Ein frommer Stadtgründer – Bischof Radolts Perle am Bodensee

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Von einer Mönchszelle zu einer Stadt mit 30.000 Einwohnern – Radolfzell feiert den 1200. Jahrestag seiner Gründung

paz.de📅 14.09.2026

Es kommt selten vor, dass eine Stadt nicht nur ihren Gründer kennt, sondern auch dessen sterbliche Überreste hütet. In Radolfzell ist das der Fall. Bischof Radolt von Verona gründete hier um das Jahr 826 mit Erlaubnis des Abtes vom Kloster Reichenau seinen künftigen Altersruhesitz, die „Cella Ratoldi“. Diese bestand zunächst aus einer Kirche und Mönchszellen. Aus dieser frommen Ansiedlung entwickelte sich die heute mit 30.000 Einwohnern drittgrößte Stadt am Bodensee. Radolfzell feiert dieses Jahr das 1200. Jubiläum seiner Gründung. Höhepunkt ist das Altstadtfest am 12. und 13. September. Die Wahl fiel auf dieses Datum, weil der um 770 geborene Radolt an einem 13. September starb. Vermutlich im Jahr 847.

Näheres über Radolfzell und den Stadtgründer erfährt man im Stadtmuseum. Es residiert in einem 1689 erbauten Haus, in dem bis 1999 eine Apotheke untergebracht war. Den ehemaligen Verkaufsraum mit seiner Einrichtung aus der Biedermeierzeit, das Labor aus den 1950er Jahren und weitere ehemalige Apothekenräume kann man besichtigen.

Die Vergangenheit und Gegenwart Radolfzells werden in der Dauerausstellung veranschaulicht. Die ersten 500 Jahre unterstand die Stadt dem Kloster Reichenau, die nächsten 500 Jahre den Habsburgern. Kurze Zeit gehörte sie zum Königreich Württemberg, ab 1810 zum Großherzogtum Baden. Einen enormen Entwicklungsschub brachte der 1865 erfolgte Anschluss an das Eisenbahnnetz. Denn nun siedelten sich zwei in ihrer Branche führende Unternehmen an: der Wäsche-Hersteller Schiesser und die Pumpen für die Feuerwehr und andere Abnehmer produzierende Firma Allweiler. Beide sind noch immer vor Ort.

Im Dachgeschoss ist dem Erfolgsautor Joseph Victor von Scheffel (1826–1886) ein mit Wiege und Totenmaske bestücktes „Separee“ eingerichtet. Sein Versepos „Trompeter von Säckingen“ und sein Roman „Ekkehard“ waren Bestseller, und seine Studenten- und Trinklieder wie „Als die Römer frech geworden“ oder „Alt-Heidelberg, du feine“ waren Hits. Seit den 1870er Jahren verbrachte er die Sommermonate in Radolfzell. In der Stadt hat er sich die „Villa Seehalde“ und auf der Halbinsel Mettnau das „Scheffelschlösschen“ erbauen lassen. In Radolfzell ist jede Sehenswürdigkeit mit Hinweis auf die Gehminuten ausgeschildert. Zur Mettnau läuft man 20 Minuten. Es lohnt sich.

Die überlisteten Preußen

Anlässlich des Stadtjubiläums präsentiert das Museum bis 28. November 2027 die Sonderausstellung „ratoldescella – Radolfzell“. Anhand von Gemälden, Grafiken und Fotografien stellt sie das historische Erscheinungsbild von Radolfzell vor. Sehr viel hat sich in der von Weltkriegszerstörungen weitgehend verschont gebliebenen Altstadt nicht verändert. Die obere Zone des Münsterturms sah früher anders aus. Die heutige Turmspitze geht auf Baumaßnahmen von 1902/03 zurück. Seitdem hat das Münster mit 82 Metern den höchste Kirchturm am Bodensee. Auf Texttafeln und mit Exponaten wird den Besuchern Bischof Radolt vorgestellt. Er war ein treuer Gefolgsmann von Kaiser Ludwig dem Frommen. Radolt befreite 834 dessen vom italienischen König Lothar I. festgehaltene Gemahlin Judith und brachte sie nach Aachen. Das nahm ihm Lothar übel und verwehrte ihm die Rückkehr nach Italien. Daher zog er sich auf seine Gründung Radolfzell zurück.

