Am 15. Mai 1901 wohnten vor dem Ernst-Ludwig-Haus auf der Darmstädter Mathildenhöhe Künstler und Ehrengäste einem weihevollen Festspiel bei. Anschließend zog die von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein angeführte Prozession der Festgesellschaft in das Gebäude ein. Damit war die erste Bauausstellung der Künstlerkolonie Mathildenhöhe eröffnet. Sie hieß: „Ein Dokument deutscher Kunst.“ Initiator der Künstlerkolonie und Schirmherr der Ausstellung war der Großherzog.
Die von Ernst Ludwig berufenen sieben Künstler der Kolonie, die seit 2021 zum UNESCO-Welterbe zählt, überreichten ihm eine von Rudolf Bosselt gestaltete Huldigungsmedaille. Sie zeigt eine Gestalt mit Heiligenschein, die ein Modell des Ernst-Ludwig-Hauses präsentiert. Aus zwei Gefäßen steigt Weihrauch auf. Sie stehen auf Sockeln. Versehen sind sie mit dem an Ernst Ludwig adressierten Huldigungstext und den Namen der Mitglieder der Künstlerkolonie: Behrens, Bosselt, Bürck, Christiansen, Habich, Huber und Olbrich. Die Medaille ist in der aktuellen Dauerausstellung des Museums der Künstlerkolonie zu sehen, das im Ernst-Ludwig-Haus eingerichtet ist.
Die Ausstellung blickt anhand von Kunstwerken, kunsthandwerklichen Objekten, historischen Fotografien und Publikationen auf die Bauausstellungen der Künstlerkolonie von 1901, 1904, 1908 und 1914 zurück. Im Laufe dieser Zeit berief Ernst Ludwig insgesamt 24 Künstler nach Darmstadt. Viele blieben nur wenige Jahre. Die ersten sieben Künstler stattete der Großherzog mit einem Dreijahresvertrag und festem Gehalt aus. In der Broschüre zur Dauerschau steht: „Ziel war es, auf den Gebieten Kunst, Architektur und Kunstgewerbe den Geschmack der Öffentlichkeit zu bilden, Arbeitsplätze zu schaffen und die Industrie mittels modernen Designs international wettbewerbsfähig zu machen.“ Den Künstlern ging es darum, Ensembles von aufeinander abgestimmten Gegenständen zu entwerfen, die mit ihrem architektonischen Umfeld zu einer Einheit – dem Raumkunstwerk –verschmelzen.
Erste Schau war ein Minusgeschäft
Der Großherzog ernannte den Wiener Architekten und Designer Joseph Maria Olbrich zum Leiter der Schau von 1901. Olbrich entwarf für sie neben dem Ernst-Ludwig-Haus sieben Künstlerhäuser. Ein weiteres steuerte Peter Behrens bei. Es war das überhaupt erste des ausgebildeten Malers, der sich später zum bedeutenden Industriedesigner weiterentwickelte. Für diese Häuser entwarfen die Künstler die von Firmen und Handwerkern aus nah und fern hergestellte, aus Verkaufsmustern bestehende Einrichtung.
In der heutigen Dauerschau sind die Verkaufskataloge ausgestellt. Sie listen pro Haus und Zimmer die Objekte und ihre Hersteller auf. Die Schau von 1901 war allerdings ein Minusgeschäft. In seiner nach Ausstellungsende herausgegebenen Festschrift führte der Verleger Alexander Koch das darauf zurück, dass ein großer Teil der angebotenen Ware „Luxus-Kunst“ sei, die sich das breite bürgerliche Publikum nicht leisten könne.
Immerhin aber sei die Ausstellung ein ideeller Erfolg gewesen. Sie habe Darmstadt zu einem international beachteten Zentrum der Kunstreformbewegung im Zeichen des Jugendstils gemacht, der die als morsch verurteilte historistische Kunst und Architektur mit ihren Anleihen bei Romanik, Gotik und nachfolgenden Stilen überwunden habe.
Hintereingang für die Besucher
Im Zweiten Weltkrieg erlitten die meisten Künstlerhäuser Zerstörungen. Ihr Wiederaufbau erfolgte teils in vereinfachter Form. Gegenstände aus ihnen sind im Museum der Künstlerkolonie ausgestellt. Aus dem ehemaligen Musikzimmer von Haus Behrens sind ein Sessel und die mit Aluminiumbronze überzogene Holztür zu sehen. Das vom Maler und Innenarchitekten Hans Christiansen eingerichtete Haus „In Rosen“ existiert nicht mehr. Sein Name bezieht sich darauf, dass Rosen das Leitmotiv der Innenausstattung waren. Man sieht es an Christiansens Service in der Dauerschau. Unversehrt blieb das asymmetrisch gestaltete Haus Deiters. Zerstörungen wies hingegen das Haus Olbrich auf, dessen Fassade sechs Lagen weißer oder blauer Schmuckziegel umziehen. Unbeschädigt blieb das Große Haus Glückert. Dessen Hausherr war der Hofmöbellieferant Julius Glückert. Treppenstufen führen zum als Omegabogen geformten Portal, das mit goldener Ornamentik prunkt.
Prachtvoller noch ist das Portal des Ernst-Ludwig-Hauses. Es überstand im Gegensatz zu anderen Teilen des Gebäudes den Zweiten Weltkrieg unbeschadet. Vor dem Portal stehen Ludwig Habichs sechs Meter hohe Kolossalfiguren „Mann“ und „Frau“. Das breit gelagerte ehemalige Ateliergebäude ist im Gegensatz zu den anderen von Olbrich entworfenen Häusern symmetrisch. Das wie beim Großen Haus Glückert als Omegabogen geformte Portal hat drei vergoldete Türen und weist reiche, von Olbrich entworfene Goldornamentik sowie zwei von Rudolf Bosselt gestaltete Siegesgenien aus Bronze auf. Das sicherlich erhebende Gefühl, das Gebäude durch dieses Prachtportal zu betreten, bleibt uns heutigen Besuchern verwehrt. Wir müssen uns mit dem auf der gegenüberliegenden Seite offen stehenden Hintereingang begnügen.
In dem benachbarten, von Olbrich entworfenen und 1908 eröffneten Ausstellungsgebäude zeigt das Institut Mathildenhöhe anlässlich des 125. Jubiläums der ersten Ausstellung ab dem 6. Juni die Sonderschau „Einen Schritt voraus“. Sie weist Objekte der vier Bauausstellungen von 1901 bis 1914 sowie Kunst und Design von heute auf. Hinzu tritt eine mithilfe von KI-Technologie erstellte Rekonstruktion der ersten Bauausstellung, die als farbige 3D-Visualisierung präsentiert wird.
• Museum Künstlerkolonie Darmstadt, Olbrichweg 13 A, Eintritt 5 Euro; Ausstellungsgebäude, Sabaisplatz, Eintritt 11 Euro, geöffnet jeweils täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr. www.mathildenhoehe.de