Die Dummheit der EU beim Thema Düngemittel
Russland und Weißrussland sind die weltweit größten Produzenten von Kalidünger, aber die EU hat die Einfuhr dieser Dünger durch Strafzölle verteuert. In der EU selbst ist die Düngemittelproduktion fast komplett eingebrochen, weil zur Düngemittelproduktion Erdgas gebraucht wird, aber die EU die Einfuhr von billigem russischem Pipelinegas fast komplett verboten hat. Außerdem waren die Golfstaaten wichtige Düngemittelproduzenten, aber seit der Sperrung der Straße von Hormus können die keine Düngemittel mehr exportieren.
Daher steht die Welt vor einer kommenden Nahrungsmittelknappheit, weil die Ernten ohne Düngemittel geringer werden oder sogar ganz ausfallen.
Davon wird besonders Europa hart getroffen, denn die EU hat Düngemittel in Europa durch ihre ideologisch bedingten Entscheidungen stark verknappt und verteuert. Was genau die EU entschieden hat und welche Folgen das haben wird, hat ein Experte der TASS in einem Artikel erklärt, den ich übersetzt habe.
Beginn der Übersetzung:
Die Straße von Hormus und politische Fallstricke: Dem Westen droht eine Nahrungsmittelkrise
Anatoly Tichonow, Direktor des Zentrums für Internationale Agrarwirtschaft und Ernährungssicherheit an der Präsidentenakademie, erörtert, wie Probleme bei der Gas- und Düngemittelversorgung zu einer Hungersnot führen und welche Rolle die EU-Sanktionspolitik gegen Russland dabei spielt.
Die Welt steht am Rande einer der schwersten Nahrungsmittelkrisen seit Jahrzehnten, und Europa befindet sich im Epizentrum.
Die seit drei Monaten andauernde Blockade der Straße von Hormus hat den Westen zusammen mit den Sanktionen in eine schwierige Lage gebracht. Es ist bereits klar, dass das größtenteils auf die eigenen politischen Entscheidungen zurückzuführen ist. Die Ära der günstigen und zuverlässigen globalen Logistik neigt sich dem Ende zu, und die europäischen Verbraucher müssen die Folgen tragen.
Während die Harnstoffpreise Anfang des Jahres bei rund 400 US-Dollar pro Tonne lagen, erreichten die FOB-Preise für die Ostsee (Preis des Rohstoffs im Verschiffungshafen, ohne Seefracht und Versicherung) bis Ende April je nach Sorte 790 bis 830 US-Dollar und überstiegen im Nahen Osten und in Brasilien sogar 850 US-Dollar. Laut Schätzungen der Weltbank lag der Durchschnittspreis für granulierten Harnstoff im März bei 725 US-Dollar pro Tonne, das sind fast 55 Prozent mehr als im Februar und der höchste Stand seit April 2022. Insgesamt prognostiziert die Weltbank für 2026 einen Anstieg des Düngemittelpreisindex um mehr als 30 Prozent, bedingt durch einen Preisanstieg von 60 Prozent bei Harnstoff. Die Erschwinglichkeit von Düngemitteln wird laut Experten der Weltbank auf den niedrigsten Stand seit 2022 sinken, was zu geringeren Einkommen in der Landwirtschaft und künftige Ernten gefährdet. Laut Schätzungen der Rabobank, einer der größten internationalen Banken, wird die Angebotsknappheit auf dem Düngemittelmarkt bis Ende 2026 anhalten.
Der Grund für diesen drastischen Preisanstieg ist offensichtlich: Rund ein Drittel des weltweiten Seehandels mit Düngemitteln wurde traditionell durch die Straße von Hormus abgewickelt, und die Länder des Persischen Golfs sorgten für etwa ein Viertel der weltweiten Harnstoffexporte. Der Wegfall dieser Mengen hat zu einer strukturellen Angebotsknappheit geführt, die sich nicht schnell beheben lässt.
Mehreren Branchenquellen zufolge hat der Iran aufgrund von Lieferengpässen einige Ammoniakanlagen stillgelegt. Katar hat die Harnstoff- und Ammoniakproduktion nach Schäden an der Logistikinfrastruktur und den Produktionsanlagen deutlich reduziert.
