Historiker im Clinch: Wie viel Europa verträgt die Schweiz?

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Die Debatte über die künftigen Verträge zwischen der Schweiz und der EU erhält prominente historische Tiefenschärfe: In der Neue Zürcher Zeitung (NZZ) diskutieren die Historiker André Holenstein und Oliver Zimmer in einem luziden Streitgespräch über Chancen und Risiken einer engeren institutionellen Anbindung an Brüssel. Das Gespräch zeigt, wie unterschiedlich sich die Schweizer Vergangenheit lesen lässt – und welche politischen Schlüsse daraus gezogen werden (siehe auch hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier).

Holenstein, langjähriger Professor für ältere Schweizer Geschichte in Bern, versteht die neuen Verträge als konsequente Fortsetzung einer langen Tradition. Die Schweiz habe sich historisch stets in größere Ordnungen eingefügt – vom Heiligen Römischen Reich bis zum modernen Bundesstaat. Geteilte Souveränität sei kein Bruch mit der Geschichte, sondern ihr Kern. Auch heute gehe es darum, durch institutionelle Einbindung Handlungsspielraum zu gewinnen.

Zimmer, ehemals Professor in Oxford und heute am Institut Crema tätig, widerspricht. Für ihn markieren die vorgesehenen Mechanismen – insbesondere die dynamische Rechtsübernahme und die stärkere Rolle europäischer Gerichte – eine qualitative Veränderung. Die Schweiz zeichne sich durch eine politische Kultur aus, in der Konflikte primär politisch und unter starker Einbindung des Volks gelöst würden. Eine stärkere juristische Überformung durch EU-Institutionen könne dieses Gleichgewicht verschieben.

Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die Frage, ob die Verträge eine «Zäsur» darstellen. Während Zimmer vor einer langfristigen institutionellen Abhängigkeit warnt, sieht Holenstein darin einen pragmatischen Schritt in einem bereits eng verflochtenen Verhältnis. Die Schweiz habe in den vergangenen Jahrzehnten wirtschaftlich stark vom bilateralen Weg profitiert. Angesichts der bestehenden Verflechtungen stelle sich weniger die Frage nach einem idealen Zustand als nach realistischen Optionen.

Unterschiedlich bewerten die beiden auch die Rolle der Demokratie in Europa. Zimmer verweist auf eine Krise der repräsentativen Systeme in mehreren EU-Staaten und sieht eine wachsende Verschiebung von politischer Entscheidungsmacht zu Gerichten. Holenstein hingegen betont, dass demokratische Systeme immer aus mehreren Institutionen bestehen und auch die Schweiz Gewaltenteilung kenne. Probleme in europäischen Staaten seien nicht allein institutionell, sondern auch politisch und gesellschaftlich bedingt.

Kontrovers diskutiert wird zudem die Personenfreizügigkeit. Zimmer sieht in der starken Zuwanderung strukturelle Herausforderungen für Infrastruktur und sozialen Zusammenhalt. Holenstein hält dem entgegen, dass viele dieser Probleme innenpolitisch verursacht oder zumindest verstärkt worden seien – etwa durch Steuer- und Standortpolitik – und entsprechend national gelöst werden müssten.

Das Streitgespräch macht deutlich, dass die Differenzen nicht nur politischer, sondern auch historiografischer Natur sind. Zimmer warnt vor einer Fortschrittserzählung, die die europäische Integration als zwangsläufige Entwicklung erscheinen lasse. Holenstein wiederum kritisiert ein idealisiertes Bild einer stets souveränen und widerständigen Schweiz.

Am Ende bleibt die Grundfrage offen: Ist die institutionelle Anbindung an die EU ein logischer nächster Schritt oder eine riskante Weichenstellung? Das Interview zeigt vor allem eines: dass die Antwort stark davon abhängt, wie man die Geschichte der Schweiz versteht und welche Prioritäten man für ihre Zukunft setzt.

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