Die Chronologie der Eskalation der innenpolitischen Krise in der Ukraine
In der Ukraine ist der Machtkampf fast schon zu einem Bürgerkrieg eskaliert, wenn man die Ereignisse der letzten Woche anschaut. Am Mittwoch haben in Kiew Mitarbeiter des ukrainischen Geheimdienstes SBU auf Mitarbeiter des ukrainischen Militärgeheimdienstes GUR geschossen, dann ist am Freitag eine Drohne in das Fenster des SBU-Chefs geflogen, die als russische Drohne bezeichnet wurde, worüber auch der Spiegel berichtet hat. Allerdings hat der Spiegel danach nicht berichtet, dass die Drohne in Wahrheit nahe Kiews gestartet wurde und daher ebenfalls Teil des innerukrainischen Machtkampfes ist, der vor unseren Augen eskaliert, den deutsche Medien bisher aber komplett verschweigen.
Außerdem hat das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU) am Freitag eine Durchsuchung bei der Generalstaatsanwaltschaft durchgeführt und am Samstag mitgeschnittene Gespräche veröffentlicht, die belegen, dass Mitarbeiter der Generalstaatsanwaltschaft und auch der Generalstaatsanwalt selbst Callcenter gedeckt haben, deren „Geschäftsmodell“ Telefonbetrug ist, mit dem sie in erster Linie in Russland, aber auch in Europa, Geld ergaunern. Mitarbeiter der Generalstaatsanwaltschaft haben diese Callcenter geschützt und die Einnahmen gewaschen, wobei sie natürlich ihren Anteil bekommen haben, der sich pro Monat auf zweistellige Millionenbeträge summiert haben soll.
All dies (und noch einige andere Skandale der jüngsten Vergangenheit) gehört zusammen und ist Teil eines komplizierten Machtkampfes mit mehreren Fronten, wie wir in diesem Artikel sehen werden.
In diesem Artikel werde ich die Chronologie der Geschichte aufzeigen, die schon zu Beginn des Jahres 2025 ihren Anfang genommen hat, wahrscheinlich sogar früher. Am Ende des Artikels gehe ich auch ausführlich auf die aktuellen Ereignisse ein.
Dies wird also mal wieder ein sehr langer Artikel, aber ich denke, es ist wichtig, diese Chronologie mal in einem Artikel aufzuzeigen. Dieser Artikel soll keine Analyse sein, er zeigt nur die Ereignisse auf. Und da er chronologisch aufgebaut ist, liest er sich sehr interessant, wie ich beim Korrigieren festgestellt habe.
Das NABU
Zum Verständnis müssen wir ins Jahr 2014 zurückgehen, denn damals wurde auf Druck des damaligen US-Vizepräsidenten Joe Biden, der in der Obama-Administration nach dem Maidan für die Ukraine zuständig war, das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU) gegründet. Ich kann hier nicht alle Details darüber erzählen, das würde den Rahmen sprengen. Aber da das NABU in meinem Buch „Das Ukraine-Kartell“ eine wichtige Rolle gespielt hat, habe ich die entsprechenden Passagen als Leseproben veröffentlicht. Wer mehr über das NABU erfahren möchte, findet darin die wichtigsten Informationen. Hier geht es zu Teil 1, hier zu Teil 2 und hier zu Teil 3.
Da Sie die Details bei Interesse in den Leseproben nachlesen können, will ich hier nur in aller Kürze erklären, was das NABU ist. Es wurde nach dem Maidan von der US-Regierung unter dem Vorwand der Bekämpfung der Korruption gegründet und unterstand vom ersten Tag an den USA. In der US-Botschaft in Kiew war extra ein FBI-Vertreter stationiert, der das NABU de facto geleitet hat.
Mit dem NABU konnte die US-Regierung die Ukraine kontrollieren, weil das NABU gegen jeden, der die Pläne der USA stört, ein Korruptionsverfahren starten kann. Und natürlich schaut das NABU bei krummen Geschäften der Leute, die den USA treu ergeben sind, großzügig weg. Das NABU ist daher das vielleicht wichtigste Instrument, das der Westen zur Kontrolle der Ukraine hat. Neben dem NABU wurde nach dem gleichen Vorbild auch die Spezielle Anti-Korruptionsstaatsanwaltschaft (SAP) gegründet.
Im Westen wird das NABU als „unabhängig“ bezeichnet, was natürlich nicht stimmt, dafür aber schön klingt. Das NABU ist nur unabhängig von der ukrainischen Regierung, aber vollkommen abhängig von den USA und inzwischen wohl auch teilweise von der EU.
