In Russland wird der Grund für den Stopp des Transits von kasachischem Öl durch die Druschba-Pipeline genannt
Ich habe bereits darüber berichtet, dass Russland den Transit von kasachischem Öl durch die Druschba-Pipeline zum 1. Mai einstellt. In meinem Artikel habe ich über die Gründe spekuliert. Nun hat ein russischer Energieexperte meine Vermutungen in einem Artikel für die TASS bestätigt, den ich zur Information übersetze.
Beginn der Übersetzung:
Was ist der Grund für den Stopp des Transits von kasachischem Öl durch die Druschba-Pipeline?
Igor Juschkow, Experte der Finanzuniversität und des Nationalen Energiesicherheitsfonds, darüber, welche Ereignisse zum Stopp geführte haben, und das Signal, das Russland damit an die westlichen Länder sendet.
Die Ereigniskette
Seit dem 1. Mai ist der Transit von kasachischem Öl über die Druschba-Pipeline durch Russland nach Deutschland eingestellt. Die Information über den Stopp des Transits auf dieser Route erschien am 21. April 2026 in einem Reuters-Artikel. Sie wurde später vom russischen Vizepremier Alexander Nowak und dem Transneft-Chef Nikolaj Tokarew bestätigt. Als Grund wurde „technische Machbarkeit“ genannt. Tokarew merkte an, dass er in naher Zukunft keine Möglichkeit sehe, den Transit von Öl aus Kasachstan zu deutschen Raffinerien über die Druschba-Pipeline wieder aufzunehmen. Er betonte, dass die transportierten Mengen gering seien und daher auf andere Routen umgeleitet werden könnten.
Kasachstan exportiert sein Öl seit vielen Jahren über Russland. Dieser Transit lässt sich grob in zwei Teile unterteilen. Der erste Transportweg führt über die Pipeline des Caspian Pipeline Consortium (CPC), die über ein eigenes Exportverladeterminal in der Nähe von Noworossijsk verfügt. Das CPC exportiert den Großteil der kasachischen Ölproduktion. Im Jahr 2024 wurden über die Pipeline aus den kasachischen Ölfeldern Tengiz 26,8 Millionen Tonnen, Karachaganak 9,8 Millionen Tonne und Kaschagan 17,2 Millionen Tonnen (insgesamt 53,8 Millionen Tonnen) transportiert. Im Jahr 2025 lieferten diese Felder 62,8 Millionen Tonnen an das CPC.
Der zweite Teil des Transits erfolgt über die Ölpipeline Uzen-Atyrau-Samara. Während die Pipeline im Falle des CPC einem Konsortium westlicher Unternehmen gehört, wird das Öl aus Kasachstan im zweiten Fall in das Pipelinesystem von Transneft eingespeist. Die durch die Atyrau-Samara-Pipeline transportierte Menge an Öl ist mit etwa 10 bis 15 Millionen Tonnen deutlich geringer als das die des CPC. Kasachstan nutzt diese Route seit vielen Jahren. Üblicherweise lassen kasachische Ölproduzenten ihr Öl zu Häfen in der Leningrader Region (Primorsk, Ust-Luga) oder zu Schwarzmeerhäfen (vorwiegend Noworossijsk) transportieren.
Seit Februar 2023 wird kasachisches Öl auch durch die Druschba-Pipeline nach Deutschland gepumpt. Das geschah, nachdem Berlin Anfang 2023 ein nationales Verbot für Importe von russischem Öl über Pipelines verhängt hatte. Die europäischen Sanktionen (das sechste Paket der antirussischen Maßnahmen der EU) verbieten lediglich den Import von Öl aus Russland auf dem Seeweg. 2023 hat Kasachstan über die Druschba-Pipeline 993.000 Tonnen Öl via Russland nach Deutschland geliefert (geplant waren 1,2 Millionen Tonnen), 2024 ebenfalls 1,2 Millionen Tonnen und 2025 2,146 Millionen Tonnen. Für 2026 war eine Liefermenge von 3 Millionen Tonnen geplant.
Der wirtschaftliche Aspekt
Der wichtigste Aspekt der Stilllegung der Druschba-Pipeline ist, dass Russland den Transit von Öl aus Kasachstan nicht generell einstellt. Es stoppt lediglich den Transport über eine bestimmte Route. Daher sollte die Aussetzung der Lieferungen nach Deutschland nicht als unfreundlicher Schritt gegenüber Kasachstan verstanden werden. Über die Transneft-Pipelines wurde deutlich mehr kasachisches Öl zu russischen Häfen transportiert als über die Druschba-Pipeline. Das lag nicht daran, dass Russland eine höhere Auslastung der Pipeline nicht zugelassen hätte, sondern daran, dass der deutsche Markt für kasachisches Öl nie Priorität hatte. Die kasachischen Ölförderunternehmen verfügen über einen etablierten Kundenstamm, der seit Jahren Öl per Tanker bezieht. Seit 2023 hat kein Unternehmen diesen Kundenstamm aufgrund wirtschaftlicher Unrentabilität aufgegeben.
