 12. März, schrieb Denis Coulombier in einer E-Mail an Jan Albert und Johan von Schreeb, dass er hoffe, „Anders & Co.“ würde handeln. Es war an der Zeit, die Schulen zu schließen. zügig handeln. Es war an der Zeit, die Schulen zu schließen. “(S. 68)

Denis Coulombier war der Leiter der Abteilung für Krisenvorsorge beim ECDC (Europäisches Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten), das seinen Hauptsitz in Solna bei Stockholm hat. Coulombier war über Jahre ein enger Kollege von Johan Giesecke, der dort früher Chefwissenschaftler war. Coulombier geriet somit in eine extrem ungemütliche Position: Als Leiter der EU-Einsatzabteilung musste er eigentlich strikte, koordinierte europäische Maßnahmen fordern. Gleichzeitig sah er vor seiner Haustür in Stockholm seine langjährigen Kollegen Giesecke und Tegnell ein radikal anderes, experimentelles Modell der totalen Offenheit fahren, was er intern fassungslos als „kopflose Strategie“ einstufte.

Anhang von Berichten über die nach dem schwedischen Äquivalent einer IFG freigegeben E-Mails wurde vom Svenska Dagbladet rekonstruiert, dass Denis Coulombier Jan Albert und von Schreeb am 12. März 2020 per E-Mail kontaktierte. Coulombier hoffte wohl, dass Albert und von Schreeb ihren Einfluss nutzen könnten, um „Anders & Co.“ vor dem drohenden Kontrollverlust zu warnen und zu schnellerem Handeln – insbesondere zu Schulschließungen – zu bewegen.

Alberts Rolle war aber schwierig, weil Johan Giesecke Professor Emeritus am selben Institut (Karolinska-Institut) wie Alberts war.

Die Zeitung hat die E-Mails nicht als direkten Download freigegeben, sondern nur über den Inhalt berichtet und zitiert. Die Primärquelle liegt also leider nicht vor.

Die damalige Einschätzung der ECDC kann man online nachlesen.

Die EU Behörde versucht sich also, in die internen Angelegenheiten Schwedens einzumischen, indem sie Kritiker des Schwedischen Weges kontaktierte, die nahe persönliche Kontakte zu den Architekten dieses Sonderwegs hatten und diese in Stellung zu bringen versuchte, den Schwedischen Weg von intern zu torpedieren.

Trotz Coulombiers E-Mail vom 12. März blieb Tegnell unnachgiebig: Die Grundschulen und Kitas in Schweden wurden während der gesamten Pandemie nie geschlossen. Tegnell argumentierte, dass Kinder keine Treiber der Pandemie seien und Schulschließungen immensen sozialen Schaden anrichten würden. Diese Entscheidung wurde im Abschlussbericht der schwedischen Corona-Kommission (Corona-kommissionens slutbetänkande) im Jahr 2022 als richtig und positiv hervorgehoben auch wenn der Bericht sonst eine eher gemischte Bilanz zog. Die Kommission urteilte, dass Schweden im Frühjahr 2020 zu langsam und zu defensiv reagiert habe. Das Versagen beim Schutz der Altenpflegeheime wurde scharf kritisiert.Der Regierung wurde vorgeworfen, sich in einer Krise diesen Ausmaßes zu einseitig und unkritisch auf die Einschätzungen einer einzigen Behörde (Folkhälsomyndigheten) verlassen zu haben. Ausdrücklich gelobt wurde hingegen, dass Schweden im Gesamtzeitraum 2020–2021 im Vergleich zum Rest Europas ohne Lockdowns eine der niedrigsten Übersterblichkeitsraten aufwies und das Offenhalten der Schulen die richtige Entscheidung war.

Weißt du denn nicht, mein Sohn, mit wie wenig Weisheit die Welt regiert wird?

“Am 11. März erhielt Giesecke einige Zahlen von einem italienischen Epidemiologen namens Alessandro Cassini. Cassini hatte einst unter Giesecke beim ECDC gearbeitet, war nun aber wieder in Italien. Die vom Italiener übermittelten Zahlen deuteten unter anderem darauf hin, dass viele der in Italien Infizierten keinerlei Symptome zeigten.” (S. 69)

Cassini hatte jahrelang in Stockholm beim Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) gearbeitet. Er leitete dort das renommierte Großprojekt BCoDE (Burden of Communicable Diseases in Europe). In dieser Rolle war er direkt dem damaligen ECDC-Chefwissenschaftler Johan Giesecke unterstellt. Zum Zeitpunkt der Handlung hatte Cassini das ECDC bereits verlassen und war als Experte für Infektionsprävention zur Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach Genf gewechselt, hielt aber engen Kontakt zu seinen italienischen Kollegen und zu Giesecke.

Cassini berichtete, dass bei systematischen Stichproben-Untersuchungen in isolierten italienischen Gemeinden (wie dem berühmten Ort Vo’ Euganeo) ein massiver Anteil der positiv getesteten Menschen überhaupt keine Symptome zeigte.

Die epidemiologische Untersuchung der kleinen norditalienischen Gemeinde Vò (Provinz Padua) gilt als die erste und präziseste Studie zur Bestimmung der realen Dunkelziffer und der asymptomatischen Fälle.

Man könnte sagen Vò ist das italienische Heinsberg.

Nachdem am 21. Februar 2020 in Vò der erste COVID-19-Todesfall Italiens registriert worden war, riegelte das Militär den Ort komplett ab. Ein Forscherteam der Universität Padua unter Andrea Crisanti testete (in Zusammenarbeit mit dem Imperial College London) im Abstand von neun Tagen nahezu die gesamte Bevölkerung des Ortes (~3.300 Einwohner) per PCR-Abstrich – unabhängig davon, ob sie Symptome hatten oder nicht.

Damit sind wir wieder beim Thema IFR und CFR aus Teil 1 und bei der Heinsberg Studie von Streeck aus dem April 2020, die nach einer systematischen Messung auf Antikörper eine IFR von ca. 0,37 %. Und selbst diese Daten sind noch überschätzt, weil nicht alle Infizierten Antikörper ausbilden und viele das Virus nur mit T-Zellen bekämpfen. Dazu kommen wir in einem späteren Kapitel.

Für Giesecke war dies der mathematische Beweis für die Hypothese, dass das Virus viel weiter verbreitet war, als die offiziellen PCR-Tests der Krankenhäuser anzeigten. Wenn ein Virus so leicht übertragbar ist und sich bei einem Großteil der Menschen komplett symptomfrei verbreitet, ist es unmöglich geworden, es jemals wieder einzudämmen.

Daraus folgerte Giesecke logisch, dass jedes Land, das einen Lockdown verhängt, die Kurve zwar kurzfristig nach unten drückt, nach der Öffnung aber erneut vor exakt demselben Problem steht. Da das Virus nicht mehr zu eliminieren war, blieb aus Gieseckes Sicht nur der schwedische Weg, also das Virus kontrolliert durch die fitte Bevölkerung laufen zu lassen, um eine Herdenimmunität aufzubauen, während man parallel versuchte, die Altenheime zu isolieren.

Deutsche Medien und Wissenschaftler hingegen zogen aus exakt denselben Daten aus Vò ein völlig anderes Fazit als Johan Giesecke.

In Deutschland war die Interpretation: Wenn so viele Menschen symptomfrei infiziert und dennoch ansteckend sind, sind gezielte Quarantänen von Erkrankten unzureichend. Harte Lockdowns und allgemeine Maskenpflichten sind zwingend notwendig, weil man im Alltag niemandem ansieht, ob er das Virus in sich trägt und unbemerkt weitergibt.

Die US Medien verdrehten die Ergebnisse zu der Hypothese, man könne das Virus ausrotten, wenn man nur genug testet.

