Erfolglose Staatsstreiche – Putschisten scheitern oft schon an simplen Details

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Lückenhafte Geheimhaltung, kaum Disziplin, keine Kontrolle über die Medien: Es gibt viele Gründe, warum Umstürzler – mei...

paz.de📅 17.05.2026

Vor reichlich 2800 Jahren ermordete Simri, der Kommandeur der Streitwagentruppe des Nordreiches Israel, seinen Herrscher Ela, um dessen Platz einzunehmen – so beschreibt das Erste Buch der Könige des Alten Testaments den frühesten bekannten Putsch der Weltgeschichte. Der Begriff „Putsch“ als solcher kursierte dann allerdings erst seit dem Züriputsch vom September 1839, wobei das schweizerische Wort „Putsch“ lautmalerisch für „Knall“ oder „Zusammenprall“ stand. Wie viele derartige Ereignisse es insgesamt gab, ist unbekannt. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Brian Klaas hat rund 500 gelungene oder gescheiterte Putschversuche in den zurückliegenden 76 Jahren gezählt, davon fanden allein um die 200 zwischen 1960 und 1980 statt.

In jüngster Zeit wurde besonders oft in Afrika geputscht. Dahinter standen oftmals die dortigen wirtschaftlichen Probleme, Sicherheitskrisen angesichts des Siegeszuges muslimischer Terrorgruppen, Spannungen rund um nicht korrekt durchgeführte Wahlen sowie die permanente Unzufriedenheit unter den Militärs. Wegen der Häufung von gelungenen Staatsstreichen innerhalb der Sahel-Zone bezeichnen Beobachter die Region inzwischen gar als „Putsch-Gürtel“. Seit 1990 kam es hier zu 29 erfolgreichen Umstürzen und zahllosen entsprechenden Versuchen – der vorerst letzte fand im Januar in Burkina Faso statt.

Damit ein Staatsstreich gelingt, muss das Militär entweder selber putschen oder aber fest an der Seite der Umstürzler stehen, denn Machtdemonstrationen in Form von Truppenaufmärschen, tieffliegenden Kampfjets und ohrenbetäubend heranrasselnden Panzerkolonnen wirken in aller Regel Wunder. Wichtig ist zudem die schnelle Besetzung strategischer Punkte wie Regierungsgebäude, Nachrichtensender und Flughäfen sowie die Kaltstellung der bisherigen Staatsführung. Idealerweise hat diese zuvor schon jeglichen Rückhalt bei der Bevölkerung und den Sicherheitskräften verloren.

Fatale Fehleinschätzungen

Wenn die Massen hingegen nicht auf der Seite der Putschisten stehen, müssen die Umstürzler jeglichen Widerstand einschläfern oder niederschlagen. Als sehr hilfreich erwies sich stets die schnelle internationale Anerkennung der neuen Machthaber, was voraussetzte, dass die alte Regierung erheblich in Misskredit geraten war. Ansonsten ist es auch von eminenter Bedeutung, die Putschplanungen so geheim wie möglich zu halten.

Wie schwer dies alles fallen kann, zeigt der Umstand, dass bislang drei Viertel der Putschversuche fehlschlugen, weil es eine Vielzahl von Faktoren gibt, welche die Putschisten entweder nicht hinreichend kontrollieren können oder zu wenig ins Kalkül ziehen. Das beginnt bereits bei den Zielen eines Staatsstreichs: Sind sie unklar, droht ein Fiasko. Das Gleiche gilt für den Fall der Unlösbarkeit der Probleme, die überhaupt zum Umsturzversuch führten. So scheitern putschende Militärs in Afrika seit geraumer Zeit immer öfter daran, den Islamisten Paroli zu bieten, die sie eigentlich stoppen wollten.

Äußerst fatal wirken sich zudem Fehleinschätzungen der Lage aufgrund lückenhafter Informationen aus. Die Putschwilligen können natürlich keine Meinungsumfragen unter der Bevölkerung oder in den Streitkräften starten, um die Stimmung zu sondieren, sondern nur auf eine hinreichende Unzufriedenheit der Menschen hoffen, die dann Zustimmung garantieren würde. Wer hier zu unrealistisch denkt, hat schon im Vorfeld verloren.

Der nächste große Fehler liegt in einer mangelnden organisatorischen Vorbereitung sowie der Unterschätzung des Gegners, der ebenfalls nicht schläft. Etlichen Putschisten wurde auch ihr schlechtes Timing zum Verhängnis: Entweder schlugen sie zu spät oder zu früh zu – im letzteren Fall oft in übereilter Reaktion auf bestimmte Ereignisse oder Provokationen seitens der Regierung. Und dann wären da noch die internen Probleme im Kreis der Umstürzler. Oft wollen mehrere Personen die Führung übernehmen, was in Rivalenkämpfe mündet. Manchmal fehlt ein charismatischer, fähiger Kopf, bei dem alle Fäden und Entscheidungsbefugnisse zusammenlaufen.

Nicht selten sind sogar echte Dilettanten am Werke, vor allem wenn niedere Dienstgrade das Sagen haben. Deren Unfähigkeit zeigt sich dann etwa in einer amateurhaften Kommunikation oder eklatanten Mängeln der verwendeten Technik. Panzer, die auf dem Weg zum Präsidentenpalast liegenbleiben, wirken albern statt bedrohlich. Dazu kommt die haarsträubend schlechte Disziplin in Kreisen mancher Umstürzler wie beispielsweise beim Militärputsch in Kenia 1982.

Oft stoppt das Volk selbst den Coup

Als extrem nachteilig erwies sich in letzter Zeit auch der vorsätzliche oder fahrlässige Geheimnisverrat. So verwendeten die Putschisten in der Türkei 2016 die äußerst unsichere Kommunikations-App ByLock, was dem Militärgeheimdienst Ankaras in die Hände spielte.

Ansonsten war das Scheitern eines Putsches meist schon absehbar, wenn es den Militärs nicht gelang, die Kontrolle über die Medien zu übernehmen und das Volk entsprechend zu indoktrinieren. Dann brandete oftmals massenhafter Widerstand auf, welcher das Ende des Aufstands bedeutete. Der Widerstand äußerte sich in großen Demonstrationen, Blockaden von Militärobjekten oder -konvois, Streiks und Boykottaktionen sowie vielfältigen Sabotagehandlungen von Staatsbediensteten, welche keinen Regierungswechsel wollten.

Desgleichen hatten Putschisten in der Vergangenheit auch zumeist dann verloren, wenn eine ausländische Macht zugunsten der bisherigen Regierung intervenierte, was 1964 unter anderem in Gabun und Tansania der Fall war, als französische beziehungsweise britische Truppen auf Ersuchen der bedrängten Präsidenten Léon M’ba und Julius Nyerere eingriffen und die alte Ordnung binnen kürzester Zeit wiederherstellten.

Ein Putsch ist also aus mancherlei Gründen ein hochriskantes Unterfangen, bei dem extrem viel schiefgehen kann, selbst wenn das Anliegen der Putschisten berechtigt erscheint. Dennoch wird es wohl nicht sehr lange dauern, bis wir vom nächsten Staatsstreich oder Umsturzversuch irgendwo auf der Welt hören.

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