Wer gegen wen?
Da man bei all den Behörden, die in der Ukraine gegeneinander arbeiten, schnell den Überblick verlieren kann, wollen wir uns das kurz einmal anschauen, bevor wir zu den Ereignissen selbst kommen.
Der Geheimdienst SBU, die Generalstaatsanwaltschaft und auch die Gerichte stehen direkt oder indirekt unter der Kontrolle von Selenskys Büro.
Das NABU und die SAP stehen unter der Kontrolle des Westens, wobei derzeit nicht ganz klar ist, ob die EU oder die USA den größeren Einfluss auf sie haben, denn laut ukrainischen Medien hatten die US-Demokraten die Macht über NABU und SAP und die haben die Macht angeblich an die EU weitergegeben, um sie so gut wie möglich dem Zugriff von Trump zu entziehen. Ob das so ist, lässt sich derzeit nicht sicher sagen, aber in jedem Fall sind die beiden „unabhängigen“ Antikorruptionsbehörden unter der Kontrolle des Westens.
Wer den ukrainischen Militärgeheimdienst GUR kontrolliert, ist mir nicht ganz klar. Ist es das Verteidigungsministerium? Oder die Armeeführung? Oder ist es Kirill Budanow? Budanow war lange Jahre Chef des GUR und hat den GUR sehr viel mächtiger gemacht, als er vorher war. Vor kurzem wurde Budanow, der im Falle von Wahlen in der Ukraine auch als möglicher Konkurrent von Selensky gilt, zum Büroleiter von Selensky ernannt, also zu Jermaks Nachfolger. Es ist daher eine interessante Frage, wer den GUR derzeit kontrolliert, denn möglicherweise findet der Machtkampf gegen Selensky, den wir uns nun anschauen werden, bereits mitten in seiner Präsidialverwaltung statt.
Sommer 2025: Der Streit wird öffentlich
Als im Westen die Unzufriedenheit mit Selensky und vor allem seinem damaligen Büroleiter Andrej Jermak immer weiter wuchs, begann das NABU Anfang 2025 offen wegen Korruption in Selenskys Umfeld zu ermitteln. Am 23. Juni 2025 erhob das NABU Korruptionsvorwürfe gegen Alexej Tschernyschow, den damaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten und Minister für Nationale Einheit der Ukraine, der als einflussreiche Persönlichkeit in Selenskys Umfeld galt.
Selensky und Jermak kündigten daraufhin an, die ukrainischen Gesetze so zu ändern, dass das NABU unter die direkte Kontrolle von Selenskys Büro, also unter die Kontrolle von Jermak, kommen sollte. Jermak war damals in der Ukraine die graue Eminenz und man munkelte, dass Jermak Selensky kontrollierte und nicht umgekehrt.
Daraufhin erhöhte der Westen den Druck. Mitte Juli 2025 erschien in der Financial Times ein Artikel, in dem Selensky und sein Apparat heftig dafür kritisiert wurden, dass sie zunehmend autoritär regierten und brutal gegen Kritiker vorgingen, indem der (Selensky direkt unterstellte) Geheimdienst SBU bei Selensky-Kritikern ohne gerichtliche Anordnung Razzien und Wohnungsdurchsuchungen durchführt. So deutliche Kritik an Selensky hatte es im Westen zuvor nicht gegeben.
Die Financial Times berichtete, dass der SBU unter dem Vorwand von Korruptionsvorwürfen gegen Kritiker von Selensky und Jermak vorging, die in Selenskys Umfeld wegen Korruption recherchierten. Konkret wurden in dem Artikel die NGO AntAC und ihre Gründer genannt, zu denen wir gleich noch kommen.
Am 21. Juli 2025 führte der (von Selensky kontrollierte) SBU 70 Durchsuchungen bei Mitarbeitern des NABU und Untersuchungen bei der SAP durch und meldete die Festnahme des Leiters der interregionalen Detektivabteilung des NABU. Außerdem erhob das Staatliche Ermittlungsbüro Anklage gegen drei NABU-Mitarbeiter wegen eines Verkehrsunfalls. Später nahm der SBU einen weiteren Mitarbeiter des NABU wegen angeblichen Hochverrats fest.
Das NABU erklärte, die Durchsuchungen seien ohne Gerichtsbeschluss durchgeführt worden und es sei Gewalt angewendet worden, obwohl der Festgenommene keinen Widerstand geleistet habe.