Wo die Bürokraten regieren

“Gemäß der schwedischen Verfassung darf weder die Regierung noch das Parlament „festlegen, wie eine Verwaltungsbehörde in einem konkreten Fall zu entscheiden hat, der die Ausübung hoheitlicher Befugnisse gegenüber einer Einzelperson oder einer Kommune oder die Anwendung von Rechtsvorschriften betrifft“. […] die GSS – die Gruppe für strategische Koordination. Dies waren die Personen, die die Maßnahmen der Regierung zur Bewältigung der Pandemie leiteten.” (S. 75)

In Schweden sind Regierungsbehörden wie die Gesundheitsbehörde (Folkhälsomyndigheten) verfassungsrechtlich völlig unabhängig von der Zentralregierung. Ein schwedischer Minister darf einem Behördenleiter wie Johan Carlson oder einem Staatsepidemiologen wie Anders Tegnell keine direkten fachlichen Weisungen erteilen. Dies wird in Schweden historisch und politisch als das Verbot von Ministerstyre (Ministerregierung) bezeichnet.

Das RKI und das PEI sind jedoch weisungsgebundene Oberbehörden. Oder um es mit den Worten des RKI auszudrücken: Innerhalb des vom BMG festgelegten thematischen Rahmens ist das RKI frei in der Wahl der Forschung.” Das heißt, in deutschland kann das Bundesgesundheitsministerium oder das Kanzleramt dem Robert Koch-Institut (RKI) fachliche und politische Vorgaben machen.

Fachlich sachliche Entscheidungen gegen politisch motivierte Vorgaben. Das ist ein großer Unterschied.

Da die Minister im Alltag keine direkten Befehle an die Behörden erteilen durften, benötigte das Kanzleramt eine administrative Schnittstelle, um den Staat in der Krise zu steuern. Dies war die GSS.

Die Rolle der GSS und die internen Protokolle über die Pandemie-Bewältigung wurden von der schwedischen Corona-Kommission akribisch untersucht. Sie sind im ersten Zwischenbericht der Kommission zur Krisensteuerung dokumentiert: Coronakommissionen – SOU 2021:89: „Sverige och pandemin – Krisledning och samhällsskydd“.

International wurde Anders Tegnell oft als mächtiger „Diktator“ der schwedischen Corona-Politik dargestellt. In Realität war er jedoch lediglich ein Beamter, der die ihm vom schwedischen Grundgesetz zugewiesene, unantastbare Unabhängigkeit konsequent ausübte, während die Politiker in der GSS und im Kanzleramt dazu verdammt waren, im Hintergrund zu koordinieren, anstatt zu befehlen.

“Und so war es seine Staatssekretärin, die im Winter 2020 damit beauftragt wurde, die GSS zu leiten und die Pandemie zu bewältigen. Ihr Name war Elisabeth Backteman, sie war 53 Jahre alt und in der Politik eher eine unbekannte Persönlichkeit.

Zu der Gruppe gehörten jedoch auch einige andere – deutlich einflussreichere – Personen: der Staatssekretär des Ministerpräsidenten, Nils Vikmang; der Pressesprecher, Odd Guteland; der Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten, Robert Rydberg; sowie die Staatssekretärin des Finanzministers, Emma Lennartsson.” (S. 76)

Bereits am 2. März 2020 – exakt an dem Tag, an dem Johan Carlson das „15.000er-Szenario“ verkündete – berief Backteman eine Sondersitzung des Krisenmanagementrates ein, um sicherzustellen, dass die logistischen Vorbereitungen für das herannahende Virus anliefen. Schwedische Medien wie das Magazin Chef oder das Svenska Dagbladet bezeichneten sie als die mächtige „Doldis“ (Schattengestalt/Strippenzieherin) hinter dem schwedischen Krisenmanagement. Sie berichtete in den kritischen Monaten mehrfach pro Woche direkt an Premierminister Stefan Löfven.

Backteman respektierte das verfassungsrechtliche Verbot von Ministerstyre strikt. Ihre Aufgabe in der GSS war es die politische und logistische Infrastruktur (wie die Beschaffung von Schutzkleidung oder Gesetzesentwürfe für das Parlament) so zu organisieren, dass sie zu Tegnells Kurs der gesellschaftlichen Offenheit passte.

Während Elisabeth Backteman das Krisenmanagement der verschiedenen Ministerien in der GSS koordinierte, war Vikmång der direkte politische Vertraute und wichtigste Berater des schwedischen Regierungschefs im Hintergrund. Als Chef-Staatssekretär im Kanzleramt filterte Vikmång die Informationen der Fachbehörden für Stefan Löfven. Er musste die wissenschaftliche Linie von Anders Tegnell und Johan Carlson so übersetzen und vorbereiten, dass die sozialdemokratisch geführte rot-grüne Minderheitsregierung die nötigen politischen und gesetzlichen Schritte im schwedischen Parlament (Riksdag) einleiten konnte.

Das zeigt auch, dass die Maßnahmen von allen getragen wurden, sonst hätte eine Minderheitsregierung keine Chance gehabt, in dieser Zeit zu regieren.

Während der Pandemie war Guteland dafür zuständig, die politische und mediale Kommunikation von Premierminister Stefan Löfven abzustimmen. Er war die Schnittstelle, die dafür sorgen musste, dass die politischen Erklärungen der Regierung im Einklang mit den wissenschaftlichen Vorgaben der unabhängigen Gesundheitsbehörde (Folkhälsomyndigheten) blieben.

Als im März und April 2020 fast ganz Europa im Lockdown versank, geriet Schweden international unter massiven Rechtfertigungsdruck. Ausländische Regierungen und Medien betrachteten den schwedischen Kurs mit einer Mischung aus Bewunderung und tiefem Entsetzen. Rydberg koordinierte über die schwedischen Botschaften weltweit die diplomatische Kommunikationsstrategie, um klarzumachen, dass Schweden das Virus keineswegs „ignorierte“, sondern auf Basis seiner Verfassung und rationaler epidemiologischer Prinzipien handelte.

Während der COVID-19-Pandemie war Lennartsson eine der Schlüsselfiguren in der Regierungszentrale (Regeringskansliet). Als Staatssekretärin (unter anderem im Finanzministerium unter Magdalena Andersson) war sie maßgeblich an den regelmäßigen strategischen Sitzungen der GSS beteiligt, bei denen ressortübergreifende Maßnahmen abgestimmt wurden.

Nach der Pandemie geriet ihre Rolle im GSS in den Fokus der Öffentlichkeit und des Verfassungsausschusses (Konstitutionsutskottet, KU). Es gab politische Debatten und Kritik darüber, wie die GSS-Sitzungen dokumentiert wurden, da für viele dieser strategischen Krisentreffen keine detaillierten gemeinsamen Protokolle vorlagen.

Da das schwedische Seuchenschutzgesetz (Smittskyddslagen) im Frühjahr 2020 der Regierung kaum rechtliche Möglichkeiten für weitreichende Schließungen bot, war Vikmång federführend an daran beteiligt, im Eilverfahren temporäre Vollmachten und das spätere schwedische „Pandemiegesetz“ mit den Oppositionsparteien auszuhandeln.

Die Oppositionsparteien (insbesondere die Moderaten und Christdemokraten) warfen der sozialdemokratischen Regierung vor, sich „diktatorische Vollmachten“ sichern zu wollen. Die Regierung musste einlenken und akzeptieren, dass jede Verordnung nachträglich innerhalb weniger Tage vom Parlament gekippt werden konnte.

Das Ringen der schwedischen Staatskanzlei um Nils Vikmång im April 2020 war im Kern exakt dieselbe juristische Fragestellung wie in Deutschland, wurde aber völlig anders gelöst.

