Eine ästhetische Leistungsexplosion

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Das große flämische Kopfkino – Die wuchtigen Skizzen der Barock-Stars Rubens, Jordaens, van Dyck im Berliner Kupferstich...

paz.de📅 13.10.2026

Ein halbes Jahrhundert lang hütete das Berliner Kupferstichkabinett seine flämischen Schätze wie eine eifersüchtige Glucke, doch nun öffnet sich der Tresor. Mehr als 100 Zeichnungen von 28 Künstlern dürfen in der Ausstellung „Rubens, Jordaens, van Dyck – Flämische Meisterzeichnungen“ endlich wieder Frischluft schnappen. Und das wurde auch Zeit. Denn in den Depots drohte ihnen der Erstickungstod. Den Staub weggepustet, entdeckt man hinter diesen Blättern eine enorme künstlerische Ausdruckskraft.

Diese zwischen 1570 und 1650 entstandenen Arbeiten sind das ungefilterte Laboratorium des jeweiligen Malergenies – der visuelle Beipackzettel vor dem monumentalen Ölschinken. Ob biblisches Drama, mythologische Extravaganz, Saufgelage aus dem Alltag, seelenvolle Porträts oder windgepeitschte Landschaften: Flanderns Künstler deckten die gesamte Klaviatur des Lebens ab.

Ein Blick zurück zeigt, dass dieses kreative Fieber kein Zufall war. Im 15. und 16. Jahrhundert entwickelten sich Antwerpen, Brüssel, Mecheln, Brügge und Gent zum Silicon Valley der europäischen Kunstszene. In Brüssel saßen die spanischen Statthalter und verwalteten die Macht; im Hafen von Antwerpen wiederum traf sich die Welt zum globalen Warenaustausch. Wo Getreide, Gewürze und Eisenwaren in rauen Mengen umgeschlagen werden, da fließt das Geld – und wo Geld fließt, da klopft das neureiche Bürgertum an die Ateliertüren. Man wollte zeigen, was man hat.

Die Malerwerkstätten reagierten wie moderne Start-ups: Sie spezialisierten sich im Akkord und lieferten hochraffinierte Kabinettbilder im handlichen Format für den bürgerlichen Salon. Diese ästhetische Leistungsexplosion fand in einer Epoche statt, in der Europa an allen Ecken und Enden brannte. Zwischen 1550 und 1650 befand sich Europa im permanenten Krisenmodus.

Die 17 Provinzen der habsburgischen Niederlande (das heutige Benelux inklusive Nordfrankreich) schmachteten unter der Knute der spanischen Krone. Als Madrid die Zügel bei der Gegenreformation zu straff anzog, riss der Geduldsfaden: Der Achtzigjährige Krieg (1568–1648) brach aus. Am Ende machten sich die sieben protestantischen Provinzen im Norden selbstständig (die heutigen Niederlande), während der katholische Süden spanisch blieb. Doch der Mensch gewöhnt sich an den Wahnsinn: Während des zwölfjährigen Waffenstillstands von 1609 bis 1621 schaffte das kunstsinnige Erzherzogpaar Albert und Isabella ein kleines Wirtschaftswunder – und Flandern explodierte förmlich in einer kulturellen Blüte.

In diesem politisch hochgradig aufgeladenen Vakuum zwischen 1580 und 1660 bahnte sich eine Bildsprache ihren Weg, die alles Bisherige wegpustete. Es regierte die pure Emotion: dynamische Kompositionen, dramatische Lichtführung und eine Sinnlichkeit, die fast schon physisch spürbar ist. Die unangefochtenen Antwerpener Barockstars bilden das Herzstück der Berliner Schau: Peter Paul Rubens, Jacob Jordaens und Anton van Dyck. Um sie herum gruppiert sich ein dichtes Netzwerk aus Lehrern, Epigonen, Werkstatt-Assistenten und Trittbrettfahrern, das zeigt: Kunst war damals kollektive Schwerstarbeit.

Rubens riss alle Fäden an sich

Allen voran thronte Rubens. Er war der Endgegner der damaligen Kunstwelt – Malerfürst, manischer Sammler, feinsinniger Humanist und gewiefter Top-Diplomat in Personalunion. Wer in Flandern den Pinsel hielt, hatte entweder bei ihm gelernt oder stand auf seiner Gehaltsliste. Nach seiner Rückkehr aus Italien im Jahr 1609 krempelte er Antwerpen mit einem völlig neuen, theatralischen Stil und leuchtenden Altarbildern um.

Jordaens, der denselben Lehrer wie Rubens hatte, war so etwas wie der verlässliche Co-Pilot. Er schrubbte für Rubens jene Mammutaufträge weg, wie die über einhundert mythologischen Gemälde für den spanischen König, und übernahm nach dem Tod des Meisters prompt die kreative Herrschaft in Antwerpen. Und dann war da noch van Dyck: das unverschämte künstlerische Wunderkind. Mit gerade einmal 16 Jahren dockte er bei Rubens an, saugte dessen Genie wie ein Schwamm auf, kopierte, zeichnete und erfand sich schließlich komplett neu. 1632 zog er weiter nach London, um als Hofmaler die britische Aristokratie in unsterblicher Eleganz zu porträtieren.

Das Schöne an der Berliner Präsentation ist jedoch, dass sie diese drei Giganten nicht im luftleeren Raum stehen lässt. Eine feine Ouvertüre zeigt die Arbeiten ihrer Lehrmeister, ehe die Entourage das Feld betritt. Da begegnen uns Jan Brueghel d. Ä. und Frans Snyders, die mit Rubens beim Bier saßen und eng kooperierten. Adriaen Brouwer steuert herrlich derbe Figurenstudien bei, während Rubens-Schüler wie Abraham van Diepenbeeck das Erbe des Meisters pflichtbewusst verwalten.

Einen würdigen Auftritt erhalten auch Kupferstecher wie Pieter de Jode, die dafür sorgten, dass die barocken Bildideen im Massendruck durch ganz Europa wanderten. Den melancholischen Vorhang schließen die Landschaftszeichner um David Vinckboons und Lucas van Uden.

Das eigentliche Vergnügen bei diesem Rundgang liegt im voyeuristischen Charakter der Zeichnung an sich. Fast kein Blatt stand für sich allein; sie alle waren Rädchen im Getriebe einer gigantischen Bildermaschine. Hier sieht man das Genie beim Denken und vor allem beim Scheitern: Da wird eine schnelle Ideenskizze aufs Papier geworfen, dort ein Arm korrigiert, ein Bein anatomisch zurechtgerückt oder eine Perspektive verworfen.

Das Ringen um die perfekte Torsion, der Schweiß des Künstlers im Kampf mit dem störrischen Medium – all das ist nach über 350 Jahren auf diesen Papieren noch so frisch, als wäre die Tinte gerade erst getrocknet. Ein absolut packender Blick hinter die Kulissen des Barock.

• vom 10. Oktober bis 31. Januar im Kupferstichkabinett am Berliner Kulturforum, Johanna-und-Eduard-Arnhold-Platz/Matthäikirchplatz, geöffnet werktäglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, sonnabends und sonntags von 11 bis 18 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen (ISBN 978-3-88609-915-3).

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