Die neue Strategie der russischen Streitkräfte scheint aufzugehen
Im September gab es in deutschen Medien einige Schlagzeilen, die zeigen, wie sehr die Ukraine in den letzten Wochen geschwächt wurde. Im Spiegel erschien am 23. September beispielsweise unter der Überschrift „Schläge gegen Stahlwerke und Apothekenlager – Russlands neues Kriegsziel? Die Vernichtung der ukrainischen Wirtschaft“ ein recht guter Artikel, in dem der Leser erfuhr, dass Russland nun, nachdem es früher Kraftwerke bombardiert hat, Stahlkonzerne, Logistik und Warenlager angreift und die ukrainische Wirtschaft dsbri schwer geschädigt hat.
Natürlich war auch dieser Spiegel-Artikel nach dem Lehrbuch der Propaganda verfasst, denn neben der Mitteilung der Fakten sparte der Spiegel nicht mit Hinweisen darauf, dass Russlands Angriffe natürlich „ein brutaler Krieg gegen zivile Einrichtungen“ seien. Dass die russischen Angriffe nur die Reaktion auf ukrainische Angriffe auf Warenlager und die Benzinversorgung in Russland sind, was der Spiegel nie als „brutalen Krieg gegen zivile Einrichtungen“ bezeichnen würde, erfuhr der Spiegel-Leser natürlich nicht.
Die Ukraine, das konnte man auch im Spiegel erfahren, hat ernsthafte Probleme bekommen. Nicht nur wirtschaftliche, weil die Ausschaltung des Hafens von Odessa den ukrainischen Export schwer behindert, sondern auch Versorgungsprobleme, denn nachdem über die Hälfte der ukrainischen Lokomotiven und beispielsweise 90 Prozent der Lebensmittellagerkapazität zerstört sind, wird das Kiewer Regime sich im Winter entscheiden müssen, ob es die begrenzten Transportkapazitäten zur Versorgung der Front oder der Zivilbevölkerung einsetzt.
Die Entscheidung scheint übrigens schon gefallen zu sein, denn in der Ukraine hört man aus immer mehr Städten Aufforderungen an die Zivilbevölkerung, die Städte vor dem Winter zu verlassen, weil ihre Versorgung nicht gesichert ist. Man setzt offenbar darauf, dass viele Ukrainer noch ihre Datschen aus Sowjetzeiten haben, also mehr oder weniger winterfeste Holzhäuschen auf dem Lande, oder anderweitig bei Verwandten auf dem Lande unterkommen können, die notfalls mit Holzöfen heizen können.
Die verzweifelte Lage der Ukraine ist auch der Grund, warum Selensky immer lauter eine begrenzte Waffenruhe für Angriffe auf Energieanlagen fordert. Er setzt darauf, dass es für Russland attraktiv genug ist, wenn die Ukraine aufhört, russische Energieanlagen anzugreifen. Damit liegt er jedoch falsch, denn nachdem Kiew in der Vergangenheit keine einzige getroffene Abmachung (vorübergehende Waffenstillstände, Austausch von Gefangenen und Gefallenen etc.) ohne Tricksereien umgesetzt hat, will Russland nur noch über einen Waffenstillstand sprechen, wenn dahinter die endgültige und umfassende Lösung des Konflikts steht, aber nicht mehr über teilweise Waffenstillstände, die nur Kiew in die Hände spielen.
Schauen wir uns einmal an, wie es zu dieser für die Ukraine verzweifelte Lage gekommen ist.
Kiew eskaliert, Russland reagiert
Russland hat den Krieg sehr zurückhaltend geführt und versucht, die ukrainische Zivilbevölkerung zu schonen. Das betraf nicht nur die Vermeidung ziviler Opfer (der Ukraine-Krieg ist in der modernen Geschichte der Krieg mit der geringsten Zahl ziviler Opfer), sondern auch den Versuch, das Leben der Zivilbevölkerung so wenig wie möglich zu beeinträchtigen. Die russischen Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur waren dabei die Ausnahme von der Regel, aber da Russland die Energieversorgung der ukrainischen Armee einschränken wollte, war das unvermeidbar.