In Deutschland gab das Parlament die Macht ab. Der Bundestag stimmte den Erweiterungen des IfSG mehrheitlich zu. Damit akzeptierte das Parlament, dass fortan die Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) und die Ministerien im Verordnungswege die Pandemie per Dekret steuerten.

In Schweden verhinderte das Parlament die Machtabgabe. Als die schwedische Regierung im April 2020 ein ganz ähnliches Recht forderte, um per Verordnung am Parlament vorbei Geschäfte zu schließen, rebellierte die schwedische Opposition sofort. Sie zwang die Regierung zu dem Kompromiss, dass jede Verordnung binnen weniger Tage nachträglich vom Parlament abgenickt werden musste. Da die schwedische Regierung diesen bürokratischen Hürdenlauf scheute, blieben die Sonderrechte ungenutzt und liefen im Sommer 2020 aus.

Aus heutiger Sicht im Jahr 2026 zeigt dieser Vergleich, dass Schweden seine parlamentarische Kontrolle und die Gewaltenteilung im Frühjahr 2020 eisern verteidigt hat, während das deutsche IfSG durch die massive Verlagerung von Macht auf die Exekutive die politische Debatte über Jahre tief gespalten hat.

In Schweden sorgte das verfassungsrechtliche Gefüge dafür, dass die gewählten Abgeordneten der Regierung die Daumenschrauben anlegten. Da Anders Tegnell und Johan Carlson ohnehin an der Strategie der offenen Gesellschaft festhielten, benötigte der schwedische Staat keine rechtlichen Zwangsinstrumente.

In Deutschland passierte das Gegenteil. Der Bundestag ermächtigte die Exekutive im März 2020 proaktiv. Dies führte dazu, dass über fast das gesamte Jahr 2020 hinweg die tiefgreifendsten Grundrechtseinschränkungen der bundesdeutschen Geschichte am Parlament vorbei im Verordnungswege (durch die Bundesländer) beschlossen wurden. Erst im November 2020 zwangen Gerichte und öffentlicher Druck den Bundestag dazu, mit dem Paragrafen 28a konkretere gesetzliche Vorgaben nachzureichen.

“Am Freitag, dem 13. März, nahm der Druck auf die Regierung zu. An diesem Tag veröffentlichte der Chefredakteur von „Dagens Nyheter“, Peter Wolodarski, einen Artikel mit der Überschrift „Schließt Schweden, um Schweden zu schützen“.(S. 76)

Am Freitag, dem 13. März 2020, eskalierte der Konflikt zwischen der schwedischen Regierung und den schwedischen Leitmedien. Der Meinungsartikel von Peter Wolodarski (schwedischer Journalist und Fernsehmoderator) wirkte dabei wie ein Brandbeschleuniger.

Während das GSS und die Gesundheitsbehörde (Folkhälsomyndigheten) an einer Strategie der freiwilligen Maßnahmen festhalten wollten, forderte die größte Tageszeitung des Landes eine radikale Kehrtwende hin zu einem harten Lockdown nach europäischem Vorbild.

Obwohl die Medien und der internationale Druck das GSS und die Minister vor sich hertrieben, hielt Schweden am Sonderweg fest. Die schwedischen Medien warem kein neutraler Berichterstatter, sondern ein politischer Akteur, der die gefühlte Bedrohungslage medial kreierte und den Handlungsdruck auf die Politik erhöhte.

Genau wie in Schweden die Dagens Nyheter den Lockdown am 13. März forderte, erlebte Deutschland zur exakt selben Zeit eine massive mediale Corona-Campagne.

Die Medien verloren das Ringen um den harten Kurs, da die Regierung Sonderrechte ohne das Parlament nicht durchsetzen konnte. Damit verpuffte die mediale Forderung nach „Sofort-Lockdowns“ im bürokratischen Prozess. Die Unabhängigkeit der Behörden führte dazu, dass Anders Tegnell das mediale Trommelfehl stoisch an sich abprallen ließ. Da die Politik ihn rechtlich nicht einfach entlassen oder überstimmen konnte, blieb die Strategie stabil.

Deutsche Politiker knickten vor der Medienmacht ein, was zu einem Überbietungswettbewerb bei den Lockdown-Maßnahmen führte, um von den Medien eingeladen und hochgejubelt zu werden. Wer besonders harte, proaktive Maßnahmen verkündete (wie Markus Söder in Bayern), wurde in den großen Talkshows (Anne Will, Maybrit Illner, Markus Lanz) und Leitmedien oft als „entschlossener Krisenmanager“ porträtiert und mit hohen Umfragewerten belohnt. Ministerpräsidenten, die einen moderateren Kurs fahren oder regional differenzieren wollten (wie Armin Laschet in Nordrhein-Westfalen), wurden in derselben Medienlandschaft häufig als „zögerlich“, „unentschlossen“ oder „ordnungslos“ kritisiert. Dies erzeugte einen enormen Anpassungsdruck.

Die schwedischen Institutionen haben verhindert, dass die Medien die Epidemie-Strategie kaperten. Die Medien behielten jedoch ihre Macht als moralische Richter und unerbittliche Kritiker, was die Arbeit im GSS bis zum Ende der Pandemie zu einem extremen politischen Spießrutenlauf machte.

In späteren Kapitel des Buches wir beschrieben, wie sich Schwedens Regierung hinter der verfassungsrechtlich unabhängigen Gesundheitsbehörde versteckte.

Das Robert Koch-Institut (RKI) jedoch war weisungsgebunden und damit lag die Entscheidung vollständig bei der Politik.

Während das schwedische System darauf ausgelegt war, politischen Aktivismus in Krisen institutionell zu bremsen, wirkte das deutsche föderale System in Kombination mit einer stark personalisierenden Medienlandschaft wie ein Katalysator für immer schärfere Maßnahmen.

Auch Dänemark und Norwegen knickten letztendlich unter dem Medialen Druck ein:

“Nur sieben Stunden, bevor die dänische Ministerpräsidentin die Schließung der Schulen ankündigte, hatte die Leiterin der dänischen Gesundheitsbehörde, Seren Brostrom, sie gewarnt, dass die negativen Folgen die positiven überwiegen würden. Und in Norwegen hatte die Generaldirektorin des Norwegischen Instituts für öffentliche Gesundheit, Camilla Stoltenberg, ihrem Ministerpräsidenten dieselbe Warnung ausgesprochen.” (S. 77)

Die Welt ist verrückt geworden

“Etwas später in jenem Sommer zeigten zwei Forscher der Universität Linköping – Karl Wennberg und Abiel Sebhatu –, dass die in verschiedenen Ländern eingeführten Maßnahmen nur einen schwachen Zusammenhang mit der Zahl der Infektionen, Todesfälle oder verfügbaren Intensivbetten aufwiesen – also mit Faktoren, die in der Epidemiologie als Standardindikatoren gelten. Ein entscheidenderer Faktor war, wie viele Nachbarländer bereits ähnliche Maßnahmen umgesetzt hatten.

„Diffusion“ – so nannte man es in der soziologischen Literatur, wenn sich politische Maßnahmen ohne genauere Analyse ausbreiteten. Es war ein Phänomen, das auftrat, wenn Entscheidungen unter großer Unsicherheit getroffen wurden.” (S. 78f)

Die schwedischen Forscher Abiel Sebhatu und Karl Wennberg wiesen zusammen mit ihren Kollegen nach, dass politische Entscheidungen in Krisenzeiten oft durch „Policy Diffusion“ (Politikdiffusion) und sozialen Konkurrenzdruck getrieben werden, anstatt rein auf harten epidemiologischen Daten zu basieren. Anstatt primär auf die Auslastung der eigenen Intensivbetten oder Infektionszahlen zu blicken, orientierten sich die Regierungen stark an ihren geografischen und kulturellen Nachbarländern. Setzte ein Nachbarstaat restriktive Maßnahmen (wie Lockdowns oder Schulschließungen) um, stieg der politische Druck auf die eigene Regierung rasant an, nachzuziehen. Die Forscher stützten damit die These, dass Entscheidungsträger vor allem verhindern wollten, im Nachhinein der Fahrlässigkeit oder des Zögerns beschuldigt zu werden. Interessanterweise zeigte die Studie, dass demokratische Länder zwar anfangs etwas langsamer reagierten, dafür aber umso sensibler auf den Handlungsdruck durch internationale Vergleiche reagierten.

