Der Spiegel lügt bewusst über den ukrainischen Angriff auf Starobelsk und die russische Reaktion
Am 22. Mai hat die Ukraine in der Ortschaft Starobelsk im Gebiet Lugansk das Schülerwohnheim einer Berufsschule angegriffen, in der Erzieher ausgebildet werden. Dabei wurden 21 junge Menschen, zumeist Mädchen, getötet und fast 50, zum Teil Minderjährige, verletzt.
Da der Westen das ukrainische Kriegsverbrechen bestritten hat und da die Ukraine behauptet, es habe sich dabei um ein militärisches Ziel gehandelt, hat das russische Außenministerium alle in Russland akkreditierten ausländischen Journalisten eingeladen, umgehend den Ort der Tragödie zu besuchen, um sich selbst ein Bild zu machen.
Die Einladung galt natürlich vor allem westlichen Mainstream-Medien, wie beispielsweise auch dem Spiegel, die in ihren Berichten behaupteten, es gäbe keine Möglichkeit, die russischen Angaben unabhängig zu überprüfen. Wenn Russland ihnen diese Möglichkeit gibt, nehmen sie sie jedoch nicht wahr, und verschweigen ihrem Publikum auch, dass ihnen diese Möglichkeit gegeben wurde.
Wie nicht anders zu erwarten, haben daher kaum westliche Mainstream-Medien die Einladung angenommen. So erklärte CNN beispielsweise, es sei Urlaubszeit und daher können man niemanden schicken, während die BBC erklärte, sie nehme solche Einladungen generell nicht an, was natürlich gelogen ist, denn wenn beispielsweise die Ukraine zu so etwas einlädt, ist die BBC immer dabei. Deutsche Mainstream-Medien waren keine bei der Reise dabei, ich war der einzige Deutsche. Meinen Bericht finden Sie hier.
Von westlichen Mainstream-Medien haben nur der ORF (zwei russische Mitarbeiter), der italienische TV-Sender Rai (ein ganzes Team aus Italienern und russischen Mitarbeitern) und die italienische Zeitung La Stampa (ein Italiener namens Pigni) die Einladung angenommen.
Über eine Woche nach dem Angriff hat der Spiegel unter der Überschrift „Umstrittene Attacke auf Starobilsk – Warum haben ukrainische Truppen ein Studierendenwohnheim angegriffen?“ darüber berichtet. Eine der Autorinnen, die den Artikel geschrieben haben, war Ann-Dorit Boy, eine eingefleischte Anti-Russin der Spiegel-Redaktion.
Die Tragödie und die westlichen Medien
Der Artikel war wenig überraschend reichlich tendenziös und voreingenommen und die Ereignisse wurden darin in Frage gestellt. Allerdings wurde in dem Artikel dann auch über den Besuch westlicher Journalisten berichtet und der Spiegel schrieb:
„Die russischen Behörden luden ausländische Journalisten – unter ihnen auch namhafte westliche Medien – zu einer Pressereise nach Starobilsk ein.“
Hier stellt sich mir die Frage, warum das Spiegel-Büro in Moskau die Einladung nicht angenommen hat, damit sich Spiegel-Mitarbeiter ein eigenes Bild von dem Ereignis machen können, aber dazu schreibt der Spiegel nichts.
Weiter heißt es in dem Artikel:
„Der italienische Journalist Giovanni Pigni, der für die Tageszeitung »La Stampa« aus Russland berichtet, nahm an dem Trip teil. Er besichtigte nach eigenen Angaben das zerstörte Wohnheim und sprach mit einigen Augenzeugen, etwa einem der Rettungsarbeiter. Pigni betont auf X, dass die Reise von den russischen Behörden organisiert und streng kontrolliert gewesen sei. »Man hat uns nicht erlaubt, mit Opfern oder Anwohnern zu sprechen«, sagte Pigni. Auch andere Teilnehmer berichteten, dass sie sich nicht frei bewegen und die Umgebung der Hochschule nicht selbst besichtigen konnten. Laut Pigni war es ein Ziel dieser Pressereise, »westliche Reporter als Werkzeuge im Informationskrieg zu benutzen«.“
Dem muss ich widersprechen, denn „streng kontrolliert“ war die Reise nicht. Wir wurden mit einem Reisebus zum Ort der Tragödie gebracht und konnten uns dort frei bewegen. Auch dass es nicht erlaubt gewesen sei, mit Anwohnern zu sprechen, ist unwahr, denn viele Journalisten, mich eingeschlossen, haben mit Anwohnern gesprochen. Unwahr ist auch, dass wir uns in der Umgebung der Schule nicht frei bewegen konnten. Das belegen meine Bilder und Videos, die ich im Interview bei NuoViso gezeigt habe.
