Israelis sind direkt und ohne Scheu. Ich stand gestern an einer roten Ampel gegenüber der Universität in Beer Sheva und beendete ein Telefongespräch mit meiner Frau, auf deutsch natürlich, als mich ein junger Israeli ansprach, ein Student, der wie ich an der Ampel wartete: „Du sprichst deutsch? Woher kommst du?“ „Ich lebe hier“, antwortete ich.
„Okay, aber du bist nicht hier geboren, oder?“
„Nein. Ich bin in Berlin geboren.“
„Oh, Berlin. War früher eine interessante Stadt“, sagte er.
„Ich weiß“, erwiderte ich. „Viele junge Israelis leben dort. Für sie ist es irgendwie aufregend – in der früheren ‚Höhle des Löwen‘ zu leben. Heute ist das ziemlich einfach, mit israelischer Staatsbürgerschaft und immer die israelische Botschaft im Rücken.“
„Ich habe sechs Monate dort verbracht“, sagte er. „Es war ein interessanter Ort. Lustig, lebendig. Und die Umgebung, die Seen und Flüsse, all das Wasser… diese riesigen Wälder…“ „Stimmt.“
„Aber heute… ich meine, was ist da eigentlich los? Sie hassen wieder Juden… Es wird unangenehm, dort zu sein. Freunde von mir trauen sich auf der Straße nicht mal mehr, Hebräisch zu sprechen.“
Die Ampel sprang auf Gelb.
„Es ist wirklich traurig“, antwortete ich. „Wir hatten damals eine Ahnung, dass sich die Lage eines Tages zum Schlechteren wenden könnte. Deshalb sind wir schon vor Jahren hergekommen.“ In diesem Moment sprang die Ampel auf Rot.
„Und ihr hattet recht“, sagte er. „Berlin ist kein guter Ort mehr für Juden.“ Wir verabschiedeten uns und gingen unserer Wege. Hier, in der Negev-Wüste, 4.000 Kilometer entfernt von Berlin.
Im Achgut-Buchshop erhältlich:
„So geschah es. 7. Oktober. Vor aller Augen.“ von Chaim Noll, Simone Schermann (Hrsg.), Achgut Edition 2026, hier bestellbar.