Den Beweis, dass diese Publikation richtig liegt, findet sich in den letzten Sätzen dieses Videos von Prof. Dr. Krämer von der 13. Sitzung der Enquete-Kommission in Brandenburg: “Dann handel ich natürlich im ersten Moment so, wie es die Nachbarländer auch machen. Aus Gründen der Verantwortung. Also, ich hätte da auch erst mal alles dicht gemacht.”

Das war nur menschlich. Politiker wollten nicht beschuldigt werden, passiv zu sein. Sie wollten Entschlossenheit zeigen. Doch Anders Tegnell war kein Politiker. Er war Epidemiologe, und zwar ein ziemlich unnachgiebiger. Er hatte nicht vor, die bewährten Strategien über Bord zu werfen. Nicht wegen eines Bauchgefühls und nicht wegen Gruppenzwang.” (S. 78f)

Tegnell argumentierte, dass es für die Wirksamkeit von totalen Lockdowns und flächendeckenden Schulschließungen zu Beginn der Pandemie keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz gab. Aus seiner Sicht waren die internationalen Maßnahmen oft politischer Aktionismus, genau jene durch Gruppenzwang getriebene Politikdiffusion, die Wennberg und Sebhatu in ihrer Studie beschrieben.

“Die schwedische Strategie, die nun Gestalt annimmt, konzentriert sich somit in erster Linie darauf, am Plan festzuhalten – an den Daten, den Fakten, der Wissenschaft – und sich nicht in das hineinziehen zu lassen, was Anders Tegnell als Wahnsinn ansah.” (S. 79)

Die schwedische Strategie

“Im Jahr 2009 hatte Anders Tegnell die Impfstoffvereinbarungen bestätigt. Und nun, im März 2020, bestätigte er den Pandemieplan, der erst wenige Monate zuvor, im November 2019, aktualisiert worden war.”

Die Erwähnung des Jahres 2009 ist wichtig, um Tegnells Haltung im Jahr 2020 zu verstehen. Das kommt aber erst in Teil 3 in welchem der Autor auf die bittere Lektion eingeht, die Tegnell damals lernte. Nur soviel vorab: Während der Schweinegrippe-Pandemie (H1N1) im Jahr 2009 hatte Tegnell die Massenimpfung der schwedischen Bevölkerung mit dem Impfstoff Pandemrix aufgrund von Modellierungen vorangetrieben. Diese Massenimpfung führte zu einem medizinischen Trauma in Schweden: Mehrere hundert Kinder und Jugendliche entwickelten die unheilbare Schlafkrankheit (Narkolepsie). Diese traumatische Erfahrung war mit prägend für seine vorsichtige Vorgehensweise in der Corona Plandemie.

Der kurz vor der Pandemie im November 2019 aktualisierte Plan der schwedischen Gesundheitsbehörde unterschied sich in von den Maßnahmen anderer europäischer Staaten in der Plandemi: Er beruhte auf Freiwilligkeit, Langfristigkeit und Verhältnismäßigkeit.

Der Plan ging davon aus, dass restriktive Maßnahmen (wie Lockdowns oder Schulschließungen) nicht über Monate oder Jahre aufrechterhalten werden können, ohne massive kollaterale Schäden für Wirtschaft, Bildung und psychische Gesundheit zu verursachen. Daher setzte Tegnell auf das Vertrauen in die Bevölkerung statt gesetzliche Verbote. Die Bürger wurden gebeten, Abstand zu halten, bei Symptomen zu Hause zu bleiben und von zu Hause aus zu arbeiten, wo immer es möglich war.

Die Aufrechterhaltung des Präsenzunterrichts für Kinder bis zur 9. Klasse war ein Tegnell blieb ganz einfach dem im November 2019 beschlossenen Leitfaden treu.

Der Nationale Pandemieplan (NPP) Deutschlands wurde erstmals 2005 veröffentlicht und zuletzt im März 2017 aktualisiert. Deutschland hatte sogar ein vom RKI 2012 erarbeitetes Szenario „Pandemie durch Virus Modi-SARS“ erarbeitet. Das Szenario passte aber nicht zur Plandemie, laut BR, weil SARS-CoV2 harmloser war.

Demnach hätte man den Influenza Pandemieplan nehmen können.

Als die Krise im März 2020 ausbrach, wurde aber, anders als in Schweden, der bestehende Influenza-Pandemieplan ignoriert. Deutschland entschied sich, im Gegensatz zu Schweden, mit den europäischen Nachbarländern im Gleichschritt zu agieren.

“Nachdem die schwedische Strategie sowohl innerhalb des Gesundheitsamtes als auch in der Regierung diskutiert worden war, wurde sie in 35 Wörtern formuliert und später auf der Website der Regierung veröffentlicht: „Das übergeordnete Ziel der Maßnahmen der Regierung ist es, das Tempo der Ausbreitung des Covid-19-Virus zu verlangsamen: die ‚Kurve abzuflachen‘, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig erkranken.“ […]

Dabei handelte es sich zum einen um den Ansatz, dass Maßnahmen „gegen ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft und die öffentliche Gesundheit im Allgemeinen abgewogen werden sollten“, und zum anderen um Formulierungen darüber, das Tempo zu drosseln und zu vermeiden, dass viele Menschen gleichzeitig erkranken.” (S. 90)

Schweden wollte die Intensivstationen zu keinem Zeitpunkt kollabieren lassen. Doch Anders Tegnell und die Regierung gingen davon aus, dass eine Verlangsamung nicht durch Verbote erzwungen werden musste. Sie vertrauten darauf, dass die Bevölkerung die Kurve durch freiwillige Verhaltensänderungen (Abstand, Homeoffice) ausreichend abflacht, um das Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu schützen.

Analysen von Mobilfunkdaten (unter anderem des Robert Koch-Instituts in Zusammenarbeit mit der Humboldt-Universität Berlin sowie des Statistischen Bundesamtes) zeigten rückblickend, dass bereits ab dem 9. März 2020, fast zwei Wochen vor den offiziellen Ausgangsbeschränkungen, die Mobilität der Deutschen drastisch sank. Der formelle Lockdown am 22. März war juristisch gesehen nur noch der Nachzügler einer Verhaltenswende, die gesellschaftlich ohnehin stattgefunden hatte. Der schwedische Weg wäre somit für Deutschland problemlos möglich gewesen. Während die Bevölkerung flexibel und freiwillig auf die von den Medien vorgegaukelte Bedrohung des Virus reagierte (genau wie es der schwedische Ansatz vorsah), reagierte die Politik primär irrational auf den Handlungsdruck durch Medien und die umliegenden Staaten.

“Auch Schweden führte Beschränkungen ein. Doch man ging dabei umsichtig vor und hielt sich an die festgelegte Strategie. Am 11. März – demselben Tag, an dem auch Schweden Beschränkungen einführte. Doch man ging dabei umsichtig vor und hielt sich an die festgelegte Strategie. Am 11. März – dem Tag, an dem der erste Todesfall im Land verzeichnet wurde, an dem die WHO Covid-19 offiziell zur Pandemie erklärte und an dem größere Versammlungen in Schweden verboten wurden – hob die Regierung eine Regelung im nationalen Krankenversicherungssystem auf, wonach man für den ersten Tag der Krankschreibung keine Bezüge erhielt.