Selensky will die Kontrolle über das NABU
Am folgenden Tag fand in der Rada die Abstimmung über die Unterstellung des NABU und der SAP unter die Generalstaatsanwaltschaft statt. Die Generalstaatsanwaltschaft untersteht in der Ukraine de facto dem Präsidenten, es ging also darum, dem Westen die Kontrolle über NABU und SAP zu entreißen und sie unter Selenskys und Jermaks Kontrolle zu stellen.
Die Abstimmung in der Rada verlief turbulent und einige Abgeordnete versuchten, die Debatte zu verhindern, indem sie das Rednerpult blockierten. Das änderte aber nichts daran, dass das Gesetz schließlich mit 263 gegen 13 Stimmen angenommen wurde.
Daraufhin protestierte der Westen heftig. Die EU drohte sogar, jedwede Unterstützung der Ukraine einzustellen, wenn diese Gesetze nicht rückgängig gemacht würden. Das alleine zeigt schon, wie wichtig dem Westen das NABU und die SAP als Kontrollinstrumente über die Ukraine sind. Außerdem begannen sofort Straßenproteste gegen die von Selensky durchgedrückten Gesetze.
Der Streit wurde im Westen von ungewohnt Selensky-kritischen Medienberichten begleitet, in denen die schon erwähnte ukrainische NGO Anti-Corruption Action Center (AntAC) eine wichtige Rolle spielte. Diese NGO war Organisator und Koordinator der Proteste, die die Ukraine nun zu beherrschen drohten.
AntAC wurde 2012 gegründet und erhielt seine ersten Finanzspritzen aus Anlass seiner Gründung von den Soros-Stiftungen, der US-Regierung, der britischen Botschaft in Kiew, dem tschechischen Außenministerium und einer holländischen Organisation. Viel geändert hatte sich daran bis heute nicht, denn AntAC schrieb 2025 (und schreibt es auch heute noch) auf seiner Seite stolz, es werde von der US-Regierung, der EU und EU-Mitgliedsstaaten und privaten Stiftungen finanziert. Darja Kalenjuk, die Geschäftsführerin von AntAC war 2022 übrigens Teilnehmerin der Young Global Leaders des Weltwirtschaftsforums von Klaus Schab, was einmal mehr bestätigt, dass sie im Westen bestens vernetzt ist.
Damit ist offensichtlich, wer hinter den damaligen Protesten in der Ukraine gegen Selensky und seine Übernahme des NABU stand: Es war die EU.
Die Proteste in der Ukraine und die schlechte Presse für Selensky im Westen dauerten eine Woche an, dann knickte Selensky schließlich ein und ließ die Gesetze rückgängig machen, womit NABU und SAP wieder unter Kontrolle des Westens waren.
August und September 2025: Zwischen zwei Akten des Dramas
Am 11. August berichtete die türkische Zeitung Aydınlık, dass Selensky und sein Umfeld monatlich 50 Millionen Dollar an Korruptionsgeldern auf Bankkonten überweisen, die zwei in den Vereinigten Arabischen Emiraten ansässigen Unternehmen gehören.
Ende August 2025 kam AntAC wieder ins Spiel und warf dem Chef des ukrainischen Sicherheitsrates und ehemaligen Verteidigungsminister Umerow vor, er und seine Familie würden in den USA Immobilien im Wert von fast zehn Millionen Dollar besitzen oder mieten. Das wurde bestätigt, aber danach fragte niemand, woher Umerow das Geld für diese Immobilien hatte. Dass Umerow ein enger Kumpel von Selensky ist, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.
Am 2. September 2025 erhob das NABU wegen unrechtmäßiger Bereicherung und falschen Angaben zu Vermögen Anklage gegen Brigadegeneral Ilja Witjuk, den ehemaligen Leiter der Cybersicherheitsabteilung des SBU. Ukrainische Medien hatten schon im Frühjahr 2024 berichtet, der SBU-General habe für eine halbe Million Dollar eine Wohnung in Kiew gekauft und auf seine Ehefrau registriert. Daraufhin verlor er seine Posten als Abteilungsleiter beim SBU, aber weitere Konsequenzen hatte der Fall nicht. Anderthalb Jahre lang fragte keine Behörde danach, woher ein ukrainischer Beamter das Geld hat, sich eine 500.000-Dollar-Wohnung zu kaufen.
November 2025: Die Minditsch-Bänder
Am 31. Oktober 2025 veröffentlichte Politico einen Artikel mit der Überschrift „Die dunkle Seite von Selenskys Herrschaft“, in dem es unter anderem wieder um Darja Kalenjuk von AntAC ging, gegen die Selensky wieder vorgehen wollte.