Allerdings war bis zuletzt offen, ob wir mit Opfer sprechen können. Wir wurden sogar zu dem Krankenhaus gebracht, wo die Opfer behandelt wurden, aber dort stellte sich heraus, dass die Opfer keine Interviews mehr geben wollten, nachdem in den Tagen zuvor bereits viele russische Journalisten dort waren.
Ich war ehrlich gesagt ganz froh darüber, dass wir nicht mit den Opfer gesprochen haben, denn man stelle sich vor, dass da beispielsweise ein verletztes 18-jähriges Mädchen im Krankenzimmer liegt und eine Horde von 55 ausländischen Journalisten in das Zimmer kommt, während das Opfer noch den Schock der Tragödie verarbeitet, die es zwei Tage zuvor durchlebt hat. Ich jedenfalls wäre nicht mitgegangen, wenn man uns so ein Gespräch angeboten hätte.
Übrigens habe ich von Pigni nicht allzu viel anderes erwartet, denn schon vor Ort lehnte er jedes Gespräch mit anderen Journalisten ab. Er war von der Szene, die sich uns dort bot, zwar sichtlich berührt, aber er sagte offen, dass er nirgendwo zitiert werden wollte – vermutlich, weil dann die Unterschiede zwischen seiner Reaktion vor Ort und seinem Bericht, den La Stampa veröffentlichen würde, allzu offensichtlich und vor allem belegbar geworden wären. Aber das ist natürlich nur meine Vermutung.
Überrascht war ich allerdings, dass er der ukrainischen Version, es habe sich um ein militärisches Ziel gehandelt, offen widersprach, wie der Spiegel auch schrieb:
„Der italienische Journalist eignete sich die russische Lesart, nach der Kyjiw gezielt Zivilisten töten wollten, nicht an. Er wendete sich allerdings gegen ukrainische Behauptungen, die russische Seite habe den Vorfall erfunden und es habe in Wirklichkeit keine zivilen Opfer gegeben. »Der ukrainische Angriff war real«, schreibt Pigni. »Die Zerstörung des Wohnheims war real.«“ Der italienische Korrespondent Pigni sagt, er habe vor Ort keine Anzeichen für eine Militärbasis gesehen. »Es steht außer jedem vernünftigen Zweifel, dass Studenten im Schlaf getötet wurden.« Pignis vermutet einen tragischen Fehler der ukrainischen Geheimdienste.“
Damit nicht genug, denn in dem Artikel vom 30. Mai schrieb Frau Boy auch noch:
„Auch Experten für Open Source Intelligence (OSINT) sehen in dem vorhandenen Video- und Bildmaterial keine Hinweise auf eine militärische Nutzung der Gebäude. Ein Dokument, das belegen sollte, dass in einer nahe gelegenen Berufsschule Soldaten untergebracht waren, wurde schnell als Fälschung identifiziert. Der unabhängige russische Analyst Ruslan Leviev, Gründer der investigativen Plattform Conflict Intelligence Team, geht wie Pigni von einem Fehler der ukrainischen Aufklärung aus.“
Wir halten also fest: Ann-Dorit Boy hat am 30. Mai in dem Artikel berichtet, dass selbst westliche Mainstream-Journalisten die ukrainische Version der Ereignisse bestreiten. Und nicht nur dass, OSINT – eine übrigens keineswegs neutrale, sondern eine stramm pro-westliche Organisation – erklärt sogar, dass die angeblichen ukrainischen Beweise für ein militärisches Ziel in Starobelsk eine primitive und schnell enttarnte Fälschung waren.