Indem der Staat diesen finanziellen Verlust am 11. März sofort übernahm, fiel die ökonomische Hürde weg daheim zu bleiben. In Deutschland hingegen mussten Arbeitnehmer weiterhin zum Arzt gehen, um eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) zu holen, was die Wartezimmer der Hausärzte im März 2020 massiv überlastete (bevor die telefonische AU verspätet eingeführt wurde).

Einige Tage später wurde Menschen über 70 Jahren geraten, ihre Kontakte zu anderen so weit wie möglich einzuschränken. Am nächsten Tag wurden Gymnasien und Universitäten dazu angehalten, auf Fernunterricht umzustellen. Die Regierung empfahl den Schweden zudem, keine Pflegeheime zu besuchen. Mehrere Gemeinden und Altenpflegeunternehmen gingen noch weiter und führten pauschale Besuchsverbote ein. “ (S. 90f)

Während Länder wie Deutschland im März wahllos Kitas, Grundschulen, Universitäten, Geschäfte und Gastronomie allesamt per Order des Mufti strafbewehrt schließen mussten, trennte Schweden strikt nach Evidenz.

Höhere Schulen (Gymnasien) und Universitäten wurden auf digitales Lernen umgestellt, weil junge Erwachsene mobiler sind, volle Busse nutzen und ein höheres Infektionsgeschehen treiben.

Jüngere Kinder wurden bewusst im Präsenzunterricht gelassen. Damit verhinderte Schweden, dass medizinisches Personal und Pflegekräfte zu Hause bleiben mussten, um ihre Kinder zu betreuen. Zudem wurden schwere psychosoziale Kollaterschäden bei den Jüngsten vermieden.

Menschen über 70 Jahren wurde dringend geraten, Kontakte zu meiden, und Altenheime wurden für Besuche gesperrt. Da die Altenpflege in Schweden stark privatisiert ist und durch viele prekär beschäftigte Stundenlöhner betrieben wird, drang das Virus in der ersten Welle dennoch in die Pflegeheime ein.

“Das Tempo drosseln, aber nicht um jeden Preis.” (S. 91)

Für die schwedischen Behörden war das Virus ein Lebensrisiko unter vielen. Das Ziel war von Anfang an, die Ausbreitung so weit zu verlangsamen (Das Tempo drosseln), dass das Gesundheitssystem Schritt halten konnte. Es gab dabei jedoch eine klare rote Linie: Die Maßnahmen durften die Grundpfeiler einer freien, gesunden Gesellschaft nicht zerstören.

Ein Lockdown um jeden Preis (aber nicht um jeden Preis) wurde abgelehnt, weil die dadurch verursachten Schäden in der Gesamtrechnung der Volksgesundheit als schwerwiegender eingeschätzt wurden als die temporäre Eindämmung des Virus.

In Deutschland (und Ländern wie Frankreich oder Italien) verschob sich das Ziel im März 2020 hin zu einem „Koste es, was es wolle“-Ansatz. Die Vermeidung von COVID-19-Infektionen wurden politisch zum übergeordneten Ziel erhoben, dem sich alle anderen gesellschaftlichen Belange unterzuordnen hatten. Sätze wie „Jeder Tote ist einer zu viel“ dominierten die moralisierende und politische Debatte. Das führte dazu, dass eine rationale Abwägung von Kosten und Nutzen der Maßnahmen praktisch unmöglich wurde ohne gecancelt und als „Menschenfeind“ diffamiert zu werden.

“Die Untersuchung lieferte keine Belege für die These, dass ein gesellschaftlicher Lockdown eine bessere Maßnahme wäre als die, die Schweden bereits ergriffen hatte.” (S. 91)

Mittlerweile muss man sagen, die Untersuchungen, so sie denn gemacht wurden, haben bisher nur gezeigt, dass Lockdowns nutzlos und kontraproduktiv waren und nur Schaden angerichtet haben.

Es gibt keine einzige Studie, die rein auf realen Messungen (empirischen Daten) basiert und nachweisen konnte, dass gesellschaftliche Lockdowns die Sterblichkeit im Vergleich zu rein freiwilligen Maßnahmen gesenkt haben. Wer behauptet, Lockdowns hätten nachweislich Millionen Menschenleben gerettet, bezieht sich unweigerlich auf fiktive Kontroll-Szenarien aus dem Computer.

Ein bisschen Schmutz ist gut für dich

„Ein Argument spricht dafür, die Schulen offen zu halten, um schneller eine Herdenimmunität zu erreichen.“ […] Mika Salminen erklärte, dass seine Modellierer berechnet hätten, dass jeder zehnte Erkrankungsfall bei älteren Menschen vermieden werden könnte, wenn die Schulen offen blieben.“ (S. 97)

Der E-Mail Austausch ist von der NY Post belegt.

Finnland schloss die Schulen basierend auf Modellen, Schweden hielt sie offen – teilweise basierend auf der Hoffnung anderer Modelle. Am Ende zeigte die reale Messung, dass die Schulschließungen epidemiologisch für den Schutz der Alten irrelevant waren, in Ländern wie Deutschland aber verheerende soziale und psychische Schäden bei den Kindern hinterließen.

Wer mathematische Modellierungen beiseitelässt und sich ausschließlich an den realen, harten Messdaten orientiert, erkennt, dass Tegnell vollumfänglich richtig lag.

Messungen und reale Daten zeigen, dass das Infektionsgeschehen unter Kindern in Schweden (Schulen offen) und Finnland (Schulen geschlossen) nahezu identisch war. Kinder trieben die Pandemie biologisch überhaupt nicht so an wie bei einer normalen Grippewelle.

Trotz des unbeschränkten Schulbetriebs mussten von fast 2 Millionen Kindern nur 15 Kinder wegen COVID-19 auf einer Intensivstation behandelt werden (kein einziges Kind verstarb). Auch das gemessene Risiko für Lehrer lag exakt im Durchschnitt der übrigen Berufsgruppen.

Ein Tsunami einer relativ harmlosen Krankheit

Doch Johan Giesecke sah die Situation anders. Wenn sich das Virus so schnell ausbreitete, bedeutete das, dass die Pandemie bald vorbei sein würde. Es bedeutete auch, dass sich die von all diesen anderen Ländern eingeführten Beschränkungen als nutzlos erweisen würden. (S. 98)

Das habe ich damals auch gesagt. Das lernt man in einer der ersten Stunden der Vorlesung “Einführung in die Virologie”. Tödliche Viren sind selbst beschränkend. Harmlose Viren verbreiten sich. Je harmloser, desto schneller verbreiten sich die Viren.

Das ist biologisch auch einfach zu erklären.