Am 10. November 2025 veröffentlichte das NABU Gespräche, die es heimlich in der Wohnung von Timur Minditsch aufgezeichnet hatte. Minditsch war Mitinhaber von Selenskys Produktionsfirma, mit der er als Komiker sein Geld verdient hat, und galt als Selenskys „Geldbeutel“.
Das NABU teilte mit, es habe im Zuge der Ermittlungen 1.000 Stunden Audioaufnahmen gesammelt, in denen Leute aus Selenskys engstem Umfeld in der Wohnung von Selenskys altem Freund Minditsch, der als Selenskys „Aufseher“ im Energiesektor galt, darüber gesprochen haben, wie sie dem Staatskonzern Energoatom 100 Millionen Dollar EU-Hilfsgelder klauen, mit denen die Energieinfrastruktur der Ukraine repariert werden sollte.
Minditsch wurde offensichtlich kurz vor dem Zugriff des NABU gewarnt und es gelang ihm, die Ukraine im letzten Moment zu verlassen, während andere Komplizen von ihm verhaftet wurden. Minditsch lebt seitdem unbehelligt in Israel.
Der ehemalige Minister Tschernyschow, gegen das NABU schon seit Sommer 2025 ermittelte, war auch auf den Bändern zu hören, er war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Bänder aber schon seit zwei Monaten in Untersuchungshaft. Nun wurde auch Igor Mironjuk, ein ehemaliger Berater des Energieministers, in Untersuchungshaft genommen. Dmitri Basow, der Sicherheitsdirektor von Energoatom, und der Geschäftsmann Igor Fursenko wurden ebenfalls festgenommen. Zwei Mitarbeiterinnen aus Minditschs sogenanntem Backoffice, wurden gegen Kaution freigelassen.
Auf den Tonaufnahmen aus Minditschs Wohnung sind laut NABU etwa 40 weitere Personen zu hören. Das NABU hat ihre Namen noch nicht veröffentlicht. Auch hat das NABU bis heute nur sehr kleine Teile der 1.000 Stunden Audioaufnahmen veröffentlicht.
All das zeigt, dass es bei den Veröffentlichungen des NABU nicht um den Kampf gegen Korruption geht, sondern um Druck und Drohungen, denn die Beteiligten, die bisher nicht angeklagt wurden, wissen natürlich, dass es sie jederzeit treffen kann. Dass dieser Druck letztlich Selensky gilt, ist offensichtlich.
Übrigens zeigte dieser in der Ukraine heute als „Minditschgate“ bekannte Fall, dass der Westen bestens über die Machenschaften in Kiew und die Unterschlagungen von hunderten Millionen westlicher Hilfsgelder informiert ist, denn bei Energoatom sind im Aufsichtsrat westliche „Aufseher“ platziert, deren wichtigste Aufgabe offiziell der Kampf gegen Korruption ist. Damit aber nicht genug, denn sogar der Finanzchef von Energoatom, unter dessen Augen Minditsch und seine Komplizen mit Rechnungen über Leistungen und Arbeiten, die nie erbracht wurden, 100 Millionen geklaut haben, war ein Deutscher.
Das zeigt, dass man im Westen genau weiß, wie korrupt die Ukraine ist. Und die Tatsache, dass all das unter den Augen der „Anti-Korruptionsaufseher“ aus dem Westen geschieht, wirft den starken Verdacht auf, dass gewisse Leute im Westen ihren Anteil bekommen. Warum sonst sollte man im Westen einfach wegsehen, wenn die westlichen Hilfsgelder in der Ukraine im großen Stil unterschlagen werden?
Jermaks Sturz
Womit Selensky den Westen so verärgert hat, dass das NABU ihm im November so eng auf die Pelle rückte, wie noch nie zuvor, darüber kann man nur spekulieren. Einerseits dürfte es um einen Streit mit der EU gehen, zu dem wir noch kommen, ein weiterer Grund könnte gewesen sein, dass Selensky sich im November 2025 gegen eine Friedensinitiative von Trump stellte, was der Grund dafür sein könnte, dass man nun Jermak, Selenskys wichtigsten Mann, abservieren wollte.
Nachdem die erste Veröffentlichung des NABU im Büro von Selensky nicht zu einem Umdenken geführt hatte, tauchten am 17. November Informationen auf, wonach Jermak möglicherweise hinter dem Pseudonym Ali Baba steckt, der laut den Bändern bei dem Betrug eine Schlüsselrolle gespielt hat.
Am 28. November durchsuchte das NABU schließlich Jermaks Wohnung und Büro. Am Abend des gleichen Tages hat Selensky Jermak per Dekret entlassen.