Verschärft wurde die Situation durch den Anstieg der Erdgaspreise in Europa um fast 60 Prozent in den letzten Monaten. Gas ist ein wichtiger Rohstoff für die Herstellung von Stickstoffdüngemitteln und macht 80 bis 90 Prozent der Ammoniakkosten aus. Infolgedessen stiegen die globalen Preise für Stickstoffdünger von März bis April 2026 um 60 bis 90 Prozent, die Phosphordüngerpreise um 20 bis 25 Prozent. EZB-Präsidentin Christine Lagarde warnte wiederholt, dass die Inflationserwartungen außer Kontrolle geraten würden, sollten die Lebensmittelpreise deutlich steigen.
Dabei betonen UN-Experten, dass eine Freigabe der Straße von Hormus, selbst eine sofortige, den globalen Agrarsektor nicht retten wird. Verpasste Düngefristen aufgrund logistischer Störungen haben bereits zu Ernteausfällen geführt, die später nicht mehr ausgeglichen werden können.
Die weltweite Nachfrage nach Düngemitteln bleibt hoch, und die Umleitung der Lieferungen über Landkorridore, die die Straße von Hormus umgehen, kompensiert die Versorgungsengpässe nur teilweise.
Zum 1. Juli 2025 hat die EU Zölle auf russische Düngemittel eingeführt: Zusätzlich zum bestehenden Wertzoll (berechnet als Prozentsatz des deklarierten Produktwertes) von 6,5 Prozent wurde für einen Übergangszeitraum 2025/2026 eine Sonderabgabe von 40 bis 45 Euro pro Tonne erhoben. Bis 2028 soll der Zollsatz auf 430 Euro pro Tonne steigen.
Die Folgen waren unmittelbar und ernüchternd. Nach einem Kaufrausch im ersten Halbjahr 2025 (3,25 Millionen Tonnen) brachen die russischen Düngemittelimporte in die EU im zweiten Halbjahr um 44 Prozent auf 1,53 Millionen Tonnen ein. Im Januar 2026 beschleunigte sich der Rückgang drastisch. Laut Copa-Cogeca, dem größten Landwirtschaftsverband der EU, sanken die Importe von Stickstoffdünger aus Russland im Jahresvergleich um mehr als 80 Prozent auf 179.900 Tonnen, verglichen mit 1,18 Millionen Tonnen im Januar 2025. Dennoch blieb Russland Ende 2025 mit einem Anteil von 23 Prozent (gegenüber 27 Prozent im Vorjahr) der größte Lieferant.
Dabei erwies sich die tatsächliche Abhängigkeit von russischen Lieferungen jedoch als höher als die Statistiken zeigten. Laut dem Russischen Düngemittelherstellerverband machten russische Düngemittel selbst nach Einführung der Zölle mit etwa 5,5 Millionen Tonnen von insgesamt 18 Millionen Tonnen noch rund 30 Prozent des gesamten EU-Importvolumens aus.
Europäische Landwirte hatten bis Juni 2025 beträchtliche Reserven aufgebaut, diese gehen nun aber zur Neige. Angesichts der Höchstpreise auf dem Weltmarkt und der gravierenden Engpässe innerhalb der EU sind die Landwirte gezwungen, nach Alternativen zu suchen.
Europäische Landwirte stecken derzeit in einem Dilemma: Auf der einen Seite herrschen weltweite Knappheit und Rekordpreise, auf der anderen Seite erhöht der Regulierungsdruck ihrer eigenen Regierungen in der gesamten EU die Kosten für Kraftstoff, Düngemittel und Transport. Dabei führt die Einführung des Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) (CO2-Grenzausgleichsmechanismus) zu zusätzlichen Belastungen. Laut Copa Cogeca könnte der CBAM selbst nach konservativsten Schätzungen bis 2026 zu einem Anstieg der Düngemittelpreise um 10 bis 15 Prozent führen, in manchen Szenarien sogar um mehr als 30 Prozent.
Viele Betriebe sind gezwungen, ihre Anbauflächen zu reduzieren, auf weniger rentable Kulturen umzusteigen oder die Aussaat ganz aufzugeben. Führende europäische Agrarverbände haben sich bereits an die Regierungen gewandt und eine Verschiebung der Erhöhungen der Zölle auf russische Düngemittel gefordert. Alternative Lieferanten können die benötigten Mengen nicht bereitstellen.