Gefährliche, tödliche Viren, töten ihre Wirtszellen und haben daher weniger Nachkommen als harmlose Viren. Wer mehr Nachkommen hat, verbreitet sich schneller und mehr. Daher werden Viren, wenn man sie in Ruhe lässt und keinen evolutionären Druck auf sie ausübt, von Generation zu Generation harmloser. Die höchste Evolutionsstufe eines Virus sind jene, die man als Kind als Dreitagesfieber bekommt und die dann bis zum Lebensende ihres Wirtes still und leise im Körper wohnen. Diese evolutionäre Strategie ist für das Virus perfekt, denn es wäre schön blöd seine biologische „Heimat“ (den Menschen) zu schädigen. Es nutzt ihn lieber als als dauerhaften, sicheren Lebensraum, um ihn sich evolutiv über Jahrtausende zu erhalten. Zu diesen Dauergästen gehören Viren, deren Namen kaum einer jemals gehört hat, eben weil sie lebenslange Mitbewohner sind, die nicht stören und sich gesittet verhalten: Polyomaviren (Stille Bewohner der Niere), Anelloviren (Sie zirkulieren permanent im Blut und in fast allen Gewebe und lösten gar keine Krankheit aus), Retroviren (dauerhaft im Genom integriert), …

“Er (Johan Giesecke) sagte, dass sich mehrere Länder weltweit derzeit in eine Sackgasse manövrierten. Wenn sie wegen eines Virus, das sofort nach Lockerung der Beschränkungen wieder zurückkehren würde, alles schließen würden – wann könnten sie dann wieder öffnen? Welches Ausmaß an Ansteckungen müssten sie in Kauf nehmen? Würden sie die Schulschließungen und die eingeschränkte Mobilität aufrechterhalten, bis es einen Impfstoff gäbe? Wie lange würde das dauern?

Die einzige Möglichkeit, dieses Problem zu lösen, bestehe darin, das Virus in kontrolliertem Umfang sich ausbreiten zu lassen, bis es keinen Ausweg mehr habe.” (S.

Giesecke erkannte als einer der ganz wenigen Public-Health-Experten das logische Paradoxon der Verbotsstrategie. Wer eine Gesellschaft zusperrt, löst das Problem nicht, er verschiebt es nur und manövriert sich in eine die Geiselhaft des eigenen Aktionismus. Giesecke hatte damit natürlich recht. Die Lockdowns waren eine Einbahnstraße, an deren Ende die Politik panisch nach Wendemöglichkeiten suchen musste, während Schweden stur, aber umsichtig auf der Hauptstraße der epidemiologischen Vernunft blieb.

Aus Gieseckes präzisen Fragen im Zitat leiteten sich in den Folgejahren die realen, gemessenen Entwicklungen in Europa ab.

„Wann könnten sie dann wieder öffnen?“ trifft den wundesten Punkt der europäischen Politik. Im November 2020 verhängte die deutsche Politik einen „Lockdown light“ für wenige Wochen, um angeblich „Weihnachten zu retten“.

Da das Virus nach jeder Lockerung – exakt wie von Giesecke vorhergesagt – sofort mit biologischer Gesetzmäßigkeit zurückkehrte, steckte die Politik in der Falle. Aus dem kurzen Lockdown wurde ein monatelanger Dauerlockdown bis in das Frühjahr 2021 hinein. Wer einmal die Prämisse akzeptiert hatte, dass man das Virus durch Einsperren kontrollieren müsse, kam aus der Nummer politisch nicht mehr heraus, ohne das eigene Versagen einzugestehen.

„Würden sie die Schulschließungen und die eingeschränkte Mobilität aufrechterhalten, bis es einen Impfstoff gäbe?“

Diese Frage kann erklären, warum der nutzlose Impfstoff in den Ländern, die Lockdowns genutzt hatten, dermaßen gepusht wurde. Da man keine natürliche Immunität in kontrolliertem Umfang zulassen wollte, blieb als einziger politischer Ausweg das Prinzip Hoffnung auf die Vakzine, denn man konnte auch nicht mehr zugeben, dass es Behandlungsmöglichkeiten gegeben hätte, weil man sonst hätte zugeben müssen, dass alle Maßnahmen bis zu diesem Zeitpunkt unwissenschaftlicher Schwachsinn gewesen war.

Das nennt man politische Logik einer Eskalation der Verpflichtung (Escalation of Commitment).

Eskalation der Verpflichtung (auch Sunk-Cost-Fallacy / Trugschluss der versunkenen Kosten) bezeichnet ein psychologisches und soziologisches Phänomen, bei dem Personen oder politische Entscheider an einer offensichtlich gescheiterten oder fehlerhaften Strategie festhalten und sogar noch weitere Ressourcen (Geld, Zeit, Glaubwürdigkeit) in sie investieren, anstatt den Kurs zu korrigieren.

Der Begriff wurde 1976 von Barry M. Staw geprägt.

Das Phänomen läuft typischerweise nach einem festen psychologischen und systemischen Muster ab:

Die Kernmechanismen der Eskalation

  1. Rechtfertigungsdruck (Self-Justification): Wenn eine erste Entscheidung (z. B. ein harter Lockdown) zu massiven Kosten oder Schäden geführt hat, fällt es menschlich und politisch extrem schwer, Fehlbarkeit einzugestehen. Um das eigene Gesicht und das Selbstwertgefühl zu wahren, wird das Narrativ aufgebaut, dass die bisherigen Opfer „nicht umsonst“ gewesen sein dürfen.

  2. Die Illusion der „Alternativlosigkeit“: Statt rational zu erkennen, dass die eingeschlagene Richtung falsch ist, neigen Entscheider dazu, die Dosis der fehlgeschlagenen Maßnahme zu erhöhen. Das psychologische Credo lautet dann: „Es hat noch nicht funktioniert, weil wir noch nicht konsequent genug waren.“ (Beispiel: Auf einen gescheiterten Lockdown folgt die Forderung nach einem noch härteren Lockdown).

  3. Verzerrte Informationsaufnahme (Confirmation Bias): Daten, die das Scheitern der eigenen Politik belegen (wie z. B. die positiven Messdaten aus Schweden im Jahr 2020), werden aktiv ignoriert, diskreditiert oder umgedeutet. Gleichzeitig wird nach jedem Strohhalm gesucht, der die eigene Strategie stützt.

Berühmte historische Beispiele

Das Phänomen findet sich in der Geschichte immer wieder, wenn Systeme sich in eine argumentative Sackgasse manövriert haben:

  • Der Vietnamkrieg: Die US-Regierung erkannte früh, dass der Krieg militärisch kaum zu gewinnen war. Dennoch wurden über Jahre hinweg immer mehr Truppen entsandt, weil ein Rückzug das Eingeständnis bedeutet hätte, dass die tausenden bereits gefallenen Soldaten „umsonst“ gestorben waren.

  • Das Großprojekt „Concorde“: Obwohl das Überschall-Passagierflugzeug wirtschaftlich von Anfang an ein absehbares Verlustgeschäft war, pumpten die britische und französische Regierung jahrzehntelang weitere Millionen in das Projekt, schlicht, weil man bereits zu viel Geld investiert hatte, um noch auszusteigen (Concorde-Effekt).

Wer sich im März 2020 durch harte Maßnahmen in eine Sackgasse manövriert hatte, schuf eine unumkehrbare Argumentationskette, die in der Folgezeit die gesamte Dynamik bestimmte.

1. Das psychologische und politische Rechtfertigungsdilemma

In dem Moment, in dem eine Regierung Grundrechte außer Kraft setzt, Schulen schließt und die Wirtschaft beschädigt, bürdet sie sich eine gigantische moralische und politische Schuld auf. Eine Rückkehr zur Rationalität oder das Eingeständnis, dass freiwillige Maßnahmen ausgereicht hätten (wie Schweden bewies), war politisch unmöglich. Es hätte bedeutet zuzugeben, dass die enormen gesellschaftlichen und psychologischen Schäden der Vormonate unbegründet herbeigeführt wurden. Die Politik musste den Weg der maximalen Kontrolle weitergehen, um die vorangegangenen Schritte im Nachhinein als alternativlos darzustellen.

2. Der Impfstoff als alternativloser „Exit-Mythos“

Da eine kontrollierte natürliche Immunität politisch zum Tabu erklärt worden war, verblieb der Impfstoff als der einzig denkbare Retter auf dem Papier.

  • Die Verengung der Strategie: Die Vakzine wurden in der politischen Kommunikation nicht mehr als ein medizinisches Werkzeug unter vielen (wie der Schutz von Risikogruppen) dargestellt, sondern als der heilige Gral, der allein die Freiheit zurückbringen könne.