Nachdem die EU-Staaten die ukrainische Rüstungsindustrie bei sich aufgenommen und finanziert haben, hatte die Ukraine im Frühjahr 2026 genug Drohnen und Raketen, um immer größere und erfolgreichere Angriffe auf das russische Hinterland durchzuführen. Die Folge waren spürbare Probleme bei der Benzinversorgung in Russland. Danach hat die Ukraine auch begonnen, die Lager von russischen Online-Handelsplattformen zu bombardieren.
Diese Angriffe hatten das erklärte Ziel, der russischen Zivilbevölkerung das Leben zu erschweren und sie kriegsmüde zu machen. Zwar wurde für die europäischen Medien behauptet, die Lager der Online-Handelsplattformen seien militärische Ziele, weil dort angeblich Dual-Use-Güter gelagert würden, aber das war natürlich Unsinn, der nur davon ablenken sollte, dass die Ukraine ganz offen mit dem Angriff auf weitere zivile Ziele begonnen hatte.
Der russische Präsident Putin hat daraufhin erklärt, Kiew habe mit den Angriffen die Büchse der Pandora geöffnet und Russland werde in gleicher Form reagieren, nur eben wesentlich heftiger, weil Russland militärisch nun mal überlegen ist. Und genau so ist es ja auch gekommen.
Während es in Russland ein paar Schwierigkeiten bei der Benzinversorgung gibt, wird die Lage in der Ukraine zunehmend verzweifelt, denn dort herrscht eine massive Benzinknappheit, in Supermärkten werden Lebensmittel knapp, die Wirtschaft und der Staatshaushalt drohen wegen der verlorenen Exporteinnahmen zusammenzubrechen und fehlende Lokomotiven verstärken die Versorgungs- und Logistikprobleme weiter.
Die Folgen der russischen Angriffe
Schauen wir uns mal konkret an, was die russischen Angriffe in den letzten Wochen angerichtet haben. Zunächst sei der Hafen von Odessa zu nennen, den die russischen Angriffe faktisch ausgeschaltet haben. Das hat schwere Auswirkungen auf die Ukraine, denn erstens behindert das den Export der letzten Waren, die die Ukraine noch produziert hat. Das waren vor allem landwirtschaftliche Produkte wie Getreide, aber auch Stahl.
Nicht weniger wichtig ist, dass damit auch Importe und Waffenlieferungen aus dem Westen schwieriger geworden sind. Die Ukraine muss nun versuchen, sowohl die Importe als auch die Exporte umzustellen und sie über die Bahn oder Flusshäfen an der Donau abzuwickeln, was natürlich teurer wird und weniger Kapazitäten hat als der Seehafen von Odessa.
In jedem Fall bedeutet das für die ohnehin bankrotte Ukraine weitere Einnahmenverluste, für die am Ende des Tages die EU aufkommen muss, wenn sie nicht will, dass die Ukraine zahlungsunfähig wird und damit automatisch den Krieg verliert, weil Soldaten, die keine Bezahlung mehr bekommen, den Kampf sicher einstellen. Allerdings ist das liebe Geld ohnehin der große Streitpunkt zwischen Kiew und Brüssel, weshalb diese Entwicklungen sicher nicht für wachsende Harmonie sorgen werden.
Eine der wichtigsten Industrien der Ukraine war traditionell die Stahlindustrie. Die Financial Times hat am 20. September berichtet, dass die russischen Angriffe im September ganze 90 Prozent der Produktionskapazität ausgeschaltet haben. Die Ukraine hat ihre für die Rüstungsproduktion so wichtige Stahlindustrie de facto verloren.
Vor dem Krieg hat die Stahlindustrie zehn Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung ausgemacht und sie ist neben der Rüstung auch für andere Wirtschaftszweige vom Maschinenbau bis zur Bauwirtschaft wichtig. Außerdem gehörten die Stahlkonzerne zu den wichtigsten Steuerzahlern des Landes, die 2025 für 1,4 Prozent der gesamten Steuereinnahmen des ukrainischen Haushalts aufgekommen sind. Der Verlust der Stahlindustrie wird wirtschaftlich also Folgen haben, die teilweise einem Dominoeffekt gleichkommen.