Am gleichen Tag soll es in Israel übrigens einen Mordanschlag auf Minditsch gegeben haben, bei dem die Täter jedoch in das falsche Haus eindrangen und eine Hausangestellte mit mehreren Messerstichen verletzt haben.
April und Mai 2026: Die Rolle der EU
Die EU hat im Dezember 2025 bekanntlich den 90-Milliardenkredit für die Ukraine beschlossen, der es der Ukraine ermöglichen soll, den Krieg gegen Russland zwei weitere Jahre fortzusetzen. Davon sollen 30 Milliarden in den ukrainischen Haushalt gehen und für 60 Milliarden sollen bei europäischen Rüstungskonzernen Waffen für die Ukraine gekauft werden.
Was im Westen nicht thematisiert wird, ist, dass die EU die Bereitstellung dieser Gelder an die Umsetzung von „Reformen“ in der Ukraine knüpft. Im April 2026 haben ukrainische Medien und Abgeordnete nämlich mitgeteilt, dass die von der EU geforderten Reformen die Befugnisse des NABU und der SAP, die Selensky so gerne unter seine Kontrolle bekommen möchte, sogar noch erweitern sollen. Außerdem sollen die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft, das Staatliche Ermittlungsbüro, das Innenministerium, die Hohe Richterkommission und das Verfassungsgericht unter die Kontrolle der EU gestellt werden.
Mit anderen Worten: Die EU will nach dem Vorbild von NABU und SAP die Kontrolle über alle Strafverfolgungsorgane der Ukraine übernehmen. Außerdem sollen das NABU die SAP nach dem Willen der EU künftig ohne die Generalstaatsanwalt Anklage gegen Mitglieder der Werchowna Rada erheben können. Insgesamt sollen dazu 17 Gesetzesänderungen beschlossen werden, aber Selensky weigert sich, diese ins Parlament zu bringen.
Im Mai 2026 hat das NABU neue Tonbandmitschnitte veröffentlicht, in denen es um Geldwäsche beim Bau von Luxusimmobilien im Kiewer Umland ging, an denen Jermak beteiligt sein soll, dessen Wohnung das NABU in der Nacht auf den 12. Mai wegen der neuen Anklage erneut durchsucht hat. Bei der Anklage ging es um das Waschen von Schwarzgeld durch den Bau von vier Luxusresidenzen im Kiewer Umland. Die von Jermak zur Geldwäsche genutzten Residenzen in der exklusiven Ferienanlage „Dynasty“ bei Kiew waren laut der „Ukrainskaja Pravda“ für Jermak selbst, den schon mehrfach erwähnten ehemaligen stellvertretenden Ministerpräsidenten Tschernyschow, Minditsch und Selensky bestimmt.
Für diese Anklage, und nicht etwa wegen der Veröffentlichung der „Minditsch-Bänder“ vom November 2025, die ihn den Job gekostet haben, wurde Jermak schließlich verhaftet und dann mit der Fußfessel unter Hausarrest gestellt.
Trotz dieser erneuten offenen Warnung weigerte sich Selensky weiter, die von der EU geforderten „Reformen“ endlich umzusetzen.
Juni und Juli 2026: Mord und Mordanschlag
Am 29. Juni 2026 wurde in Monaco ein Bombenanschlag auf den ukrainischen Oligarchen Wadim Jermolajew und seine Familie verübt. Jermolajew besitzt in der Ukraine ein ganzes Netz von Callcentern, die auf Telefonbetrug spezialisiert sind und ihre ahnungslosen Opfer vor allem in Russland, aber auch in Europa, um teilweise große Summen betrügen. Da dabei vor allem Russen geschädigt werden und Millionenbeträge in die Ukraine fließen, wird darüber im Westen der Mantel des Schweigens gelegt. Das geht so weit, dass es in Politik und Medien in Europa auch keinen Aufschrei gab, als Jermolajews Sohn im Baltikum Callcenter gegründet hat, die in Europa anstatt Russland mit Telefonbetrug Geld gemacht haben. Der Sohn wurde im Baltikum nur zu einer Bewährungsstrafe verurteilt und schnell in die Ukraine abgeschoben.
Den Bombenaschlag verübte die in Deutschland lebende Ukrainerin Anastasia Beresovskaja, danach ist sie zu Fuß nach Frankreich geflohen und mit einem Auto nach Frankfurt gefahren. Nach Angaben der ukrainischen Behörden traf sie am 1. Juli in der Ukraine ein. Am 3. Juli, an dem Tag, als ihre Identität bekannt wurde und Interpol sie zur internationalen Fahndung ausschrieb, wurde sie mit vier Schüssen in den Hinterkopf regelrecht hingerichtet und am 6. Juli wurde ihre Leiche nahe Kiew gefunden.
