In diesem Jahr ist es genau 80 Jahre her, dass im Rahmen einer regulierten „ordnungsgemäßen“ Vertreibung etwa 80 Prozent der Sudetendeutschen ihre angestammte Heimat verlassen mussten. Die Sonderausstellung „Human und menschlich…?“ im Münchener Sudetendeutschen Museum widmet sich dieser Frage und geht ihr detailliert anhand von Fakten und Exponaten auf den Grund. Die im Titel gestellte Frage mag individuell beantwortet werden. Die Ausstellungsstücke jedenfalls tragen dazu bei, das Wissen zu verbreitern und die Thematik fundierter zu betrachten.
Angesichts des Untertitels „Die regulierte Vertreibung der Sudetendeutschen“ werden einleitend die Begriffe erläutert und abgegrenzt: Migration als Überbegriff und Flucht sowie Vertreibung als Formen des Verlassens der Heimat. Vertreibung wird als „eine Zwangsmaßnahme ohne Wahlmöglichkeit“ definiert. Ebenso genannt wird der oft dominante Aspekt der Idee von national einheitlichen Staaten, in denen Minderheiten als Störung empfunden werden. Interessant ist hier das Umsiedlungsabkommen von 1939 für Südtirol zwischen Italien und dem Deutschen Reich, auf das sich tschechoslowakische Politiker bei ihren Plänen zur Vertreibung der deutschen Bevölkerung beriefen. Dokumente aus diesem Vergleichsbeispiel vertiefen diesen Gesichtspunkt.
Nicht verschwiegen wird, dass es zwischen Mai und August 1945 – also schon ab dem Ende des Zweiten Weltkriegs und vor den Dekreten des tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš – „wilde Vertreibungen“ von zirka 700.000 Sudetendeutschen gab, bei denen mindestens 30.000 Sudetendeutsche zu Tode kamen. Da es 1945 in der Tschechoslowakei noch kein gewähltes Parlament gab, wurden die rechtlichen Bestimmungen mit präsidialen Dekreten getroffen.
Zwar findet sich kein separates Dekret zur Vertreibung, aber die Dekrete Nr. 12 (Enteignung des Bodens; 21. Juni 1945) und Nr. 33 (Entzug der Staatsbürgerschaft; 2. August 1945) legten entsprechende Kriterien fest. Demnach sollten alle Personen vertrieben werden, die sich in den Volkszählungen von 1930 und 1939 zur deutschen oder ungarischen Nationalität bekannt hatten oder Mitglieder in deren nationalen Vereinen waren.
Eine „menschliche Umsiedlung“?
In diese Phase von 1945 gehören die in der Ausstellung gezeigten und in unzähligen Fotos dokumentierten Armbinden und Aufnäher mit dem „N“ als Kennzeichnung für „Němci“ („Deutsche“). Aber auch eine Handreichung für die kommunale Verwaltung („Übersicht der Vorschriften über die Deutschen und Personen, die als Deutsche angesehen werden“) findet sich bei den Exponaten.
In eine „menschliche Umsiedlung“ („human transfer“) sollte dann nach der Konferenz von Potsdam – federführend Josef Stalin (UdSSR), Winston Churchill (Großbritannien) und Harry S. Truman (USA) – die Vertreibung ab August 1945 überführt werden. Zwischen Januar und November 1946 wurden etwa 2,3 Millionen Sudetendeutsche aus ihrer Heimat vertrieben, davon zwei Drittel in die US-Zone. Geregelt wurden dabei die namentliche Erfassung in den Lagern, die Logistik des Transports und die Menge des Gepäcks und des Geldes, das mitgenommen werden durfte. Diese Facetten vertiefen zum Beispiel eine Nummernkarte für den Transport im Zug von Asch, Bilder aus einem Fotoalbum vom Sammellager Buchau oder in der Hoffnung auf eine baldige Rückkehr mitgenommene Schlüssel.
24 Sudetendeutsche erzählen
Auf den zwei Wänden des Ganges vom einen zum nächsten Raum werden zudem Filme, bewegte Bilder und Zeichnungen mit dumpfer Hintergrundmusik projiziert. Säcke und Transportkisten verdeutlichen, dass eben nicht mehr erlaubt war als in diese passte. Dazu noch ein Handleiter- oder ein Kinderwagen. Oft waren die Menschen auch kreativ, wenn es etwa um wichtige Dokumente ging. Diese waren dann ins Mantelfutter eingenäht oder auf Taschentücher und Stoffstücke geschrieben. Zu sehen sind auch einige gerettete (Gemälde, Akkordeon) und konfiszierte Gegenstände (Monstranz, Essbesteck, Silberfuchspelzkragen).
Natürlich wirft die Ausstellung auch einen Blick auf die Ankunft in der neuen Heimat, wo sich alle zunächst einer Entlausung unterziehen mussten. Bilder vermitteln Eindrücke von den Durchgangs- und Flüchtlingslagern und davon, wie aus einfachsten Mitteln etwa Geräte für den Haushalt und den täglichen Bedarf (Quirl aus einem Aststück, Reibe zum Kochen aus einem Blechstück) hergestellt wurden. Ein eigenes Kapitel erläutert das Thema „Kinder als Opfer von Flucht und Vertreibung“ – mit der zentralen Aussage, dass deren Verarbeitung des Erlebten oft erst im Erwachsenenalter stattfand. Entsprechende Gegenstände wie eine Puppenküche, ein Schulranzen, ein Poesiealbum oder eine Puppe finden sich in eben diesem Abschnitt. Abschließend sind künstlerisch-malerische Beschäftigungen mit der Vertreibung zu sehen.
Doch was wäre die Darstellung und Aufarbeitung dieses Themas ohne Zeitzeugen und Originaltöne? „Geschichten aus der Geschichte“ lautet die entsprechende Rubrik, in der insgesamt 24 Sudetendeutsche ausführlich an Hörstationen ihre Erfahrungen und Erlebnisse zu acht Teilthemen schildern – darunter auch Prominente wie der frühere Bundesminister und Vizepräsident des Deutschen Bundestages Hans „Johnny“ Klein, der frühere Präsident des Bayerischen Landtags Johann Böhm oder der Jugendbuchautor Otfried Preußler („Der Räuber Hotzenplotz“, „Krabat“).
Alle Thementafeln und die Erläuterungen der Exponate sind in drei Sprachen – Deutsch, Englisch und Tschechisch – zu lesen, die Texte zu den Hauptthemen kann man sich auch vorlesen lassen.
• „Human und menschlich…?“ läuft bis zum 10. Januar im Sudetendeutschen Museum, Hochstraße 10, in München, geöffnet täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 5 Euro.
www.sudetendeutsches-museum.de