  • Das Ignorieren von Realitäten: Dieser enorme Druck erklärt, warum die Impfkampagnen in Ländern mit harter Lockdown-Historie mit einem beispiellosen moralischen und teils gesetzlichen Druck (wie der einrichtungsbezogenen Impfpflicht oder Debatten über allgemeine Impfpflichten in Deutschland und Österreich) vorangetrieben wurden. Als die realen Messdaten im Jahr 2021 zeigten, dass die Impfstoffe die Transmission (Weiterverbreitung) des Virus nicht dauerhaft stoppen konnten und eine sterile Herdenimmunität damit unmöglich war, kollabierte diese Exit-Strategie epidemiologisch. Die Politik hielt dennoch an dem Narrativ fest, um das gesamte Kartenhaus nicht zum Einsturz zu bringen.

3. Das Verschweigen und Verdrängen von Behandlungsalternativen

Nach den regulatorischen Regeln der Arzneimittelbehörden (wie der FDA oder EMA) darf eine Notfallzulassung für einen Impfstoff oder ein völlig neues Medikament oft nur dann erteilt werden, wenn keine etablierten, wirksamen therapeutischen Alternativen existieren. Hätte die offizielle Politik im Jahr 2020 eingeräumt, dass es bereits wirksame, kostengünstige oder repurposed (zweckentfremdete) Medikamente zur frühzeitigen Behandlung oder Prophylaxe gab, wäre die juristische und logische Basis für die Notfallzulassungen der neuartigen mRNA-Vakzine ins Wanken geraten. Zudem hätte die Anerkennung einer erfolgreichen Frühbehandlung das gesamte Fundament der Lockdowns pulverisiert: Wenn man die Krankheit im Frühstadium effektiv behandeln kann, gibt es keinen Grund mehr, gesunde Menschen einzusperren und Schulen zu schließen.

Giesecke hatte diese systemische Falle bereits im März 2020 durchschaut. Die Lockdowns machten die Politik von einer technokratischen Lösung (dem Impfstoff) abhängig. Die darauffolgende, aggressive Vermarktung der Vakzine und das systematische Ausblenden alternativer Wege waren die logische Konsequenz einer Politik, die sich selbst den Weg zurück zur evidenzbasierten Verhältnismäßigkeit versperrt hatte.

„…das Virus in kontrolliertem Umfang sich ausbreiten zu lassen…“ war kein zynisches „Durchseuchenlassen“, sondern die Anerkennung der biologischen Realität. Man musste die Risikogruppen gezielt schützen und der fitten Restbevölkerung erlauben, Immunität aufzubauen, während das gesellschaftliche Leben intakt blieb.

Das könnte auch erklären, warum man bereits im April 2020 den Immunitätsstatus in Deutschland gar nicht erfassen wollte. Es gab nach dem ersten Lockdown politisch gesichtswahrend nur noch die Option “Impfung” um jeden Preis.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wollte im Mai 2020 per Gesetz einen offiziellen Corona-Immunitätsausweis einführen. Wer nachweislich (per Antikörpertest) immun war, sollte von Beschränkungen befreit werden.

Dieser Vorstoß wurde innerhalb weniger Tage politisch komplett zerrissen. Die SPD (u. a. Saskia Esken und Karl Lauterbach) sowie die Ethikratsvorsitzende Alena Buyx liefen dagegen Sturm.

Offiziell wurde behauptet, ein solcher Ausweis sei „unethisch“, da er zu einer Zweiklassengesellschaft führe oder Menschen dazu verleiten könnte, sich absichtlich anzustecken. Ein Jahr später, als der digitale COVID-Zertifikats-Pass („Grüner Pass“) für Geimpfte eingeführt wurde, spielte dieses ethische Argument der „Zweiklassengesellschaft“ politisch plötzlich keine Rolle mehr.

Hätte Deutschland im April/Mai 2020 flächendeckende, repräsentative Antikörper-Studien (Seroprävalenzstudien) in der breiten Bevölkerung durchgeführt, hätte dies mit hoher Wahrscheinlichkeit zwei messbare Ergebnisse geliefert, die die Escalation of Commitment blockiert hätten:

  • Entzauberung der Inzidenz: Die Tests hätten das wahre Ausmaß der Dunkelziffer offengelegt. Man hätte schwarz auf weiß gemessen, dass sich bereits Millionen Menschen symptomlos oder mild infiziert hatten.

  • Einbruch der mathematischen Letalität: Mehr Infizierte bei gleichbleibenden Todeszahlen hätten die mathematische Infektionssterblichkeit (IFR) drastisch nach unten gedrückt – hinein in den Bereich einer schweren Influenzawelle.

Für eine Politik, die den ersten brachialen Lockdown gerade mit der drohenden Apokalypse und astronomischen Modellrechnungen begründet hatte, wären diese realen Messdaten der absolute Super-GAU gewesen. Man hätte zugeben müssen, dass das Virus bereits weit verbreitet und für die breite Bevölkerung weit weniger tödlich war als behauptet.

Um das Gesicht zu wahren, durfte es für die Rückkehr zur Normalität nur einen einzigen, staatlich kontrollierten Hebel geben: die Impfung.

Daher wurde eine natürliche Immunität durch Genesung bürokratisch maximal entwertet (z. B. durch die spätere willkürliche Verkürzung des Genesenenstatus von sechs auf drei Monate über Nacht durch das RKI).

Die Escalation of Commitment zwang das System dazu, das Narrativ der „Alternativlosigkeit“ aufrechtzuerhalten.

Jede Anerkennung einer breiten, natürlich erworbenen Immunität oder funktionierender Frühbehandlungen hätte den harten Kurs des Frühjahrs im Nachhinein als unüberlegt und unwissenschaftlich entlarvt. Der Impfstoff wurde somit zum politischen Schutzschild für die zuvor getroffenen Entscheidungen.

Während Schweden die natürliche Immunität als biologische Realität unaufgeregt mitrechnete, verklärte der Rest Europas sie zu einer politischen Gefahr, um die eigene Lockdown-Logik zu schützen.

Für die historische Aufarbeitung der Corona-Pandemie bedeutet diese soziologische und psychologische Sackgasse eine fundamentale Blockade. Wenn politische Systeme unter dem Einfluss der Escalation of Commitment (Eskalation der Verpflichtung) agiert haben, kann eine echte, ehrliche Aufarbeitung nicht von denselben Akteuren oder Institutionen geleistet werden, die damals die Entscheidungen getroffen haben.

Da das Eingeständnis, dass drakonische Lockdowns epidemiologisch nutzlos und massiv schädlich waren, eine politische Bankrotterklärung wäre, lässt sich in der Aufarbeitung ein unbewusstes (und teils bewusstes) Umdeuten der Geschichte beobachten:

Es wird heute oft behauptet, man habe „damals nicht mehr gewusst“ oder „im Nebel auf Sicht gefahren“. Wie Johan Anderbergs Buch „Flocken“ und die freigeklagten RKI-Protokolle jedoch belegen, lag die Evidenz (die schwedischen Realdaten, der Nationaler Pandemieplan, die Erkenntnis über die freiwillige Verhaltensänderung) im Frühjahr 2020 sehr wohl auf dem Tisch. Es wurde aktiv entschieden, sie zu ignorieren.

Um das System als Ganzes zu schützen, ohne Fehler zuzugeben, werden im Nachhinein oft einzelne Sündenböcke (wie bestimmte Minister oder Berater) ausgetauscht oder ziehen sich ins Private zurück. Das System selbst deklariert die Krise als „bewältigt“, um keine strukturellen Lehren ziehen zu müssen.