Sofort nach Entdeckung der Leiche hat der SBU zwei Tatverdächtige verhaftet, die beide sofort gestanden haben. Einer ist ein aktiver Offizier des GUR, in dessen Keller sogar eine Folterkammer gefunden wurde, der zweite ist ein ehemaliger SBU-Offizier. Im Zuge der Ermittlungen über den Mord an Beresovskaja wurde bekannt, dass offensichtlich der ukrainische Militärgeheimdienst GUR den Mordanschlag in Monaco befohlen hat, denn ihre Mörder haben die Kosten der Operation in Höhe 150.000 Dollar getragen und mit Geld- und Krypotüberweisungen bezahlt. Woher sollen sie das Geld gehabt haben, wenn nicht vom GUR? Zumal die beiden keinerlei eigenes Motiv hatten, Jermolajew zu töten und dafür aus eigener Tasche 150.000 Dollar zu bezahlen.
Interessant ist, dass hier zum ersten Mal vollkommen klar wurde, dass die ukrainischen Geheimdienste SBU und GUR offen gegeneinander arbeiten, denn es war der SBU, der den Mord an Beresovskaja durch einen GUR-Agenten und die offensichtliche Verstrickung des GUR in den Bombenanschlag von Monaco öffentlich gemacht hat.
Juli 2026: Die Personalie Fjodorow
Am 16. Juli feuerte Selensky im Zuge einer Regierungsumbildung den ukrainischen Verteidigungsminister Michail Fjodorow (in deutschen Medien auch als „Mychajlo Fedorow“ bezeichnet). Fjodorow ist mit 35 Jahren noch sehr jung und er war in Selenskys Wahlkampf 2018/19 Experte für Social Media Marketing (SMM). Nach Selenskys Wahlsieg wurde er schnell stellvertretender Ministerpräsident und Minister für digitale Transformation und stieg später zum Ersten Stellvertretenden Ministerpräsidenten auf. In diesen Positionen knüpfte Fjodorow enge Kontakte zu den Chefs amerikanischer Technologiekonzerne, darunter Palantir, sowie zu führenden Persönlichkeiten europäischer Institutionen und Länder. Mit anderen Worten: Fjodorow ist bei den Entscheidungsträgern im Westen bestens vernetzt.
Fjodorow kann sich gut präsentieren und er wurde in der Ukraine immer beliebter, weil er dem von Korruption zerfressenen Verteidigungsministerium ein modernes Image gab. Das wirkte in der Ukraine, wo die verzweifelten Menschen nach jedem Strohhalm greifen. Außerdem war Fjodorow auch im Westen sehr beliebt und bei den westlichen Politikern bestens vernetzt. Pistorius war voll des Lobes für Fjodorow und machte beispielsweise bei einem Ukraine-Besuch ein gemeinsames Interview mit ihm.
Fjodorow wurde im Frühjahr in der Ukraine bereits als künftiger Ministerpräsident gehandelt und vor dem Hintergrund des immer mehr eskalierenden Streits des Westens mit Selensky sah Selensky in Fjodorow eine Gefahr und feuerte ihn, bevor der Westen ihn möglicherweise als Selensky-Nachfolger aufbauen konnte. So geht Selensky immer wieder vor, vor zweieinhalb Jahren hat Selensky beispielsweise Walery Saluschny gefeuert, den bis heute in der Ukraine beliebten ehemaligen Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, bevor der zu mächtig wurde.
Was darauf folgte, erinnert an die Ereignisse vom letzten Sommer, als Selensky das NABU unter seine Kontrolle bringen wollte: Der Westen stellte sich hinter Fjodorow und vom Westen finanzierte NGOs organisierten landesweite Proteste gegen die Entlassung von Fjodorow.
Dieses Mal wollte Selensky aber nicht nachgeben. Da das Parlament einen Monat Sommerpause hatte, setzte er darauf, dass sich die Lage beruhigt, bis er dem Parlament Mitte August einen neuen Kandidaten für das Amt des Verteidigungsministers vorschlagen würde.
Der Showdown am 19. August 2026
Aber Selenskys Rechnung ging nicht auf und der 19. August, an dem das Parlament Selenskys neuen Verteidigungsminister bestätigen sollte, wurde zu einem wahren Showdown. Der neue Verteidigungsminister sollte Jewgeni Chmara werden, ein Selensky treu ergebener Mann, der beim SBU Karriere gemacht hat und zuletzt SBU-Chef gewesen ist.