Die Version, Russland wolle die Ölexporte aus Kasachstan einschränken, um die Verknappung auf dem Weltmarkt zu verschärfen, ist ebenfalls unbegründet. Im Gegenteil, es ist für uns von Vorteil, wenn noch mehr kasachisches Öl durch Russland geht, jedoch nicht über die Druschba-Pipeline, sondern über Häfen.
Der Stopp des Transits von kasachischem Öl durch die Pipeline nach Deutschland sollte als informelles Signal an Europa verstanden werden. Alexander Nowak kommentierte, dass der Stopp des Transits durch die Druschba-Pipeline nach Deutschland mit den anhaltenden Angriffen der Ukraine auf die russische Ölinfrastruktur zusammenhänge. Russland sei zudem besorgt über die Versuche, seine Exportterminals in der Ostsee und im Schwarzen Meer zu beschädigen. Sollte Russland Exportschwierigkeiten haben, würde dies die Fördermengen negativ beeinflussen. Ein Rückgang der Ölförderung würde wiederum die Einnahmen des Staates aus Öl und Gas verringern. Dieses Problem ist aktuell besonders dringlich.
Wegen der Sperrung der Straße von Hormus durch den Iran für Ölexporte aus dem Persischen Golf und den USA für iranisches Öl sind die Ölpreise stark gestiegen. Der Durchschnittspreis für russisches Urals-Rohöl lag im März bei 77 US-Dollar pro Barrel. Dieser Wert dient als Grundlage für die Berechnung der Mineralgewinnungssteuer auf Öl, die im April erhoben wurde. Der Durchschnittspreis für April (den das russische Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung noch nicht offiziell bekannt gegeben hat) wird zur Berechnung der Höhe der Steuer im Mai herangezogen. Die Mineralgewinnungssteuer wird jedoch auf Basis der geförderten Ölmenge erhoben, daher reicht ein hoher Preis allein nicht aus, es muss deutlich mehr gefördert werden, um die Steuer einzuziehen.
Indem Russland kasachisches Öl über Häfen exportiert, sendet es ein Signal an die Europäer: Wer Öl aus Kasachstan beziehen will (das Land hat sich in den letzten Jahren zu einem der größten Lieferanten der EU entwickelt), muss die Ukraine daran hindern, unsere Exportterminals anzugreifen. Ob die Europäer Druck auf Kiew ausüben können, ist deren Problem. Zumindest verfügen sie über alle Mittel dazu: Die Ukraine ist vollständig von ausländischer Finanzierung und Waffenlieferungen abhängig, vor allem von der EU und weniger von den USA.
Deutschland, das sich in letzter Zeit zum führenden Öl-„Falken“ Europas entwickelt hat, ist in der aktuellen Situation besonders verwundbar. Die Lieferungen über die Druschba-Pipeline waren für Deutschland profitabel. Deutsche Raffinerien erhielten das Öl, für das sie ursprünglich ausgelegt waren (faktisch wird Uralöl geliefert, auch wenn es offiziell einen anderen Namen trägt), und die Logistikkosten waren niedriger. Berlin kann nun zwar die gleiche Menge kasachischen Öls kaufen, muss aber aufgrund der komplexeren Lieferwege mehr bezahlen. Das Öl muss entweder per Tanker in einem deutschen Hafen geliefert und zu einer Raffinerie gepumpt oder von Danzig, Polen, über die Druschba-Pipeline nach Süden und anschließend wie üblich zu Raffinerien transportiert werden.
Angesichts der ohnehin bestehenden globalen Energiekrise, in der die Ölpreise bereits konstant über 100 US-Dollar pro Barrel liegen, belasten zusätzliche Aufschläge die deutsche und die gesamte europäische Wirtschaft erheblich. Doch diese Entwicklung haben sie selbst herbeigeführt: Die Verhängung von Sanktionen, die den Import russischer Energieträger verbieten, und die Unterstützung ukrainischer Angriffe auf unsere Energieanlagen – all dies führt zu einer sich verschärfenden Verknappung und zu Preissteigerungen auf dem europäischen Markt, die sogar höher ausfallen als in Asien, wo es zumindest kein anti-russisches Energieembargo gibt. Das führt letztlich dazu, dass Europa auf dem Weltmarkt an Wettbewerbsfähigkeit verliert.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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