Die historische Aufarbeitung in Deutschland hat durch die RKI-Protokolle eine völlig neue Stufe erreicht. Diese Dokumente sind für Historiker deshalb so wertvoll, weil sie die Messungen und internen Warnungen der Wissenschaftler dokumentieren, bevor sie durch den politischen Filter der Escalation of Commitment zensiert wurden:

Aus den Protokollen geht hervor, dass das RKI intern die Schließung von Schulen, die Sinnhaftigkeit von FFP2-Masken im Alltag oder die harten Lockdowns fachlich oft extrem skeptisch sah, die Politik diese Bedenken aber überstimmte, um das einmal gewählte Narrativ der maximalen Härte nicht zu gefährden.

Da die Politik den Impfstoff als einzigen Exit-Mythos definiert hatte, wurde jeder Wissenschaftler, der auf natürliche Immunität oder Kollaterschäden hinwies, medial und politisch delegitimiert.

Auch die Gerichte (bis hin zum Bundesverfassungsgericht) steckten in der Sackgasse. Sie bestätigten die Lockdowns und Schulschließungen meist mit dem Verweis auf die „Einschätzungsprärogative“ der Politik und die Prognosemodelle des Computers. Die Justiz hat es in weiten Teilen versäumt, eine Beweisaufnahme zu machen und die Politik zur Vorlage von echten Messungen und Evidenz zu zwingen. Eine historische Aufarbeitung muss dieses Versagen der Kontrollinstanzen offenlegen.

Das schwedische Modell unter Anders Tegnell und Johan Giesecke ist für die historische Aufarbeitung der Lockdown-Länder der größte anzunehmende Störfaktor.

Solange ein Land existiert, das bei offenen Schulen, offenen Geschäften und ohne Zwang am Ende eine der niedrigsten Übersterblichkeiten Europas aufweist, bricht das Argument der „Alternativlosigkeit“ in Deutschland, Frankreich oder Italien in sich zusammen.

Für die Geschichtsschreibung bedeutet dies: Man kann die deutsche Pandemiepolitik nicht isoliert betrachten. Jede ehrliche historische Analyse muss Schweden als Kontrollgruppe nutzen. Tut sie das nicht, betreibt sie keine Wissenschaft, sondern nachträgliche Hofberichterstattung.

Und genau diese vergleichende Aufarbeitung ist Ziel dieser siebenteiligen Reihe.

Die dritte Möglichkeit

„Sollen wir zulassen, dass Politik und Angst“, fragte er, „die Oberhand über das Wissen und die Erfahrung der Beamten gewinnen, die sich seit Jahrzehnten mit der Bekämpfung von Infektionskrankheiten und Ausbrüchen befassen?“ (S. 104)

In Ländern wie Deutschland war die Reaktion auf das Virus kein epidemiologisch geplanter Akt, sondern eine Entmachtung der klassischen Public-Health-Strukturen.

Anstatt den etablierten Strukturen des RKI oder den Gesundheitsämtern vor Ort das operative Kommando zu überlassen, gründete die Politik ad hoc informelle Runden (wie die berüchtigten Ministerpräsidentenkonferenzen mit dem Kanzleramt).

Das über Jahrzehnte in den Pandemieplänen verankerte Wissen über Verhältnismäßigkeit, den Schutz von Risikogruppen und die Sinnlosigkeit von Grenzschließungen oder Lockdowns bei respiratorischen Viren wurde von Politikern, die unter dem öffentlichen Druck durch Umfragewerte und Medienberichte standen, komplett ignoriert.

Die Angst war kein zufälliges Nebenprodukt der Pandemie, sondern wurde politisch als Instrument genutzt, um die Escalation of Commitment gesellschaftlich abzusichern.

Das berühmte, im März 2020 geleakte „Corona-Strategiepapier“ des Bundesinnenministeriums (BMI) forderte explizit, eine „Schockwirkung“ in der Bevölkerung zu erzielen. Genau an diesem Punkt siegte die Angst über das jahrzehntealte Wissen. Beamte und Mediziner, die nüchtern auf die realen Daten zur Infektionssterblichkeit (IFR) hinwiesen oder warnten, wurden politisch kaltgestellt.

In Schweden dürfen Minister den nachgeordneten Fachbehörden (wie der Folkhälsomyndigheten) keine direkten operativen Weisungen erteilen. Die Behörden agieren weitgehend unabhängig. Anders Tegnell und Johan Giesecke hatten dadurch das verfassungsrechtliche Schild, um genau das zu tun, was in der Frage gefordert wurde, sie ließen sich von der europaweiten Panikwelle und dem politischen Herdenverhalten nicht anstecken. Sie vertrauten auf ihr Wissen und ihre Erfahrung, während die deutsche Politik ihre eigenen Beamten im RKI dazu drängte, Risikobewertungen aus rein politischen Gründen hochzustufen.

Die Frage ist im Rückblick keine theoretische Überlegung mehr, sondern die Diagnose eines Systemversagens. Überall dort, wo Angst und politischer Aktionismus die Oberhand gewannen, wurden Demokratien beschädigt, Kinder traumatisiert und Milliarden an Steuergeldern für nutzlose Maßnahmen verbrannt. Schweden bleibt das historische Mahnmal dafür, was passiert wäre, wenn man die kühle Erfahrung der Fachbeamten einfach ihre Arbeit hätte machen lassen.

Fazit Teil 2

Der zentrale Erfolgsfaktor der schwedischen Strategie war das verfassungsrechtliche Verbot von “Ministerstyre” (Ministerregierung). Im Gegensatz zu Deutschland, wo das Robert Koch-Institut (RKI) eine weisungsgebundene Oberbehörde ist, sind schwedische Behörden wie die Folkhälsomyndigheten völlig unabhängig von der Zentralregierung. Weder das Parlament noch Minister durften dem Staatsepidemiologen Anders Tegnell direkte fachliche Weisungen erteilen. Dies gab den Fachbeamten das nötige verfassungsrechtliche Schild, um die bewährte Pandemiestrategie stoisch und ohne politischen oder medialen Druck durchzusetzen.

Das schwedische Parlament verteidigte zudem seine Kontrollrechte gegen exekutive Sonderrechte erfolgreich, wohingegen der deutsche Bundestag im März 2020 proaktiv Macht an die Exekutive abgab.

Während viele europäische Staaten unter medialem Druck und durch unreflektierte Politikdiffusion (Policy Diffusion) die harten Maßnahmen ihrer Nachbarn kopierten, hielt der schwedische Staatsepidemiologe Anders Tegnell strikt am nationalen Pandemieplan fest, da Daten über eine hohe symptomlose Dunkelziffer den schwedischen Experten sehr früh zeigten, dass eine dauerhafte Eindämmung eines so leicht übertragbaren Virus unmöglich war und Lockdowns das Problem nur zeitlich verschieben würden.

Länder mit restriktiven Maßnahmen gerieten stattdessen in eine systemische „Eskalation der Verpflichtung“ (Escalation of Commitment), bei der sie die immensen gesellschaftlichen Schäden ihrer Politik rechtfertigen mussten, indem sie den Impfstoff als einzigen Ausweg stilisierten und Behandlungsalternativen sowie die natürliche Immunität gezielt abwerteten.

Die schwedische Corona-Kommission kritisierte zwar 2022 Versäumnisse beim Schutz der Altenpflegeheime, bestätigte aber das Offenhalten der Schulen und wies im europäischen Vergleich eine der niedrigsten Übersterblichkeitsraten aus.

Schweden dient somit heute als die entscheidende wissenschaftliche Kontrollgruppe, die das Argument der Alternativlosigkeit von Lockdowns empirisch widerlegt.

Unterstützungsmöglichkeiten:

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Andere Unterstützungsmöglichkeiten für Holgers und meine Forschung:

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