Der 19. August begann damit, dass Fjodorow am Morgen eine Videoansprache veröffentlichte, in der die Notwendigkeit von Wahlen betonte. Er kritisierte insbesondere die Korruption der Regierung und merkte an, dass diese lediglich das Symptom einer „systemischen Regierungskrise“ sei. Die Regierung müsse nun die Bürger fragen, ob sie ihr weiterhin vertrauen.
Fast gleichzeitig ging das NABU zum Angriff über, veröffentlichte neue Tonmitschnitte und führte Hausdurchsuchungen durch. Es gehe um die Aufdeckung einer kriminellen Organisation. Laut dem NABU gehörten zu der Gruppe Irina Mudraja, die Stellvertreterin von Selenskys Büroleiter Budanow, ein aktives und ein ehemaliges Mitglied der Rada, der Vorstandsvorsitzende einer staatlichen Bank und weitere Personen.
In den vom NABU dazu veröffentlichten 24 Minuten abgehörter Gespräche sagt Mudraja unter anderem, sie habe mit dem „israelischen Flüchtling“ gesprochen, und stellt dann klar, dass damit Minditsch gemeint ist. Sie behauptet, er habe sie angewiesen, die Kontrolle über die Sense-Bank zu übernehmen und deren Gelder zu verwenden, um die Kaution für den ehemaligen Energie- und Justizminister und Minditschs Komplizen Herman Galuschtschenko zu stellen, der im Februar wegen „Minditschgate“ verhaftet wurde.
Selensky hat Mudraja noch am gleichen Tag entlassen und am Abend wurde bekannt, dass das NABU Anklage gegen sie erhoben hat. Sie sitzt nun bereits seit über zwei Wochen in Untersuchungshaft, weil die Kaution in Höhe von 20 Millionen Griwna (ca. 450.000 Dollar) bisher nicht aufgebracht werden konnte.
Aber all diese Bemühungen von Fjodorow und NABU (also dem Westen) hatten nicht das gewünschte Ergebnis, denn in der Rada fand sich später am Tag eine Mehrheit für die Wahl von Chmara, der damit zum Nachfolger von Fjodorow als Verteidigungsminister wurde.
Die EU zeigt Selensky die kalte Schulter
Nur drei Tage später, am Samstag, dem 22. August, besuchte der deutsche Außenminister Wadephul die Ukraine. Deutsche Medien berichteten breit über die Solidarität, die Wadephul Selensky im Kampf gegen Russland versicherte. Was man in deutschen Medien hingegen nicht erfuhr, war, dass Wadephul gegenüber der ukrainischen Regierung die Notwendigkeit betonte, dass die Antikorruptionsbehörden bei ihrer Arbeit nicht behindert werden dürften, und dass die für den EU-Beitritt notwendigen Reformen, zwar herausfordernd, aber unerlässlich seien. Das Wirtschaftsportal RBC-Ukraine zitierte Wadephul mit den Worten, deshalb sei „die unabhängige Arbeit des NABU und der SAP besonders wichtig“.
Der Hinweis auf die Unabhängigkeit von NABU und SAP war angesichts der Anklagen , die das NABU nur zwei Tage zuvor gegen Mitglieder aus Selenskys engstem Umfeld erhoben hat, eine Ohrfeige für Selensky. Und dass Wadephul das zusammen mit den „für den EU-Beitritt notwendigen Reformen“ erwähnte, womit die 17 von der EU geforderten Gesetzesentwürfe gemeint sein dürften, mit denen die EU ihre Kontrolle über die Ukraine zementieren und Selensky (oder besser gesagt, die ukrainische Regierung generell) faktisch entmachten will, war ein weiterer Wink mit dem Zaunpfahl.
Am Montag, dem 24. August, hat die Ukraine ihren 35. Unabhängigkeitstag gefeiert. Zu den Feierlichkeiten sind jedoch erstaunlich wenige Politiker aus Europa angereist, die sonst immer und überall erklären, sie würden die Unabhängigkeit der Ukraine schützen. Und Wadephul, der am Samstag und Sonntag in der Ukraine war, reiste aus Kiew ab, ohne am Montag an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Angesichts des Streits der EU mit Selensky ist verständlich, warum weder Präsident Macron noch Bundeskanzler Merz noch EU-Außenamtschefin Kallas noch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zum Unabhängigkeitstag der Ukraine nach Kiew gereist sind.