Das bedeutet allerdings auch, dass zehntausende Arbeiter nichts mehr zu tun haben werden und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sie ihre Freistellungen wegen kriegswichtiger Arbeit verlieren und an die Front eingezogen werden.
Immer dramatischer wird die Lage auch bei den für die Logistik so wichtigen Lokomotiven. Russland greift seit einiger Zeit gezielt Lokomotiven an, was westliche Medien natürlich als kriegsverbrecherisches Tun darstellen, dabei gibt es praktisch keine Berichte über Opfer der russischen Angriffe auf Züge. Auch hier geht Russland offensichtlich ausgesprochen vorsichtig vor und vermeidet zivile Opfer nach Möglichkeit.
Russland warnt Politiker vor Reisen nach Kiew
Früher hat Russland keine Ziele angegriffen, die weniger als 30 Kilometer von der Grenze zu NATO-Staaten wie Polen entfernt sind, um nicht ungewollt den Luftraum dieser Staaten zu verletzen. Damit hat Russland natürlich Nachteile in Kauf genommen, weil es sich selbst verboten hat, aus dem Westen gelieferte Waffen direkt an der Grenze zu vernichten.
Diese Zurückhaltung scheint Russland aufgegeben zu haben, denn am 13. August wurde gemeldet, Russland habe unmittelbar vor der polnischen Grenze einen Zug angegriffen, neben dem zwei Sonderzüge waren, in denen westliche Politiker wie der schwedische Ex-Premier Carl Bildt, der britische Ex-Premier Boris Johnson, die ehemalige finnische Premierministerin Sanna Marin, der ehemalige polnische Präsident Aleksander Kwaśniewski und Günter Sautter, der außen- und sicherheitspolitische Berater von Kanzler Friedrich Merz, auf dem Rückweg von einer Konferenz in Kiew in den Westen waren, wie der Spiegel unter der Überschrift „Russische Angriffe auf ukrainische Bahn – Nimmt der Kreml jetzt westliche Politiker ins Visier?“ entrüstet berichtete.
All die entrüsteten Berichte aus dem Westen haben unfreiwillig wieder gezeigt, wie vorsichtig Russland vorgeht, denn obwohl es sich um Passagierzüge handelte, gab es keine Opfer.
Trotzdem war die Entrüstung im Westen groß, dabei sollte man sich darüber im Klaren sein, dass jeder Politiker, der nach Kiew reist, nun einmal in ein Kriegsgebiet fährt. Das ist nun einmal gefährlich und es ist nicht Russlands Aufgabe, westlichen Politikern bei Reisen in die Ukraine ihre Sicherheit zu garantieren. Russland greift sie in der Ukraine zwar nicht gezielt an, aber trotzdem können sie unter Feuer geraten.
Das russische Außenministerium wies daher aus diesem Anlass noch einmal darauf hin, dass westliche Politiker und Diplomaten Reisen nach Kiew „nüchtern abwägen“ sollten, da niemand ihre Sicherheit garantieren könne. Außerdem wies das russische Außenministerium darauf hin, dass die ukrainische Regierung die „westlichen Polit-Touristen und VIPs zynisch als menschliche Schutzschilde“ missbraucht, indem sie sie zusammen mit Militärkonvois reisen lässt. Die russischen Warnungen vom Mai 2026, dass die Reiserouten in der Ukraine und auch der Aufenthalt in Kiew und anderen Teilen der Ukraine nicht sicher sind, würden weiterhin gelten, so das Ministerium.
Die Folgen der russischen Angriffe sind für die ukrainische Bahn schmerzhaft, denn laut Meldungen hat die Ukraine bereits die Hälfte ihrer Lokomotiven verloren und der Spiegel berichtete, der Chef der ukrainischen Bahn habe im August mitgeteilt, die Ukraine habe seit „Kriegsbeginn 2022 durch Angriffe 492 Lokomotiven verloren, davon mehr als 250 allein in den vergangenen drei oder vier Monaten“.