Mit anderen Worten: Die Ukraine wusste, dass es dort kein militärisches Ziel gab und hat das Schülerwohnheim für angehende Erzieherinnen ganz gezielt mit bis zu 16 schweren Drohnen angegriffen. Von „einem Fehler der ukrainischen Aufklärung“ kann hingegen keine Rede sein, denn dann bräuchte Kiew keine Beweise für die eigene Version zu fälschen.
Frau Boy vergisst nach 3 Tagn alles, was sie geschrieben hat
Umso interessanter ist daher ein Artikel von Ann-Dorit Boy, den der Spiegel am 3. Juni, also nur drei Tage später, unter der Überschrift „Putins Terror gegen ukrainische Städte – 656 Drohnen, 73 Raketen, mehr als 20 tote Zivilisten“ über die russische Antwort auf den ukrainischen Angriff veröffentlicht hat, denn in dem Artikel hat sie alles vergessen, was sie nur drei Tage zuvor geschrieben hat.
In dem Artikel vom 3. Juni schrieb sie:
„Russland stellt seinen Raketenterror gegen ukrainische Zivilisten als eine Vergeltung für ukrainische Angriffe dar, bei denen im von Russland besetzten Gebiet Zivilisten ums Leben kamen.“
Es ist vollkommen unbestritten, dass der Großangriff auf die Ukraine zwei Tage nach dem Massaker von Starobelsk die russische Antwort darauf war. Diese Formulierung dient nur dazu, alles, was Russland mitteilt, als unglubwürdig darzustellen. Dabei isr die Frage nicht, ob das die russische Vergeltung für Starobelsk war, sondern was genau in Starobelsk geschehen ist, wobei das, wie eben gesehen, nicht mehr strittig ist.
Außerdem könnte man, wenn man objektiv sein will, ja mal die Frage stellen, warum die Ukraine 16 Drohnen gezielt auf ein Schülerwohnheim abfeuert und dabei 21 Schüler tötet, während die russische Vergeltung dafür mit, nach ukrainischen Angaben, 656 Drohnen und 73 Raketen „nur“ 20 Opfer gefordert hat. Jedes Opfer ist eines zu viel, das ist klar, aber dass es bei einem so massiven Angriff so verhältnismäßig wenig Opfer gibt, zeigt, wie vorsichtig Russland – Gegensatz zur Ukraine, oder zu den USA und Israel im Nahen Osten – vorgeht.
Aber Frau Boy ist, wie erwähnt, eine der aktivsten Anti-Russinnen in der Spiegel-Redaktion, weshalb sie in ihrem Artikel vom 3. Juni den Fokus auf die russische Antwort lenkt, und über die Ursache schreibt:
„In der von Russland besetzten Kleinstadt Starobilsk in der Region Luhansk waren in der Nacht zum 22. Mai bei einem ukrainischen Drohnenangriff 21 junge Menschen in einem Studierendenwohnheim ums Leben gekommen. Kyjiw beharrt darauf, in der Stadt ein militärisches Ziel angegriffen zu haben.“
Journalistin, oder Propagandistin?
Wäre Frau Boy Journalistin, dann müsste sie danach zumindest erwähnen, dass auch Journalisten westlicher Mainstream-Medien wie der Italiener Pigni klar gesagt haben, dass es dort kein militärisches Ziel gegeben hat, und dass westliche Experten von OSINT die ukrainischen „Beweise“ für ein militärisches Ziel als Fälschung entlarvt haben.
Das erwähnt sie in diesem Artikel jedoch nicht mehr, sondern sie zitiert stattdessen die – von westlichen Journalisten und Organisationen widerlegte – ukrainische Behauptung, das sei ein militärisches Ziel gewesen.
Ich frage mich wirklich, wie Leute wie Frau Boy, die ihre Leser so offen und nachprüfbar belügen, morgens in den Spiegel schauen können, schließlich geht es hier ja nicht um irgendeine banale politische Meinungsverschiedenheit, sondern es geht um unschuldige Zivilisten – die Opfer von Starobelsk sind fast ausschließlich Mädchen im Alter von etwa 16 bis 20 Jahren -, die durch gezielten ukrainischen Beschuss ermordet oder verletzt wurden.
Darüber so zu lügen, erfordert schon einen ausgesprochen verdrehten moralischen Kompass…
Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
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