Dafür bekam Selensky von der EU zum 25. Unabhängigkeitstag „Geschenke“, allerdings in Form weiterer Details zu den Korruptionsvorwürfen. Überreicht hat die Geschenke die von der EU finanzierte und kontrollierte NGO AntAC. AntAC veröffentlichte an dem Tag, dass Irina Mudraja, deren Kaution auch nach zwei Wochen noch nicht zusammengekommen ist, nicht deklarierte Einkünfte von monatlich 20.000 US-Dollar hatte. Laut AntAC legte das NABU im Prozess gegen Mudraja einen Gesprächsmittschnitt vor, der das bestätigte.
Fjodorow vs. Selensky
Fjodorow erklärte am folgenden Tag, die Ukraine verliere allmählich den Krieg gegen Russland, und dass die Ukraine dringend einen Plan zur Beendigung des Konflikts brauche. Gleichzeitig leide die Ukraine unter „der Unfähigkeit, Innovationen einzuführen, tief verwurzelter Korruption und Vetternwirtschaft sowie mangelnder politischer Unabhängigkeit der staatlichen Institutionen“, was natürlich auch wieder ein direkter Angriff auf Selensky war.
Danach hat Fjodorow die Ukraine verlassen, was in der Ukraine, wo für Männer im wehrfähigen Alter ein Ausreiseverbot gilt, für Fragen gesorgt hat. Zunächst war er in Italien, wo er zum Berater des italienischen Verteidigungsministers Guido Crosetto ernannt wurde, was man nur als weiteres deutliches Signal der Unterstützung Fjodorows durch die Europäer werten kann.
Danach reiste er nicht weniger demonstrativ auch noch in die USA, wo er am 1. September erklärte, er treffe sich mit Investmentfonds, um Finanziers für neue Militärtechnik zu finden. Dass der offen als Gegner Selenskys auftretende Fjodorow auch in Washington mit offenen Armen empfangen wurde, ist ein weiteres Zeichen dafür, dass Selensky im Westen keine große Unterstützung mehr hat.
Vorladungen des ukrainischen Parlaments, das ihn zur Befragung in Fachausschüssen vorlädt, ignoriert Fjodorow währenddessen demonstrativ.
Dass Selensky im Westen den Rückhalt verliert, zeigte auch ein Artikel, der am 3. September in Foreign Policy, der Zeitung des sehr mächtigen Thinktank Council in Foreign Relations, erschienen ist und der faktisch mit der Aufforderung endet, Selensky zu stürzen.
Der Bürgerkrieg der Geheimdienste
In der Nacht auf den 2. September fand in Kiew auf offener Straße eine Schießerei statt, bei der, wie sich herausstellte, Mitarbeiter des GUR und des SBU aneinander geraten sind. Im Ergebnis wurden drei GUR-Mitarbeiter teilweise schwer verletzt.
Laut Meldungen hatte die SBU-Spezialeinheit Alpha den GUR-Mitarbeiter Stepan Kaplunow entführt und an einen unbekannten Ort gebracht. GUR-Beamte fanden jedoch schnell heraus, wohin ihr Kollege gebracht worden war, und machten sich auf den Weg, um ihn zu befreien. Als sie an der Adresse ankamen, trafen sie auf Mitglieder der Spezialeinheit Alpha, die Kaplunow, wie sie sagten, zu „Ermittlungszwecken“ mitgenommen hatten. Zunächst verlief das Gespräch ruhig und sachlich, doch dann eskalierte die Situation plötzlich und die SBU-Beamten eröffneten das Feuer auf Kaplunow und seine Befreier.
Kaplunow ist sowohl Mitarbeiter des GUR als auch Mitglied des Russischen Freiwilligenkorps, und er war Meldungen zufolge auch in den Mordanschlag auf den ukrainischen Oligarchen Wadim Jermolajew in Monaco verwickelt. Das Russische Freiwilligenkorps ist ein Zusammenschluss neonazistischer Exilrussen, die auf Seiten der Ukraine Krieg gegen Russland führen, siehe beispielsweise hier.
Damit liegt es auf der Hand, dass die Schießerei zwischen den Agenten von SBU und GUR mit dem Mordanschlag von Monaco, oder besser gesagt, mit den Hintergründen des Mordanschlages zusammenhängt, bei dem SBU und GUR offensichtlich gegeneinander arbeiten.
Am Freitag, dem 4. September, ist eine Drohne direkt in das Fenster des Büros des kommissarischen SBU-Chefs Alexander Poklad geflogen und dort explodiert, wobei wohl niemand verletzt wurde. Deutsche Medien 📋 Vollständig gespiegelt von anti-spiegel.ru