Am 16. September gab es einen Hilferuf vom ukrainischen Außenminister Sibiga, der die westlichen Verbündeten dazu aufrief, Kiew dringend Eisenbahnlokomotiven zur Verfügung zu stellen. Laut Sibiga hat die Ukraine sogar schon über 500 Lokomotiven verloren.
Allerdings wird der Westen diesen Mangel kurzfristig nicht ausgleichen können, da die Ukraine und die EU-Staaten unterschiedliche Spurbreiten haben, weshalb europäische Züge nicht einfach in der Ukraine fahren können. Sie müssten erst aufwändig umgerüstet werden.
Die russischen Angriffe zeigen Wirkung
In letzter Zeit scheint es, als würden die russischen Angriffe Wirkung zeigen und auch zu einer Verringerung der Zahl der ukrainischen Angriffe auf Russland führen. Wurden am Wochenende der russischen Parlamentswahlen, also am 19. und 20. September, noch täglich bis zu 1.600 über Russland abgeschossene ukrainische Drohnen gemeldet, ist die Zahl danach stark zurückgegangen. Russlands Verteidigungsministerium zufolge wurde vom 23. bis 24. September 2026 mit nur 40 Drohnen über Russland ein Rekordtief erreicht.
Ein russischer Militärexperte erklärte in einem Interview mit Moskowski Komsomolez die Gründe für die Ohnmacht, der die ukrainischen Drohnentruppen bei den Langstreckenangriffen gegen Russlands Hinterland neuerdings erlegen sind. Ein Grund ist, dass die Ukraine praktisch keine Luftabwehr gegen Raketen mehr hat und Russland daher praktisch ungehindert angreifen kann, was es will.
So haben die russischen Streitkräfte nach dem 20. September in Kiew das Rechenzentrum United DC zerstört, in dem Aufklärungsdaten der ukrainischen Streitkräfte gespeichert und verarbeitet wurden, und sich Serverknoten von Providern und der Sortierknotenpunkt Darnitsa befanden. Außerdem wurden die Rechenzentren Kyivstar und Parkovy, die Kommunikationsdienste und Rechenleistung für die ukrainischen Streitkräfte bereitstellten, getroffen.
Interessant war laut dem russischen Experten auch ein Vorfall in Polen, der für die ukrainischen Streitkräfte kritische Infrastruktur betraf. Am 23. September brach in Masowien ein Feuer aus, das die Verteilerstation und den Stromerzeuger des dortigen Starlink-Satellitenkommunikations-Gateways beschädigt hat, der einer von zwei zentralen Knotenpunkten ist, über die die Ukraine Satelliteninternet empfängt. Der andere befindet sich in der Nähe von Kaunas in Litauen. Gemeinsam gewährleisten sie den Satellitenkommunikationsanschluss nicht nur der Ukraine, sondern auch eines großen Teils Mittel- und Osteuropas.
Neben Kommunikationszentren greifen die russischen Streitkräfte auch weiterhin die Energieinfrastruktur von Kiew an. So wurde das Wärmekraftwerk Nr. 6 am linken Ufer des Dnjepr beschädigt und in einigen Stadtteilen fielen Wasser und Strom aus. Außerdem wurde in Kiew ein Werk zur Herstellung von Komponenten für Langstreckendrohnen und Bodendrohnen, ein Drohnenmontagewerk von Pegas Arms sowie ein Werk des Unternehmens Element UA, das Teile für die Kamikazedrohne Hornet produziert, zerstört.
In Odessa wurden zwei Logistikzentren getroffen, über die militärische und Dual-Use-Güter aus europäischen Ländern transportiert wurden. Ein Tanker mit Treibstoff und Schmierstoffen für die ukrainischen Streitkräfte wurde vor dem Einlauf in den Hafen von Tschernomorsk getroffen.
Natürlich wird man abwarten müssen, wie sehr die russischen Angriffe die ukrainischen Fähigkeiten für Angriffe auf das russische Hinterland tatsächlich geschwächt haben, aber möglicherweise haben wir hier die Wende erlebt, die zu einem Rückgang der ukrainischen Angriffe führt, auch wenn die Europäer weiterhin jeden Monat hunderte Drohnen für Kiew produzieren.
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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