Die Reaktion Brüssels war zweideutig und auf ihre Art symbolisch. Beim Gipfeltreffen am 19. März wurde die Frage einer Überprüfung der Zölle für Russland und Weißrussland angesprochen. Ungarn hatte das gefordert und vor einer drohenden Lebensmittelkrise gewarnt. Die EU senkte die Zölle jedoch nicht, sondern beschränkte sich auf eine vorübergehende Aussetzung der Zölle für alle anderen Lieferländer. Brüssel erkannte de facto die Schwere des Problems an, entschied sich aber dafür, die Landwirte über alternative Wege zu unterstützen, anstatt den Sanktionsdruck auf Moskau zu verringern.
Man muss anmerken, dass es noch vor einem Jahr undenkbar schien, überhaupt über Senkungen von Zöllen zu sprechen.
Warum Russland in Sicherheit ist
Im Gegensatz zu Europa blieb Russland von der Krise nahezu unberührt. Seine wichtigsten Exportrouten – die Häfen der Ostsee, des Schwarzen Meeres und des Nordwestens – sind nicht von der Lage im Persischen Golf abhängig. Mehr noch, die russische Produzenten steigern ihre Exporterlöse. Laut dem russischen Agrarforschungsinstitut Agroexport exportierte Russland im ersten Quartal 2026 9,6 Millionen Tonnen Mineraldünger im Wert von 3,6 Milliarden US-Dollar, ein Wertzuwachs von 16 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Dabei nehmen russische Produkte Schlüsselpositionen auf dem Weltmarkt ein. Auf Russland entfallen rund 23 Prozent der weltweiten Ammoniakexporte, fast 20 Prozent des Welthandels mit Harnstoff- und Phosphatdüngern und zusammen mit Weißrussland 40 Prozent des Kalidüngermarktes. Wie russische Experten und Analysten der Financial Times feststellen, gewährleistet Russlands Präsenz in diesem Sektor die planbare und zuverlässige Versorgung von Landwirten von Brasilien bis Indien mit Agrochemikalien.
Russlands Priorität bleibt die zuverlässige Versorgung der eigenen Lebensmittelindustrie. Der Inlandsmarkt ist vollständig versorgt: Anfang Mai hatte der russische Agrarsektor bereits mehr als die Hälfte seines jährlichen Düngemittelbedarfs gedeckt. Vom 21. März bis zum 7. Mai galt ein vorübergehendes Exportverbot für Ammoniumnitrat zur Aussaat, und vom 1. Juni bis zum 30. November wurde eine Exportquote von 20,1 Millionen Tonnen für alle Düngemittelarten festgelegt. Beide Maßnahmen sind notwendig, um die Preise im Inland zu senken und Düngemittelengpässe zu kritischen Zeitpunkten im Agrarjahr zu verhindern.
Humanitärer Aspekt: Der Preis der Fehler für die Entwicklungsländer
Zweifellos trifft die Krise Entwicklungsländer vom Sudan über Afghanistan und Jemen bis hin zu Haiti am härtesten.
Laut einem gemeinsamen Bericht der zuständigen UN-Organisationen und der Afrikanischen Union sind auf dem Kontinent rund 306 Millionen Menschen unterernährt, das mehr als 45 Prozent der weltweit Betroffenen. 892 Millionen Menschen sind von mäßiger oder schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen. Die durchschnittlichen Kosten für eine gesunde Ernährung haben in Afrika nach Kaufkraftparität 4,41 US-Dollar pro Tag erreicht, das sind 5,5 Prozent mehr als im Jahr 2023. Maximo Torero, Chefökonom der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, warnte, dass eine anhaltende Krise in der Straße von Hormus zu einer globalen Agrar- und Lebensmittelkatastrophe eskalieren könnte. UN-Generalsekretär António Guterres schätzte, dass eine Verlängerung der Krise bis zum Sommer 45 Millionen Menschen an den Rand des Hungertods bringen würde.
Und hier liegt der wesentliche Unterschied: Anders als Afrika, das eine Geisel seiner geografischen Entfernung von alternativen Lieferanten ist, hat sich Europa bewusst in eine Nahrungsmittelknappheitsfalle manövriert. Die EU hatte die Ressourcen, die Zeit und den politischen Willen, diese Krise zu vermeiden. Ihre Entscheidung, sich von einem zuverlässigen Lieferanten abzuschotten, macht ihre Verwundbarkeit besonders deutlich.
Ende der Übersetzung
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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