Unweit des Stadtmuseums erhebt sich an der Stelle der von Radolt gegründeten Kirche das 1550 vollendete spätgotische Münster Unserer Lieben Frau. Es beherbergt im südlichen Seitenschiff das 1538 geschaffene steinerne Hochgrab des im Jahr 1300 heiliggesprochenen Stadtgründers. Als Relieffigur ist er im vollen Ornat auf dem Sarkophagdeckel dargestellt. Das Hochgrab birgt allerdings ein Rätsel: Bei der 1874 erfolgten Öffnung kamen die sterblichen Überreste zweier Menschen zutage. Wen hat man da mit Radolt zusammen bestattet?

Bischof Radolt machte Radolfzell zum bedeutenden Wallfahrtsort. Er bescherte der Stadt Reliquien der heiligen Theopont und Senesius, die um 303 den Märtyrertod erlitten hatten. Reliquien des heiligen Bischofs Zeno von Verona kamen 1052 hinzu. Diese drei Heiligen werden in der Stadt die „Hausherren“ genannt. Unter dem schlicht gestalteten Hauptaltar, der 1989 wie zuvor die Kirche aus Rorschacher Sandstein gefertigt wurde, steht der goldene Hausherrenschrein, dessen älteste Teile Ende des 14. Jahrhunderts entstanden sind. In ihm und im gegen 1300 geschaffenen goldenen Dreiturmreliquiar, das auf dem Wallfahrtsaltar im nördlichen Seitenschiff steht, befinden sich Reliquien von Theopont und Senesius. Die Schädelreliquie Zenos wird in einem spätgotischen Büstenreliquiar aus Silber aufbewahrt, das in einer Nische des nördlichen Seitenschiffs steht.

Seit 1725 findet am dritten Juli-Wochenende das Hausherrenfest statt, bei dem die Reliquien in feierlicher Prozession durch die Altstadt geführt werden. Seit 100 Jahren wird das Fest am Hausherrenmontag um eine Wasserprozession bereichert: Einwohner von Moos rudern in festlich geschmückten Booten über den Bodensee nach Radolfzell.

Blickfang in der autofreien Altstadt ist der von Robert Seyfried 1977 gestaltete „Kappedeschle-Brunnen“. Auf ihm befindet sich eine Narrenfigur, die außer Rand und Band ist und dabei den Kopf durch ein Fensterkreuz steckt. Sie ehrt den Radolfzeller Bürger Xaver Deschle, der die Preußen überlistete. Nach der Niederschlagung der Badischen Revolution besetzten sie 1849/50 die Stadt und verboten Fastnachtsfeiern. Deschle bat den Stadtkommandanten, wenigstens den maskierten Kopf durchs Fensterkreuz stecken zu dürfen. Das erlaubte ihm der Kommandant, ohne zu ahnen, dass dieser nun mit dem Fensterkreuz durch die Altstadt ziehen würde, gefolgt von einer johlenden Kinderschar.

Wenige Meter entfernt steht das knallrote Zunfthaus der Narrizella Ratoldi e. V. 1841. Diese Narrenzunft betreibt in dem über 500 Jahre alten Haus ein Fastnachtsmuseum, das man nach Terminvereinbarung besichtigen kann. Die nächste heiße Phase der Radolfzeller „Fasnet“ beginnt mit dem „Schmutzigen Dunschtig“ (4. Februar 2027) und endet fünf Tage später mit der Fasnachtsverbrennung.

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