Ein besseres Sinnbild für den Inhalt des Buches „Ausradiert?“ als das Coverfoto ist kaum denkbar. Gleich einer Landmarke ragt ein Ruinenturm aus einer Trümmerlandschaft am Spreeufer. Alles, was zuvor dort stand – besonders der Palast der Republik – ist eingeebnet. Kultur? Kein Ort, nirgends. Stattdessen: Vernichtung von Volksvermögen – dazu eines grandiosen Kulturbauwerks. Rein politische Motive führten die Abrissbirne, die Asbestbelastung war Vorwand. Ulbrichts Kulturschande des Abrisses der Schlossruine von 1950 wiederholte sich am gleichen Ort mit gleicher fadenscheiniger Begründung.
Ebenso erging es der Literatur. Angeblich alles belastet, staatsnah, unliterarisch, unzeitgemäß. 80 Millionen Bücher aus DDR-Produktion wurden seit 1990 vernichtet, das literarische Gedächtnis eines Landes nahezu ausgelöscht. Verstörende Bilder von Büchermüllkippen sind in „Ausradiert?“ dokumentiert, ebenfalls die Bemühungen des Kathlenburger Pfarrers Martin Weskott und des Schauspielers Peter Sodann, literarische Werke zu retten. Darunter Weltliteratur, Klassiker, Lizenzausgaben oder kurz zuvor noch zensierte Titel wie Rolf Henrichs „Der vormundschaftliche Staat“.
Mit dem Untergang der DDR wurde die ostdeutsche Literatur demontiert und diffamiert wie alles andere auch, die Biografien der ostdeutschen Brüder und Schwestern eingeschlossen. Nie gekannte existenzielle Sorgen um Arbeitsplatz und Eigentum beherrschten den Alltag der Menschen. Nicht nur Millionen Bücher fielen der Wendezeit zum Opfer, auch Verlage, Betriebe und Immobilien wurden verramscht, die meisten der einst 32.000 Bibliotheken geschlossen. „Experten“ werteten anmaßend die Literatur aus der DDR ab, verleumdeten selbst international bekannte Autoren als „Staatsdichter“, diskreditierten Werke und Lebensleistungen.
Sorgen beherrschten den Alltag
Die dem Buch angefügten Lektüreempfehlungen lassen nachvollziehen, welche Rolle Bücher in der kleineren Republik spielten. Dass sie weit mehr waren als simple ideologische Instrumente, sondern Orientierung boten, Alltagskonflikte spiegelten und vielen Leser als Dialogpartner galten. „Ausradiert?“ ist ein profundes Werk über das literarische Erbe der DDR, denn Gansel spricht unverbrämt Klartext, verbindet Dialoge mit Autoren, Leseerlebnisse und die konfliktreiche Zeitgeschichte zu einem vielschichtigen Kompendium. Das gut lesbare Buch ist spannend erzählt, anregend und aufregend. Der Blick des Germanisten trifft sich hier mit dem des intelligenten, kenntnisreichen Lesers der Literatur aus dem Osten Deutschlands und beweist, wie nötig Aufarbeitung und kritische Reflexion sind.
Zugleich wird erkennbar, warum gerade die Erfahrungen aus der DDR-Zeit eine schärfere Sicht auf die Gegenwart ermöglichen. Deshalb wirkt „der Osten“ als Seismograph, zwar unbequem, aber gerade nicht demokratiefern, sondern Demokratie wird hier noch wörtlich genommen. Vieles erscheint den Ostdeutschen als Déjà-vu: das vereinnahmende Wir, Schwarz-Weiß-Kategorien, Meldestellen für Denunzianten, die ausgrenzende Floskel „unsere Demokratie.“
Im zweiten Buchteil analysiert Gansel die Rolle der Ostdeutschen als kritische Beobachter und „Aufstörer“ der gegenwärtigen Zustände in der Bundesrepublik, verweist u.a. auf Uwe Johnsons „Wenn Jerichow zum Westen kommt“ oder auf Habermas‘ Kritik, dass dem Osten eine „Selbstverständigungsdebatte“ verwehrt blieb. Und Gansel stellt zentrale Fragen: Wer bestimmt das „gesellschaftliche Gedächtnis“? Wer hat das Recht auf Deutungshoheit? Sollten Regierungen „Störer“ delegitimieren – oder doch besser die Ursachen abstellen?
Die Mauer ist gefallen. Stattdessen durchziehen Gräben das Land und trennen die Menschen erneut. Eine gemeinsame Suche nach Antworten in Ost und West könnte dazu beitragen, all diese Gräben mit Wissen und Verständnis zu füllen. Die Lektüre von „Ausradiert?“ wäre dabei ein guter Wegweiser.